‚Summertime sadness‘: Das Mysterium der Sommerdepression

Das unbekanntere Pendant der Winterdepression trifft häufig Frauen. Da Sommerdepressionen kaum erforscht und schwer behandelbar sind, werden sie zudem oft nicht erkannt.

Wednesday, September 2, 2020,
Von Julia Sklar
Sommerdepression

Während die Winterdepression durch kürzere Tage und zunehmende Dunkelheit ausgelöst wird, spielen bei der Sommerdepression unzählige Umweltfaktoren wie hohe Temperaturen, Feuchtigkeit und sogar hohe Pollendichte eine Rolle.

Bild Li Hui

Im Sommer 2019 hatte Christina Flores eine zweiwöchige Reise durch den Mittleren Westen der USA geplant. Mit dem Auto sollte es entlang der Küste Ohios bis in die Ebenen von Iowa und darüber hinaus gehen. Mit jedem besuchten Bundesstaat käme sie ihrem Ziel ein wenig näher, alle 50 zu sehen. Doch am Tag vor ihrer Abreise gab Flores ihren Plan plötzlich auf, obwohl sie bereits Anzahlungen für ihre gebuchten Airbnbs geleistet hatte. Sie war zu deprimiert, um das Haus zu verlassen.

Es war kein neues Phänomen – aber für Flores der jüngste und heftigste Ausbruch ihrer saisonal-affektiven Störung (SAD), an den sie sich erinnert. Obwohl sie das ganze Jahr davon betroffen ist, sind die Effekte im Sommer besonders heftig. Die heute 43 Jahre alte Lehrerin an einer Highschool im Süden Virginias sagt, dass sie bereits zu ihrer eigenen Schulzeit anfing, saisonale Veränderungen in ihrer Stimmung zu bemerken. Erst im Sommer 2010 wurde sie formell als depressiv diagnostiziert. Wenn sie sich zurückerinnert, kann sie diesen Sommer-Blues bis in ihre Kindheit zurückverfolgen.

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„Meine Eltern dachten immer, es läge daran, dass ich mich langweilte oder nicht ausgelastet war“, erzählt sie. „Mir wurde erst als Erwachsene klar, dass viele meiner Probleme in der Kindheit eindeutig psychischer Natur waren.“

Flores hatte keine Ahnung, dass sie an einer saisonal-affektiven Störung leidet. Die Sommervariante ist deutlich seltener und weniger bekannt als die sogenannte Winterdepression, die vielen Menschen ein Begriff ist. Bei letzterer leiden die Betroffenen unter Schwerfälligkeit, erhöhtem Schlafbedürfnis, gesteigertem Appetit und daraus resultierender Gewichtszunahme. Sie können ihre Symptome jedoch recht effektiv mit einer Lichttherapie behandeln: Schon 30 Minuten tägliche Bestrahlung mit einer Tageslichtlampe können die Winterdepression nachweislich in Schach halten.

Im Gegensatz dazu fühlen sich Menschen mit Sommerdepression eher unruhig und leiden unter Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust. Auch ihr Suizidrisiko ist höher als bei Leidensgenossen mit Winterdepression.

Während die winterliche SAD konsequent durch den jahreszeitlich bedingten Lichtmangel ausgelöst wird, spielen bei der sommerlichen Version mehrere Umweltfaktoren wie hohe Temperaturen, Feuchtigkeit und sogar hohe Pollenbelastung eine Rolle. Diese fluktuierenden Auslöser erschweren eine Behandlung der Sommerdepression. Manche Menschen halten sich während der Sommermonate so viel wie möglich im Haus auf – aber in Anbetracht des großen sozialen Drucks, sich in der Sonne zu vergnügen, kann auch das schwierig sein.

Obwohl die Sommerdepression seit fast 40 Jahren ein bekanntes Phänomen ist, weiß man nach wie vor kaum etwas darüber. Von den wenigen Studien stammen die meisten aus den Neunzigern und frühen 2000ern und wurden seither nicht aktualisiert oder erneut aufgegriffen.

Sommerdepressionen werden oft nicht korrekt diagnostiziert. Die Gründe dafür sind vielseitig.

Bild Li Hui

„Während die Forschung zur Winterdepression wirklich Fahrt aufgenommen hat, gibt es nicht viele Menschen, die als Pioniere Forschungsarbeit im Bereich der Sommerdepression leisten“, sagt Kelly Rohan. Die Psychologin und Leiterin für klinische Ausbildung an der University of Vermont befasst sich seit 1993 mit saisonal-affektiven Störungen.

Die Erkrankung ist recht selten und wird oft nicht erkannt. Bedenkt man zusätzlich die dünne Forschungslage, scheint es wahrscheinlich, dass die meisten Betroffenen noch nie von der Sommerdepression gehört haben. Bevor sie für diesen Artikel interviewt wurde, hätte sich Flores selbst zu diesen Menschen gezählt, wie sie sagt. Sie hatte sogar mit ihrem Therapeuten „über die Ironie gescherzt, dass ich anscheinend eine umgekehrte Winterdepression habe“.

„Die Leute finden das seltsam oder denken, ich mache Witze. Niemand kann verstehen, warum irgendwer den Sommer hassen würde“, sagt Flores. „Weil ich die Kälte und die Dunkelheit so sehr mag, scherzen wir manchmal, ich sei eine Höhlenbewohnerin, die sich einfach gern in ihrem Bau verkriecht. Aber die Leute haben einfach kein Verständnis dafür.“

Fehlende Aufklärung & Fehldiagnosen

Tatsächlich scheint die Winterdepression entlang der Breitengrade zu- und wieder abzunehmen. Eine US-Studie aus dem Jahr 1990 zeigte, dass 9,7 Prozent der Menschen in Nashua im nördlichen Bundesstaat New Hampshire an Winterdepressionen litten. Im Gegensatz dazu berichteten nur 0,5 Prozent über sommerliche SAD-Symptome. Unten im sonnigen Florida sah die Lage anders aus: Dort sank der Anteil der Menschen mit Winterdepression auf 1,4 Prozent, während 1,2 Prozent an Sommerdepression litten.

Da die Erkrankung so selten ist und ihre Auslöser so komplex sind, fiel es den Autoren der frühen Studien schwer, eine konkrete Behandlung zu empfehlen. Dieser Missstand wurde durch jahrzehntelange Unterdiagnostizierung noch verschärft.

„Eine Erkrankung nimmt an Bekanntheit zu, wenn klar ist, dass man etwas dagegen tun kann. Das ist bei der Winterdepression der Fall“, sagt Norman Rosenthal – jener Psychologe, der 1984 erstmals eine saisonal-affektive Störung identifizierte. „Bei der Sommerversion kann ich Ihnen einige Empfehlungen geben. Aber das ist nicht dasselbe wie eine einfache, weit wirksamere und leicht umsetzbare Lichttherapie.“

Bild Li Hui

Für Frauen, die im Allgemeinen häufiger von einer SAD betroffen sind, kann es besonders schwierig sein, eine seltene psychische Erkrankung zu haben. Durch die unzureichende Studienlage kommt es häufiger zu Fehldiagnosen. Wenn Frauen mit Sommerdepression zum Arzt gehen, kann es öfter vorkommen, dass ihre Gemütslage beispielsweise auf geringes Selbstwertgefühl oder Unzufriedenheit mit ihrem Körper zurückgeführt wird – verstärkt durch die allgegenwärtige Sommertracht aus Shorts und Tops oder Bikinis.

„[Die Sommerdepression] ist schwer zu fassen, aber deshalb sollte man nicht glauben, dass es sie nicht gibt. Sie ist echt“, sagt Rosenthal.

Pandemie ohne Sommerblues

Ein größeres öffentliches Bewusstsein für bestimmte psychische Leiden erleichtert Betroffenen den Umgang damit. Das trifft auch auf SAD zu, gerade weil soziale Normen sich oft subtil auf unser Wohlbefinden auswirken. Auch wenn der größte Teil der Bevölkerung während des Winters keine depressiven Episoden erlebt, können viele nachvollziehen, dass man sich in der dunklen Jahreszeit nicht so gut fühlt und keine große Lust auf Gesellschaft verspürt.

Im Sommer ist das Gegenteil der Fall: Die meisten US-Amerikaner und Europäer ziehen warmes Wetter dem kalten vor. Für alle, die in dieser beliebten Jahreszeit mit Depression zu kämpfen haben, kann das befremdlich und isolierend sein.

Die 33-jährige Laura Price Steele aus Wilmington in North Carolina, die mit einer Sommerdepression lebt, berichtet von dem Gefühl, das ganze Jahr über nicht im Takt mit ihren Mitmenschen zu sein. „Ich fühle mich mehr mit der Welt im Einklang, wenn es dunkler und kälter ist und alle anderen müde und ein wenig unglücklich sind“, sagt Steele.

Aber diese Diskrepanz kann auch mit Momenten des Friedens einhergehen. Die scharfe Luft des Winters, der stille Trost und der Schutz der Dunkelheit würden ein Gefühl der Vitalität mit sich bringen, sagt sie. Während sich alle anderen zu Hause einigeln, erreichen Steeles Produktivität, Konzentration, Energie und Freude an der Welt ihren Höhepunkt. Das Gleiche gilt für Flores, die ihren Road-Trip im vergangenen Sommer zwar abgesagt hat, aber im November voller Energie mit ihrem Mann nach Island reiste.

Menschen mit Sommerdepressionen bekämpfen ihre Symptome teils mit naheliegenden Methoden, zum Beispiel Gesprächstherapie, Medikamente und Verzicht auf herausfordernde Aktivitäten wie Reisen. Viele behelfen sich zudem mit Klimaanlagen.

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1987 zeigte eine Fallstudie mit zwölf SAD-Betroffenen, dass eine recht extreme Methode die Sommerdepression in Schach halten konnte: Eine Frau mit der Erkrankung hielt sich fünf Tage lang ausschließlich in einem klimatisierten Bereich auf und duschte mehrmals täglich 15 Minuten lang kalt. Es funktionierte. Eine solche Therapie ist im Alltag allerdings kaum praktikabel. Außerdem berichtete die Frau, dass die Symptome zurückkehrten, wenn sie den klimatisierten Bereich verließ.

Die Entwicklung von praktischeren Behandlungsmethoden wird angesichts der globalen Erwärmung an Bedeutung gewinnen. Der Klimawandel wirkt sich bereits jetzt negativ auf die psychische Gesundheit aus.

Sowohl Rosenthal als auch Rohan rechnen damit, dass die zunehmende Wärme für höhere Fallzahlen von Sommerdepression sorgen wird. Man denke nur an die Hitzewellen in Sibirien oder die wachsenden Pollenwolken auf der Nordhalbkugel: Populationen, die noch nie Auslöser einer Sommerdepression tolerieren mussten, sind ihnen nun zunehmend ausgesetzt. Darüber hinaus könnten auch Menschen, die zu Winterdepression neigen, durch die Erwärmung leiden: Wenn sie an Orten leben, die bereits heute heiß und feucht sind, aber den Sommer für gewöhnlich genießen, könnte eine extremere Hitze ihnen auch diese Jahreszeit verleiden.

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Im aktuellen Pandemie-Sommer, in dem die Symptome von Depressionen und Angststörungen in vielen Bevölkerungsschichten zunehmen, haben es Flores und Steele allerdings zum ersten Mal seit langer Zeit wieder etwas leichter.

Es gibt keine Pool-Partys, Treffen am Strand oder Grillabende im Garten. Selbst Einladungen zu Treffen im Freien – mit Maske und Distanz – können mit einer gesellschaftlich akzeptablen Entschuldigung vermieden werden. Dieses Jahr gibt es für sie keinen Grund, über ihre Krankheit zu sprechen und dabei nur auf Unverständnis zu stoßen. Der Sommer ist 2020 praktisch gestrichen – und einige Leute könnten offen gesagt nicht glücklicher darüber sein.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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