Nüchtern bleiben: Dry January und die schwierige Geschichte der Alkoholabstinenz

Eine Weile nichts trinken, weniger trinken oder am besten gar nicht mehr? Seit Jahrhunderten sucht unsere Gesellschaft nach dem richtigen Umgang mit Alkohol. Über eine widersprüchliche Beziehung und den Nutzen des Dry January.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 30. Dez. 2022, 11:18 MEZ
Menschen trinken Wein und liegen betrunken auf Tischen und Stühlen.

Das Trinkgelage von William Hogarth aus dem Jahr 1731. Alkohol enthemmt und beschert feuchtfröhliche Abende. Unkontrollierter Konsum kann jedoch schlimme Folgen haben: Vom Kater am nächsten Morgen bis hin zur Abhängigkeit.

Foto von William Hogarth / wikicommons

Bierselige Weihnachtsfeiern, der Verdauungsschnaps nach dem Festessen, die Flasche Champagner zum Jahreswechsel – im Dezember fließt der Alkohol in Strömen. Bei vielen Menschen macht sich nach all den feuchtfröhlichen Abenden das Gefühl breit, es mit dem Trinken möglicherweise übertrieben zu haben.

Denn: Alkohol ist Freund und Feind zugleich. Seit Jahrhunderten ist er die meistgenutzte Droge der westlichen Gesellschaft. Sein Konsum ist weithin akzeptiert – bis er aus dem Ruder läuft. Dann zeigt er seine dunkle Seite: Kontrollverlust, Abhängigkeit, sozialer Abstieg. Obwohl die Gefahr bekannt ist, gehört Alkohol für viele zum Leben dazu und ist tief in unserer Kultur und ihren Ritualen verwurzelt.

Dr. Andreas Heinz ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité und forscht seit vielen Jahren zum Thema Alkoholkonsum. „Alkohol ist nicht immer ein Riesenproblem, es kommt wirklich auf die Dosis an“, sagt er. Doch die wird laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen regelmäßig überschritten: Im Jahr 2019 trank jeder Deutsche im Schnitt 10,2 Liter reinen Alkohol – knapp 23 Gramm pro Tag. Ein Wert, der deutlich über der vertretbaren Höchstgrenze von 100 Gramm pro Woche liegt. Mehr als ein kleinen Glas Wein oder Bier sollte man demnach am Tag nicht trinken.

„Ich glaube, irgendeine Droge braucht jede Gesellschaft“, sagt Andreas Heinz. Auch politisch und gegen ärztliche Warnungen festzulegen, welche Drogen legal sind, sei das Recht einer demokratischen sozialen Gemeinschaft. „Sie muss sich aber um die Menschen kümmern, die unter die Räder kommen. Und das ist beim Alkohol ein bisschen unfair, denn es gibt immer noch keine optimierte Versorgung für Menschen mit Alkoholproblem. Das ist unehrlich.“

“Ich glaube, irgendeine Droge braucht jede Gesellschaft. Sie muss sich aber um die kümmern, die unter die Räder kommen.”

von Andreas Heinz
Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte in Berlin.

Unsere widersprüchliche Beziehung zum Alkohol zeigt sich aber nicht nur in der Art, wie wir ihn konsumieren und unserem Umgang mit Abhängigen, sondern auch in der Geschichte der Abstinenzbemühungen, die in Deutschland seit Jahrhunderten mit dem Trinken Hand in Hand gehen.

Das rechte Maß: Alkoholkonsum im Mittelalter

Bereits im Mittelalter gab es erste Versuche, den Alkoholkonsum der Bevölkerung zu regulieren. Der damalige Verbrauch lag pro Kopf bei ungefähr drei Litern alkoholhaltiger Getränke am Tag – Kinder mit eingeschlossen. Vermutlich war also der größte Teil der mittelalterlichen Bevölkerung mehr oder weniger durchgängig angetrunken.

Um dem allgegenwärtigen Laster entgegenzuwirken, verbreitete die Kirche das christliche Ideal des „rechten Maßes“. Der Ruf nach Mäßigung – die sogenannte Temperenz – statt Abstinenz hatte nicht zuletzt auch eigennützige Gründe: Wein war schließlich fester Bestandteil des Abendmahls. Auch die hygienischen Umstände machten Alkohol alternativlos, denn aufgrund der schlechten Wasserqualität hatten die Menschen oft keine andere Wahl, als Leichtbier zu trinken und es zum Kochen zu verwenden.

Schon damals steckte man in Bezug auf den Alkohol also in einem Zwiespalt: Einerseits war man sich der negativen Folgen eines ausschweifenden Konsums bewusst, andererseits war ein Verbot nicht gewollt.

Weniger Trinken – oder gar nicht mehr?

Wäre Mäßigung jedoch so einfach, würde Alkohol kein Problem darstellen. In der Geschichte der sogenannten Nüchternheitsbewegung gerieten die Lager der Abstinenz-Verfechter und der Temperenz-Anhänger darum immer wieder aneinander. Auch die Wissenschaft kann sich bis heute nicht einigen, welcher Weg der richtige ist. „Das ist ein alter Streit, der sich seit über zwanzig Jahren hinzieht und zum Teil mit sehr harten Bandagen geführt wird – auf beiden Seiten“, sagt Andreas Heinz.

Wie schwierig Temperenz ist, zeigen Studien mit Alkoholabhängigen. Etwa zehn Prozent gelingt es im Schnitt, abstinent zu leben. Weitere zehn Prozent können ihren Konsum zeitweilig reduzieren – doch zwei Drittel davon werden entweder rückfällig oder schwören dem Trinken letztlich doch für immer ab.

Für viele ist der Gedanke, Alkohol vollständig aus dem Leben zu verbannen, zu radikal – das gilt auch für Menschen, die nicht abhängig sind. Der Vorsatz, weniger zu trinken, erscheint daher zunächst leichter umsetzbar. „Wahrscheinlich ist Abstinenz der sicherere Weg“, sagt Andreas Heinz. „Aber im Zweifel ist reduziertes Trinken immer noch besser, als so weiter zu trinken wie bisher.“

Doch nicht jeder verfügt über die nötige Selbstkontrolle. Wer das an sich selbst erkennt, zieht im besten Fall irgendwann die Konsequenzen. „Wir drängen nicht nur auf Abstinenz. Stattdessen fragen wir unsere Patienten: ‚Was möchten Sie denn selber erreichen?‘“, so Heinz. „Da sagen fast alle: ‚Ich habe es jetzt so lange kontrolliert versucht, das ist mir zu oft schiefgegangen. Ich will jetzt aufhören.‘“

Branntweinpest und Gin-Epidemie

Die erste organisierte Welle der Nüchternheitsbewegung kam in Deutschland in der frühen Neuzeit auf. Ihr Auslöser: Die sogenannte Branntweinpest. Als sich die Kartoffel im 17. Jahrhundert als Kulturpflanze in Deutschland etablierte, entstanden vor allem in den Anbaugebieten im Norden und Osten viele Brennereien. Der Branntwein aus Kartoffeln war billiger als Bier und wurde bald zu einer Art Grundnahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung und teilweise sogar als Arbeitslohn ausgegeben.

Bier gut, Gin schlecht: Der englische Künstlers William Hogarth vergleicht in zwei Drucken aus dem Jahr 1751 die Folgen des Biertrinkens mit dem gesellschaftlichen Verfall, den der Konsum von hochprozentigem Alkohol verursacht.

Foto von William Hogarth / wikicommons

Der Alkoholkonsum stieg dadurch rasant an: Während um das Jahr 1800 in Preußen noch zwei bis drei Liter reiner Alkohol pro Jahr und Kopf konsumiert wurden, waren es 30 Jahre später im Schnitt acht Liter. Die gesellschaftlichen Probleme – Kriminalität, Armut, sinkende Arbeitsmoral und zerrüttete Familien – die der weitverbreitete Alkoholmissbrauch auslöste, waren nicht zu ignorieren. Als Reaktion darauf wurden eine Reihe von Enthaltsamkeitsverbänden gegründet, die im Jahr 1848 insgesamt fast eine Million Mitglieder zählten.

Vor der Sucht ist keiner sicher

Vor dem Hintergrund der Gin-Epidemie, die Mitte des 18. Jahrhunderts in Großbritannien zu ähnlichen Zuständen geführt hatte, begannen die britischen Ärzte Samuel Pearson und Thomas Sutton, die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums zu erforschen. Im Jahr 1813 beschrieben sie unabhängig voneinander das Delirium tremens, eine Komplikation des Alkoholentzugs, die sich durch Zittern und Bewusstseinsstörungen äußert. Die schädlichen Effekte, die der Konsum von Alkohol auf den Körper hat, sind also seit über 200 Jahren bekannt – ebenso wie die Gefahr der Abhängigkeit.

Dass niemand vor der Sucht sicher ist, zeigte der britische Suchtforscher Griffith Edwards vor Jahrzehnten in einem Experiment. Er ließ seine Studierenden zwei Wochen lang täglich eine Flasche Schnaps trinken. „Heute wäre so etwas an der Uni undenkbar“, sagt Andreas Heinz. „Aber was interessant ist: Nach 14 Tagen hatten alle einen Entzug. Das zeigt, dass es Unsinn ist zu glauben, es gäbe Menschen, die Alkohol trinken können, ohne in die Gefahr der Abhängigkeit zu kommen. Unsere Gehirne ticken letztendlich alle ähnlich.“ Der eine brauche vielleicht etwas mehr, der andere weniger von einer Substanz, aber früher oder später trete eine Gewöhnung ein. 

Extreme Abstinenzbewegung

Im deutschen Kaiserreich wurde im Jahr 1883 der Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke (DVMG) gegründet – der damals wichtigste bürgerliche Mäßigkeitsverein. Er propagierte, dass Alkoholkonsum keinesfalls Privatsache sei, sondern der Allgemeinheit und der Wirtschaft schade. Im Jahr 1892 erreichte er, dass dem Reichstag ein Entwurf für ein strenges Alkoholgesetz vorgelegt wurde. Der Vorstoß scheiterte am Widerstand der Vertreter der Schankwirtschaft und Schnapsbrenner.

In den folgenden Jahren nahm die Abstinenzbewegung immer extremere Züge an. Wollte man den Alkohol zuvor vor allem aus sozioökonomischen Gründen verbannen, beriefen sich Vertreter der Degenerationstheorie in der Weimarer Republik auf die weitreichenden körperlichen Schäden, die er verursacht. Sie waren überzeugt, dass selbst moderater Alkoholkonsum das Erbgut nachhaltig schädigt und Trinker ihren Alkoholismus an ihre Nachkommen weitergeben.

Die Degenerationstheorie fand als Vorreiter der Eugenik und der Rassenhygiene schließlich Eingang in die Ideologie der Nationalsozialisten. Sie setzten die von ihren Vorgängern empfohlenen Heiratsverbote und Zwangssterilisationen in die Tat um – viele schwer alkoholabhängige Menschen wurden im Zuge der sogenannten Euthanasie ermordet.

Trinken als soziales Bindemittel

Pauschal zu sagen, dass Alkoholismus in den Genen liegt, wäre falsch. Tatsächlich gibt es aber genetische Risikokonstellationen, die zum Beispiel bestimmen, wie viel Alkohol eine Person verträgt. „Die Trinkfesten sind nicht gefeit, sondern gefährdet“, erklärt Andreas Heinz. „Wer akut trinkfest ist, neigt dazu, langfristig zu viel zu trinken, und wird dann erst recht abhängig.“

Erst vor kurzem konnte aber eine dänische Studie zeigen, dass die genetische Veranlagung bei der Neigung zum Alkoholismus weitaus weniger stark zum Tragen kommt, als die Biographie und das Umfeld. Sozialleben und Alkohol stehen in einem symbiotischen Verhältnis: Zum einen wirkt Alkohol als enthemmendes soziales Bindemittel, zum anderen wird in geselliger Runde meist mehr getrunken.

Alkohol ist seit Jahrhunderten fester Bestandteil sozialer Zusammenkünfte in der westlichen Gesellschaft – so wie auf diesem Gemälde des niederländischen Malers Jan Steen aus dem Jahr 1678 mit dem Titel Lockere Gesellschaft.

Foto von Jan Steen / wikicommons

So führen zum Beispiel Arbeitslosigkeit und der daraus resultierende Verlust von Sozialkontakten laut dem deutschen Suchtforscher Dr. Dieter Henkel eher zu einer Abnahme des Alkoholkonsums. „Soziale Isolierung und Einsamkeit wirken nicht so, wie man denkt“, sagt auch Andreas Heinz. „Leute, die schon auf der Kippe stehen, trinken unter Einsamkeit wahrscheinlich mehr. Aber die meisten anderen trinken erst einmal weniger, weil soziale Trinkanlässe wegfallen.“

Wer seinen Alkoholkonsum reduzieren oder pausieren möchte, hat also – vorausgesetzt er ist der Droge nicht bereits verfallen – bessere Erfolgschancen, wenn er sich zumindest zeitweilig von solchen Situationen fernhält. Der Januar bietet dafür die perfekte Gelegenheit, denn nach dem Partymonat Dezember nimmt die Zahl der sozialen Anlässe Anfang des Jahres merklich ab. 

Viele scheinen das schon jetzt für eine Alkohol-Auszeit zu nutzen: Eine Studie, die das Trinkverhalten von rund 900 Teilnehmern zwischen Februar 2020 und 2021 untersucht hat, zeigt, dass die Alkoholkonsumrate im Januar im Vergleich zum restlichen Jahr deutlich niedriger war. 

Dry January – ein nüchterner Monat

Die zeitlich beschränkte Alkoholabstinenz am Jahresanfang hat einen Namen: Dry January. Im Jahr 2014 von der gemeinnützigen Organisation Alcohol Change UK ins Leben gerufen, verbreitete sich die Idee von Großbritannien aus in viele andere Länder – darunter Frankreich, Island, Norwegen und die Schweiz. In Deutschland organisiert das Blaue Kreuz die erste offizielle deutsche Dry January-Kampagne, die am 1. Januar 2023 startet.

Doch was bringt Abstinenz auf Zeit? Laut Andreas Heinz mehr, als man vermuten würde. „Auf fast alle körperlichen Effekte gibt es Dosiseffekte. Heißt: Je mehr man trinkt, desto schlechter und je weniger, desto besser.“ Die Alkoholpause nutze der Körper, um sich zu regenerieren. „Es kommt immer darauf an, wie ausgeprägt die vorhandenen Schäden sind. Ist durch das Trinken ein Krebs entstanden, geht der natürlich nicht weg“, erklärt er. „Aber eine Leberverfettung bildet sich schon zurück. Auch das Gehirn erholt sich, nachdem es unter Alkoholeinfluss geschrumpft ist – allerdings eher so über drei Monate.“

Am besten ist es ihm zufolge, das ganze Jahr über Alkohol nur kontrolliert zu konsumieren. „Einen Monat lang nichts zu trinken und dann wieder viel ist natürlich nicht ideal“, sagt er. „Aber wenn man nur den einen Monat schafft, ist das immer noch besser, als gar nichts zu machen." Die Grundidee,  ritualisiert eine Kontrolle auf Zeit einzulegen, sei nicht schlecht. Die Statistik gibt ihm recht: Bei den Teilnehmern des Dry January in der Schweiz wurde beobachtet, dass 70 Prozent von ihnen ihren Alkoholkonsum anschließend langfristig reduzierten. Der Dry January kann also ein guter erster Schritt zu einem insgesamt gesünderen Trinkverhalten sein. 

Wie viel Alkohol ist zu viel?

Die weite Verfügbarkeit und hohe Akzeptanz von Alkohol machen es schwer, zu erkennen, wann der eigene Umgang mit der Droge ins Negative abgleitet. Einer internationalen Studie zufolge ist bei circa 2,5 Litern Bier oder 5,5 Gläsern Wein pro Woche die Grenze erreicht. Mehr verkürzen das Leben. 

In einer Umfrage des Instituts für Therapieforschung (IFT) aus dem Jahr 2019 gaben 15,9 Prozent der Befragten an, sich im vorangegangenen Monat mindestens einmal in einen rauschhaften Zustand getrunken zu haben – bei 8,8 Prozent geschah das viermal oder häufiger. Oft merken Betroffene viel zu spät, dass sich ihr Konsum in einem kritischen Bereich befindet.

Was kann man also tun, wenn man das Gefühl hat, der eigene Alkoholkonsum laufe aus dem Ruder? „Ich rate allen Leuten, die sich fragen, ob sie vielleicht zu viel trinken, einfach mal ehrlich aufzuschreiben, was sie konsumieren, und das vielleicht auch mit jemandem zu besprechen, dem sie vertrauen und der ihnen nicht gleich moralische Vorwürfe macht“, sagt Andreas Heinz. „Das ist oft ein guter erster Schritt.“


 

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