„Papa Denke“: Der Menschenfresser von Münsterberg

Seine Nachbarn mochten den wortkargen Alten, der offenbar ein großes Herz für arme Leute hatte. Was sie nicht wussten: Mehr als 20 Jahre lang schlachtete und aß „Papa Denke“ die Landstreicher und Wanderarbeiter, denen er Hilfe anbot.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 15. Juni 2022, 09:07 MESZ
Der Serienmörder Karl Denke nach seinem Selbstmord am 22. Dezember 1924 in seinem Sarg.

Karl Denke nach seinem Selbstmord am 22. Dezember 1924.

Foto von Gemeinfrei

Münsterberg in Schlesien, kurz vor Weihnachten 1924. Blutüberströmt rennt Vincent Olivier aus der Wohnung seines Peinigers. „Ein Verrückter will mich erschlagen“, schreit der Wanderarbeiter. An seiner Schläfe klafft eine acht Zentimeter lange Wunde, in der Hand hält er eine Spitzhacke. Im Türrahmen steht ein alter Mann. Er zittert am ganzen Körper.

Die heraneilenden Nachbarn glauben dem herumbrüllenden Fremden kein Wort. Auch die Polizei winkt ab. Kurz darauf wird Olivier wegen Bettelei und Landstreicherei verhaftet und in eine Arrestzelle gesteckt. „Papa Denke“, wie die Nachbarn den bärtigen Alten wegen seiner dorfbekannten Hilfsbereitschaft nennen, geht zurück ins Haus und schließt die Tür.

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Menschenfleisch in Salzlake

„Sie können sich zwanzig Pfennige verdienen, wenn Sie für mich ein paar Zeilen schreiben.“ Mit diesen Worten lockte Karl Denke ortsfremde Bettler, Landstreicher und Wanderarbeiter an den Esstisch seiner winzigen Wohnung. Um sich das Vertrauen seiner Gäste zu erschleichen, gab es zunächst eine ausgiebige Mahlzeit: Fleisch in Salzlake aus einer Tonne, die direkt neben dem Bett stand.

War der fremde Besuch dann mit dem Schreiben beschäftigt, griff Denke zur Spitzhacke, holte aus und schlug zu. Anschließend zerteilte er seine Opfer mit einer Säge und zerlegte sie fein säuberlich mit verschiedenen Messern. Das Fleisch salzte er ein. So hatte er immer zu essen, selbst wenn seine Geschäfte mit der Korbflechterei schlecht liefen. Seine Trophäen sammelte der Kannibale in einem Schuppen hinter seinem Haus: 480 Knochen, 420 Zähne und diverse Kleidungsstücke der Opfer.

Nachweislich 30 Menschen schlachtete Karl Denke zwischen 1903 und 1924. Die Morde hatte er eigenhändig auf einer Zettelsammlung dokumentiert – samt Namen, Gewicht und anderen Details. Meist waren es Männer, die dem Menschenfresser aus Münsterberg zum Opfer fielen. In vier Fällen handelte es sich um Frauen.

20 Pfennige für ein Leben

Am 21. Dezember notierte Denke den letzten Namen auf seiner Zettelsammlung: Vincent Olivier. Eine Nachbarin hatte den arbeitssuchenden Wanderarbeiter zu „Papa“ geschickt. Der kauzige Alte galt zwar als Eigenbrötler, aber auch als gute Seele mit einem Herz für Hilfsbedürftige. Und tatsächlich: Denke versprach Olivier 20 Pfennige für einen geschriebenen Brief – und obendrein eine gute Mahlzeit aus eigenhändig gepökeltem Fleisch.

Doch als Olivier am Esstisch platznahm, stutzte er über den ersten Satz, den Denke ihm rücklings diktierte: „Adolph, du fetter Wanst“. Olivier drehte sich um. In buchstäblich letzter Sekunde konnte er so den tödlichen Hieb abwehren. Denkes Spitzhacke streifte seine Schläfe, anstatt ihm den Kopf zu zertrümmern. Olivier riss dem Schlächter das Mordinstrument aus der Hand und stürmte auf die Straße.

Ausgerechnet Denkes seltsames Diktat hatte Olivier das Leben gerettet. Seine klaffende Stirnwunde machte schließlich auch den Untersuchungsrichter stutzig. War der gutmütige Alte womöglich doch zu einer solch scheußlichen Tat fähig? Am folgenden Tag wurde Denke vorsichtshalber verhaftet – der Empörung der ungläubigen Dorfbewohner zum Trotz.

Tödliche Arztbesuche
Der Arztberuf war vor der Entdeckung der Keime im 19. Jahrhundert weitgehend unreguliert und gefährlich. Die sanitären Verhältnisse waren schlecht, Leichen wurden in der Nähe lebender Patienten untersucht und einige Ärzte trugen voller Stolz blutige Schürzen als Zeichen ihres Könnens. Die Keimtheorie revolutionierte die Medizin und machte daraus die angesehene Praxis und das Studiengebiet, das wir heute kennen.

Das Motiv der teuflischen Taten?

Im Gartenschuppen stießen Beamten auf Denkes grausige Trophäensammlung. Auch die Wohnung offenbarte den ganzen Schrecken der Gräueltaten. Neben dem gepökeltem Menschenfleisch fanden die Ermittler überall Blutspuren. Aus der Haut seiner Opfer hatte Denke Hosenträger gefertigt. Schnüre aus Menschenhaut waren in den Weidenkörben eingeflochten, die Denke auf dem Markt in Breslau verkaufte.

Mehr als 20 Jahre lang hatte Karl Denke unbehelligt inmitten der Leichenteile gelebt. Dass er regelmäßig Eimer voller Blut im Garten ausleerte, stieß auf wenig Argwohn. Die Nachbarn glaubten, er habe Hunde geschlachtet, um sich durch die Hungerjahre der Nachkriegsjahre zu schleppen. Auch die nächtlichen Sägegeräusche erregten kein Misstrauen.

Das Motiv seiner teuflischen Taten nahm „Papa Denke“ mit ins Grab. Einen Tag nach seiner Festnahme hatte er sich in seiner Zelle mit einem Taschentusch und einer Schnur selbst erdrosselt.

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