Luchse in Deutschland: Scheitert die Wiederansiedlung?

Die Rückkehr der Luchse gilt als Erfolgsgeschichte des Artenschutzes. Doch neue Untersuchungen geben Anlass zur Sorge. Inzucht bedroht Europas größte Katze.

Veröffentlicht am 2. März 2022, 09:48 MEZ, Aktualisiert am 9. März 2022, 14:01 MEZ
Luchs mit Nachwuchs: Die genetische Vielfalt der Luchse in Europa hat dramatisch abgenommen.

Luchs mit Nachwuchs: Die genetische Vielfalt der Luchse in Europa hat dramatisch abgenommen.

Foto von AdobeStock

Seit Jahrhunderten wurde der Luchs als „Jagdschädling“ erbittert verfolgt – und schon um 1850 in Deutschland komplett ausgerottet. Dank verschiedener Wiederansiedlungsprojekte streifen heute wieder rund 130 erwachsene Luchse und etwa halb so viele Jungtiere durch unsere Wälder. Die meisten Luchse leben im Harz und im Bayerischen Wald. Aber ihre Zukunft ist alles andere als sicher.

Die Ausbreitung stockt. Nicht nur, weil immer wieder Luchse der Wilderei zum Opfer fallen. Sondern auch, weil Europas größte Katzenart hohe Ansprüche an ihren Lebensraum stellt. Die scheuen Einzelgänger besetzen riesige Reviere. Es gibt aber kaum noch große zusammenhängende Wälder in Deutschland. Siedlungen und Straßen zerschneiden die meisten Lebensräume. Viele Luchse sterben im Straßenverkehr.

Und die Landschaftszerschneidung bringt ein weiteres Problem mit sich: Viele Jungluchse stehen vor der kaum lösbaren Aufgabe, aus dem Mutterrevier abzuwandern, sich eine eigene Heimat zu suchen und dort einen Geschlechtspartner zu finden. Solche Wanderungen sind aber überaus wichtig für einen genetischen Austausch innerhalb der Art. „Sind die einzelnen Luchspopulationen zu strikt voneinander isoliert, drohen Inzucht und genetische Verarmung“, erklärt der BUND.

Galerie: Wiedergeburt der Ausgestorbenen

Genetische Verarmung – Luchse in Gefahr

Eine neue Studie des Senckenberg-Instituts und des Loewe-Zentrums für Translationale Biodiversitätsgenomik untermauert diese Befürchtung. Demzufolge hat die genetische Vielfalt der Luchse in Europa dramatisch abgenommen.

Das Frankfurter Forschungsteam hat das Erbgut von Luchsen aus wiederangesiedelten Populationen in Europa mit DNA aus natürlichen Beständen verglichen, um mögliche genetische Ursachen dafür zu finden, dass sich die Bestände nur langsam erholen. Das Ergebnis sei besorgniserregend.

„Fast alle wiederangesiedelten Luchspopulationen haben eine deutlich geringere genetische Vielfalt als die natürlichen Vorkommen“, sagt Sarah Müller vom beteiligten Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. Inzucht gefährdet den Fortbestand der bis zu 120 Zentimeter langen Katze, die in Deutschland ohnehin vom Aussterben bedroht ist.

Am größten sei das Problem dort, wo zu Beginn der Wiederansiedlung die wenigsten Tiere ausgesetzt wurden. Die Zerschneidung der Landschaft durch Straßen und Siedlungen hätte den Kontakt von Männchen und Weibchen aus unterschiedlichen Gruppen vielerorts verhindert.

Im Schutz der Dunkelheit: Luchsnachwuchs im Harz. „Sind Luchspopulationen zu strikt voneinander isoliert, drohen Inzucht und genetische Verarmung“, warnt der BUND.

Foto von BUND/Universität Göttingen

Rettungsplan für den Luchs

Schlechte Karten also für den Luchs? „Es gibt dennoch auch berechtigte Hoffnung“, sagt Müller. Die Luchse im Harz beispielsweise würden sich auch über die fragmentierte Kulturlandschaft ausbreiten. Müller sieht darin die Chance, eine gut vernetzte Population aus unterschiedlichen Teilpopulationen aufzubauen, die ihre genetische Vielfalt langfristig behält.

Das Senckenberg-Team plädiert dafür, weitere Populationen auszuwildern, um „Trittsteine“ zwischen den aktuellen, noch zu weit auseinander liegenden Beständen zu schaffen. Auch ein Austausch einzelner Tiere aus unterschiedlichen Gruppen sei denkbar, um die genetische Diversität zu erhöhen.

Grüne Brücken, die zerschnittene Wälder wieder miteinander verbinden, können den Tieren dabei helfen, neue Gebiete zu erobern und damit den Genaustausch ermöglichen.

Damit der Luchs in Deutschland aber tatsächlich auch auf lange Sicht eine Zukunft in Deutschland hat, brauche es eine europäische Lösung, unterstreicht Müller. „Luchse besetzen riesige Reviere, die mehr als 200 Quadratkilometer groß sein können. Dabei halten sich die Tiere nicht an nationale Grenzen.“

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