Atlantis in Deutschland: Als das sagenhafte Rungholt in der Nordsee versank

Verborgene Schätze, sündige Bürger und der Zorn Gottes: Zahlreiche Legenden ranken sich um die nordfriesische Hafenstadt Rungholt. 1362 ging sie bei einer kaum vorstellbaren Katastrophe unter. Noch heute finden sich Spuren im Wattenmeer.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 1. Juni 2023, 14:46 MESZ
Alte Karte der nordfriesischen Hafenstadt Rungholt, die 1362  in den Fluten versank.

Die nordfriesische Hafenstadt Rungholt versank 1362  in den Fluten.

 

Foto von Museumsverbund Nordfriesland/Meyer

16. Januar 1362: Unerbittlich peitscht der Sturm, mehrere Meter hoch türmen sich die schwarzen Wellen auf. Mit schier unvorstellbarer Wucht rollt die Wasserwalze auf das Land zu, begräbt alles unter sich, was sich ihr in den Weg stellt. Zehntausende Menschen kommen ums Leben, riesige Landflächen versinken in der Nordsee. Insgesamt 100.000 Hektar gehen verloren, so viel wie 140.000 Fußballfelder. 

Die Zweite Marcellusflut, auch bekannt als Grote Mandrenke („große Manntränke, großes Ertrinken“) verwüstet weite Teile der friesischen Küste. Und mit Rungholt versinkt einer der wichtigsten norddeutschen Handelsorte in den Fluten. 

Die Naturkatastrophe scheint so unbegreiflich, dass bald Legenden entstehen. Von einem Ort des Prunks und der Sünde ist die Rede, von hemmungslosen Bewohnern, die ihren Untergang geradezu heraufbeschworen. 

Unermessliche Reichtümer? Goldschmuck aus Rungholt

Foto von Museumsverbund Nordfriesland

Die Legende von Rungholt

Einer Erzählung zufolge war es Gott, der die Rungholter für ihr lasterhaftes Leben bestrafte: Betrunkene Bauern sollen einen Pfarrer darum gebeten haben, einem todkranken Patienten die Sterbesakramente zu spenden. Doch anstelle eines Menschen fand der Geistliche ein betrunken gemachtes Schwein vor. Als er sich weigerte, wurde er von dem pöbelnden Mob verprügelt.

Mit letzter Kraft rettete er sich in seine Kirche. In der folgenden Nacht warnte ihn ein Traum vor einer nahenden Katastrophe. Dem Gottesdiener gelang die Flucht aus der sündigen Stadt, die wenig später von der verheerenden Flut verschlungen wurde.

Im Laufe der Jahrhunderte wird Rungholt zum mythischen Ort. Hat es das sagenumwobene Atlantis der Nordsee tatsächlich gegeben? Falls ja: Wo genau lag Rungholt? Liegen seine angeblichen Reichtümer immer noch auf dem Grund der Nordsee? Oder war Rungholt nur das gedankliche Produkt mittelalterlicher Geschichtenerzähler und späterer Chronisten?

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Wiedergeburt im Wattenmeer

Fakt ist: Im Mittelalter gab es einen Küstenabschnitt namens Strand, aus dem nach mehreren Sturmfluten eine Insel entstand. In der Burchardiflut von 1634 wurde sie auseinandergerissen. Die Reste von Strand bilden heute unter anderem die Halbinsel Nordstrand und die Insel Pellworm.

Sichere Belege für die Existenz von Rungholt aber schien es lange nicht zu geben – bis die Gezeiten im frühen 20. Jahrhundert plötzlich die Überreste uralter Siedlungshügel und Bauten im Wattenmeer südlich der Insel Pellworm freispülen. 

Mit detektivischer Kleinarbeit macht sich der Heimatforscher Andreas Busch ab 1921 daran, die Fundstücke zu untersuchen. Systematisch analysiert er die Indizien im Schlick, die bei Ebbe immer wieder zum Vorschein kommen. 

Zeitgenössische Darstellung der verheerenden Burchardiflut von 1634.

Foto von Gemeinfrei

Reges Treiben im Atlantis der Nordsee

Bis heute finden sich immer wieder Spuren der versunkenen Siedlung im Watt. Die meisten Forschende sind sich sicher: Es handelt sich um Rungholt. Überreste von etwa 100 Brunnen lassen auf eine hohe Bevölkerungszahl schließen. Mindestens 1.000 Menschen lebten dort vermutlich. Zum Vergleich: Im damaligen Hamburg waren es 5.000. Abdrücke von Deichen und Entwässerungsgräben im Schlick weisen auf eine komplexe Infrastruktur hin. 

Die Häuser standen in der Regel von Deichen geschützt auf rund 30 Erdhügeln. Sogar den Ortskern konnten Forschende anhand des mutmaßlichen Standorts einer Kirche ermitteln. Inzwischen konnte ein Forschungsteam die Kirche im Watt lokalisieren. Die Menschen lebten von Viehhaltung, Getreideanbau, Salzgewinnung und Handel. 

Ausländische Keramik aus Spanien und Skandinavien liefern einen Hinweis darauf, dass Rungholt ein bedeutender Handelsort gewesen sein muss. Vorstellungen einer prunkvollen Hafenstadt voller Reichtümer entspringen allerdings wohl eher dem Reich der Fantasie. 

Einen Teil der Funde kann man im Nordfrieslandmuseum Nissenhaus auf Husum besichtigen – darunter auch dieses Schwert.

Foto von Museumsverbund Nordfriesland

Wenn Rungholts Glocken läuten

Einen Teil der Funde kann man im Nordfrieslandmuseum Nissenhaus auf Husum besichtigen – darunter auch Schwerter, Schmuck und die Gesichtsrekonstruktion eines Rungholter Mannes, die mithilfe von DNA-Analysen erstellt wurde. 

Vermutlich lebten sie gut, die Rungholter. Zumindest bis zu jenem schicksalhaften Tag im Januar 1362, als sich das Meer sein Land zurückholte. Wer genau hinhört, kann heute noch Rungholts Glocken hören. Alle sieben Jahre im Sommer beginnen sie aus der Tiefe des Meeres zu läuten. So zumindest lautet ein weitere Legende um das Atlantis der Nordsee.

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