Seltsames Paarungsverhalten: Flirts und Sex im Tierreich

Krokodile, die Liebeslieder trällern oder Beutelmäuse, die den Partner zum Fressen gern haben: Bei manchen Tierarten ist die Paarung einfach etwas ungewöhnlicher als bei anderen.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 9. Feb. 2024, 15:57 MEZ
Eine Breitfuß-Beutelmaus sitzt gut getarnt auf einem Baumstamm.

Männliche Breitfuß-Beutelmäuse (Antechinus) leben zur Paarungszeit gefährlich. Doch ihr Fortpflanzungstrieb ist offenbar stärker als ihr Lebenswille.

Foto von wrightouthere / adobe Stock

Mit dem Valentinstag und dem sich anbahnenden Frühling ist dieses Gefühl endlich zurück: Liebe liegt in der Luft. Manche heimischen Wildtierarten wie Rotfuchs, Stockente und Erdkröte sind bereits im Februar mit der Partnersuche und der Zeugung der nächsten Generation beschäftigt. Andere Spezies warten lieber auf die ersten warmen Sonnenstrahlen, bevor sie mit Balz, Brunft & Co. beginnen, während wieder andere den Herbst für die Paarung bevorzugen.

Unabhängig vom Zeitpunkt: Von der ersten Kontaktaufnahme über leidenschaftliches Werben bis zum vollzogenen Akt gibt es in der Tierwelt eine ganze Reihe teilweise ungewöhnlicher Vorgehensweisen. Vielen von ihnen kommen Forschende erst nach und nach auf die Spur. Und so gibt es immer neue überraschende Erkenntnisse zum Liebesspiel der verschiedenen Arten. Einige aktuelle haben wir hier zusammengefasst.

Liebessprache der Krokodile

Schuppige Haut und ein Maul voller scharfer Zähne: Leistenkrokodile sind auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas zum Liebhaben. Auf den zweiten vielleicht aber doch. Sonnie Flores, Ökologie-Studentin an der australischen University of the Sunshine Coast (UniSC), leitet ein 12-monatiges Forschungsprojekt im Australia Zoo in Queensland, in dessen Rahmen die Kommunikation der größten Raubtiere des Kontinents untersucht werden soll – und ist in diesem Zuge auf die bisher unbekannte Liebessprache der Reptilien gestoßen.

Im Krokodilgehege des Zoos zeichneten Video- und Tonaufnahmegeräte das Verhalten der Tiere bei der Balz auf: Unter anderem spritzen die Männchen Wasser aus der Nase, erzeugen Blubberblasen und geben Zischlaute von sich. Der größte Teil dieser Kommunikation findet unter Wasser statt, manchmal schlagen die Krokodilmännchen aber auch rhythmisch mit ihrem Kopf auf das Wasser. All das kommt beim anderen Geschlecht offenbar gut an: „Die Weibchen lieben es“, sagt Flores.

Harte Schale, romantischer Kern: Um ein Weibchen für sich zu gewinnen, stimmen männliche Leistenkrokodile ein Liebeslied an.

Foto von Nantapong Kittisubsi / adobe stock

Ross Dwyer, Ökologe an der UniSC, der das Projekt beaufsichtigt, sieht in dem Verhalten eine Art romantisches Vorspiel. „Es ist fast so, als würden sie der Partnerin in ihrem Gehege vor der Paarung ein Liebeslied vorsingen“, sagt er.

Möglicherweise ist die Liebessprache der Leistenkrokodile sogar noch umfangreicher. Zum Kommunikationsrepertoire der Tiere gehören auch niedrigfrequente, vom menschlichen Ohr nicht wahrnehmbare Vibrationen, die bei der Balz ebenfalls eine Rolle spielen könnten. „Krokodile gelten als die stimmgewaltigsten Reptilien“, sagt Flores. „Wir hoffen, dass wir noch mehr Laute sammeln können, und es wäre wirklich toll, einige niederfrequente Töne einzufangen. Das ist etwas, worüber noch nicht viel geforscht wurde.“

Beutelmaus: Sex, Tod und Kannibalismus

Auch die Braune Breitfuß-Beutelmaus (Antechinus mimetes) ist in Australien zu Hause. Sie gehört zu den Tierarten, bei denen der Akt der Fortpflanzung die Männchen in Lebensgefahr bringt. Sobald sie in der ein bis drei Wochen dauernden Paarungszeit ein Weibchen begatten, ist ihr Schicksal besiegelt.

Der Grund: Der Sex der Breitfuß-Beutelmaus ist extrem kräftezehrend und dauert sehr lang. Bis zu 14 Stunden am Stück nimmt das wilde Liebesspiel in Anspruch – und am Ende wartet der Tod. „Die Männchen sterben an den Folgen des Stresses, weil das steigende Testosteron den Körper unkontrolliert mit Cortisol überschwemmt, das schließlich pathologische Werte erreicht“, sagt Andrew Baker, Umweltwissenschaftler an der Queensland University of Technology in Brisbane.

Er erforscht die Breitfuß-Beutelmaus und hat im Zuge dieser Arbeit in freier Wildbahn eine neue Beobachtung gemacht, die das ohnehin martialische Paarungsverhalten der Spezies um einen weiteren haarsträubenden Aspekt ergänzt. In seiner Studie beschreibt er, wie die Männchen, nachdem sie nach vollzogenem Akt tot umgefallen sind, zum nahrhaften Snack für trächtige und säugende Weibchen sowie die Männchen, die sich nicht gepaart haben, werden.

Eine Braune Breitfuß-Beutelmaus frisst im August 2023 im New England Nationalpark in New South Wales, Australien, einen Angehörigen der eigenen Art, nachdem dieser in Folge eines Paarungsmarathons gestorben ist.

Foto von Elliot Bowerman

Dieser Kannibalismus findet nicht nur innerhalb einer Spezies statt, sondern in Gebieten, in denen verschiedene Arten von Antechinus leben, auch gattungsübergreifend. Das ist möglich, weil die Brutzeiten sich von Spezies zu Spezies unterscheiden. 

„Weibchen und Männchen später brütender Arten können tote Männchen der früher brütenden Arten kannibalisieren, um so vor Beginn ihrer eigenen Brutzeit an Gewicht zuzulegen“, erklärt Baker. Von den toten Männchen der später brütenden Arten profitieren trächtige und säugende Weibchen, die die Paarung bereits hinter sich haben und nun auf reichhaltige Energiezufuhr angewiesen sind. Auf diese Weise profitiert laut Baker jede Spezies vom Verzehr der toten Männchen der anderen.

Schwanger durch Heavy Petting

Säugetiere paaren sich, indem der Penis des Männchens in den Genitaltrakt des Weibchens eindringt. Dass es von dieser Regel jedoch wenigstens eine Ausnahme gibt, zeigt eine Studie von Forschenden der Universität Lausanne, Schweiz, und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in Berlin. Sie beobachteten das Paarungsverhalten von fast einhundert Breitflügelfledermauspaaren (Eptesicus serotinus) in freier Wildbahn und Gefangenschaft und stellten fest, dass der Akt bei diesen großen Insektenfressern völlig ohne Penetration vollzogen wird.

Weil der erigierte Penis der Männchen der Spezies im Vergleich zur Größe der Vagina der Weibchen viel zu groß ist, musste die Natur einen anderen Weg finden, um eine erfolgreiche Befruchtung zu ermöglichen. Bei der Paarung besteigt das Männchen zunächst den Rücken der Partnerin, wie es bei den meisten Säugetieren der Fall ist. Sein langes Geschlechtsorgan windet es dann der Studie zufolge wie ein Arm um ihre Schwanzflughaut, die einer normalen Paarung im Weg stünde, und drückt ihn gegen die Vulva des Weibchens. In dieser Position kann das Paar mehrere Stunden verharren.

Eine Breitflügelfledermaus im Flug. Die Spezies kommt in ganz Europa, dem Norden Afrikas und in Teilen Asiens vor.

Foto von dblumenberg / adobe stock

Was beim Menschen manchmal aus Versehen passiert – nämlich eine Schwangerschaft durch Heavy Petting –, ist bei Breitflügelfledermäusen also Standard. „Die vorliegende Untersuchung dokumentiert etwas Besonderes unter den Säugetieren“, sagt Studienautorin Susanne Holtze, Biologin am Leibniz-IZW. „Unsere Beobachtungen und die besondere Morphologie des Penis der Breitflügelfledermaus-Männchen sind der erste Beweis für eine Paarung ohne Eindringen bei einem Säugetier.“

Ob sich auch andere der bislang etwa 1.400 bekannten Fledermausarten auf diese Weise fortpflanzen, ist bisher nicht bekannt. Den Studienautoren zufolge ist die Beobachtung von nachtaktiven Tieren, insbesondere von solchen, die fliegen können, äußerst schwierig. Deswegen gibt es noch viele ungelöste Geheimnisse in Bezug auf die Biologie der Fledermäuse. Eines wurde mit der Studie nun gelüftet.

Wenn Trommler sich paaren, hören es alle

Schon seit dem Jahr 2021 fühlen sich die Bewohner einer Nachbarschaft in Tampa, Florida, immer durch denselben Lärm belästigt: ein regelmäßig wiederkehrendes Geräusch, das an wummernde Bässe erinnert. Verschiedene Auslöser standen bereits in Verdacht: Laute Partys, eine geheime Militärbasis und sogar Aliens wurden als Quelle vermutet. Die herbeigerufene Polizei konnte nichts davon bestätigen. Nach Jahren des Rätselratens scheint die Ursache für das Phänomen nun aber endlich gefunden zu sein: Bei den Krachmachern handelt es sich höchstwahrscheinlich um Schwarze Trommler (Pogonias cromis) im Paarungsrausch.

Männchen der Gattung Pogonias können bis zu 50 Kilogramm schwer und fast zwei Meter lang werden. Außerdem sind sie die vermutlich lautesten Fische der Welt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie aus dem Jahr 2017, in deren Rahmen Forschende eine mit dem Schwarzen Trommler verwandte Spezies namens Cynoscion othonopterus im Golf von Kalifornien belauschten. Dabei stellten sie fest, dass bereits ein einziger Fisch die Stimmstärke eines sehr viel größeren Wals erreichen kann. Die ohrenbetäubenden Geräusche erzeugen die Tiere, indem sie Muskeln, die ihre Schwimmblase umgeben, extrem schnell vibrieren lassen, sodass sie auf den Hohlkörper schlagen – vergleichbar mit einem Trommelwirbel.

Die Krachmacher von Tampa: Schwarze Trommler versammeln sich zur Paarungszeit in großen Gruppen vor der Küste Floridas – und machen einen Höllenlärm.

Foto von Andrea Izzotti / adobe stock

Wenn sich zur Paarungszeit große Gruppen von Trommlern an einem Ort versammeln, kann es sehr laut werden. So laut, dass andere Meeresbewohner in der Nähe Gehörschaden davontragen können – und die Bewohner der Ortschaften an der Atlantikküste in den Wahnsinn getrieben werden. Der Biologe Timothy Rowell, Autor der Studie, vergleicht den Lärmpegel mit dem einer „brüllenden Menge im Stadion“.

James Locascio, ein Experte für Unterwasserakustik am Mote Marine Laboratory in Sarasota, Florida, soll nun durch Messungen abschließend klären, ob es wirklich die Trommler sind, die die Menschen in Tampa um den Schlaf bringen. Sollte dies der Fall sein, werden sie sich wohl an den Lärm der liebestollen Fische gewöhnen müssen.

Zieh dich aus!

In Filmen sieht man sie oft: Paare, die sich vor dem Sex übermannt von der Leidenschaft stürmisch und ohne Rücksicht auf Verluste gegenseitig entkleiden. Bei Spinnmilben ist das, wie ein Forschungsteam der Universität Wien beobachtet hat, Standardprogramm. Die Männchen gehören offenbar zur besonders ungeduldigen Sorte und reißen ihrer Partnerin vor der Paarung hektisch die Hülle vom Leib. Allerdings nicht, weil sie von ihren Gefühlen überwältigt werden, sondern um ihren Fortpflanzungserfolg zu sichern.

„Bei Spinnmilben ist der Wettbewerb um die erste Paarung besonders intensiv“, sagt Studienautor Peter Schausberger, Verhaltensbiologe an der Universität Wien. „Das liegt daran, dass der erste Kopulationspartner eines Weibchens auch derjenige ist, der alle Nachkommen zeugt.“

Eine männliche Spinnmilbe bewacht ein Weibchen, das kurz vor der Häutung steht.

Foto von Peter Schausberger

Bevor eine Spinnmilbe geschlechtsreif ist, durchläuft sie mehrere Entwicklungsstadien. Das letzte ist mit der finalen Häutung, dem Abstreifen der sogenannten Exuvie, erreicht. Um diesen Moment nicht zu verpassen, halten die Männchen sich oft mehrere Stunden in der Nähe unreifer Weibchen auf und wehren Annäherungsversuche anderer Männchen ab. „Kurz vor der Häutung ändern die bewachenden Männchen ihr Verhalten – manchmal trommeln sie mit ihren Vorderbeinen auf die Weibchen, möglicherweise um sie zu stimulieren, den Häutungsprozess einzuleiten und die Exuvie aufzusprengen“, sagt Schausberger.

Sobald die Exuvie aufreißt, gibt es für die Männchen kein Halten mehr. Um die Geschlechtsöffnung freizulegen, streifen sie schnell den hinteren Teil der Hülle vom Weibchen ab und paaren sich sofort mit ihnen, um Rivalen keine Chance zu lassen. Laut Schausberger ist dies „ein exzeptionelles Beispiel für die faszinierenden Verhaltensweisen, die durch die sexuelle Selektion hervorgebracht werden.“ Und offenbar auch hilfreich für die Weibchen. Denn wenn ihnen kein Männchen aus ihrer letzten Hülle hilft, dauert die Häutung viel länger.

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