Fledertiere: Warum Flughund und Fledermaus mehr Anerkennung verdienen

Von der Echoortung bis zur Immunität gegen Viren: Die fliegenden Säugetiere verfügen über eine ganze Bandbreite außergewöhnlicher Fähigkeiten.

Veröffentlicht am 15. Nov. 2021, 16:34 MEZ, Aktualisiert am 15. Nov. 2021, 18:23 MEZ
Ein Graukopf-Flughund hängt kopfüber in Jakarta, Indonesien.

Ein Graukopf-Flughund hängt kopfüber in Jakarta, Indonesien.

Bild JOEL SARTORE, NATIONAL GEOGRAPHIC PHOTO ARK

Mit Ausnahme der Antarktis und einigen abgelegenen Inseln sind sie fast überall auf der Welt zu Hause: Fledertiere. Die Ordnung der Chiroptera, die über 1.400 verschiedene Arten von Fledermäusen und Flughunden umfasst, ist eine der präsentesten unseres Planeten. Doch was macht die fliegenden Säugetiere so erfolgreich?

Die Evolutionsgeschichte der Fledertiere begann vor 50 Millionen Jahren. Das verschaffte ihnen viel Zeit, um geniale Lösungen für die Herausforderungen des Lebens zu finden: vom eingebauten Biosonar bis hin zu ihren ausgeklügelten Flügeln, die sie zu dem Tier machen, das am schnellsten auf einer horizontalen Bahn fliegen kann.

„Wir wissen noch nicht alles über sie, aber eines ist klar: Fledertiere haben Superkräfte“, sagt Rodrigo Medellín, National Geographic Explorer und Ökologe am Ökologie-Institut der Universidad Nacional Autónoma de México in Mexiko-Stadt. „Mit ihrer Hilfe können wir unser eigenes Leben verbessern.“

Superpower #1: Echoortung – Das Biosonar

Entgegen der weitverbreiteten Annahme sind Fledertiere nicht blind. Sehen ist für viele von ihnen lediglich nicht der erste Sinn, auf den sie sich verlassen. Um sich in der Dunkelheit zurecht und Nahrung zu finden, setzen sie stattdessen auf die Ultraschall-Echoortung.

Eine andere Bezeichnung für die Echoortung bei Tieren wie Fledermäusen oder Zahnwalen ist „Biosonar“. Navigiert das Fledertier mit diesem durch einen Raum, sendet es hochfrequente Schallwellen aus und empfängt deren Echo. Auf diese Weise kann es den Abstand zu Objekten bestimmen, ebenso wie ihre Größe und ihre Form. Bei manchen Fledertieren ist das natürliche Biosonar so sensibel eingestellt, dass sie Objekte erkennen können, die kleiner als 0,1 Millimeter sind. Veränderungen im Echo nehmen sie in unter einer Mikrosekunde wahr.

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„Echoortung erlaubt es den Fledertieren, die Welt auf äußerst flexible und vielseitige Weise wahrzunehmen“, sagt Rodrigo Medellín.

Aktuelle Forschungen konnten jedoch auch zeigen, dass Fledertiere ihr Biosonar nicht ununterbrochen nutzen. Aaron Corcoran, National Geographic Explorer und Biologe an der University of Colorado in Boulder, hat herausgefunden, dass Fledermäuse manchmal längere Zeit fliegen, ohne Schallwellen auszusenden. Scheinbar tun sie das, um von anderen Fledermäusen nicht belauscht zu werden. Es wird vermutet, dass sie sich in diesen Situationen stärker auf ihren Sehsinn und ihr räumliches Erinnerungsvermögen verlassen.

Superpower #2: Geschwindigkeit

Fledertiere sind die einzigen Säugetiere, die sich mithilfe ihrer Muskelkraft zum Flug aufschwingen können.

Ihre Flügel sind ähnlich aufgebaut wie Menschenhände und von Adern, Nervenbahnen und Sehnen durchzogen. Flexible Hautmembranen verbinden die verlängerten Finger miteinander. Spezielle Muskeln machen die Fledertiere zu effizienten, wendigen Flugkünstlern. Anders als Vogel- oder Insektenflügel lassen sich die der Fledertiere während des Flugs auf verschiedene Arten falten – so wie ein Mensch seine Hand auf unterschiedliche Weise schließen kann.

Galerie: Faszinierende Flatterer: Flughunde & Fledermäuse

Die Mexikanische Bulldoggenfledermaus bricht in der Flugkategorie gleich zwei Rekorde. Von allen Fledermäusen fliegt sie mit 3300 Metern am höchsten. Außerdem ist die zehn Gramm schwere Spezies das schnellste Säugetier der Welt: Im Jahr 2016 fanden Forschende in Texas heraus, dass sie Geschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometer pro Stunde erreicht.

Vögel sind im horizontalen Flug im Schnitt maximal 96 Stundenkilometer schnell. Das schnellste Tier der Welt, der Wanderfalke erreicht zwar eine Geschwindigkeit von etwa 320 Kilometer pro Stunde, diese allerdings nur im Sturzflug.

„Der Wanderfalke schummelt”, sagt Rodrigo Medellín. „Er ist nur so schnell, weil er mithilfe der Schwerkraft beschleunigt.“

Superpower #3: Langes Leben

Eine allgemeine Regel der Biologie besagt: Kleine Tiere haben eine kürzere Lebensspanne als große Tiere. Fledertiere bilden hier jedoch eine Ausnahme. Im Verhältnis zur Körpermasse leben sie von allen Säugetieren am längsten. Die Fledermaus, die bewiesenermaßen das höchste Alter erreichte, war eine Große Bartfledermaus in Russland: Sie wog weniger als sieben Gramm, wurde aber mindestens 41 Jahre alt.

Wissenschaftler haben vor Kurzem damit begonnen, in den Zellen von Fledertieren nach dem Grund für ihre außergewöhnliche Langlebigkeit zu suchen. Dabei konzentrierten sie sich vor allem auf Telomere, die sozusagen als Schutzkappen auf den Enden der Chromosomen sitzen. Bei den meisten Tieren kommt es im Laufe des Lebens zu einer Verkürzung der Telomere, was zu einem altersbedingten Abbau der Zellen und schließlich zum Tod führt. Dieser Prozess scheint bei den Mausohren – der Fledermausgattung, die im Schnitt das höchste Alter erreicht – nicht stattzufinden.

Möglicherweise kann die Lösung des Rätsels, wie es Fledertieren gelingt, bis ins hohe Alter gesund zu bleiben, eines Tages dabei helfen, auch die Lebensspanne von Menschen zu verlängern.

Angehörige der Flughundspezies Pteropus scapulatus versammeln sich in den Ästen eines Baumes im Atherton Tableland in Queensland, Australien.

Bild Juergen Freund, Nature Picture Library

Superpower #4: Immun gegen Viren

Fledertiere leben nicht nur lang und sie erkranken auch nur äußerst selten an Krebs.

Darüber hinaus können Sie sich mit eigentlich tödlichen Viren wie den Erregern von Tollwut oder Ebola infizieren, ohne Symptome zu entwickeln.

Um herauszufinden, wieso das so ist, untersuchten Wissenschaftler die Gene der Tiere – und stießen auf einige Hinweise. Die aktuelle Analyse des Genoms von sechs Fledertierspezies brachte ein ständiges Wettrüsten zwischen Tieren und den Viren ans Licht. Bei den Genen, die in Hinblick auf Immunität und Entzündungen eine Rolle spielen, wurde beobachtet, dass diese sich in regelmäßigen Abständen verändern. Dies geschieht vermutlich als Antwort auf Ansteckungen mit Viren, die sich ebenfalls weiterentwickeln, um Fledertiere besser infizieren zu können.

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Fledertiere stehen oft in Verdacht, Reservoirwirte für verschiedene Viren zu sein, die den Menschen befallen und, wie zum Beispiel das Nipah-Virus, einen tödlichen Verlauf nehmen können. Manche Experten glauben, dass das Coronavirus SARS-CoV-2, das die COVID-19-Pandemie ausgelöst hat, von Fledermäusen stammt. Doch es gibt auch andere, die an der Schuld der Tiere zweifeln.

Naturschützer sagen, dass die Coronaviren, die wilde Fledertiere in sich tragen, für den Menschen nur dann eine Bedrohung seien, wenn dieser in den Lebensraum der Tiere eindringt. Die Erforschung des einzigartigen Immunsystems der Fledertiere könnte dabei helfen, Wege zu finden, wie Menschen im Umfeld eines Virus leben können, ohne daran zu erkranken.

Superpower #5: Im Dienst der Biodiversität

Drei von vier Fledertierspezies ernähren sich von Insekten. In einer Nacht kann ein Tier Insekten mit einer Gesamtmasse seines eigenen Körpergewichts vertilgen. Bei der Beute handelt es sich oft um Schädlinge, die vor allem für die Landwirtschaft ein Problem darstellen. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge bewahren insektenfressende Fledertiere die Bauern in den USA jährlich vor Kosten in Höhe von etwa 20 Milliarden Euro, die ansonsten durch Ernteausfälle aufgrund von Insektenfrass oder höhere Ausgaben für Pestizide verursacht worden wären.

Fledertiere spielen auch bei der Gesundheit und der Vielfalt der Pflanzenwelt eine große Rolle: Mindestens 549 Pflanzenarten werden durch Fledertiere bestäubt oder verteilt, darunter Bananen, Mangos, Guaven und Kakao.

„Fledertiere bekommen nicht die Anerkennung, die sie als Helden der Biodiversität verdienen“, sagt Rodrigo Medellín. „Sie leisten in Hinblick auf unsere Nahrung, unsere Bekleidung und Getränke einen wertvollen Dienst. Es wird wirklich Zeit, dass wir sie schätzen lernen.“


Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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