Schwarzer Tod: So traf die Pest in Europa die Landbevölkerung

Ein unerwarteter archäologischer Fund auf einem Klostergelände kann Hinweise darauf liefern, wie die Bevölkerung mit der Pestkatastrophe umging.

Wednesday, February 19, 2020,
Von Jennifer Pinkowski
Auf dem Gelände der Thornton Abbey in England fanden Archäologen ein Massengrab mit vier Dutzend Pestopfern ...
Auf dem Gelände der Thornton Abbey in England fanden Archäologen ein Massengrab mit vier Dutzend Pestopfern aus der Mitte des 14. Jahrhunderts.
Bild PHOTOGRAPH COURTESY UNIVERSITY OF SHEFFIELD, ANTIQUITY PUBLICATIONS LTD

1348 blickten die Menschen in London mit Angst und Schrecken auf die Ereignisse auf dem europäischen Festland. Der Schwarze Tod fegte über den Kontinent hinweg und hinterließ vielerorts Berge von Leichen und Chaos. „Die Ehefrau floh vor der Umarmung eines geliebten Ehemanns, der Vater vor der eines Sohnes, der Bruder vor der eines Bruders“, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht aus Italien. „Jene, die die Infizierten begruben, trugen, besuchten oder berührten, verstarben oft ganz plötzlich selbst.“

Schon vor mehr als 600 Jahren bereiteten sich Städte wie London deshalb auf die Ankunft und den möglichen Ausbruch großer Seuchen vor. Historische Dokumente belegen, dass London Land pachtete, um neue Friedhöfe für den Seuchenfall anzulegen, und lange Gräben für Massenbegräbnisse ausheben ließ.

Derweil scheinen die Bewohner ländlicher Siedlungen 240 Kilometer nördlich von London, im heutigen Lincolnshire, von der Ankunft des Pestbakteriums Y. pestis überrascht worden zu sein. Traditionell bestatteten sie ihre Toten auf dem Friedhof ihrer Kirchengemeinde. Aber irgendwann in der Mitte des 14 Jahrhunderts hoben sie eine Meile vom Kirchenfriedhof entfernt ein Massengrab bei der Thornton Abbey aus, in welchem sie binnen sehr kurzer Zeit Dutzende von Menschen beerdigten.

In dieser europäischen Zeichnung aus der Mitte des 14. Jahrhunderts tragen Dorfbewohner die Särge von Pestopfern.
Bild Photo12, Universal Images Group/Getty

Während die Pest im Land wütete, schienen die Kranken von Lincolnshire zum Hospital der Thornton Abbey geflohen zu sein. Dort hofften sie auf einen „guten Tod“ – letzte Riten und eine Bestattung auf geweihtem Boden, um sich ihren Platz im Nachleben zu sichern.

„Vermutlich kamen sie [zum Krankenhaus], um zu sterben“, sagt der Archäologe Hugh Willmott von der Sheffield University. „Es ging eher um das Begräbnis als ums Gesundwerden.“Willmott und seine Kollegen fanden auf dem Gelände des ehemaligen Klosters einen seltenen und unerwarteten Beleg für die Reaktion der Einheimischen auf den Pestausbruch von 1348: ein Massengrab mit 48 Menschen, die binnen weniger Tage oder Wochen dort bestattet wurden.

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Gegen Ende des Jahres 1349 waren bis zu 50 Prozent der Bevölkerung Englands (und womöglich bis zu 200 Millionen Menschen in Europa) durch die Pest umgekommen. Trotzdem gibt es überraschend wenige archäologische Stätten, die von diesen Ereignissen zeugen.

Bislang wurden in England kaum eine Handvoll Massengräber mit Pestopfern gefunden. Laut Willmott ist die Entdeckung bei Thornton Abbey aber auch deshalb besonders, weil es der bislang erste derartige Fund in einer ländlichen Gegend ist. Zuvor hatte man angenommen, dass Pestopfer auf dem Land in Einzelgräbern bestattet wurden – im Gegensatz zur Stadt gab es dort schließlich keinen Platzmangel. Thornton Abbey scheint diese Annahme nun zu widerlegen. „Offensichtlich brach das reguläre System für den Umgang mit den Toten zusammen.“

Die Forscher dokumentierten ihre Entdeckung in einer Studie, die im Fachmagazin „Antiquity“ erschien.

Demografie des Todes

2013 grub ein multidisziplinäres Team aus Forschern und Archäologen einen Hügel aus Gletschersand und Kies aus, der sich am ehemaligen Standort eines wohlhabenden Klosters befand. Eine geophysikalische Untersuchung hatte zunächst darauf schließen lassen, dass die Forscher dort Überreste des Gebäudes finden würden. Stattdessen stießen sie auf vier Dutzend Leichname, jeder davon in seinem eigenen Leichentuch und mit über der Taille überkreuzten Armen. Grabbeigaben gab es keine, aber die Archäologen konnten den Zeitpunkt des Massenbegräbnisses anhand von zwei Silberpennys und der Radiokarbondatierung von zwei Skeletten bestimmen.

Das Ausmaß des Schreckens, den die Pest brachte, zeigt sich auch in der demografischen Zusammensetzung des Massengrabs. Mehr als die Hälfte der Toten waren Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren. Für diese Zeit waren das überdurchschnittlich viele junge Opfer, denn die Kindersterblichkeit im Mittelalter war zwar hoch, aber ältere Kinder überlebten oft bis ins Erwachsenenalter.

„Wir haben hier ein katastrophales Mortalitätsprofil. Es hat im Grunde alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen getroffen“, sagt Willmott. „Da zieht sich eine Null-Linie durch die gesamte Bevölkerung.“

Der Gemeindefriedhof der Region – der auch heute noch benutzt wird – liegt nur eine Meile vom Kloster entfernt. Zur Zeit der Pestepidemie war er aber vermutlich durch die hohe Zahl der lokalen Opfer überlastet. „Ich vermute, diese Leichen wurden auf dem Gelände des Klosters begraben, weil der Kirchenfriedhof voll war. Anstatt die Toten dann in großen Gruben auf dem Kirchhof beizusetzen, nutzten sie einfach das Gelände des Klosters“, sagt der Historiker John Hatcher von der University of Cambridge, der drei Bücher über die Pest geschrieben hat. An der aktuellen Studie war er nicht beteiligt.

Die Zähne von zwei Kindern aus dem Massengrab wurden positiv auf Y. pestis getestet, und aus einem davon konnte sogar die DNA des Bakteriums gewonnen werden.

„Die Gewinnung von Pest-DNA aus dem Grab von Thornton Abbey ist eine bedeutende Entdeckung – insbesondere, weil es die erste aus dem Norden Englands ist“, sagt Don Walker. Der Osteologe des Museum of London Archaeology grub im Rahmen des Crossrail Transit Project 2013 ein Pestmassengrab von 1348-9 in London aus. Mit der aktuellen Ausgrabung stand er in keinem Zusammenhang. „Weitere Analysen der Bakterien-DNA könnten einen vielversprechenden Beitrag zu aktuellen Forschungen über die Evolution und Verbreitung der Pest in Europa leisten.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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