Umwelt

Folgen der US-Grenzmauer für die Natur wären verheerend

Aktuellen Plänen zufolge soll die Mauer durch mehrere Naturschutzgebiete verlaufen. Der dramatische Eingriff in die Umwelt hätte auch wirtschaftliche Schäden zur Folge. Mittwoch, 16 Januar

Von Laura Parker

Wer mit den Menschen spricht, die entlang der Südgrenze der USA leben und arbeiten, begreift bald: Je größer die Entfernung der politischen Debatte zur Grenze ist, desto größer ist auch ihre Entfernung zur Lebensrealität in den Grenzgebieten. Es scheint, als hätte sich das nun erneut bestätigt. In Washington fordert der Präsident Donald Trump 5,7 Milliarden Dollar zur Finanzierung einer Mauer entlang der Grenze, während bereits Streitgespräche darüber entbrennen, ob so eine Mauer aus Betonblöcken oder Stahlplatten bestehen sollte.

Der Hauptgrund für die Mauer ist natürlich, dass sie Menschen draußen halten soll. Die Geschichte steckt allerdings voller Beispiele von Mauern, die wirklich entschlossene Menschen nur selten davon abgehalten haben, sie zu überwinden. Janet Napolitano, eine ehemalige Gouverneurin von Arizona und Heimatschutzministerin unter Präsident Barack Obama, prägte den oft zitierten Ausspruch: „Zeigen Sie mir eine 15 Meter hohe Mauer und ich zeige Ihnen eine 16 Meter hohe Leiter.“ Wie sinnvoll es ist, eine Mauer entlang der gesamten Grenze zwischen den USA und Mexiko zu bauen, während die Zahl der Festnahmen illegaler Grenzübertreter so niedrig ist wie seit 45 Jahren nicht mehr, ist ein Thema für eine generelle Debatte um die Einwanderungsgesetzgebung.

Der Bau einer solchen Mauer würde sich aber auf mehr als nur die Menschen zu beiden Seiten auswirken.

„Was auch immer sie da bauen, es wird den natürlichen Lebensraum zerstören“, sagt Bob Dreher, ein Anwalt des Umweltschutzprogramms Defenders of Wildlife. „Es geht darum, was so eine dauerhafte Barriere in einer der empfindlichsten Landschaften Nordamerikas anrichten wird.“

Einen Abriss der bereits absehbaren Folgen liefern wir hier:

1. Bedrohung vielfältiger Landschaften

Die Grenze erstreckt sich auf etwa 3.145 Kilometern vom Golf von Mexiko in Texas bis zum Pazifik in Kalifornien. Sie verläuft durch eine der vielfältigsten Landschaften des Landes, die sechs eigenständige Ökoregionen aufweist, vom Wüstenbuschland bis zu Feuchtgebieten.

Der Bau einer Mauer würde das geografische Verbreitungsgebiet von 1.506 heimischen Tier-und Pflanzenarten zweiteilen, darunter 62 Arten, die als vom Aussterben bedroht gelten. Ein Team aus Umweltschutzexperten, darunter der berühmte Biologe und Naturkundler Edward O. Wilson, erklärte in einer 2018 in „Bioscience“ veröffentlichten Studie, dass eine Grenzmauer diese Lebensräume aufs Spiel setzen würde. Die Mauer würde nicht nur die Bodenerosion beschleunigen, sondern auch den natürlichen Wasserfluss und den Verlauf von Waldbränden beeinflussen. Sowohl Menschen als auch Tiere, die vor den Flammen zu fliehen versuchen, könnten von der Mauer eingeschlossen werden.

2. Mehr Flutschäden

Nachdem unter der Regierung des Präsidenten George W. Bush bereits ein etwa 1.125 Kilometer Grenzzaun in Arizona gezogen wurde, kam es zu Überschwemmungen. Als es in der Regenzeit zu Sturzfluten kam, diente die Barriere ungewollt als Damm. Im Organ Pipe Cactus National Monument – ein geschützter Park im Südwesten Arizonas – ereignete sich 2008 ähnliches. Dort blieben Steine, Pflanzenteile und anderes Material während eines 90-minütigen Sommergewitters an einem acht Kilometer langen Teilstück eines viereinhalb Meter hohen Maschendrahtzauns hängen und blockierten eine natürliche Wasserrinne. Infolgedessen staute sich das Wasser bis zu zwei Meter hoch.

In den Grenzstädten Nogales in Arizona und Nogales in Sonora, die durch den Grenzzaun voneinander getrennt sind, sorgte die Barriere während desselben Sturms für Flutschäden in Millionenhöhe. 2011 riss eine weitere Flut im selben Park ein Teilstück des Zauns um. Drei Jahre später wurden die Nogales-Zwillingsstädte erneut überschwemmt, weil der Grenzzaun während eines Sturms wieder verstopft wurde und den Abfluss des Wassers verhinderte.

3. Gefahr für Tiere und Pflanzen

Die Grenzmauer könnte ein Drittel des Bestandes von 346 heimischen Arten von 50 oder mehr Prozent ihres Verbreitungsgebietes abschneiden, das südlich der Grenze liegt, wie aus der Studie in „Bioscience“ hervorgeht. Dadurch können Tierbestände schrumpfen und isoliert werden. Außerdem verringert sich ihr Zugang zu Nahrung, Wasser und Partnern. Zäune schneiden Wildtiere auch von ihren Fluchtrouten ab, wenn es zu Bränden, Überschwemmungen oder Hitzewellen kommt. Selbst Sperlingskäuze sind davon betroffen, da sie ihr Streifgebiet in weniger als anderthalb Metern Höhe durchfliegen.

Galerie: Die wilden und malerischen Flüsse der USA

Der Grenzzaun verläuft auch durch die Migrationsrouten von Tieren. Die Wüsten-Dickhornschafe, die zwischen Kalifornien und Mexiko umherwandern, werden so von Wasserquellen und jenen Orten abgeschnitten, an denen sie ihre Jungen zur Welt bringen. Auch die Bestände des Sonora-Gabelbocks wurden durch den Zaun fragmentiert. Die künstliche Barriere senkt zudem die Chance dafür, dass sich Mexikanische Wölfe, Jaguare und Ozelots wieder in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet in den USA ansiedeln. Einst waren Jaguare zu beiden Seiten des Rio Grande anzutreffen, aber heutzutage sind sie in Texas praktisch verschwunden.

Diese Einschränkung tierischer Wanderungsbewegungen wirkt sich auch auf Pflanzen aus. Die Samen des Mesquitebaums keimen am besten, wenn sie vorher den Verdauungstrakt von Nabelschweinen oder Kojoten durchlaufen haben, wie aus einem Bericht von Defenders of Wildlife hervorgeht.

4. Teilung eines Flusses

Der mäandernde Rio Grande ist die offizielle Grenze zwischen den USA und Mexiko. Lange Zeit galt er als Hindernis für den Bau eines Grenzzauns. Der Flusslauf verschiebt sich gelegentlich und im Frühling kommt es zu Überschwemmungen. Durch den Bau einer Mauer nördlich des Flusses würden die USA im Endeffekt die Kontrolle der Bereiche jenseits der Mauer Mexiko überlassen und jene Grundstücke und Häuser isolieren, die sich im Besitz von US-Bürgern befinden, aber auf der mexikanischen Seite der Mauer lägen.

Mittlerweile scheint das aber kein Hindernis mehr zu sein. Im vergangenen Frühling hat der Kongress 1,6 Milliarden Dollar für den Bau weiterer Mauerabschnitte genehmigt, vorwiegend in Texas. Pläne des Heimatschutzministeriums sehen den Bau eines 40 Kilometer langen Mauerabschnitts auf Hochwasserschutzdämmen in Hidalgo County vor – teils mehr als anderthalb Kilometer von der Grenze entfernt. Ein weiterer Mauerabschnitt von 13 Kilometern Länge soll im benachbarten Starr County errichtet werden.

5. Eingriff in Schutzgebiete und Parks

Laut den aktuellen Vorschlägen würde die Mauer durch sieben Wildtierschutzgebiete in Texas verlaufen, darunter das Lower Rio Grande Valley National Wildlife Refuge und den Big-Bend-Nationalpark. Letzterer ist selbst unter Nationalparks eine Besonderheit: Er ist so abgeschieden, dass er als einer der besten Orte in den unteren 48 Bundesstaaten gilt, um den Nachthimmel zu beobachten.

In der texanischen Stadt Mission wurde das National Butterfly Center – wo mehr als 200 Schmetterlingsarten nahe den Ufern des Rio Grande leben – darüber informiert, dass die Mauer das 40 Hektar großen Schutzgebiet teilen wird. Fast 70 Prozent der Fläche werden dann auf mexikanischer Seite liegen. Den Plänen zufolge würde die Mauer auch ein Wildtierschutzgebiet und einen State Park zweiteilen, wobei ebenfalls ein Großteil des Gebietes Mexiko zufallen würde.

Nach heftigem Widerstand legte das Heimatschutzministerium zumindest die Pläne ad acta, die Mauer durch das Santa Ana National Wildlife Refuge im texanischen Alamo zu bauen. Dort leben mehr als 400 Arten von Vögeln, Gürteltiere und gefährdete Wildkatzen.

6. Umweltgesetzgebung außer Kraft

Beim Bau der Mauer muss keine Rücksicht auf die mehr als 30 Umweltgesetze genommen werden, die bedrohte Tiere oder Ressourcen wie sauberes Wasser und Luft schützen. Der Grund dafür ist der REAL ID Act, der in Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 im Jahr 2005 vom Kongress erlassen wurde. Er ermöglicht es dem Heimatschutzministerium, im Namen der nationalen Sicherheit alle sonstigen Gesetze zu umgehen.

Seit 2006 gab es mehrere Gerichtverfahren gegen die Rechtmäßigkeit des REAL ID Act, bislang aber ohne Erfolg. 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Wei­ter­le­sen