Intelligenzbestien: Deutschlands schlaue Tierwelt

Viele Tiere sind offenbar intelligenter, als man früher annahm. Was zeichnet tierische Intelligenz aus? Die moderne Forschung kommt zu verblüffenden Ergebnissen.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 11. Aug. 2023, 11:39 MESZ
Wildschwein vor Graffiti in Berlin

Schweinchen Schlau: Wildschwein in Berlin 

Foto von Sven Meurs

Ganz schön schlau, die Sau. Immer wieder führt sie ihre Verfolger an der Nase herum. Tagsüber versteckt sie sich am Rande von stark befahrenen Straßen und Wohnsiedlungen. Nachts zieht sie mit ihrer Bande um die Häuser, um sich satt zu fressen. Und wenn sie sich doch einmal am Tag blicken lässt, dann gerne dort, wo viele Menschen sind. So können Jäger sie nicht so leicht ins Visier nehmen.

Wildschweine sind clever. Sie lernen schnell und reagieren hochflexibel. Milena Stillfried hält die Tiere für „wahnsinnig intelligent“. Die Biologin hat das Verhalten der struppigen Vierbeiner im Rahmen einer Studie des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) untersucht. 

Ziel war es, das Erfolgsgeheimnis der Berliner Wildschweine zu ergründen. Denn in der Millionenmetropole leben auch viele Schwarzkittel – in unmittelbarer Nähe zum Menschen. Wildschweine auf dem Mexikoplatz in Berlin-Zehlendorf? Kein exotischer Anblick: Berlin gilt als Hauptstadt der Wildschweine. Oft sieht man sie sogar am Tag. Der Tierfotograf Sven Meurs hat ihnen und anderen tierischen Stadtbewohnern eine eindrucksvolle Galerie gewidmet.

Während Stadtschweine den Menschen manchmal bis auf wenige Meter an sich heranlassen, fliehen ihre Verwandten auf dem Land meist schon ab einer Distanz von knapp 100 Metern. Laut Stillfried liegt das daran, dass die Cityschweine eines gelernt haben: Das Leben in der Großstadt ist vergleichsweise ungefährlich. Am Mexikoplatz gibt es keine Jäger.

Galerie: Urbane Wildnis

Tierische Intelligenz – ein komplexes Phänomen

Schweine gelten als mindestens so intelligent wie Hunde. Wie aber kann man diese Klugheit messen? Immerhin ist Intelligenz ein überaus komplexes Phänomen. Schon im 19. Jahrhundert hat der britische Zoologe Conwy Lloyd-Morgan einen bemerkenswerten Grundsatz formuliert: Man soll tierisches Verhalten nicht mit einem höheren geistigen Vermögen erklären, wenn es dafür auch eine einfache Erklärung (etwa Reflexe oder Instinkte) gebe.

„Eine der größten Herausforderungen liegt darin, dass wir nicht verstehen können, wie andere Arten Informationen verarbeiten“, sagt Kristina Horback, Professorin am Institut für Tierwissenschaften an der University of California, Davis. Sie erforscht vor allem die kognitiven Fähigkeiten von Nutztieren.

Manche Arten verfügen über Sinne, die uns fehlen oder die viel besser ausgeprägt sind als die unseren. Deshalb können wir sie nicht vollumfänglich begreifen. Wölfe denken mit der Nase, Fledermäuse navigieren mit Ultraschall. Fische besitzen mit dem Seitenlinienorgan einen eigenen Ferntastsinn. Für den Menschen sind die Augen von zentraler Bedeutung.

Unsere eigenen Sinne beeinflussen, wie wir die Klugheit von Tieren wahrnehmen. Ein Beispiel dafür ist der Spiegeltest. Hierbei prüfen Forschende, ob sich ein Tier im Spiegel erkennt. Delfine und Rabenvögel etwa haben die Prüfung bestanden. „Aber was ist mit Tierarten, die sich eher auf ihren Geruchssinn verlassen, um Dinge und andere Tiere zu erkennen, beispielsweise Schweine?“, fragt Horback. Sind sie weniger intelligent?

Krähen sogar noch schlauer als gedacht
Es ist weithin bekannt, dass Geradschnabelkrähen Zweige benutzen, um Insekten aus ihren Verstecken zu holen. Eine neue Studie lässt aber vermuten, dass die Krähen ihre Zweige zu noch besseren Werkzeugen machen.

Wie intelligent sind Tiere?

Tatsächlich vermenschlichen wir unsere Umwelt im Alltag permanent. Die Forschung nennt das Anthropomorphismus. Wir sprechen vom dummen Huhn, schlauen Fuchs und feigen Hasen – und ziehen damit zwangsläufig falsche Schlüsse. Die Frage ist, ob sich menschliche und tierische Intelligenz überhaupt miteinander vergleichen lassen. 

Klar ist: Auch Tiere nutzen Werkzeuge. Sie erkennen ihre Verwandten, verfolgen ausgeklügelte Jagdstrategien und betreiben verblüffende Formen der Brutpflege. Viele Arten lernen laufend dazu. Intelligenz und Lernfähigkeit sind aber nicht dasselbe. 

Der Duden definiert Intelligenz als Fähigkeit, abstrakt und vernünftig zu denken und daraus zweckvolles Handeln abzuleiten. Denkt ein Eichhörnchen, das eine Nuss vergräbt, schon vorausschauend an den nächsten Winter? Oder spult es rein instinktiv ein genetisches Programm ab?

Galerie: 14 überraschend schlaue Tiere

„Auch Tiere können denken“

Der Verhaltensbiologe und Autor („Der Mensch im Tier“) Norbert Sachser ist überzeugt: Auch Tiere können denken. In der Verhaltensbiologie habe eine Revolution des Tierbildes stattgefunden. „Der Gegensatz vom vernunftgesteuerten Homo sapiens seinerseits und dem instinktgesteuerten Tier andererseits ist schon lange nicht mehr haltbar“, so der Leiter des Instituts für Verhaltensbiologie an der Universität Münster

Manche Tierarten seien zu einsichtigem Verhalten fähig, hätten Ansätze eines Ich-Bewusstseins und zeigten Emotionen, die mit denen des Menschen „bis ins verblüffende Detail vergleichbar sind“. Laut Sachser steckt also ganz schön viel Mensch im Tier.

Eine entscheidende Fähigkeit des Menschen fehlt Tieren aber offenbar: Home sapiens ist in der Lage, das Wissen seiner Mitmenschen zu kopieren und bewusst von Generation zu Generation weiterzugeben. Eine neue Erfindung fußt auf vorhandenem Know-how. Auf diese Weise entsteht kultureller Fortschritt. 

„Letztendlich bauen wir unsere Fähigkeiten auf dem angesammelten Wissen früherer Generationen auf“, erklärt der Tübinger Biologe Claudio Tennie. „Die menschliche Welt ist komplett abhängig von unserer speziellen Kopierfähigkeit. Wir würden sterben, wenn wir unser Know-how nicht weitergeben würden.“

Schlaue Schweine am Computer

Das schmälert aber nicht die Denkleistung der Tierwelt. Immer wieder gelangen Forschende zu verblüffenden Erkenntnissen. Schweine lösen Aufgaben am Computer, indem sie einen Joystick mit der Schnauze steuern und damit einen Cursor über den Bildschirm zu einem klar definieren Ziel bewegen. Für eine andere Studie stellten sie per Touchscreen unter Beweis, dass sie selbstständig Bilder unterscheiden und in verschiedene Kategorien einteilen können.

Auch Rabenvögel, zu denen neben dem heimischen Kolkraben die Krähen, Eichelhäher und Elstern gehören, haben ihre bemerkenswerten kognitiven Leistungen in Tests unter Beweis gestellt. Eine Studie offenbarte, dass Raben ihre Handlungen vorausplanen – ein Verhalten, das man lange Zeit nur Primaten zugeschrieben hatte.

In dem Experiment brachten Forschende den Vögeln bei, wie sie mit einem Werkzeug an Futter kommen konnten. Als ihnen fast 24 Stunden später eine Auswahl an Gegenständen präsentiert wurde, wählten die Raben dieses spezifische Werkzeug wieder aus, um die Aufgabe durchzuführen und ihre Belohnung zu erhalten. Überdies besitzen Rabenvögel die Fähigkeit, sich an menschliche Gesichter zu erinnern – und daran, ob eine bestimmte Person eine Gefahr darstellt.

 

Woher kennen Honigbienen ihre Aufgaben?
Jede Honigbiene hat einen ganz bestimmten Job, von der Pflege der Larven über die Verteidigung des Nests bis zur Nahrungsbeschaffung. Aber woher weiß jede Biene, was sie zu tun hat?

Kleine Gehirne mit großer Leistung

Als enorm intelligent gelten bekanntermaßen die Tümmler und Delfine, die auch in der Nord- und Ostsee zu Hause sind. Ihr Spielverhalten ist ein wichtiger Teil ihres sozialen Lebens und vermutlich entscheidend für die ihre kognitive Entwicklung. Die Liste tierischer Intelligenz ist lang. 

Selbst ein winziges Hirn ist zu großer Leistung fähig. Bestes Beispiel dafür ist die Schwarmintelligenz von Ameisen und Bienen. Die Insekten agieren extrem arbeitsteilig mit perfekt aufeinander abgestimmten Funktionen. Dass dies in klarer Absicht und Selbstreflexion geschieht, sollte man den Insekten wohl nicht unterstellen. Trotzdem herrscht in einem Bienenstaat eine Effizienz, die so manchen Wirtschaftsboss vor Neid erblassen lassen dürfte.

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