Foul Fashion: Ein Blick hinter die Maske der Pestdoktoren

In der Frühen Neuzeit glaubten einige Mediziner, eine Schnabelmaske würde sie davor schützen, sich mit der Pest anzustecken – nicht ihr einziger Irrtum.

Monday, March 30, 2020,
Von Erin Blakemore
Pestdoktor
Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert waren einige Pestdoktoren in Europa in charakteristischer Kleidung mit einer unverwechselbaren Schnabelmaske unterwegs. Sie wurden zum Sinnbild für die Pestärzte, die die Kranken behandelten.

Einst war die Pest die gefürchtetste Krankheit der Welt. In scheinbar unaufhaltsamen Pandemien löschte sie hunderte Millionen Menschenleben aus und quälte ihre Opfer mit schmerzhaft geschwollenen Lymphknoten, schwarzen Läsionen und anderen grauenvollen Symptomen.

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Im Europa des 17. Jahrhunderts trugen die Ärzte, die die Opfer der Pest behandelten, eine charakteristische Bekleidung: Sie waren von Kopf bis Fuß in gewachste Stoffmäntel gehüllt und verdeckten ihr Gesicht mit einer Maske, die durch ihren langen Schnabel auffiel. Das Design dieser Maske beruhte auf falschen Annahmen darüber, wie sich die gefährliche Krankheit verbreitete.

Während der damaligen Pandemie der Beulenpest bezahlten Städte für die Dienste von Pestdoktoren, die sowohl reiche als auch arme Bürger behandelten. Sie verabreichten vermeintlich heilsame und schützende Tinkturen und Gegenmittel, dienten als Zeugen für das Aufsetzen von Testamenten und führten Autopsien durch – und manchmal trugen sie dabei diese Schnabelmasken.

Die charakteristische Kleidung der Pestdoktoren soll auf den französischen Hofarzt Charles de L’Orme aus dem 17. Jahrhundert zurückgehen.
Bild The Picture Art Collection, Alamy

Das ominöse Kostüm geht vermutlich auf den Arzt Charles de L’Orme zurück, der sich im 17. Jahrhundert um die Gesundheit zahlreicher europäischer Adeliger kümmerte. Zu seinen Patienten gehörten auch König Ludwig XIII. und Gaston d'Orléans, ein Sohn von Marie de Médici. Er beschrieb Arbeitskleidung aus einem gewachsten Mantel, Hosen, die direkt mit den Stiefeln verbunden wurden, einem in die Hose gesteckten Hemd sowie einem Hut und Handschuhen aus Ziegenleder. Außerdem trugen die Pestdoktoren einen Stab, mit dem sie Pestkranke berühren oder auf Distanz halten konnten.

Besonders auffällig war ihr Kopf: Die Ärzte trugen eine Brille, wie de L’Orme beschrieb, und eine Maske mit einer Nase, „die 15 Zentimeter lang, wie ein Schnabel geformt und mit Parfüm gefüllt ist. Sie hat nur zwei Löcher, eines an jeder Seite in der Nähe der Nasenlöcher. Aber sie reichen schon, um zu atmen und mit der Luft den Geruch von Kräutern zu transportieren, die weiter unten im Schnabel enthalten sind.“

Obwohl Pestdoktoren diese Masken vornehmlich in Italien und Frankreich trugen, wurde das Bild von „Doktor Schnabel“ durch Zeichnungen und Kupferstiche in ganz Europa bekannt. In Italien wurde es so berühmt, dass der „medico della peste“ mittlerweile zur Kunstfigur geworden ist, der zur Commedia dell’arte ebenso dazugehört wie zum venezianischen Karneval.

Beim Karneval in Venedig sind Pestdoktor-Kostüme jedes Jahr mit von der Partie. 2020 wurde das Event aufgrund der Corona-Pandemie vorzeitig abgebrochen.
Bild Giacomo Cosua, NurPhoto/Getty

Das klobige Kostüm diente vor allem dem Zweck, den Träger vor Miasma zu schützen. In Zeiten vor der Mikrobiologie, als noch niemand von der Existenz von Keimen wusste, glaubten Mediziner, dass sich die Pest über verseuchte Luft ausbreitete. Diese konnte ein Ungleichgewicht in den Körpersäften verursachen. Dieser Theorie nach konnten süßlich-beißende Parfums Pestgebiete quasi desinfizieren und vor einer Ansteckung schützen. Deshalb waren Blumensträuße, Weihrauch und andere Duftquellen damals fast allgegenwärtig.

Pestdoktoren füllten ihre Masken mit Theriak. Das Gemisch, das als Universalheilmittel galt, bestand aus mehr als 55 Kräutern und anderen Inhaltsstoffen wie pulverisiertem Schlangenfleisch, Zimt, Myrrhe und Honig. De L’Orme glaubte, der lange Schnabel der Maske würde bewirken, dass sich die Luft ausreichend mit den schützenden Gerüchen der Kräuter anreichern würde, bevor sie in die Nase und Lunge des Arztes geriet.

Tatsächlich wird die Pest durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst, das auf unterschiedliche Weise übertragen werden kann: Flöhe dienen als Zwischenwirte, um die Pest von Tieren auf Menschen zu übertragen, aber auch Kontakt mit infizierten Körperflüssigkeiten und Gewebe oder Tröpfcheninfektion können für eine Ansteckung sorgen.

Es gab drei große Pest-Pandemien, die die Welt heimsuchten, bevor der Auslöser der Krankheit schließlich entdeckt wurde: die Justinianische Pest, die im Jahr 561 n. Chr. bis zu 10.000 Menschen pro Tag tötete; der Schwarze Tod, der zwischen 1334 und 1372 bis zu einem Drittel der europäischen Bevölkerung auslöschte und bis 1879 immer wieder in kleinen Ausbrüchen auftrat; und die Dritte Pest-Pandemie, die zwischen 1894 und 1959 in großen Teilen Asiens wütete.

Letzten Endes konnten weder die Methoden noch die Kleidung der Pestdoktoren irgendwem helfen. „Bedauerlicherweise“, schreibt der Historiker Frank M. Snowden, „trugen die therapeutischen Ansätze der frühmodernen Pestärzte wenig dazu bei, das Leben [der Opfer] zu verlängern, ihr Leiden zu mindern oder ihre Krankheit zu heilen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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