Geschichte und Kultur

Marco Polo: Der ewig Reisende

Ein Kaufmann aus Venedig reist durch Asiens unbekannte Berge und Wüsten, Steppen und Städte. 17 Jahre dient Marco Polo dem Herrscher der Mongolen, kommt dabei bis China – und sieht Kulturen, die Europa überlegen sind.

Von National Geographic

Reisen steckt der Familie Polo im Blut. Im Osten, das wissen sie als venezianische Kaufleute, gibt es kostbare Waren: Edelsteine, Gewürze und Seide. Niccolò und Maffeo Polo, zwei Brüder, brechen um 1260 von Konstantinopel zu einem Abenteuer auf, das ungeahnte Folgen haben wird. Über die Krim ziehen sie ins Zentrum der Goldenen Horde, des mongolischen Westreichs, werden durch Thronwirren weiter nach Osten verschlagen, schließen sich in Buchara einer persischen Gesandtschaft an und gelangen so 1266 an den Hof des Herrschers Kublai Khan. Der hält große Stücke auf das Christentum und gibt den beiden für den Rückweg einen Brief an den Papst mit. Darin bittet er um 100 Gelehrte, die das Evangelium in seinem Reich verbreiten sollen, und um Öl aus der Lampe auf dem Jesusgrab in Jerusalem, das als Balsam für Seele und Körper gilt. Mit vielen Geschenken kehren sie 1269 nach Venedig zurück.

Zwei Jahre später brechen sie erneut auf, um die Bitte des Khans zu erfüllen. Sie nehmen den 17-jährigen Marco, den Sohn von Niccolò, mit auf die Reise. Der Papst ist gerade gestorben, die Neuwahl noch im Gang. Sie schiffen sich nach Akko im Heiligen Land ein. Das Öl zu beschaffen ist kein Problem, wohl aber das zweite Begehr des Khan. Der päpstliche Legat Teobaldi Visconti, den sie in Akko treffen, gibt ihnen ein Schreiben an den Mongolenherrscher mit. Darin bittet er um Verständnis, dass die 100 Missionare erst geschickt werden können, wenn der neue Papst gewählt sei. Kaum sind die Venezianer aufgebrochen, wird Visconti als Gregor X. Kirchenoberhaupt in Rom. Die Polos eilen noch einmal nach Akko zurück, um wenigstens zwei Dominikaner mitzunehmen, die sie nach Asien begleiten sollen. Doch die beiden Patres, Wilhelm von Tripolis und Nikolaus von Vicenza, kapitulieren schon bald vor den Strapazen der Reise – sie kehren zum Mittelmeer zurück, die Venezianer ziehen durch Mesopotamien und Persien nach Osten.

Eigentlich wollen sie diesmal mit dem Schiff nach China gelangen. Doch im Seehafen Hormus (heute Bandar Abbas) finden sie kein geeignetes Boot. So bleibt ihnen kein anderer Weg als die mühsame Reise über Land. 1272 durchqueren sie die Salzwüste Dasht-e Lut, gelangen in Afghanistan in die Städte Herat und Balch – den östlichsten Punkt, den Alexander der Große bei seinen Eroberungszügen vor 1500 Jahren erreichte. Auf dem Weg zum Handelszentrum Kaschgar wird Marco Polo krank. Er braucht ein Jahr, um sich in der Bergregion Badachschan zu erholen. In den Basaren staunt Marco Polo, so sein späterer Bericht, über die «blaugrünen Lapislazuli, die feinsten Lapislazuli der Welt», und über rubinrote Spinelle, «die wertvollsten Rubine».

Die Polos ziehen auf der Wachan-Route weiter. Sie wird seltener benutzt als die nördliche Seidenstraße über Buchara und Samarkand. Doch auch sie ist ein alter Handelsweg, durch den sich Buddhismus und Islam verbreitet haben – und nun auch das Christentum einzieht. Auf dem Pamir-Plateau spürt der junge Venezianer, was es heißt, auf 4000 Meter Höhe zu reisen. «Begib dich hinein, und du kommst nicht mehr heraus» bedeutet der Name der Wüste Taklamakan, die dann folgt. «Überall Berge, Sand und Täler, nichts Essbares», notiert Marco Polo, erst «nach Ablauf eines Tages und einer Nacht findet man Trinkwasser». Vermutlich haben sie Kameltreiber gemietet, die die Lage der Wasserlöcher kennen.

Als es noch 40 Tagesreisen bis zum Palast von Kublai Khan sind, kommen ihnen Gesandte des Mongolenherrschers entgegen. Sie geleiten sie zur Sommerresidenz Shangdu, die „Stadt der 108 Tempel“, nördlich des heutigen Peking gelegen. Dort knien die Venezianer 1275 vor dem Enkel des großen Dschingis Khan. «Ein Prachtbau aus Marmor und Stein», notiert Marco Polo, «Säle und Zimmer sind vergoldet.» Im Tiergarten befinde sich ein weiterer Palast, ganz aus Bambus gebaut, mit «vergoldeten und lackierten Säulen, auf denen je ein Drache steht, der die Säule mit dem Schwanz umschlingt und das Dach mit ausgestreckten Tatzen trägt... Der Großkhan ließ den Palast so konstruieren, dass er jederzeit nach seinem Wunsch an irgendeinen beliebigen Ort gebracht werden kann. Mit mehr als 200 Seilen aus Seide kann man ihn überall aufstellen.»

Kublai Khan ist beeindruckt von dem mittlerweile 21-Jährigen Marco Polo. Während Vater und Onkel ihren Geschäften nachgehen, lernt Marco eine Sprache nach der anderen, die im Mongolenreich gesprochen werden. Der Herrscher betraut Marco Polo mit Sondermissionen. Als Diplomat und Vertrauter des Potentaten reist er in den nächsten 17 Jahren durch Tibet, durch die Regionen am Fluss Jangtse, am Gelben Fluss und am Mekong. Als erster Europäer gelangt Marco Polo ins Innere von Birma und ins Gebiet der heutigen Staaten Thailand und Vietnam, möglicherweise auch nach Sibirien. Nicht alles, was er später berichtet, hat er mit eigenen Augen gesehen. Oft schreibt Marco Polo auch nieder, was ihm zugetragen wird. So mischen sich eigene und fremde Beobachtungen in seinen Notizen.

Seine Lieblingsstadt ist Hangzhou in China. Sie war einst die blühende Kapitale der Song-Dynastie und wurde 1276 von den Mongolen erobert. 1282 bis 1285 amtiert Marco Polo hier als Gouverneur. Es sei, so schreibt er später, «die bei weitem glanzvollste Stadt der Welt», mit «1600000 häuslichen Herden». Er schwärmt von «öffentlichen, warmen Bädern», in denen «hundert Männer oder hundert Frauen bequem zur gleichen Zeit miteinander baden können». Marco Polo schreibt von 20000 Prostituierten in der Stadt und berichtet fasziniert, wie Kohle zum Heizen verwendet wird.

Gegen Ende der achtziger Jahre verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Khans. Der Widerstand der Chinesen gegen die Mongolen wächst. Die Venezianer möchten wieder nach Hause. Nach langem Zögern willigt der Herrscher ein. Als letzten Auftrag sollen sie die 17-jährige Kokejin nach Persien bringen, die Kublai Khans Großneffe Arghun zur Frau nehmen will. Der Landweg ist durch Kämpfe versperrt, daher müssen die Venezianer übers Meer. 14 Schiffe werden ausgerüstet, 600 Passagiere drängen an Bord, dazu kommen noch die Matrosen. 1292 sticht die Flotte vom Hafen Quanzhou aus in See. Die Reisenden sitzen Monate auf der Insel Samudra (Sumatra) fest, bis günstige Winde kommen. Marco Polo genießt die «besten Fische der Welt», die «riesigen Kokosnüsse» und den tuak – einen fermentierten, grünlichen Palmensaft, der etwa so stark wie Bier ist –, einen «wohlschmeckenden Wein». Allerdings schreibt Marco Polo auch entsetzt: «Ihr könnt mir glauben: Die Eingeborenen in den Bergen verzehren Menschenfleisch.»

Die Fahrt entlang der indischen Küste fordert einen hohen Tribut. Unwetter und Skorbut raffen die Reisenden dahin. Als die Venezianer in Hormus ankommen, sind von den 600 Passagieren ganze 18 noch am Leben. Der Herrscher Arghun ist inzwischen gestorben, so wird die Prinzessin seinem Sohn Casan übergeben. Sie stirbt schon drei Jahre nach ihrer Ankunft, im Alter von ungefähr 22 Jahren. Über Trapezunt und Konstantinopel schaffen es die Polos nach Hause. Als sie 1295 in Venedig ankommen, erkennt sie niemand mehr; längst wurden sie für tot erklärt. Sie sind in Lumpen gekleidet und verströmen, so der spätere Chronist Giambattista Ramusio, «ein gewisses unbeschreibliches Flair von Tataren, sowohl in ihrer Erscheinung als auch in ihrem Akzent». Doch als das heruntergekommene Trio die Säume seiner Gewänder aufreißt, kommen Rubine, Diamanten und Smaragde zum Vorschein. «Ganz Venedig», so Ramusio, «eilte zu ihrem Haus, um sie zu umarmen.»

Im Krieg zwischen Venedig und Genua wird Marco Polo als Kommandant einer Galeere gefangen genommen. Sein Mithäftling in Genua ist der Schriftsteller Rustichello. Dieser berichtet, es sei dem Venezianer gelungen, sich seine Notizen ins Gefängnis kommen zu lassen. Rustichello schmückt das Werk auf seine Weise aus, rund 150 weitere Versionen werden in den folgenden Jahrzehnten erstellt. 1299 wird Marco Polo aus der Haft entlassen. Was er an Wundern aus dem Osten berichtet, wird von vielen angezweifelt. Doch noch auf dem Strebebett im Jahr 1324 schwört er: «Ich habe noch nicht einmal die Hälfte dessen niedergeschrieben, was ich gesehen habe.»

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