Im Netz des Todes: Bedrohen Wildunfälle die Artenvielfalt?

Unzählige Wildtiere sterben jährlich auf Deutschlands Straßen. Welche Arten leiden besonders unter dem hohen Verkehrsaufkommen? Und was kann man dagegen tun?

Rehe sind an jeder zweiten Kollision beteiligt.

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Von Jens Voss
Veröffentlicht am 11. Feb. 2022, 10:50 MEZ, Aktualisiert am 11. Feb. 2022, 12:03 MEZ

Rund 230.000 Wildtiere sterben Jahr für Jahr auf deutschen Straßen, davon fast 200.000 Rehe. Soweit die offizielle Statistik des Deutschen Jagdverbands. Tatsächlich dürften es mehrere Millionen sein. Nicht nur, weil die Dunkelziffer hoch ist, wie der Verband unterstreicht. Sondern auch, weil in den Zahlen nur das so genannte Schalenwild auftaucht – also Rehe, Rot- und Damhirsche sowie Wildschweine.

Eine neue Methode soll künftig helfen, die Wildunfälle in Deutschland genauer zu ermitteln: Das Tierfund-Kataster wurde vom Landesjagdverband Schleswig-Holstein und der Uni Kiel entwickelt und inzwischen auf ganz Deutschland ausgeweitet. Jeder kann mitmachen und Tierunfälle online melden.

Kleine Säugetiere sind besonders von Wildunfällen betroffen

Die ersten vorliegenden Daten des Katasters zeigen: Das Reh ist an jeder zweiten Kollision beteiligt. Danach folgen Hase, Fuchs und Wildschwein. Außerdem werden kleinere Säugetiere offenbar deutlich öfter Opfer von Auto-Crashs als bisher angenommen. Rund drei Dutzend Kleinsäuger-Arten wie Marder, Igel und Eichhörnchen machen insgesamt zwölf Prozent der bislang gemeldeten Wildunfälle aus.

Wildkollision: Besonders gefährlich sind die Übergänge zwischen Wald und Feld.

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Vögel sind an vier Prozent der Zusammenstöße beteiligt. Bestandsgefährdend wirken sich Wildunfalle vor allem auf Arten aus, die ohnehin selten sind: Luchs und Wildkatze sind zwei prominente Beispiele.

Das Dilemma: Das Straßennetz wird immer dichter. Laut Umweltbundesamt hat sich das Verkehrsaufkommen in den letzten 30 Jahren um ein Drittel erhöht. Und die Siedlungs- und Verkehrsfläche wächst seit Jahrzehnten täglich um 52 Hektar. Das entspricht der Größe von 73 Fußballfeldern. Zahlreiche Wälder und Grünflächen in Deutschland sind durch Straßen und Siedlungen stark zerschnitten.

Grüne Brücken für die Artenvielfalt

Viele Tiere brauchen aber Platz zum Wandern. Umweltschützer fordern deshalb den Ausbau zusammenhängender Biotope. Sogenannte Grünbrücken – bepflanzte Brücken, die speziell für Wildtiere als Überquerungshilfen über Straßen gebaut werden – könnten zusätzlich helfen, um Luchspopulationen zu verbinden und die Zahl der Verkehrsunfälle zu verringern.

Laut BUND streifen wieder schätzungsweise 7.000 Wildkatzen durch unsere Wälder. Doch viele verenden im Straßenverkehr. 

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Seit 2012 gibt es dazu unter anderem das „Bundesprogramm Wiedervernetzung“. Doch Umweltverbände wie WWF, Nabu oder BUND kritisieren „die schleppende Umsetzung“. Viele Organisationen werden selbst aktiv. Der BUND hat beispielsweise schon 2004 das sogenannte Rettungsnetz für die Wildkatze ins Leben gerufen.

„Ziel ist es, zerschnittene Wälder durch Korridore aus Bäumen und Büschen sowie grüne Brücken wieder miteinander zu verbinden“, erklärt Projektleiter Thomas Mölich. Und das kommt auch anderen Wildtieren wie Wölfen oder Luchsen zugute.

Aber auch mit vergleichsweise einfachen Mitteln lassen sich viele Wildunfälle verhindern. „Wenn Autofahrer das Warnschild für Wildwechsel sehen, sollten sie die Straßenränder im Auge behalten und bremsbereit fahren“, rät Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. „Dann lässt sich ein Wildunfall eher vermeiden“. Besonders gefährlich seien die Übergänge zwischen Wald und Feld.

Indiens Versuch, Zugunfälle mit Elefanten einzudämmen
Im gemeinsamen Lebensraum der Menschen und Tiere in Indien kommt es öfter zu grausigen Zwischenfällen, die sich zunehmend zu einem Problem für das Land entwickeln.

Tote Tiere säumen Europas Straßen

Überfahrene Igel, Hasen und Füchse säumen aber nicht nur unsere Straßen. Fast 200 Millionen Vögel und 30 Millionen Säugetiere kommen schätzungsweise jährlich in Europa durch den Autoverkehr ums Leben. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam in einer aktuellen Studie, die im Fachmagazin „Frontiers in Ecology and Environment“ veröffentlicht wurde.

Mehr als 600 Arten haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu untersucht: darunter 423 Vogelarten und 212 Säugetiere. Häufigstes Todesopfer auf Europas Straßen ist demnach die Amsel. Allerdings scheint der Verkehr den Gesamtbestand der Art nicht zu gefährden. Amseln sind Generalisten: Sie nutzen unterschiedlichste Lebensräume und brüten meist mehrfach im Jahr.

Schlimmer steht es dagegen um hochspezialisierte und ohnehin seltene Arten wie das Haselhuhn oder den Rotgelben Ziesel aus der Familie der Hörnchen. Für beide Arten stellt der Straßenverkehr ein besonders großes Aussterberisiko dar.

Wie lässt sich ein Wildunfall verhindern?

- Tempo an unübersichtlichen Wald- und Feldrändern reduzieren.
- Besonders gefährlich: Neue Straßen durch Waldgebiete, weil Tiere gewohnte Wege nutzen.
- Tier am Straßenrand: Abblenden, hupen, bremsen.
- Ein Tier kommt selten allein: Autofahrer sollten stets mit Nachzüglern rechnen.
Quelle: Deutscher Jagdverband

 

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