Wie die Pest die deutsche Angst vor Untoten schürte

Während des Mittelalters suchte nicht nur der Schwarze Tod den deutschsprachigen Raum heim. Auch vor Nachzehrern und Wiedergängern graute es den Menschen. Bei Bestattungen trafen sie deshalb Vorkehrungen …

Veröffentlicht am 8. Sept. 2020, 10:45 MESZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ
Hans Baldung Grien

Eine Zeichnung von Hans Baldung Grien aus dem 16. Jahrhundert zeigt einen deutschen Söldner, der mit dem Tod spricht. Als Seuchen über Europa hinwegfegten, entstanden im deutschsprachigen Raum Geschichten von hungrigen und rachsüchtigen Untoten, was sich womöglich auch in den Bestattungspraktiken widerspiegelte.

Bild ILLUSTRATION BY DEA PICTURE LIBRARY, DE AGOSTINI/GETTY

Im Jahr 2014 erhielt die Schweizer Anthropologin Amelie Alterauge nur wenige Tage nach Antritt ihrer neuen Stelle am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern einen ungewöhnlichen Auftrag: Sie sollte eine seltsame Bestattung auf einem jahrhundertealten Friedhof untersuchen, der im Vorfeld eines Bauprojekts ausgegraben wurde. Unter den rund 340 Gräbern auf dem Friedhof fiel eines besonders auf: Ein Mann mittleren Alters wurde mit dem Gesicht nach unten in einer vernachlässigten Ecke des Friedhofs beigesetzt. „Eine solche Bestattung hatte ich noch nie mit eigenen Augen gesehen“, sagt Alterauge.

Archäologen fanden in seiner Armbeuge ein eisernes Messer und einen Geldbeutel voller Münzen. Ihre Lage deutete darauf hin, dass sie einst unter seiner Kleidung verborgen waren. Die Münzen halfen den Archäologen dabei, den Leichnam auf die Zeit zwischen 1630 und 1650 zu datieren, als eine Reihe von Seuchen diese Region der Schweiz heimsuchte. „Es schien, als hätte die Familie oder der Bestatter den Leichnam nicht durchsuchen wollen“, sagt Alterauge. „Vielleicht war er bereits stark verwest, als er begraben wurde – oder vielleicht hatte er eine ansteckende Krankheit und niemand wollte ihm zu nahe kommen.“

Infolge der Entdeckung machte sich Alterauge in der Schweiz, Deutschland und Österreich auf die Suche nach weiteren Beispielen für Bestattungen in Bauchlage. Obwohl sie extrem selten auftreten, sind solche Bestattungen bereits anderswo dokumentiert worden, insbesondere in den slawischen Gebieten Osteuropas. Oft werden sie mit anderen Bestattungspraktiken verglichen, die im Zusammenhang mit vermeintlichen Untoten stehen: Leichname wurden verstümmelt oder mit Steinen beschwert, um zu verhindern, dass Vampire oder sonstige Untote aus ihren Gräbern auferstehen. Doch laut Alterauge habe sich noch niemand systematisch mit dem Phänomen der Bauchlagenbestattung in den mittelalterlichen deutschsprachigen Gebieten befasst, also den heutigen Ländern Schweiz, Österreich und Deutschland.

Im Fachmagazin „PLOS One“ legte das Forscherteam von Alterauge nun seine Analyse von fast 100 Bauchlagenbestattungen aus einem Zeitraum von 900 Jahren dar. Alle Fälle wurden von Archäologen im deutschsprachigen Europa dokumentiert. Die Daten deuten auf eine bedeutende Veränderung bei den Bestattungspraktiken hin. Den Forschern zufolge hängt sie mit den horrenden Todeszahlen durch die Pest sowie dem Glauben zusammen, dass die Opfer zurückkommen und die Lebenden heimsuchen könnten.

Bei einem mittelalterlichen Begräbnis auf einem Berliner Friedhof wurde ein Mann mit dem Gesicht nach unten bestattet. Bauchlagenbestattungen nahmen im Spätmittelalter zu und könnten eine Reaktion auf Todesfälle durch die Pest sein.

Bild Landesdenkmalamt Berlin, Claudia Maria Melisch

Während des Früh- und Hochmittelalters in Europa wurden die wenigen Leichen, die auf regionalen Friedhöfen mit dem Gesicht nach unten begraben wurden, oft in der Mitte von Kirchenfriedhöfen oder sogar innerhalb der heiligen Bauten platziert. Einige von ihnen wurden mit Schmuck, feiner Kleidung und Schreibutensilien bestattet. Das deutet darauf hin, dass hochrangige Adelige und Priester sich womöglich als Zeichen der Demut vor Gott auf diese Weise beerdigen ließen. Ein historisches Beispiel dafür ist Pippin der Jüngere, der Vater Karls des Großen. Berichten zufolge bat er 768 darum, als Buße für die Sünden seines Vaters mit dem Gesicht nach unten vor einer Kathedrale begraben zu werden.

Archäologen stellen jedoch ab dem frühen 14. Jahrhundert eine Zunahme von europäischen Bestattungen in Bauchlage fest, darunter auch einige am Rande geweihter christlicher Begräbnisstätten. Diese Veränderung fiel mit verheerenden Pestausbrüchen zusammen, die ab 1347 über Europa fegten und Millionen Menschen auf dem ganzen Kontinent töteten.

„Da veränderte sich etwas“, sagt Alterauge, die an der Universität Heidelberg promoviert.

Weil die Seuche die Menschen schneller dahinraffte, als die Gemeinschaften mit dem Bestatten hinterherkamen, wurden der Anblick und der Klang verwesender Leichen allgegenwärtig. Die Leichname blähten sich auf und verschoben sich, aus den gasgefüllten Eingeweiden der Toten tönten beunruhigende Geräusche. Das Fleisch verfaulte und trocknete auf damals unerklärliche Weise, sodass Haare und Nägel zu wachsen schienen, während das Fleisch um sie herum schrumpfte.

Verwesende „Leichname bewegen sich, sie machen schmatzende Geräusche. Das kann dann so wirken, als würden sie sich selbst und ihre Leichentücher essen“, sagt Alterauge.

Eine Zeichnung aus dem 14. Jahrhundert zeigt die Bestattung von Pestopfern. Im deutschen Sprachraum gibt es Erzählungen von Nachzehrern und Wiedergängern, die möglicherweise von Pest-Massensterben inspiriert wurden.

Bild Illustration by Hulton Archive/Getty

Als die Europäer des Mittelalters zu erklären versuchten, was sie sahen und hörten, griffen sie vielleicht Ideen über die Untoten auf, die bereits in den slawischen Gemeinschaften Osteuropas zirkulierten: „In Deutschland haben wir [das Konzept der] Vampire nicht“, sagt Alterauge, „aber es gibt diese Vorstellung von Leichen, die sich bewegen“. Diese Ideen wurden kurz nach den ersten Pestausbrüchen Mitte des 14. Jahrhunderts aus slawischen Gebieten im Osten nach Westeuropa importiert.

Die Logik hinter den Untoten

Vor dem 14. Jahrhundert ist in mittelalterlichen Geschichten des deutschsprachigen Raums von hilfreichen Geistern die Rede, die zurückkehrten, um ihre Lieben zu warnen oder ihnen zu helfen. Im Zeitalter der Pest nahmen sie jedoch eine andere Gestalt an: Wiedergänger, die wandelnden Toten.

„Diese Verschiebung hin zu bösen Geistern findet um 1300 oder 1400 statt“, sagt Matthias Toplak, ein Archäologe an der Universität Tübingen in Deutschland, der an der Studie nicht beteiligt war.

Alterauge und ihre Co-Autoren suchten in der mittelalterlichen Folklore nach Hinweisen. Dort fanden sie Geschichten von Nachzehrern: ruhelose, hungrige Leichen, die sich selbst und ihre Leichentücher verzehrten und dabei ihren überlebenden Verwandten die Lebenskraft entzogen.

„Historischen Quellen zufolge starben Nachzehrer einen ungewöhnlichen oder unerwarteten Tod“, sagt Alterauge. „Es gab auch eine Theorie, der zufolge jemand zum Nachzehrer wurde, wenn er der erste der Gemeinde war, der während einer Epidemie starb.“

Im Europa der Pest hatte die Legende eine zwingende Logik: Wenn die nahen Verwandten des Opfers innerhalb weniger Tage nach der Beerdigung Symptome zeigten und starben, muss es so ausgesehen haben, als wären sie aus dem Grab heraus verflucht worden.

„Der Hintergrund all dieser übernatürlichen Vorstellungen muss der plötzliche Tod mehrerer Personen aus derselben Gemeinschaft gewesen sein“, sagt Toplak. „Es macht Sinn, dass die Menschen übernatürlichen Geistern die Schuld gaben und Maßnahmen ergriffen, um eine Rückkehr der Toten zu verhindern.“

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Ebenso gefürchtet waren damals Wiedergänger: Leichen, die in der Lage waren, dem Grab zu entsteigen und Mitglieder ihrer Gemeinschaft zu verfolgen. „Wenn man etwas falsch gemacht hat, sein Leben wegen eines unerwarteten Todes nicht zu Ende bringen konnte oder etwas büßen oder rächen musste, wurde man vielleicht ein Wiedergänger“, erklärt Alterauge.

Die neue Studie zeigt eine Zunahme von Bauchlagenbestattungen, die zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert an den Rändern christlicher Friedhöfe stattfanden. Die Forscher argumentieren, dass es zumindest in diesem Teil Europas die bevorzugte Methode war, Menschen mit dem Gesicht nach unten zu begraben, um zu verhindern, dass böswillige Leichen zurückkehren und der Gemeinschaft schaden.

Andere Archäologen halten auch alternative Erklärungen für möglich. In einer Welt, die von tödlichen Seuchen heimgesucht wird, könnte es ein symbolischer Akt gewesen sein, das erste Opfer der Gemeinschaft mit dem Gesicht nach unten zu begraben – ein verzweifelter Versuch, weiteres Unheil abzuwenden.

Im 19. Jh. waren Arztbesuche tödlich
Der Arztberuf war vor der Entdeckung der Keime im 19. Jahrhundert weitgehend unreguliert und gefährlich. Die sanitären Verhältnisse waren schlecht, Leichen wurden in der Nähe lebender Patienten untersucht und einige Ärzte trugen voller Stolz blutige Schürzen als Zeichen ihres Könnens. Die Keimtheorie revolutionierte die Medizin und machte daraus die angesehene Praxis und das Studiengebiet, das wir heute kennen.

„Wenn jemand schwer erkrankte, muss das wie eine Strafe Gottes gewirkt haben“, sagt Petar Parvanov, ein Archäologe an der Zentraleuropäischen Universität in Budapest, der an der Studie nicht beteiligt war. „Bestattungen in Bauchlage waren eine Möglichkeit, die Menschen bei der Beerdigung auf etwas hinzuweisen – die Gesellschaft hatte zu viel Sünde zugelassen, und nun wollte man Buße tun.“

Der nächste Schritt bestünde darin, die Bauchlagenbestattungen zu untersuchen, um festzustellen, ob es eindeutigere Verbindungen zu Krankheitsausbrüchen gibt, sagt Sandra Lösch. Die Archäologin und Mitverfasserin der Studie leitet die Abteilung für Anthropologie am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern. Durch die Analyse der DNA von Individuen in Bauchlagengräbern könnte es zum Beispiel möglich sein, spezifische Pestmikroben zu sequenzieren. Derweil könnte die Isotopenanalyse der Knochen und Zähne „Hinweise auf die Ernährung oder geografische Herkunft [der Opfer] liefern, die sie von der übrigen Bevölkerung unterscheiden“, was eine weitere Erklärung für ihre außergewöhnlichen Bestattungen bietet.

Da lokale Grabungsberichte oft nicht veröffentlicht werden, hofft Alterauge, dass in den kommenden Jahren weitere Beweise auftauchen werden, wenn Archäologen alte Funde erneut untersuchen oder ungewöhnliche mittelalterliche Bestattungen mit einer neuen Perspektive betrachten. „Ich glaube definitiv, dass es noch mehr Beispiele gibt“, sagt sie.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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