Tiere

Reagieren Hunde auf Babysprache anders?

„Braver Junge!“ Wissenschaftler untersuchten, welche Wirkung übertriebene Betonung und eine höhere Stimmlage auf unsere vierbeinigen Freunde haben. Mittwoch, 6. Juni 2018

Von Linda Lombardi
Ein aufmerksamer brauner Labrador sitzt im US-Bundesstaat Maine auf einem Steg. Hunde sind äußerst gut darin, Worte und Intonation menschlicher Sprache zu erkennen.

Die meisten von uns können gar nicht anders: Wenn wir mit Hunden sprechen, ist unsere Stimme heller und freundlicher als normal. Der ein oder andere hat deshalb vielleicht auch schon mal eine herablassende Bemerkung darüber gehört, dass das doch ein Tier und kein Kind sei.

Auf der ganzen Welt ist der sogenannte Baby Talk – auch als Ammensprache oder Babysprache bezeichnet – in vielen Sprachen verbreitet. Gegenüber kleinen Kindern spricht man dann mit höherer Stimme, oft langsamer als normal und mit veränderte Betonung. Man vermutet, dass dieses Verhalten den Spracherwerb der Kinder erleichtern soll, indem beispielsweise Vokale betont werden.

Hunde werden allerdings nie unsere Sprache sprechen – macht es also überhaupt einen Unterschied, wenn wir auf diese Weise mit ihnen reden? Mit genau dieser Frage hat sich eine Studie beschäftigt, die im Fachmagazin „Animal Cognition“ veröffentlicht wurde.

HUNDESPRACHE

Für die Studie baten die Forscher zwei Menschen darum, einen Lautsprecher in ihrem Schoß zu halten, der Aufnahmen ihrer eigenen Stimme abspielte.  

„Wir glauben, dass Hunde Veränderungen von akustischen Eigenschaften sehr gut wahrnehmen können – Dinge wie das Geschlecht der Person und ihre Größe. Deshalb passte die Sprachaufnahme immer zu der Person, die den Lautsprecher hielt“, sagt die Co-Autorin Alex Benjamin, eine Doktorandin an der Universität York.

Benjamin und ihre Kollegen arbeiteten mit 37 Haushunden aus dem englischen York. Sie leinten die Tiere an und brachten sie in den Raum mit den zwei Menschen. Dort hörten die Hunde die zwei unterschiedlichen Sprachaufnahmen: Eine wurde im normalen Gesprächston aufgenommen, während es sich bei der anderen um dog-directed speech (DDS) handelte, eine Art Babysprachenäquivalent für Hunde mit übertriebener Betonung und für die Hunde relevanten Worten wie „treats“ (dt. Leckerlis).

Dann bemaß das Team, wie lange die Hunde die beiden Personen jeweils ansahen und wie lange sie bei ihnen blieben, wenn sie abgeleint wurden.

„Die Hunde schauten länger zu der Person, die DDS benutzte“, sagt Benjamin. „Und im Schnitt verbrachten sie auch mehr Zeit mit der Person, die diese Sprachebene kürzlich benutzt hatte.“

EINE FRAGE DES PUBLIKUMS

Die Ergebnisse scheinen darauf hinzudeuten, dass Hunde ihr Äquivalent der Babysprache bevorzugten.

Aber warum haben wir überhaupt den Drang, mit ihnen wie mit einem Baby zu sprechen? Genau da liegt der Clou: Diesen Drang haben wir gar nicht.

Vorherige Forschungen hatten herausgefunden, dass sich Babysprache und DDS leicht voneinander unterscheiden – Hunden gegenüber betonen wir beispielsweise Vokale nicht so übertrieben wie Babys gegenüber.

Das ergibt insofern Sinn, als dass wir von Hunden nicht erwarten, dass sie diese Vokale lernen und wiederholen. Besitzer von Papageien hingegen betonen Vokale, wenn sie mit ihren Vögeln sprechen, die menschliche Sprache zum Teil nachahmen können.

„Das lässt vermuten, dass wir die linguistischen Fähigkeiten des Tiers oder der Person, mit der wir sprechen, berücksichtigen“, sagt Benjamin. „Und das passiert größtenteils unterbewusst – die Leute bemerken gar nicht, dass sie irgendwas anders machen.“

INHALT ODER KLANG?

Um zu testen, ob die Hunde in der Studie hauptsächlich durch ihnen bekannte Worte wie „Gassi“ oder „Leckerli“ aufmerksam wurden, spielten die Wissenschaftler auch Aufnahmen ab, bei denen Inhalt und Intonation nicht zueinander passten.

Beispielsweise hörten die Hunde Sätze wie „Ich bin gestern Abend ins Kino gegangen“ in DDS oder „Oh, du bist aber ein guter Junge, willst du Gassi gehen?“ in einer tonlosen, gelangweilten Stimme.

Die Hunde zeigten keinerlei Präferenz für eine der beiden Varianten, was darauf hindeutet, dass die Ergebnisse des ersten Experiments nicht nur von einem der beiden Faktoren (bekannte Worte oder Intonation) abhingen, sondern von einer Kombination aus beidem.

„Womöglich sorgt die Intonation dafür, dass die Hunde überhaupt auf die Sprache achten und dann erst erkennen, ob man für sie relevante Worte verwendet oder nicht“, sagt Benjamin.

WER TRAINIERT WEN?

Benjamin zufolge ist noch weitere Forschung nötig, um herauszufinden, ob diese Präferenz angeboren oder erlernt ist – oder eine Kombination aus beidem.

„Es ist möglich, dass sie auf diese Art der Sprache eher reagieren, wenn als Welpe so mit ihnen gesprochen wurde. Sie trainieren einen also beinahe dazu, diese Art der Sprache weiter zu benutzen“, sagt sie.

Der Linguist Juan Uriagereka von der Universität von Maryland in College Park merkt an, dass „Forschung zu unserem Umgang mit anderen Tieren uns genauso viel über uns wie über sie verrät“.

„Es wäre spannend zu testen, ob Hormone wie Oxytocin, das den Kontakt zwischen Säugetieren derselben Art fördert, auch an der Verarbeitung von ‚Babysprache‘ und ‚Hundesprache‘ beteiligt ist“, schrieb er in einer E-Mail.

Benjamin fügte noch hinzu: „Wir versuchen nicht zu sagen, dass man mit seinem Hund in Babysprache reden muss, damit er einen liebt.“

Aber: Jetzt kann man sich im Zweifelsfall wissenschaftlich gegen herablassende Kommentare darüber wehren.

 

 

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