Wer waren die ersten Europäer?

Gentests an uralten Knochen belegen, dass Europa ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen aus Afrika, dem Nahen Osten und Russland ist.Dienstag, 30. Juli 2019

Von Andrew Curry
Bilder Von Rémi Bénali

Die Vorstellung, dass es einst genetisch „reine“ Populationen von Ureuropäern gab, die den Kontinent seit den Tagen der Wollhaarmammuts bewohnten, hat schon lange vor den Nationalsozialisten Ideologien inspiriert. Lange Zeit boten solche Ansichten einen Nährboden für Rassismus. In den letzten Jahren haben sie wachsende Ängste über die Auswirkungen von Einwanderung befeuert – Ängste, die die Europäische Union auf eine harte Probe stellen.

Nun haben Wissenschaftler neue Antworten auf die Frage, wer die Europäer wirklich sind und woher sie kamen. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Kontinent schon seit der Eiszeit ein Schmelztiegel der Kulturen ist. Heutige Europäer, egal aus welchem Land, sind eine genetische Mischung von Einwanderern aus Afrika, dem Nahen Osten und der russischen Steppe.

Die Belege dafür stammen aus archäologischen Artefakten, aus Analysen alter Zähne und Knochen und aus der Linguistik. Vor allem aber stammen sie aus dem neuen Feld der Paläogenetik. Während des letzten Jahrzehnts wurde es möglich, das vollständige Genom von Menschen zu sequenzieren, die vor vielen Jahrtausenden lebten. Die technischen Fortschritte der letzten paar Jahre machten die Technologie preiswert und effizient: Ein gut erhaltenes Stück eines Skeletts kann nun schon für etwa 500 Dollar sequenziert werden.

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Infolgedessen gab es eine regelrechte Flut neuer Informationen, die das archäologische Arbeiten von Grund auf veränderten. Allein 2018 wurden die Genome von mehr als 1.000 prähistorischen Menschen bestimmt, zumeist anhand von Knochen, die schon vor Jahren ausgegraben und in Museen und Laboren gelagert wurden. Eine regelrechte Flutwelle aus gemahlenen Knochen spülte jegliche Vorstellung einer europäischen genetischen Reinheit hinfort.

Die Analysen uralter Genome funktionieren ähnlich wie kommerzielle DNA-Test, die mittlerweile verfügbar sind – eben nur für Menschen, die lange vor der Erfindung der Schrift, des Rads oder der Töpferei lebten und starben. Die genetischen Informationen sind überraschend vollständig: Schon aus wenigen Milligramm Knochen- oder Zahnmaterial lassen sich alle möglichen Informationen gewinnen, von der Farbe der Haare oder Augen bis zur Laktoseintoleranz. Genau wie kommerzielle DNA-Tests enthalten die Ergebnisse Hinweise auf die Identität und die Herkunft der Vorfahren dieser alten Menschen – und damit auch auf prähistorische Migrationsbewegungen.

Mittlerweile scheint klar, dass drei große Wanderungswellen den Lauf der europäischen Vorgeschichte prägten. Die Einwanderer brachten Kunst und Musik, den Acker- und Städtebau sowie domestizierte Pferde und das Rad mit. Sie führten die indoeuropäischen Sprachen ein, die heutzutage in weiten Teilen des Kontinents gesprochen werden. Womöglich brachten sie sogar die Pest mit sich. Der letzte große Beitrag zum Erbgut der West- und Mitteleuropäer kam vor fast 5.000 Jahren, als gerade Stonehenge erbaut wurde, aus der russischen Steppe. Diese Menschen waren gewissermaßen die letzten der ersten Europäer.

In einer Zeit, da hitzige Debatten über Migration und Grenzen geführt werden, zeigt die Wissenschaft, dass Europa ein Kontinent von Immigranten ist und schon immer war. „Die Menschen, die heute an einem Ort leben, sind nicht die Nachfahren jener Menschen, die dort vor langer Zeit lebten“, sagt David Reich, ein Paläogenetiker der Harvard University. „Es gibt keine Ureinwohner – jeder, der sich auf eine rassische Reinheit beruft, wird zwangsläufig mit der Bedeutungslosigkeit dieses Konzeptes konfrontiert.“

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Die erste Welle: Hinaus aus Afrika

Vor 32 Jahren half eine Analyse der DNA lebender Menschen dabei, unseren gemeinsamen Familienstammbaum und unsere Migrationsgeschichte zu etablieren: Alle Menschen außerhalb Afrikas stammen von jenen Vorfahren ab, die den Kontinent vor mehr als 60.000 Jahren verlassen hatten. Vor etwa 45.000 Jahren erreichten diese ersten modernen Menschen Europa über den Nahen Osten. Ihre eigene DNA lässt vermuten, dass sie dunkle Haut und womöglich helle Augen hatten.

Damals war Europa ein unwirtlicher Ort. Teile des Kontinents lagen unter kilometerdicken Eisdecken verborgen. Dort, wo es warm genug war, gab es wilde Tiere – und andere Menschen: die Neandertaler, deren eigene Vorfahren hunderttausende Jahre früher aus Afrika ausgewandert waren. Sie hatten sich bereits an das kalte und raue Klima angepasst.

Die ersten modernen Europäer lebten als Jäger und Sammler in kleinen Nomadenverbänden. Sie folgten dem Lauf der Flüsse und wanderten entlang der Donau bis zum Schwarzen Meer und weit nach Mittel- und Westeuropa hinein. Jahrtausende lang war ihre Existenz dort kaum von Bedeutung. Ihre DNA verrät, dass sie zusammen mit den Neandertalern – die binnen 5.000 Jahren ausstarben – Nachwuchs zeugten. Heutzutage bestehen etwa 2 Prozent eines typischen europäischen Genoms aus Neandertaler-DNA. Bei einem typischen Afrikaner sind es null Prozent.

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Als sich Europa noch fest im Griff der letzten Eiszeit befand, kämpften die modernen Menschen im eisfreien Süden um ihr Überleben und passten sich an das kalte Klima an. Noch vor etwa 27.000 Jahren gab es einigen Populationsschätzungen zufolge womöglich nur etwa 1.000 von ihnen. Sie ernährten sich von großen Säugetieren wie Mammuts, Pferden, Rentieren und Auerochsen – den Vorfahren unserer heutigen Rinder. In den Höhlen und Felsvorsprüngen, in denen sie Schutz suchten, hinterließen sie eindrucksvolle Kunstwerke, die ihre Beute zeigen.

Vor etwa 14.500 Jahren, als es in Europa wärmer wurde, folgten die Menschen den schrumpfenden Gletschern nordwärts. In den folgenden Jahrtausenden entwickelten sie komplexere Steinwerkzeuge und ließen sich in kleinen Siedlungen nieder. Archäologen bezeichnen diesen Zeitraum als Mesolithikum oder Mittelsteinzeit.

In den Sechzigern entdeckten serbische Archäologen ein mesolithisches Fischerdorf inmitten steiler Klippen an einer Biegung der Donau. Ganz in der Nähe befand sich eine der schmalsten Stellen des Flusses. Diese Stätte, die Lepenski Vir genannt wird, war eine komplexe Siedlung, die schon vor etwa 9.000 Jahren bis zu 100 Menschen beheimatete. In einigen Behausungen fand man geschnitzte Figuren, die halb Mensch und halb Fisch waren.

Knochenfunde aus Lepenski Vir lassen erkennen, dass die Bewohner sich zu großen Teilen von Fisch aus dem Fluss ernährt haben. Die heutigen Überreste des Dorfes befinden sich unter einer Überdachung am Ufer der Donau. Skulpturen des glubschäugigen Flussgottes wachen noch immer über die prähistorischen Feuerstellen. „70 Prozent ihrer Nahrung bestand aus Fisch“, sagt Vladimir Nojkovic, der Direktor der Stätte. „Sie lebten hier fast 2.000 Jahre lang, bis die Bauern sie verdrängten.“

In Schweden verdeutlichen in Fels gehauene (und mit moderner Farbe rot hervorgehobene) Kunstwerke die kulturellen Verschiebungen, die durch den Einfluss der Migranten entstanden – angefangen bei den Jägern und Sammlern, die zum Ende der Eiszeit den schrumpfenden Gletschern nordwärts folgten. Noch heute lässt sich ihre DNA in Europa nachweisen, insbesondere in den südlichen baltischen Staaten.
Jahrtausendelang haben Menschen auf ihren Wanderungen die Donau – hier abgebildet ist eine schmale Schlucht zwischen Serbien und Rumänien – als Wasserweg genutzt, um vom Fruchtbaren Halbmond ins Herz Europas zu gelangen. Die Stätte Lepenski Vir bei Serbien war eine Fischersiedlung von Jägern und Sammlern, bis um 6000 v. Chr. herum Ackerbauern die lokale Bevölkerung verdrängten.

Die zweite Welle: Hinaus aus Anatolien

Die Hochebene von Konya im Zentrum der heutigen Türkei ist die Kornkammer des Landes – eine fruchtbare Ebene, auf der man Stürme schon über den fernen Bergen heraufziehen sehen kann, lange bevor sie den Staub um einen herum aufwirbeln. Seit den ersten Tagen des Ackerbaus lebten hier Bauern, erzählt der Archäologe Douglas Baird von der University of Liverpool. Seit mehr als einem Jahrzehnt gräbt er hier bereits ein prähistorisches Dorf namens Boncuklu aus. Hier begannen die Menschen vor etwa 10.300 Jahren damit, kleine Äcker mit Emmer und Einkorn – zwei Urformen des Weizens – zu kultivieren und hüteten vermutlich kleine Herden Schafe und Ziegen.

Binnen eines Jahrtausends breitete sich die neolithische Revolution nordwärts durch Anatolien und bis in den Südosten Europas aus. Vor 6.000 Jahren gab es auf dem ganzen Kontinent bereits Ackerbauern und Viehhirten.

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Schon seit langem ist klar, dass die landwirtschaftlichen Praktiken aus der Türkei oder der Levante nach Europa kamen – aber kamen mit ihnen auch die Bauern? Die Antwort ist nicht so offensichtlich, wie man glauben könnte. Jahrzehntelang glaubten viele Archäologen, dass zahlreiche Innovationen – neben dem Ackerbau auch das Keramikhandwerk, polierte Steinäxte und komplexe Siedlungsformen – nicht von Migranten nach Europa gebracht wurde, sondern über den Handel und Mundpropaganda von Tal zu Tal reisten, als die dort lebenden Jäger und Sammler die neuen Werkzeuge und Lebensweisen übernahmen.

DNA-Spuren aus Boncuklu zeigten allerdings, dass Migration bei dieser Entwicklung eine deutlich größere Rolle gespielt hat. Die Bauern von Boncuklu bestatteten ihre Toten nicht auf Friedhöfen, sondern beerdigten sie in Embryonalhaltung unter dem Fußboden ihrer Häuser. Im Jahr 2014 begann Baird damit, DNA-Proben von Schädelbruchstücken und Zähnen aus mehr als einem Dutzend dieser Gräber an DNA-Labore in Schweden, der Türkei, Großbritannien und Deutschland zu schicken.Viele der Proben waren nach Jahrtausenden in der Hitze der Hochebene von Konya zu stark zerfallen, um daraus noch viel DNA zu gewinnen. Aber dann testeten Johannes Krause und sein Team vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Proben aus einer Handvoll Felsenbeine. Das Felsenbein ist ein Teil des Innenohrs und kaum größer als die Spitze eines kleinen Fingers. Außerdem ist es der härteste Knochen im menschlichen Körper. Forscher haben entdeckt, dass genetische Informationen in diesem Knochen erhalten bleiben, lange nachdem die Hitze sie aus dem Rest eines Skeletts herausgebacken hat. Die Kombination aus dieser Erkenntnis und modernen Sequenzierungsmaschinen hat dabei geholfen, die Entschlüsselung alter DNA in ungeahntem Ausmaß zu ermöglichen.

Ausgrabungen in der 10.300 Jahre alten Stätte Boncuklu in der Türkei offenbarten, dass Menschen schon dort siedelten, als der Ackerbau gerade die Lebensweise der Jäger und Sammler ablöste. Der Mensch, der hier unter dem Boden eines Hauses begraben wurde, bewirtschaftete vermutlich kleine Ackerflächen mit domestiziertem Weizen, hütete aber auch Ziegen und Schafe und ergänzte seinen Speiseplan mit gesammelten Früchten, Wurzeln und anderen Pflanzen.

Auch die Felsenbeine von Boncuklu enttäuschte nicht: Die aus ihnen gewonnene DNA passte zu den genetischen Informationen von Bauern, die Jahrhunderte später und hunderte Kilometer weiter nordwestlich lebten und starben. Das bedeutet, dass frühe anatolische Bauern nordwärts gewandert waren und neben ihrer Lebensweise auch ihre Gene weitergegeben hatten.

Ihre Reise endete aber nicht im Südosten Europas. Im Laufe von Jahrhunderten folgten ihre Nachfahren dem Lauf der Donau, vorbei an Lepenski Vir und tief hinein ins Herz des Kontinents. Andere folgten der Mittelmeerküste per Boot, kolonisierten Inseln wie Sardinien und Sizilien und besiedelten Südeuropa bis nach Portugal. Von Boncuklu bis Großbritannien lassen sich die genetischen Spuren Anatoliens überall dort finden, wo die Landwirtschaft erstmals aufblühte.

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Diese neolithischen Bauern hatten größtenteils helle Haut und dunkle Augen – das genaue Gegenteil vieler Jäger und Sammler, mit denen sie nun Seite an Seite lebten. „Sie sahen anders aus, sprachen unterschiedliche Sprachen […] und ernährten sich anders“, sagt der Archäologe David Anthony vom Hartwick College. „Sie blieben größtenteils unter sich.“

In ganz Europa verlief dieser schleichende Erstkontakt eher verhalten, manchmal jahrhundertelang. Es gibt kaum Belege dafür, dass eine Gruppe die Werkzeuge oder Traditionen der anderen übernahm. Selbst dort, wo sich zwei Populationen vermischten, kam es nur selten zu Mischehen. „Es gibt keinen Zweifel daran, dass sie miteinander in Kontakt standen. Aber sie tauschten keine Frauen oder Männer“, so Anthony. „Allen Anthropologiekursen zum Trotze hatten die Menschen keinen Sex miteinander.“ Die Angst vor dem Fremden hat eine lange Geschichte.

Vor etwa 5.400 Jahren änderte sich das alles. In ganz Europa schrumpften oder verschwanden blühende neolithische Siedlungen. Dieser dramatische Rückgang gibt Archäologen schon seit Jahrzehnten Rätsel auf. „Es gibt weniger Objekte, weniger Material, weniger Menschen und weniger Stätten“, sagt Krause. „Ohne irgendein großes Vorkommnis lässt sich das nur schwer erklären.“ Allerdings gibt es keine Hinweise auf einen großen Konflikt oder Krieg.

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Nach einer Lücke von etwa 500 Jahren schien die Population wieder zu wachsen, aber etwas hatte sich verändert. Im Südosten Europas waren die egalitären Dorffriedhöfe des Neolithikums eindrucksvollen Grabhügeln gewichen, in denen einzelne, erwachsene Männer lagen. Weiter im Norden, von Russland bis zum Rhein, entstand eine neue Kultur. Benannt wurde sie später nach ihren charakteristischen Keramikerzeugnissen, bei deren Herstellung Schnüre in den feuchten Ton gedrückt wurden: die Schnurkeramische Kultur.

Im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle lagern Dutzende Gräber aus der Schnurkeramik. Viele davon wurden von Archäologen in hastigen Aktionen vor den Werkzeugen und Maschinen von Bauarbeitern gerettet. Um Zeit zu sparen und die empfindlichen Überreste zu erhalten, wurden die Gräber in großen Holzkisten samt dem umliegenden Erdreich gehoben und zur späteren Analyse in einem Lagerhaus aufbewahrt. Auf den großen Regalen stapeln sie sich bis zur Decke und bilden nun eine reiche Fundgrube für Genetiker.

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Die Begräbnisse der Schnurkeramik sind so deutlich erkennbar, dass sich die Archäologen selten um eine Radiokarbondatierung bemühen müssen. Die Männer wurden so gut wie immer auf ihrer rechten Körperseite liegend bestattet, während die Frauen auf ihrer linken Seite lagen. Bei beiden waren die Beine angewinkelt und ihre Gesichter zeigten nach Süden. In einigen Gräbern des Halleschen Lagerhauses liegen Frauen mit kleinen Taschen, an denen Dutzende von Hundezähnen befestigt war. Den Männern wurden steinerne Streitäxte mitgegeben. In einem Grab, das in einer Holzkiste auf dem Betonboden des Lagerhauses liegt, wurden eine Frau und ein Kind gemeinsam bestattet.

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Als die Forscher erstmals die DNA aus einigen dieser Gräber analysierten, rechneten sie damit, dass die Menschen der Schnurkeramik eng mit den neolithischen Farmern verwandt waren. Stattdessen enthielt ihre DNA charakteristische Gene, die zu jener Zeit recht neu in Europa waren – mittlerweile aber in so gut wie jeder modernen europäischen Population nachgewiesen werden können. Viele Menschen der Schnurkeramik waren enger mit den amerikanischen Ureinwohnern verwandt als mit den neolithischen Bauern Europas. Damit vertiefte sich das Geheimnis um ihre Identität nur noch.

Die dritte Welle: Hinaus aus der Steppe

An einem sonnigen Morgen im Oktober, nahe der serbischen Stadt Žabalj, lenken der polnische Archäologe Piotr Włodarczak und seine Kollegen ihren Pick-up Truck zu einem Hügel, der vor 4.700 Jahren errichtet wurde. In den Ebenen jenseits der Donauufer bilden Hügel wie dieser, die etwa 30 Meter breit und drei Meter hoch sind, die einzigen Orientierungspunkte im Gelände. Prähistorische Menschen hätten Wochen oder Monate gebraucht, um einen einzigen davon zu errichten. Włodarczaks Team brauchte Wochen, um ihn mit Baggern und Schaufeln abzutragen.

Dort stehen sie nun und ziehen eine Plane zurück, um zu offenbaren, was der Hügel verborgen hatte: ein rechteckiges Grab mit dem Skelett eines Stammesführers. Er liegt auf dem Rücken, seine Beine sind angewinkelt. In dem dunklen, komprimierten Erdreich sind noch die Abdrücke der Schilfmatten und Holzpfeiler erkennbar, die einst das Dach des Grabes bildeten.

„Um etwa 288 v. Chr. sehen wir eine Veränderung in den Bestattungspraktiken“, sagt Włodarczak, der über einem Skelett kniet. „Die Menschen errichteten gewaltige Hügel und betonten die Bedeutung der Menschen und Waffen. Das ist neu in Europa.“

Knapp 1.300 Kilometer weiter östlich war das jedoch nichts Neues. Auf dem Gebiet der heutigen Steppen Südrusslands und der östlichen Ukraine hatten Nomaden namens Jamnaja – eines der ersten Reitervölker der Welt – das Rad perfektioniert und bauten Wagen, um ihren Viehherden über das Grasland zu folgen. Sie errichteten nur wenige feste Siedlungen. Ihre bedeutendsten Männer begruben sie jedoch mit goldenem und silbernem Geschmeide in riesigen Grabhügeln, die noch heute auf den Steppen emporragen.

Archäologische Grabungen zeigen, dass die Jamnaja um 2800 v. Chr. herum bereits auf dem Weg nach Westen waren, womöglich auf der Suche nach besseren Weidegründen. Włodarczaks Hügel in der Nähe von Žabalj ist das westliche Grab der Jamnaja, das bislang gefunden wurde. Genetische Analysen zeigen Reich und anderen Forschern zufolge, dass die Menschen der Schnurkeramik größtenteils von ihnen abstammen. Genau wie die Skelette der Schnurkeramik-Menschen weisen auch die sterblichen Überreste der Jamnaja auf eine entfernte Verwandtschaft zu den amerikanischen Ureinwohnern hin – deren Vorfahren aus den östlichen Gefilden Sibiriens stammten.

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Binnen weniger Jahrhunderte hatten sich Menschen mit einem Anteil an Jamnaja-DNA bis auf die britischen Inseln ausgebreitet. Dort und andernorts überlebten fast keine der europäischen Bauern, die bereits dort lebten, den Ansturm aus dem Osten. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschland „wurden die lokale Bevölkerung zu 70 bis vielleicht sogar 100 Prozent ersetzt“, sagt Reich. „Etwas sehr Dramatisches hat sich vor 4.500 Jahren ereignet.“

Bis dahin waren die neolithischen Bauerngesellschaften in Europa über Jahrtausende hinweg erfolgreich gewesen. Sie hatten ganze Landstriche von Bulgarien bis nach Irland besiedelt, oft in komplexen Dorfgemeinschaften mit Hunderten und mitunter Tausenden Menschen. Der Archäologe Volker Heyd von der finnischen Universität Helsinki schätzt, dass um 3000 v. Chr. bis zu sieben Millionen Menschen in Europa lebten. Auf den britischen Inseln errichteten die neolithischen Menschen gerade Stonehenge.

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Für viele Archäologen war die Vorstellung, dass sein Haufen Nomaden eine so gut etablierte Zivilisation binnen weniger Jahrhunderte austauschen könnte, einfach nicht plausibel. „Wie zur Hölle sollten diese dezentralisierten Gruppen von Hirten eine fest verankerte neolithische Gesellschaft umstürzen, selbst wenn sie Pferde hatten und gut kämpfen konnten?“, fragt Kristian Kristiansen, ein Archäologe der Universität Göteborg in Schweden.

Ein Hinweis darauf findet sich in den Zähnen von 101 Menschen, die zu jener Zeit, als die Jamnaja gen Westen zogen, in den Steppen lebten. In sieben der Proben fanden Genetiker neben menschlicher DNA auch die DNA einer frühen Form von Yersinia pestis – jenes Pestbakterium, das im 14. Jahrhunderts ungefähr der Hälfte der europäischen Bevölkerung auslöschte.

Im Gegensatz zu dem Schwarzen Tod, der von Flöhen übertragen wurde, wurde diese frühere Version des Bakteriums von Mensch zu Mensch übertragen. Die Steppennomaden hatten anscheinend schon jahrhundertelang mit der Krankheit gelebt und womöglich eine Immunität dagegen entwickelt – ähnlich wie die Europäer, die Amerika kolonisierten und die Pocken mitbrachten. Und genau so, wie die Pocken und andere Krankheiten die amerikanischen Ureinwohner dezimierten, könnte sich die von den Jamnaja mitgebrachte Pest über die neolithischen Siedlungen verbreitet haben. Das könnte sowohl den überraschenden Zusammenbruch der Gesellschaft als auch die rasante Verbreitung der Jamnaja-DNA von Russland bis zu den britischen Inseln erklären.

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„Pestepidemien ebneten den Weg für die Expansion der Jamnaja“, sagt Morten Allentoft. Der Evolutionsbiologe des Naturkundemuseums in Kopenhagen half dabei, die uralte Pest-DNA zu identifizieren.

Allerdings wirft diese Theorie eine wichtige Frage auf: Belege für die Pest wurden in neolithischen Skeletten erst vor Kurzem dokumentiert, und bisher hat niemand Massengräber mit den Opfern einer Epidemie gefunden. Falls die europäischen Bauern tatsächlich von der Pest ausgelöscht wurden, hinterließen sie kaum Spuren.

Ob sie nun die Pest mitgebracht haben oder nicht – die Jamnaja brachten domestiziert Pferde und mit ihren Wagen auch eine mobile Lebensweise in das steinzeitliche Europa. Mit ihren innovativen Waffen und Werkzeugen aus Metall könnten sie sogar dazu beigetragen haben, die Bronzezeit in Europa einzuläuten.

Allerdings war das vielleicht nicht der bedeutendste Beitrag der Jamnaja zur europäischen Entwicklung. Ihre Ankunft auf dem Kontinent fällt zeitlich mit jener Phase zusammen, in der Linguisten die ursprüngliche Verbreitung indoeuropäischer Sprachen vermuten. Dieser großen Familie gehören hunderte Sprachen an, darunter auch die meisten, die noch heute von Irland über Russland bis zur nördlichen Hälfte Indiens gesprochen werden. Forscher vermuten, dass sie alle sich aus einer einzigen proto-indoeuropäischen Sprache entwickelt haben. Seit dem 19. Jahrhundert wird darüber diskutiert, wo und von wem diese Sprache erstmals gesprochen wurde. Einer Theorie zufolge waren es die neolithischen Bauern aus Anatolien, die sie zusammen mit dem Ackerbau nach Europa brachten.

Eine weitere Theorie stammt aus der Feder des deutschen Gelehrten Gustaf Kossinna. Vor einem Jahrhundert mutmaßte er, dass die Proto-Indoeuropäer eine alte Rasse von Nordgermanen waren – jene Menschen, die die Schnurkeramik und die dazugehörigen Äxte herstellten. Kossinna war der Ansicht, dass die Ethnie vergangener Menschen – also ihre biologische Identität – sich anhand der Objekte erschließen lässt, die sie hinterließen.

„Scharf umgrenzte Kulturprovinzen“, so schrieb er, „decken sich zu allen Zeiten mit ganz bestimmten Völkern oder Völkerstämmen.“

Der nordgermanische Stamm der Proto-Indoeuropäer hatte sich Kossinna zufolge nach außen hin ausgebreitet und schließlich einen Bereich erobert, der sich bis zum heutigen Moskau erstreckte. Später nutzten Nationalsozialisten seine Forschung für ihre Propaganda rund um eine „arische Herrenrasse“ und rechtfertigten damit ihre Invasion Osteuropas.

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Auch das war einer der Gründe dafür, weshalb das ganze Konzept, dass kulturelle Umbrüche historisch durch Migrationsbewegungen erklärt werden können, nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang in gewissen archäologischen Kreisen unbeliebt war. Selbst heute noch ist einigen Archäologen nicht wohl dabei, wenn Genetiker große Pfeile auf Karten von Europa malen.

„Diese Art der Vereinfachung geht auf Kossinna zurück“, sagt Heyd, der selbst Deutscher ist. „Das ruft wieder alte Dämonen in Gestalt blonder, blauäugiger Typen auf den Plan, die irgendwie aus der Hölle zurückgekrochen kommen, in die sie nach dem Zweiten Weltkrieg verbannt wurden.“

Und trotzdem liefert solche alte DNA, aus der sich direkte Informationen über die Biologie unserer Vorfahren gewinnen lassen, mittlerweile ein starkes Argument gegen Kossinnas Theorie. Sie dokumentiert, wie die Jamnaja und ihre Nachfahren genau zur richtigen Zeit immer weiter nach Europa vordrangen. Damit untermauern die DNA-Belege jene Theorie, die von den Linguisten favorisiert wird: dass die Proto-Indoeuropäer von der russischen Steppe nach Europa wanderten, nicht umgekehrt. Und was vielleicht noch viel wichtiger ist: Zusammen mit archäologischen Befunden widerlegt das Erbgut Kossinnas Behauptung, dass es in Europa irgendeine genetisch „reine“ Rasse gibt, die sich anhand kultureller Artefakte belegen lässt.

Alle heutigen Europäer haben eine gemischte Herkunft. Das genetische Rezept für einen typischen Europäer würde ungefähr so aussehen: Zu gleichen Teilen Jamnaja-Nomaden und anatolische Bauern, mit einem Schuss afrikanischer Jäger und Sammler. Dieser Durchschnitt täuscht natürlich über regionale Unterschiede hinweg. In Skandinavien dominiert der Einfluss der „Steppencowboys“, während es in Spanien und Italien eher die anatolischen Bauern sind. In den baltischen Staaten und Osteuropa finden sich größere Anteile der DNA der Jäger und Sammler.

„Für mich untergraben diese neuen DNA-Ergebnisse das nationalistische Paradigma, dass wir schon immer hier gelebt haben und uns nicht mit anderen Völkern vermischt haben“, sagt Kristiansen. „So etwas wie einen Dänen, einen Schweden oder einen Deutschen gibt es nicht“, resümiert er. „Wir sind alle Russen, wir sind alle Afrikaner.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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