Windkraft im Wald: Wie sinnvoll ist Stromerzeugung auf gerodeten Baumflächen?

Der Ausbau der Windenergie kommt nicht in Schwung. Können Windräder im Wald einen Beitrag zur Energiewende leisten? Widerstand kommt von den Umweltverbänden.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 3. Nov. 2022, 10:35 MEZ
Luftaufnahme von Windrädern im Wald

Nicht in allen Bundesländern erlaubt: Windräder im Wald

Foto von Adobe Stock

Die Herausforderung ist gewaltig – und der Gegenwind groß. Bis 2030 sollen 80 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien stammen. Bis dahin muss der Ausbau von Solar- und Windenergie, Wasserkraft, Biomasse und Erdwärme verdoppelt werden. Denn Deutschland soll bis 2045 klimaneutral sein. Vor allem bei der Windenergie will die Bundesregierung den Turbo zünden.

Laut Bundesverband Windenergie gibt es aktuell rund 29.800 Windkraftanlagen in Deutschland. Sie erzeugen fast ein Viertel der deutschen Stromproduktion. Die meiste Windenergie stammt aus Niedersachsen. Das „Wind-an-Land-Gesetz“ soll den Ausbau künftig deutlich schneller voranbringen. Es sieht vor, dass zwei Prozent der Landesfläche für Windenergie an Land ausgewiesen werden. Bislang sind es nur 0,8 Prozent.

Klimaschutz und Energiesicherheit aus einem Guss: Klingt gut. Der Staat fördert den Ausbau von Windkraftanlagen. Doch die Entwicklung stockt. Das lag in der Vergangenheit oft an langen Genehmigungsverfahren. Jetzt gibt es ein neues Problem: Seit dem Ukrainekrieg sind die Preise für Windräder stark gestiegen. Außerdem mehrt sich der Widerstand. Aktuellen Umfragen zufolge gibt es zwar eine hohe allgemeine Akzeptanz für den Ausbau der Windkraft an Land. Je nach Statistik sind über 90 Prozent der Menschen in Deutschland dafür.

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Not in my backyard!

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) etwa hat nach eigenen Worten 45 Klagen zwischen 2010 und 2019 auf den Weg gebracht. „Nicht weil der Windenergieausbau aufgehalten werden soll, sondern weil immer wieder Vorhaben und Planungen eklatant gegen Naturschutzrecht verstoßen“, erklärt der Nabu.

Die Frage lautet: Wo in diesem dichtbesiedelten Land gibt es überhaupt noch geeignete Freiflächen? Ausgerechnet der vielgeschundene deutsche Wald könnte einen Beitrag zur Energiewende leisten.

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Passen Windenergie und Waldschutz überhaupt zusammen?

Rund ein Drittel Deutschlands ist mit Wald bedeckt. Befürworter von Windkraft im Wald argumentieren, die Nutzung sei notwendig, um Klimaziele zu erreichen. Windanlagen dürften ohnehin nicht in ökologisch besonders bedeutsamen Wäldern aufgestellt werden, sondern nur auf Forstflächen, die bereits wirtschaftlich genutzt werden. Doch das sind die meisten Wälder in Deutschland. Nur ein Prozent des deutschen Waldes ist naturbelassen.

Besonders viel Wald gibt es in Süddeutschland. Im Bayerischen Wirtschaftsministerium ist man überzeugt: „Viele dieser Flächen sind gut für den Bau von Windenergieanlagen geeignet.“ Aktuell belegt das flächengrößte Bundesland im direkten Ländervergleich nur den achten Platz bei der installierten Windenergie-Leistung. Das Ministerium sieht aber jede Menge Potenzial: Windenergie im Wald und Klimaschutz „gehen Hand in Hand“. Auch andere Bundesländer wie Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen treiben den Windrad-Bau im Wald voran. In einigen Ländern wie Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen dagegen ist Wald für Windkraft tabu.

Viele Waldbesitzer erhoffen sich von den Anlagen eine neue Geldquelle. Fast des Hälfte desdeutschen Walds ist in Privatbesitz. Im Zuge des Waldsterbens der letzten Jahre mussten Eigentümer und Forstwirtschaft enorme Einbußen hinnehmen. Doch jetzt kommt frischer Wind auf: Windenergie bietet Waldeigentümern ein erhebliches Einnahmepotenzial, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände. „Um die Windkraft zu fördern, müssten Planungsverfahren beschleunigt und Regulierungen abgebaut werden“, fordert Hauptgeschäftsführerin Irene Seling.

Umweltverbände kritisieren: Für Windparks im Wald müssen Bäume gerodet werden, die aber aus Natur- und Klimaschutzgründen wichtig seien.

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Windräder in abgestorbenen Fichtenwäldern

Doch Umweltverbände befürchten, dass die Natur dabei auf der Strecke bleiben könnte. Auch wirtschaftlich genutzte Wälder seien komplexe Ökosysteme und Lebensraum vieler geschützter und gefährdeter Arten. Für Windparks im Wald müssten Bäume gerodet werden, die aber aus Natur- und Klimaschutzgründen von großer Bedeutung seien.

Wenn überhaupt sollten Windenergieanlagen im Wald deshalb nur in industriell und monokulturell genutzten Nadelbaum-Forsten außerhalb von Schutzgebieten realisiert werden, fordert Jannes Stoppel, Wald- und Klimaexperte von Greenpeace. Ohne besonderen rechtlichen Schutz bestünde die Gefahr, dass ökologisch wertvolle Wälder abgeholzt werden, um Platz für Windräder zu schaffen.

Dabei geht es dem Wald ohnehin so schlecht wie nie. Vor allem Fichten starben in den letzten Jahren großflächig ab – der Borkenkäferbefall gab ganzen Wäldern den Todesstoß. Könnten ausgerechnet diese Kahlflächen der Windkraft neuen Schwung geben? Sollen sich dort, wo heute noch tote Baumgerippe stehen, bald schon Windräder drehen?

Der Wald als Gewerbegebiet?

Aus ökologischer Sicht wäre dies eine fatale Fehlentwicklung, warnt Heide Naderer vom Nabu. Auch geschädigte Waldbereiche, sogenannte Kalamitätsflächen, würden einen wichtigen Beitrag für den Nährstoffhaushalt, die Artenvielfalt und den Wasserspeicher spielen. Durch Wiederbewaldung könnten sie sich zu wertvollen Mischwaldbeständen entwickeln. „Bevor Wald in Gewerbegebiete umgewandelt wird, müssen zunächst die bestehenden Potenziale ökologisch weniger bedeutsamer Flächen ausgeschöpft werden“, sagt Naderer.

Für den Ausbau der Windenergie sollten Gewerbe- und Industriestandorte stärker in Betracht gezogen werden. Außerdem fordern Umweltverbände wie Nabu und Greenpeace den Wegfall von pauschalen Mindestabstandsregelungen für Windkraftanlagen zu Wohnhäusern.

Aktuell dürfen die Bundesländer die Mindestabstände regeln. In den meisten Ländern gelten 1.000 Meter. Wie viel Abstand muss sein? Zweieinhalb Jahre nach Ausbruch der Pandemie erscheint diese Frage aktueller denn je.

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