Mehr Wildnis wagen: Wie die Renaturierung in Deutschland gelingt

Gibt es im dichtbesiedelten Deutschland noch genug Platz für intakte Biotope? Schutzprojekte an Flüssen und Auen zeigen, wie sich die Natur ihr verlorenes Terrain zurückerobert.

Eindrucksvoller Anblick: Seeadler beim Fischfang an der Unteren Havel

Foto von © NABU/Klemens Karkow
Von Jens Voss
Veröffentlicht am 26. Jan. 2022, 09:02 MEZ

Westlich der Millionenmetropole Berlin liegt ein Naturparadies. Seine verschlungenen Auen und Flussarme bieten Zuflucht für mehr als 1.000 Tier- und Pflanzenarten. Mit etwas Glück kann man sogar den majestätischen Seeadler über die ausgedehnten Wasserflächen gleiten sehen. Für Biologen und Umweltverbände steht fest: Die Untere Havel ist eines der bedeutendsten Feuchtgebiete in Mitteleuropa.

Lange Zeit sah es gar nicht gut aus für die ostdeutsche Wasserstraße. Wie viele andere Flüsse hatte der Mensch die Havel in ein Korsett gezwängt. Ufer waren begradigt worden, Altarme abgetrennt, der Schiffsverkehr ausgebaut – bis eine beispiellose Naturschutzinitiative des Nabu vor gut 15 Jahren die Wende einleitete. Heute zählt die Renaturierung der Unteren Havel zu den größten Renaturierungsprojekten in Europa.

Ob Flüsse oder Seen, Wiesen oder Wälder, Moore oder das Meer: Intakte Ökosysteme bieten nicht nur Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten. Sie binden klimaschädliches Kohlendioxid und helfen dabei, Extremwetter-Ereignisse wie Hochwasser und Dürren abzumildern – ganz zu schweigen von ihrem hohen Freizeit- und Erholungswert.

Galerie: Was die Natur zurückerobert

 

15 Prozent der Landesfläche für Renaturierungsprojekte

Ökosysteme wiederherstellen: Wie ist das im dichtbesiedelten Deutschland möglich? Gibt es überhaupt noch Platz für mehr Natur? Umweltverbände sind davon überzeugt. „Mindestens 15 Prozent der Landes- und Meeresfläche müssen für Renaturierungsprojekte vorgesehen werden“, fordert etwa Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger.

Eine aktuelle Nabu-Studie zeigt auf, welche Gebiete sich hierfür besonders eignen würden. Das Ergebnis überrascht: Demnach ist eine Renaturierung auf mehr als 20 Prozent Bundesfläche sinnvoll. Die Studienautoren nennen hier vor allem Flächen im Umkreis von vorhandenen Schutzgebieten.

Besonderes Potenzial sieht der Nabu auf rund 39.800 km² Wald (11,1 Prozent der Bundesfläche), 24.600 km² Grünland (6,9 Prozent), 9.300 km² Moorböden (2,6 Prozent) und 3.700 km² Flüssen (1 Prozent). Gerade in Auenlandschaften, den natürlichen Überflutungsflächen an Flüssen, lasse sich auf vergleichsweise wenig Platz viel für Umwelt und Klima tun.

Typische Auenlandschaft: die Untere Havel bei Havelberg

Foto von © NABU/Volker Gehrmann

Comeback der Natur: Flüsse bieten enormes Potenzial

Auch der WWF sieht ein „enormes Potenzial für die Renaturierung“ von Flüssen. Dass diese dringend notwendig ist, darüber bestehen kaum Zweifel. Denn die meisten Fließgewässer in Europa haben ihren natürlichen Charakter längst verloren. Staustufen, Dämme, Schleusen und andere menschgemachte Barrieren setzen der Natur vielerorts dramatisch zu.

Laut WWF sind beispielsweise die Bestände von Wanderfischen seit 1970 europaweit um durchschnittlich 93 Prozent zurückgegangen. Allein in Bayern stehe rein rechnerisch alle 500 Meter ein Querbauwerk im Fluss und blockiere so Fischwanderungen und den natürlichen Transport von Sedimenten.

Durch den Rückbau solcher Hindernisse könnten sich viele Fischbestände oft schnell erholen. „Deshalb ist das Beseitigen von Barrieren für die Renaturierung von Fließgewässern so wirkungsvoll“, sagt WWF-Gewässerexperte Tobias Schäfer.

Baggern für die Umwelt: Renaturierung an der Havel

Foto von © NABU/Klemens Karkow

Neues Leben im Auenland

Die gute Nachricht: Dass sich der Aufwand in vielerlei Hinsicht langfristig lohnt, unterstreicht auch eine Untersuchung des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Dazu hat die Behörde ermittelt, wie sich die biologische Vielfalt gut 20 Jahre nach der Renaturierung an verschiedenen Flussauen entfaltet hat. Vier Projekte an Hase, Berkel, Weser und Oster wurden dafür unter die Lupe genommen.

Die Bilanz fällt durchweg positiv aus. „Auen sind einer der artenreichsten, aber auch gefährdetsten Lebensräume Deutschlands“, betont BfN-Präsidentin Sabine Riewenherm. Die untersuchten Gebiete hätten sich als „naturnahe Inseln in der intensiv genutzten Kulturlandschaft“ sehr gut entwickelt.

Weitere Erfolgsgeschichten sollen folgen. Seit 2011 gibt es dazu das Bundesprogramm zur Biologischen Vielfalt. Speziell für die naturnahe Entwicklung von Auen entlang der Bundeswasserstraßen hat das Bundesumweltministerium 2017 die Initiative „Blaues Band Deutschland“ ins Leben gerufen. Mit dem jüngsten Projekt soll an der Aller, einem wichtigen Verbindungsgewässer zwischen Nordsee und Harz, ein neues Naturparadies entstehen.

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