Stadt oder Land: Müssen wir das Wohnen neu erfinden?

Die Wohnkosten in der Stadt explodieren. Gleichzeitig drohen Deutschlands Dörfer auszusterben. Welche Lösungen gibt es? Im Gespräch: die Berliner Urbanistin und Autorin Kerstin FaberDonnerstag, 6. Februar 2020

Frau Faber, egal ob Mieten oder Kaufpreise – der Wohnraum in der Stadt wird seit Jahren immer teurer. Viele Großstädter können nicht mehr mithalten. Hört das eigentlich nie auf?

Die Preiskurve zeigt grundsätzlich weiterhin stark nach oben. Nicht zuletzt deshalb, weil viel über den internationalen Finanzmarkt spekuliert wird. Der Wohnraum an sich wird nicht unbedingt überall knapp. Tatsache ist aber, dass wir zu wenig bezahlbaren Wohnraum in den größeren Innenstädten für Menschen mit geringerem Einkommen haben. Es ist Fakt, dass dort starke Verdrängungsprozesse stattfinden – auch wenn wir natürlich die Entwicklungen nicht verallgemeinern dürfen.

Gleichzeitig veröden Deutschlands Dörfer. Stirbt das Landleben aus?

Auch hier müssen wir differenzieren. Es gibt ländliche Regionen, die sich sehr gut entwickeln. Und dann gibt es Räume, meist mit schwacher ökonomischer und kultureller Infrastruktur, die tatsächlich veröden. Vor allem junge Menschen wandern dann ab. Unsere Gesellschaft ist geprägt von einem Urbanisierungstrend. Das ist nicht zwangsläufig mit einer allgemeinen Verstädterung gleichzusetzen, sondern bezeichnet vor allem einen Lebensstil. Und der lässt sich in größeren Städten natürlich besser ausleben.

Weil wir mobil und sozial vernetzt sein wollen. Und am liebsten dort wohnen, wo wir arbeiten, einkaufen und ausgehen.

Ja. Bei vielen jüngeren Menschen kommt hinzu, dass sie heute eher studieren als etwa eine handwerkliche Ausbildung machen. Sie gehen in die größeren Städte und bleiben dort in der Regel erstmal. Wenn sie dann später vielleicht eine Familie gründen, kehren sie womöglich in ihre alte Heimat zurück oder ziehen dorthin, wo sie mehr Raum haben. Das hat dann natürlich auch etwas mit den Kosten zu tun. Viele Berufstätige pendeln dann in die Stadt.

Das führt zu Verkehrschaos, Umweltproblemen und klimaschädlichen Abgasen. Was muss sich ändern?

Tatsächlich lautet eine Kernfrage, wie wir ländliche Regionen, auch aus ökologischen Gründen, wieder attraktiver zum Leben machen. Gleichzeitig müssen wir das Bild von der urbanen Stadt und dem dörflichen Land aktualisieren. Die Urbanisierung hat eine Vielfalt an Raumbildern geschaffen, es arbeiten unter anderem nur noch zwei Prozent der Bevölkerung im Landwirtschaftssektor. Das verändert den Raum.

Vieles steht und fällt mit der Arbeitssituation auf dem Land. Was braucht es noch, damit sich der ländliche Raum neu erfinden kann?

Ein Beispiel: Ich arbeite als Projektleiterin im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Thüringen – einem Zukunftslabor für Baukultur und Raumentwicklung – unter anderem mit dem Verein Landengel zusammen, der ein dezentrales Pflegenetzwerk in der Region Seltenrain aufbaut. Gemeinsam mit fünf Gemeinden wird dort ein ärztliches Versorgungszentrum mit Gesundheitskiosken an Bushaltestellen entwickelt, in denen künftig unter anderem die Dorfkümmerin und die Gemeindeschwester ihre Sprechstunden abhalten können. Schon zuvor haben die Gemeinden und die Agrargenossenschaft mit der Stiftung Landleben eine Initiative gegründet, um zum Beispiel eine bereits geschlossene Schule neu zu eröffnen. Ein Förderverein für das Freibad wurde ins Leben gerufen, barrierefreier Wohnraum für ältere Menschen innerorts geschaffen und auch ein Bürgerfahrdienst aufgebaut. Letztlich entsteht so ein großes Interesse in der Region zu bleiben, weil man sich umeinander kümmert – und auch um die Entwicklung der Region.

Die Menschen sind also selbst gefordert, wenn es um die Entwicklung des ländlichen Raums geht?

Auch. Wir müssen verstehen, dass wir für unsere Lebensqualität zumindest ein Stück weit mitverantwortlich sind. Das hört nicht an der Wahlurne auf. Das Entscheidende dabei ist, dass sich der Staat nicht zurückziehen darf. Er muss steuernd und unterstützend eingreifen. Wenn Menschen sich jedoch raumpolitisch abgehängt fühlen, gefährdet das den gesellschaftlichen Zusammenhalt.  

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Aber beim öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel haben es die Menschen doch gar nicht selbst in der Hand?

Bei der öffentlichen Mobilität haben wir das Henne-Ei-Problem. Die einen sagen, es gibt zu wenig Fahrgäste für einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Die anderen sagen, es gibt zu wenig Angebote. Aktuell diskutieren wir über viele spannende Mobilitätskonzepte – auch für die Vernetzung von Land und Stadt. Zum Beispiel über einen flexiblen Busverkehr ohne feste Haltestellen oder den fahrscheinlosen Nahverkehr. Oder über selbstorganisierte Car-Sharing-Angebote mit Nutzung des Zweitwagens.

Können Sie Beispiele nennen, wo solche neuen Mobilitätskonzepte schon gut funktionieren?

Ein besonderes Beispiel dafür ist der Verein Vorfahrt für Jesberg in Nordhessen. Hier wird zudem elektrisch gefahren, auch mit Lastenrädern. Und das auf dem Land. Eine Mitfahrerbank ergänzt das Angebot. All das funktioniert besonders gut, wenn sich Menschen in lokalen Kooperativen zusammenschließen. Ein gutes Beispiel für die Selbstorganisation sind auch die Bürgerbusse. In Deutschland gibt es über 250 dieser Vereine. Hier fahren Bürger ehrenamtlich Bürger zumeist in Kleinbussen. Sie sind eine wunderbare Ergänzung zum öffentlichen Personennahverkehr, aber kein Ersatz – und das ist wichtig, denn das alles basiert auf Freiwilligkeit.

Viele größere Städte sind da schon weit. Man setzt auf Car-Sharing, den Ausbau von Radwegen und andere Alternativen zum eigenen Auto.

In größeren Städten wie Berlin funktioniert das Car-Sharing schon hervorragend, weil es von Anfang an eine größere Interessensgemeinschaft auf kleinerem Raum gibt. Da braucht man kein eigenes Auto mehr. Man teilt sich die Mobilität. Teilen ist die Zukunft.

Dazu muss das Leben in der Stadt aber langfristig erschwinglich bleiben. Helfen dabei Instrumente wie die Mietpreisbremse und andere politische Maßnahmen?

Ich halte es für wichtig, durch Instrumente wie die Mietpreisbremse oder -deckelung etwas Ruhe in den überhitzten Markt zu bringen. Das viel größere Zeichen ist aber, dass Politik durchaus in der Lage wäre, regulierend einzugreifen – zugunsten des sozialstaatlichen Prinzips. Hier könnte noch viel mehr getan werden. Daneben gibt es Beispiele, wo die Stadt Wohnraum zurückkauft oder wo andere Akteure sich für innovative Wohnraumkonzepte – ob als Genossenschaft, gemeinnützige GmbH oder im Rahmen des Mietshaussyndikats – zusammenfinden. Hier wohnen dann zum Beispiel junge und ältere Menschen, ebenso wie Menschen mit mehr und mit weniger Geld zusammen. Auch das sogenannte Servicewohnen, ein Wohnen mit Betreuung je nach Bedarf, wird Zukunftsmodell. Sich diesen gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen und dafür Möglichkeiten zu schaffen, ist Aufgabe der Politik und Verwaltung.

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Sie leben in Berlin und Weimar. Ist das Landleben gar nichts für Sie?

Das würde ich so nicht sagen. Ich brauche aber den kulturellen Austausch mit anderen Menschen. Deshalb kann ich mir vorstellen, entweder in eine Region zu ziehen, wo sehr viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen, die sich zum Beispiel als Genossenschaft auf dem Land zusammengeschlossen haben. Oder ich würde selbst eine solche Kooperative gemeinsam mit anderen gründen. Ein solches Modell wäre mir vor allem auch in Hinblick auf mein persönliches Älterwerden wichtig.

Was bringt Sie persönlich weiter voran?

Meine Arbeit besteht darin, gemeinsam mit Menschen vor Ort Zukunftsräume zu gestalten, neue Perspektiven zu denken und die Erfahrungen dazu anderen zu vermitteln. Für mich persönlich ist das eine der sinnvollsten Aufgaben, die ich mir vorstellen kann.

Jens Voss

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