Polynesien & Amerika: Kontakt lange vor Ankunft der Europäer

Tausende Kilometer offenen Meeres trennten die Ureinwohner Amerikas und Polynesiens. Trotzdem pflegten sie schon Jahrhunderte vor Kolumbus Kontakt.

Veröffentlicht am 9. Juli 2020, 15:29 MESZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ
Fatu Hiva

Eine neue DNA-Studie deutet darauf hin, dass der frühste Kontakt zwischen amerikanischen Ureinwohnern und Polynesiern auf der Insel Fatu Hiva in den Marquesas stattfand. Unklar bleibt derzeit allerdings, wie genau sich die beiden Abstammungslinien vermischten – ob die Ureinwohner also zuerst Polynesien erreichten oder die Polynesier in Südamerika anlandeten und ihr gemischtes genetisches Erbe dann wieder mit nach Westen nahmen.

Bild Tim Laman, Nat Geo Image Collection

Die Ureinwohner Amerikas und Polynesiens pflegten bereits Jahrhunderte vor der Ankunft der Europäer in polynesischen Gewässern Kontakt über die Weiten des Pazifiks hinweg. Zu diesem Schluss kam eine Studie, die in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurde. Darüber hinaus fanden diese ersten Interaktionen wahrscheinlich schon statt, bevor Rapa Nui (auch bekannt als Osterinsel) besiedelt wurde. Die polynesische Insel, die der südamerikanischen Küste am nächsten liegt, galt einst als wahrscheinlichster Kontaktpunkt zwischen den beiden Gruppen.

Der präkolumbianische Kontakt von Polynesiern und amerikanischen Ureinwohnern ist seit Langem ein umstrittenes Diskussionsthema, das durch den norwegischen Abenteurer Thor Heyerdahl auch zu öffentlicher Berühmtheit gelangte. Heyerdahl begab sich 1947 auf seine Kon-Tiki-Expedition und ließ sich auf einem handgefertigten Floß von Peru nach Polynesien treiben. Damit wollte er beweisen, dass Menschen aus Amerika durchaus in der Lage waren, pazifische Inseln zu besiedeln. Heyerdahls umstrittene Theorien zur Herkunft der alten pazifischen Seefahrer belegten das Thema allerdings auch mit einem Tabu, und viele Archäologen lehnten seine Ideen ab.

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Aber es gab auch handfeste Belege dafür, dass es zu präkolumbianischen Kontakten zwischen Menschen in Polynesien und Südamerika gekommen war. Frühere genetische Studien an Süßkartoffeln deuten darauf hin, dass die Pflanze in Peru domestiziert wurde und sich vor etwa 1.000 Jahren in Polynesien verbreitete. Und der polynesische Name für das Wurzelgemüse – kuumala – ähnelt seinen Namen in der Sprachgruppe Quechua aus dem Andenraum: kumara und cumal.

Eine Reihe von Moai steht Wache auf Rapa Nui, der Osterinsel. Viele Forscher glaubten, dass Rapa Nui – welches näher an Südamerika liegt als die Marquesas-Inseln – der früheste Kontaktpunkt zwischen Polynesiern und amerikanischen Ureinwohnern war.

Bild Jim Richardson, Nat Geo Image Collection

In den letzten Jahren haben sich auch Forscher in die Debatte eingemischt, die die menschliche DNA untersuchen. Sie warfen einen Blick auf die Genome der Bewohner von Rapa Nui, das für seine hoch aufragenden steinernen Moai-Statuen berühmt ist. Eine 2014 durchgeführte Studie der DNA von 27 Menschen der Insel ergab, dass etwa 8 Prozent ihres Erbguts von indianischen Vorfahren stammen. Diese früheren Ergebnisse legten nahe, dass sich die beiden Gruppen bereits 1340 n. Chr. vermischten – also Jahrhunderte, bevor die Europäer 1722 zum ersten Mal Kontakt mit den Bewohnern Rapa Nuis aufnahmen und später ihre Insel auf der Suche nach Sklaven überfielen.

Thor Heyerdahl könnte Recht behalten

Für die neue Studie untersuchte ein internationales, multidisziplinäres Team die Genome von mehr als 800 Individuen von 17 verschiedenen polynesischen Inseln, darunter Rapa Nui, sowie von 15 verschiedenen indigenen Gruppen an Südamerikas Küsten. „Frühere Studien haben sich nur auf die Möglichkeit konzentriert, dass [Rapa Nui] der Kontaktpunkt sein könnte“, sagt Hauptautor Andrés Moreno-Estrada, ein Genetiker am Nationalen Laboratorium der Genomik für Biodiversität in Mexiko. „Wir erweitern die Fragestellung, um auch andere Optionen im Pazifik zu ergründen.“

Die Forscher fanden heraus, dass Kontakt zwischen polynesischen Individuen und einer indianischen Gruppe, die mit den heutigen Ureinwohnern Kolumbiens verwandt ist, bereits 1150 n. Chr. stattfand. Das sind zwei Jahrhunderte früher als in der DNA-Studie von 2014 angegeben. Jener Ort, an dem die Forscher die frühesten Anzeichen eines Kontakts feststellen konnten, war Fatu Hiva, eine Insel in den südlichen Marquesas.

Fatu Hiva ist viel weiter von Südamerika entfernt als Rapa Nui, sei aber aufgrund günstiger Passatwinde und Strömungen leichter zu erreichen als die Osterinsel, erklärt der Archäologe Paul Wallin von der Universität Uppsala in einem Leitartikel, der zusammen mit der Studie in „Nature“ erschien.

Laut Wallin, der im Kon-Tiki-Museum in Oslo gearbeitet hat, deuten die neuen Ergebnisse darauf hin, dass die Südamerikaner den Osten Polynesiens sogar noch vor den Polynesiern aus dem Westen erreichten. Damit hätte Heyerdahl „teilweise Recht“.

Polynesier zu Besuch in Südamerika

Der Archäologe Carl Lipo von University of Binghamton ist nicht überzeugt. Er hat sich ebenfalls mit Rapa Nui beschäftigt und sieht keine eindeutigen Beweise dafür, dass Heyerdahls Theorie bewiesen ist. Die Studie in „Nature“ lasse immer noch die Frage offen, wie genau dieser Kontakt zwischen Polynesiern und amerikanischen Ureinwohnern aussah.

Womöglich haben Polynesier die Küsten Südamerikas erreicht und dann andere Pazifikinseln kolonisiert, wobei sie Süßkartoffeln und indigene Begleiter mitgenommen haben. Eventuell sind auch ihre Nachkommen mit dem genetischen Erbe der südamerikanischen Ureinwohner nach Polynesien zurückgekehrt. Laut Lipo stützten die meisten archäologischen Beweise eher eines dieser Szenarien statt die Annahme, dass die amerikanischen Ureinwohner Polynesien zuerst erreichten.

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Auf einer einsamen Insel mitten im Pazifik erblühte eine einzigartige polynesische Kultur, deren kulturelle Hinterlassenschaften heutzutage auf der ganzen Welt bekannt sind.

„Die Polynesier sind Langstreckenreisende“, sagt Lipo. „Sie legten ständig unglaublich weite Distanzen zurück und fanden alle möglichen Randgebiete. Wir stellen uns das oft so vor, dass diese traditionellen Seefahrergruppen sich schrittweise zu nahegelegenen Inseln vorgetastet haben und im Laufe der Zeit immer weiter fuhren. Aber in Wirklichkeit sehen wir archäologisch, dass die Menschen zuerst die größte Entfernung zurücklegten. Sie erforschten ihre Welt und landeten tatsächlich schon früh auf einigen der entlegensten Inseln. Erst danach besiedelten sie dann die dazwischenliegenden Gebiete.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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