Komplexe Kommunikation: Schimpansen sprechen in ganzen Sätzen

Bisher wurde angenommen, dass Syntax und ihre Regeln nur in der menschlichen Sprache existieren. Nun haben Wissenschaftler genauer hingehört und die Rufe von nicht-menschlichen Primaten analysiert – und Erstaunliches gelernt.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 20. Mai 2022, 09:20 MESZ
Die freilebenden Schimpansen Asanti und Akuna kommunizieren im Taï- Nationalpark an der Elfenbeinküste mithilfe von Rufen.

Die freilebenden Schimpansen Asanti und Akuna kommunizieren im Taï- Nationalpark an der Elfenbeinküste mithilfe von Rufen.

Foto von Liran Samuni / Taï Chimpanzee Project

Auf die Frage, was den Menschen von anderen Tieren unterscheidet, ist die Antwort „Sprache“ eine der naheliegendsten: Laut der Publikation Ethnologue, die jedes Jahr Statistiken und Informationen zu den lebendigen Sprachen der Menschheit veröffentlicht, werden derzeit weltweit 7.151 verschiedene Sprachen gesprochen – Dialekte nicht mit inbegriffen. Die Überzeugung, dass nur Menschen dazu in der Lage sind, komplexe Konstrukte aus Vokabeln und Grammatik zu erschaffen und anzuwenden, gehört zu unserem Selbstverständnis.

Tierkommunikation mit ihren mal mehr und mal weniger klar artikulierten Lauten wirkt im Vergleich dazu extrem einfach. Doch auch die menschliche Sprache begann einst mit simplen Lautäußerungen. Heute sind Menschen die einzige bekannte Spezies der Erde, die Sprache verwendet. Wo der evolutionäre Ursprung dieser außergewöhnlichen Fähigkeit liegt, konnte bisher nicht geklärt werden.

Auf der Suche nach einer Antwort haben Forschenden des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und des französischen CNRS-Instituts für Kognitionswissenschaften in Lyon die Kommunikation von nicht-menschlichen Primaten genauer untersucht. Sie analysierten die Lautäußerungen freilebender Schimpansen im Taï-Nationalpark an der afrikanischen Elfenbeinküste und konnten nachweisen, dass die Kommunikation der Tiere komplexen Regeln folgt. Die Ergebnisse dieser Forschung veröffentlichte das Team in einer Studie, die jetzt in der Zeitschrift Nature erschienen ist.

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Affensprache: Wörter und Satzbau

Grundlage der Studie waren Aufnahmen von Tausenden von Schimpansen-Rufen. In Hinblick auf deren Anzahl gibt es in der Kommunikation von Menschen und nicht-menschlichen Primaten überraschend geringe Unterschiede: Nicht-menschliche Primaten sind zu bis zu 38 verschiedenen Rufen fähig, die meisten menschlichen Sprachen bestehen aus weniger als 50 Lauten – die Anzahl ist also ähnlich.

Die Komplexität der menschlichen Sprache liegt jedoch in der Verbindung der Laute zu Wörtern und der regelhaften Zusammensetzung dieser Wörter zu strukturierten Sätzen. „Die Zusammensetzung von Wörtern oder Wortgruppen zu Sätzen – die Syntax – ist ein Merkmal menschlicher Sprache. Um ihren Ursprung zu ergründen, müssen wir zunächst verstehen, wie genau die Lautäußerungen von Menschenaffen strukturiert sind“, erklärt Emiliano Zaccarella, Neurowissenschaftler am Max-Planck-Institut und einer der Hauptautoren der Studie.

Die Wissenschaftler identifizierten in den Aufnahmen der Affenlaute zwölf verschiedene Ruftypen und untersuchten, ob und auf welche Weise diese zu Lautsequenzen – also Sätzen – kombiniert werden. Es zeigte sich, dass Schimpansen Hunderte verschiedene Lautsequenzen aus bis zu zehn unterschiedlichen Rufen zusammenfügen. Die Reihenfolge, in der die Rufe in der Sequenz angeordnet werden, folgt offenbar einer Form von Satzbauregeln: Bestimmte Rufkombinationen treten innerhalb einer Sequenz immer an einer bestimmten Position auf.

Der evolutionäre Ursprung der menschlichen Sprache

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass das vokale Kommunikationssystem der Schimpansen viel komplexer und strukturierter ist als bisher angenommen“, sagt Co-Autorin Tatiana Bortolato, die die Rufe im Wald aufgezeichnet hat. Im nächsten Schritt will das Forschungsteam nun untersuchen, welche Bedeutung die komplexen Lautsequenzen haben und ob die Schimpansen durch sie über verschiedene Themen miteinander kommunizieren.

„Indem wir die Komplexität der Lautsequenzen freilebender Schimpansen erforschen – einer Tierart mit einem komplexen Sozialleben, ähnlich dem des Menschen – erhoffen wir uns mehr darüber zu erfahren, woher wir kommen und wie sich unsere einzigartige Sprache entwickelt hat“, sagt die Primatologin Catherine Crockford, eine Hauptautorin der Studie.

Um herauszufinden, ob es tatsächlich Ähnlichkeiten zwischen der Kommunikation der Schimpansen und den Strukturen menschlicher Sprache gibt, sind jedoch noch weitere Untersuchungen nötig.

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