Tiere

Haie leben länger als gedacht – das kann schlimme Folgen haben

Die Radioaktivität von Atombombentests hat laut einer neuen Studie dabei geholfen, die lange Lebenserwartung der Tiere aufzudecken. Mittwoch, 15 November

Von Elizabeth Armstrong Moore

Wir Menschen versuchen oft alles Mögliche, um jünger zu wirken, als wir sind. Haie, so scheint es, schaffen das auf ganz natürliche Weise.

Vor etwa zehn Jahren deuteten Studien erstmal darauf hin, dass viele Haie wahrscheinlich eine höhere Lebenserwartung haben, als man bislang vermutete. Nun hat eine neue Studie Daten aus mehr als 50 Studien analysiert und kam zu dem Schluss, dass die Lebensdauer zahlreicher Haie, Rochen und Knorpelfische unterschätzt wurde. 

Das liegt auch daran, dass neue Methoden zur Altersbestimmung von Haien – zum Beispiel die Radiokarbondatierung – sich als akkurater erweisen als die traditionelle Methode, bei der die Wachstumsringe an den Wirbeln gezählt wurden, sagt Alastair Harry. Der Studienautor ist ein Fischereiwissenschaftler an der australischen James Cook Universität.

„Die Wissenschaftler waren sich [der Unterschätzung des Alters] definitiv bewusst, aber begriffen vermutlich nicht so ganz das Ausmaß und die Häufigkeit“, so Harry.

Die Ergebnisse wurden in „Fish and Fisheries“ veröffentlicht und deuten darauf hin, dass Haie – von Weißen Haien über Sandtigerhaie bis zu Schwarzhaien – Jahrzehnte länger die Ozeane durchschwimmen, als bisher vermutet wurde.

Gerade erst letztes Jahr fanden Wissenschaftler heraus, dass Grönlandhaie, die in den kalten, arktischen Gewässern zu Hause sind, mehrere Jahrhunderte alt werden können. 

Das Schwierige daran ist den Forschern zufolge, dass das für den Artenschutz ein Problem bedeuten kann.

WACHSTUMSRINGE

Indem Harry 53 der bisher untersuchten Haipopulationen überprüft hat, kam er zu dem Schluss, dass das Alter von 30 Prozent dieser Populationen unterschätzt wurde.

Das Alter eines Hais zu schätzen, ist keine leichte Aufgabe. Ihnen fehlen sogenannte Otolithen (Ohrensteine) – kleine Kalziumkörnchen im Innenohr, die im Laufe des Lebens eines Knochenfischs in regelmäßigem Abstand neue Schichten ausbilden. Diese Schichten kann man ähnlich den Ringen eines Baumes zählen – und die Methode funktioniert. (Lesenswert: Dieses Tier wird unfassbare 11.000 Jahre alt)

In Ermangelung dieses Hilfsmittels haben Wissenschaftler also jahrzehntelang das nächstbeste Merkmal gezählt: Die kalzifizierten Wachstumsringe, die sich an den Wirbeln der Tiere bilden.

Das Zählen dieser Ringe ist ebenso Kunst wie Wissenschaft. Verschiedene Wissenschaftler können beim selben Hai auf eine unterschiedliche Anzahl von Ringen kommen, weshalb manchmal auch einfach der Durchschnitt gebildet wird, sagt George Burgess. Der ehemalige Leiter des Haiforschungsprogramms vom Florida Museum of Natural History war an der neuen Studie nicht beteiligt.

Die neuen Funde zeigen, dass die Wachstumsringe umso weniger mit dem tatsächlichen Alter des Hais übereinstimmen, je älter der Hai ist. Laut Harry sind diese Ringe also nicht immer verlässliche Indikatoren.

MIT HILFE DER BOMBEN

Gregor Cailliet, ein emeritierter Professor der Moss Landing Marine Laboratories in Kalifornien, beschäftigt sich seit den 70ern mit dem Alter von Haien. Ihm zufolge kann die Ringmethode drei Ergebnisse haben:

„Gut ist es, wenn die Wachstumszonen und das nachgewiesene Alter identisch sind. Schlecht ist es, wenn sie keine Bedeutung haben. Und ganz schlecht ist es, wenn es Diskrepanzen gibt."

Harrys stichhaltige Analyse verdeutlicht die Schwierigkeiten bei der Altersbestimmung von Haien, besonders bei älteren Tieren, fügt Cailliet hinzu.

Experten haben eine deutlich verlässlichere Methode entdeckt: Sie testen die Kohlenstoff-Radioisotope in den Wachstumsringen. Diese Isotope sind eine Art Zeitstempel für jeden Hai, der während der Atombombentests der 1950er und 1960er am Leben war, als sich die Konzentration der radioaktiven 14C-Atome in der Atmosphäre stark erhöhte.

2007 testeten Forscher beispielsweise die Isotope in Heringshaien vor Neuseeland und fanden heraus, dass einige von ihnen 65 oder älter waren – mehr als doppelt so alt, wie ihre Wachstumsringe vermuten ließen. 

DAS GANZE AUSMASS DES PROBLEMS

Auf dem Gebiet der Lebenserwartung von Haien ist noch mehr Forschung nötig. Von den 1.200 bekannten Hai- und Rochenarten wurden bisher nur ein paar Dutzend untersucht.

Aber Harrys Studie ist schon Grund genug zur Besorgnis. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Fische deutlich länger leben können, als unsere Methode des Zählens der kalzifizierten Wachstumsringe [vermuten lässt]. Das ist ein großer Grund zur Besorgnis“, so Burgess.

Naturschützer entwerfen ihre Vorgaben zum Artenschutz auf Basis der Lebenserwartung von Haien. Wenn diese unterschätzt wird, könnte das bedrohten Haiarten zusätzlichen Schaden zufügen.

Der Kaiserbarsch Hoplostethus atlanticus ist dafür ein Paradebeispiel. Man nahm einst an, dass der Tiefseefisch etwa 30 Jahre alt werden kann – dementsprechend wurden auch die Regelungen für den Fang der Art aufgestellt. Dann stellte sich aber heraus, dass diese Fische mehr als 100 Jahre alt werden können und deutlich später die sexuelle Reife erreichen und sich fortpflanzen. Die Art erholt sich derzeit noch immer von den Folgen der Überfischung.

Burgess sagt aber, dass Wissenschaft nun mal so funktioniert.

„Die Botschaft, die wir predigen, ist nicht in Stein gemeißelt. Es sind Fingerabdrücke im Sand. Die nächste Welle wird sie fortspülen und wir werden die Formel umschreiben.“