Die Hyänen der Arktis waren mächtige Jäger

Die prähistorischen Beutegreifer hatten womöglich zottiges Fell, das seine Farbe wechselte, und jagten Mammuts und Karibus.

Veröffentlicht am 3. Nov. 2020, 10:08 MEZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ
Fossilien von Hyänen der ausgestorbenen Gattung Chasmaporthetes, die hier in einer Illustration abgebildet sind, wurden erstmals ...

Fossilien von Hyänen der ausgestorbenen Gattung Chasmaporthetes, die hier in einer Illustration abgebildet sind, wurden erstmals in der Arktis gefunden. Die Entdeckung hilft zu erklären, wie Tiere, die sich in Eurasien entwickelt haben, es im Pleistozän nach Nordamerika geschafft haben.

Bild Illustration by Julius T. Csotonyi

Zwei im Nordwesten Kanadas gefundene fossile Zähne bestätigen: Vor etwa einer Million Jahren lebten Hyänen in einer trostlosen, eisigen Arktis, wo sie in der Steppentundra Jagd auf Mammuts und Karibus machten.

Die Fossilien wurden in den 1970ern am Ufer des Old Crow River entdeckt. Sie sind bis heute der nördlichste Nachweis für Hyänen, berichten Forscher 2019 im Fachmagazin „Open Quaternary“. Erst 4.000 Kilometer südlich des Yukon Territory, im US-Bundesstaat Kansas, beginnen die nächsten Fossilfunde früher Hyänen.

Die 2019 beschriebenen Fossilien gehören zu Tieren der ausgestorbenen Gattung Chasmaporthetes, die vor 800.000 bis 5 Millionen Jahren lebte. Während dieser Zeit waren die Bedingungen in der Arktis möglicherweise sogar noch unwirtlicher als heute, mit nahezu permanentem Schnee und Eis während des ganzen Jahres.

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„Diese neuen Fossilien erweitern das potenzielle geografische und biologische Verbreitungsgebiet von Hyänen“, sagte der Hauptautor Jack Tseng, ein Paläontologe an der University at Buffalo in New York. Die Entdeckung stützt auch bisherige Belege dafür, dass die früheren Hyänen von ihrer evolutionären Heimat in Eurasien über die Beringlandbrücke nach Nordamerika gelangten. Sie überquerten diese weit im Norden gelegene Landbrücke trotz der eisigen Bedingungen.

„Wir haben Beweise dafür, dass Hyänen dort oben waren, zumindest können sie dort gefunden werden. Vielleicht kamen sie dort entlang und starben, aber sie waren auf dem Weg durch dieses Gebiet“, sagt Tseng.

Zottelige Jäger

Die vier heute noch lebenden Hyänenarten sind größtenteils auf Afrika beschränkt und an Savannen in niedrigeren Höhenlagen und relativ warme, trockenere Umgebungen angepasst. Paläontologen wissen jedoch von etwa 70 Arten prähistorischer Hyänen, die in der gesamten nördlichen Hemisphäre verbreitet waren.

„Wenn man nur heute lebende Arten betrachtet, untersucht man weniger als 10 Prozent der historischen Vielfalt der Hyänen“, sagt Tseng.

Chasmaporthetes hatte im Vergleich zu modernen Hyänen lange Beine und war wahrscheinlich ein schnellerer Läufer und besserer Hetzjäger, sagt Tseng. Es machte sich über Aas her und durchbiss mit seinem kräftigen Gebiss problemlos Knochen. Möglicherweise machte es auch Jagd auf die Tiere der Arktis, darunter Karibus, Pferde und vielleicht sogar Mammuts.

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„Wir sagen nicht, dass sie ausgewachsene Mammuts gejagt haben – das wäre für jedes Raubtier ein ziemliches Kunststück“, sagt Tseng. „Aber Tüpfelhyänen sind in der Lage, junge und sogar halbstarke [Afrikanische] Elefanten zu erlegen. Ich betrachte das als eine gute Analogie, um darüber zu spekulieren, wie Chasmaporthetes gejagt haben könnte.“

Das Team hält es auch für möglich, dass diese arktischen Hyänen ein dichtes Fell hatten, das dem von Mammuts oder Wollnashörnern ähnelte. Auch die Fellfarbe der Hyänen hat sich womöglich mit den Jahreszeiten verändert – ähnlich wie es heute bei Polarfüchsen der Fall ist.

„Es ist gar nicht so weit hergeholt, sich vorzustellen, dass diese arktischen Hyänen zottelig waren und sogar einen Fellwechsel hatten – mit einem helleren Fell im Winter, damit sie bei der Jagd im Schnee Erfolg haben“, sagt Tseng.

Hyänen-Migration

Hyänen entwickelten sich evolutionär in Eurasien. Chasmaporthetes ist jedoch Teil einer Abstammungslinie, die es vor etwa fünf Millionen Jahren bis nach Nordamerika schaffte und sich bis nach Mexiko ausbreitete. Diese Hyänen starben vermutlich vor etwa einer Million Jahren aus. Damit zählen die Zahnfossilien zu den jüngsten bekannten fossilen Nachweisen für Hyänen in Nordamerika.

Forscher gehen seit Langem davon aus, dass Hyänen über die Beringlandbrücke zwischen Sibirien und Alaska nach Nordamerika gelangt sein müssen, als der Meeresspiegel niedriger war. Die Zähne sind der erste handfeste Beweis dafür, dass Hyänen in arktischen Umgebungen gut genug überleben konnten, um diese Reise zu unternehmen.

„Wir finden Fleischfresser des Pleistozäns weiter nördlich als je zuvor“, fügt Ashley Reynolds hinzu, eine Paläontologin an der University of Toronto, die den ersten Nachweis für die Säbelzahnkatze Smilodon in Kanada dokumentierte.

„Fleischfresser sind sehr wichtige Teile eines Ökosystems, aber sie sind im Fossilienbericht oft nur selten zu finden, sodass jeder neue Fund wichtig ist.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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