Rätsel um Roanoke: Neue Spuren im Fall der verschwundenen Kolonie

Es ist eines von Amerikas ältesten historischen Mysterien: Die englische Kolonie Roanoke verschwand 1590 spurlos. Neue Funde deuten auf das Schicksal der Siedler hin.

Von Andrew Lawler
Veröffentlicht am 10. Nov. 2020, 13:19 MEZ, Aktualisiert am 10. Nov. 2020, 15:20 MEZ
Mehr als hundert Männer, Frauen und Kinder segelten 1587 von England nach North Carolina, um eine ...

Mehr als hundert Männer, Frauen und Kinder segelten 1587 von England nach North Carolina, um eine neue Siedlung zu gründen. Drei Jahre später waren sie verschwunden und hinterließen nur wenige Hinweise auf ihr Schicksal.

Bild Mark Thiessen, National Geographic

Es klingt wie der Plot eines Mystery Thrillers: Der englische Kolonialgouverneur John White kehrte 1590 in die nur wenige Jahre zuvor gegründete Kolonie Roanoke zurück, der ersten englischen Kolonie in Amerika. Aber alle 115 Männer, Frauen und Kinder, die er dort erwartet hatte, waren verschwunden. Lange Zeit rätselten Historiker darüber, welches Schicksal die Einwohner der verlorenen Kolonie ereilt haben könnte. Nach fast einem halben Jahrtausend gibt es nun endlich eine Spur: Scherben von zerbrochenem Geschirr, die kürzlich in einem Feld in North Carolina ausgegraben wurden, sollen den Überlebenden von Roanoke gehört haben.

Bei der Arbeit an einer Klippe über dem Albemarle Sound, 80 Kilometer westlich von Roanoke Island, entdeckte ein Team der First Colony Foundation einen wahren archäologischen Schatz: englische, deutsche, französische und spanische Keramikstücke.

„Die Anzahl und Vielfalt der geborgenen Artefakte sind ein überzeugender Beweis dafür, dass die Stätte von mehreren Siedlern aus Sir Walter Raleighs verschwundener Kolonie von 1587 bewohnt war“, sagte der Archäologe Nick Luccketti, der Leiter des Teams.

Roanoke: Die verschollene Kolonie
Was geschah mit den Siedlern der Kolonie auf Roanoke Island?

Die Ankündigung kam nur wenige Monate, nachdem ein anderer Archäologe behauptet hatte, auf der etwa 80 Kilometer südlich von Roanoke Island gelegenen Insel Hatteras Gegenstände gefunden zu haben, die im Zusammenhang mit den verlorenen Siedlern stehen. Wenn beide Entdeckungen Bestand haben, stützen sie die Theorie, dass sich die Kolonisten in zwei oder mehr Lager aufgeteilt haben. Mit recht großer Sicherheit hatten sie dabei Hilfe von Ureinwohnern, in deren Siedlungen sie sich wahrscheinlich integrierten und assimilierten.

Was geschah mit den Siedlern der verschwundenen Kolonie?

Die verlorene Kolonie bestand zum größten Teil aus Londoner Bürgern der Mittelschicht, die an der Küste von North Carolina gestrandet waren, als die spanische Armada England angriff und ihre Nation in den Krieg stürzte. Zu dieser Zeit befand sich der Gouverneur der Kolonie, John White, in London und sammelte Vorräte und weitere Kolonisten. Als er schließlich drei Jahre später in die Siedlung zurückkehrte, fand er sie verlassen vor.

Der einzige Hinweis auf das Schicksal der Siedler war ein Pfosten, auf dem das Wort „Croatoan“ eingeritzt war. Das war zu jener der Name der Insel Hatteras und ihrer Ureinwohner, die ein gutes Verhältnis zu den Engländern pflegten. Einer von ihnen, Manteo, reiste zweimal nach England und wurde von Königin Elisabeth I. zum Lord ernannt.

White schrieb auch, dass die Siedler beabsichtigten, „80 Kilometer landeinwärts“ zu ziehen. Der Gouverneur hat die Siedler, zu denen auch seine Tochter Eleanor Dare und seine Enkelin Virginia Dare gehörten – das erste englische Kind, das in der Neuen Welt geboren wurde – jedoch nie gefunden.

Auf einer Karte, die vom Gouverneur der Kolonie gezeichnet wurde, prangt ein Fleck mit dem Symbol für ein Fort, das 80 Kilometer landeinwärts von Roanoke Island liegt. Forscher sagen, sie hätten in diesem Gebiet Hinweise auf Überlebende der verlorenen Kolonie gefunden.

Bild Stuart Conway, National Geographic

Der Fall blieb rätselhaft, bis Forscher 2012 einen Fleck auf einer von White gezeichneten Aquarellkarte des östlichen North Carolina bemerkten. Unter dem Fleck fanden sie das Bild eines Forts an der Spitze des Albemarle Sound. Es lag 80 Kilometer westlich von Roanoke Island, was zu der Erzählung des Gouverneurs passt. Über dem Fleck war ein weiterer schwacher Umriss eines Forts gezeichnet worden – mit unsichtbarer Tinte, wie Analysten sagten.

Wissenschaftler spekulierten, dass White die Existenz des Forts vor den Spaniern verbergen wollte, die Roanoke als eine Bedrohung ihrer Vorherrschaft in Nordamerika und der kritischen Schifffahrtswege vor den Outer Banks von North Carolina ansahen. Die Spanier schickten eine Expedition los, um die verfeindete Kolonie auszulöschen – aber auch sie konnten die Siedler nicht finden.

Im Jahr 2015 grub Lucckettis Team das auf der Karte eingezeichnete Gebiet in der Nähe eines indianischen Dorfes namens Mettaquem aus. Da frühe europäische Kolonisten ihre Siedlungen in der Regel in der Nähe von indianischen Stätten errichteten, schien dies ein guter Ort, um mit der Suche zu beginnen.

Ein Stück englischer Keramik von der Grabungsstelle „Site X“ könnte zu einem Topf gehören, der von einem Überlebenden der glücklosen Kolonie benutzt wurde.

Bild Mark Thiessen, National Geographic

Laut Clay Swindell, einem Archäologen, der mit der First Colony zusammenarbeitet und Mettaquem untersuchte, beherbergte das mit einer Palisade eingegrenzte Dorf etwa 80 bis 100 Menschen. Unmittelbar außerhalb der Palisade, an einem Ort, den sie „Site X“ nannten, fand Lucckettis Team zwar kein Fort, aber sie entdeckten zwei Dutzend englische Keramikstücke. Ihrer Einschätzung nach gehörten die Objekte wahrscheinlich Überlebenden der verlorenen Kolonie.

Im Januar gruben die Archäologen in einem Feld drei Kilometer nördlich von Site X. Dort, an „Site Y“, fanden sie noch deutlich mehr und vielfältigere Keramiken als an Site X. Luccketti glaubt, dass zumindest einige der Siedler nach Whites Abreise 1587 aus Roanoke wegzogen und ihre europäischen Keramiken mitbrachten. Ihm zufolge habe womöglich eine kleine Gruppe, vielleicht nur eine einzige Familie, neben ihren indianischen Nachbarn mit der Landwirtschaft begonnen, während sie vergeblich auf Rettung warteten.

Des Rätsels Lösung?

Der Archäologe William Kelso, der das Projekt zu Freilegung des Forts von Jamestown von 1607 leitete, ist zuversichtlich, dass die Funde „eines der größten Rätsel der frühen amerikanischen Geschichte lösen werden – die Odyssee der verlorenen Kolonie“. Andere Archäologen warnen jedoch davor, voreilige Schlüsse zu ziehen.

„Ich bin skeptisch“, sagt Charles Ewen, ein Archäologe an der East Carolina University. „Sie versuchen, ihre Theorie zu beweisen, anstatt zu versuchen, sie zu widerlegen, was der wissenschaftliche Weg wäre.“

Lucckettis Behauptung hängt von der Datierung der kleinen Keramikstücke ab – keine leichte Aufgabe, da sich die Fertigungsstile über lange Zeit kaum verändert haben. Es ist denkbar, dass die Keramiken an den Fundorten X und Y von späteren englischen Händlern aus Jamestown stammen, das zwei Jahrzehnte nach dem gescheiterten Versuch von Roanoke besiedelt wurde. Die Forscher sind sich jedoch einig, dass die Entdeckung von zwei separaten Fundorten Lucckettis These stärkt.

„Ich habe kein Problem mit ihrer Interpretation, dass die fraglichen Keramiken möglicherweise vom Ende des 16. Jahrhunderts stammen und möglicherweise mit der verlorenen Kolonie zusammenhängen“, sagt Jacqui Pearce, eine Keramik-Expertin am Museum of London. Obwohl die gesamte Keramik auch im 17. Jahrhundert noch hergestellt wurde, hält sie es für unwahrscheinlich, dass diese spezielle Sammlung von Töpfen nach 1650 hergestellt wurde, als die ersten bekannten englischen Händler begannen, in das Gebiet vorzudringen.

Allerdings stammen die Funde aus durchmischten Erdschichten, die in den folgenden Jahrhunderten von späteren Siedlern und versklavten Afrikanern gepflügt wurden. Und das Team hat noch keine eindeutigen Überreste eines elisabethanischen Gehöfts gefunden. „Man müsste Artefakte, die eindeutig aus dem 16. Jahrhundert stammen, in einem stratigraphisch versiegelten Kontext finden“, erklärt Henry Wright, ein Archäologe an der Universität von Michigan.

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Ein faszinierender Hinweis, der eher auf Roanoke-Kolonisten als auf Händler aus Jamestown hinweist, ist das Fehlen von Tonpfeifen aus dem frühen 17. Jahrhundert an den Grabungsstätten X und Y. Frühe Roanoke-Expeditionen schauten sich das Pfeiferauchen von den Ureinwohnern Amerikas ab, und Raleigh machte es in England zur Mode. Schlanke Tonpfeifen mit kleinen Köpfen, die sich in Material und Stil deutlich von den Pendants der Ureinwohner unterschieden, waren in den frühen 1600ern Bestandteile der Ausrüstung jedes englischen Händlers.

Doch diese Pfeifen tauchten an Standort Y nicht auf. Pearce bezeichnete ihr Fehlen als signifikant. „Wenn irgendeiner der Bewohner der verlorenen Kolonie geraucht hätte, dann hätte er einheimische Pfeifen und nicht in London hergestellte Exemplare verwendet“, sagte sie.

Ein zweites Lager der versprengten Siedler

Während Lucckettis Team an der Stätte X grub, befasste sich eine Gruppe unter der Leitung des Archäologen Mark Horton, damals an der University of Bristol, mit den Überresten eines indianischen Dorfes auf der heutigen Insel Hatteras – das historische Croatoan. In Zusammenarbeit mit Freiwilligen der Croatoan Archaeological Society entdeckte er europäische Artefakte, darunter den Griff eines Rapiers aus dem 16. Jahrhundert und einen Teil eines Gewehrs.

Laut Scott Dawson, dem Leiter der Society, seien die Artefakte ein Beweis dafür, dass die Kolonisten im Volk der Croatoan aufgegangen sind. „Wir wissen jetzt nicht nur, wohin sie gingen, sondern auch, was geschah, nachdem sie dort angekommen waren“, schrieb er kürzlich in einem Buch über die Kolonisten.

Horton, der seine Funde noch nicht veröffentlicht hat, warnte allerdings, dass diese Objekte alle in einem Kontext gefunden wurden, der aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammt. Das bedeutet, dass es sich um Erbstücke handeln könnte, die von den Nachkommen der Kolonisten weitergegeben wurden, oder um spätere Handelswaren aus Jamestown.

Luccketti bezweifelt, dass eine große Anzahl von Roanoke-Kolonisten auf Croatoan angekommen ist. Zum Teil liegt das an den klimatischen Hinweisen, die darauf hindeuten, dass in dem Jahrzehnt nach der Ankunft der Siedler kaum Niederschläge zu verzeichnen waren. „Man lässt nicht einfach hundert Menschen in einer Dürre auf einer Insel zurück“, sagte er.

Aber Horton zufolge würden die Entdeckungen von Site X, Site Y und Hatteras die zunehmend populäre Theorie unterstützen, dass die verlorenen Kolonisten getrennte Wege gingen und sich mit den lokalen indianischen Gemeinschaften zusammenschlossen. „Das ist typisch für Situationen wie Schiffbruch“, sagt er. „Die Ordnung bricht zusammen und am Ende hat man mehrere Lager mit Überlebenden.“

Und es gibt einen klaren Präzedenzfall. Als 1586 die Nahrung für die ersten Mitglieder der Roanoke-Kolonie bedrohlich knapp wurde, verstreute ihr Anführer seine hundert Siedler über die gesamte Region, auch nach Croatoan, damit sie auf Nahrungssuche gehen konnten. Die Taktik erwies sich als erfolgreich und hielt die Kolonisten am Leben, bis sie ein Schiff fanden, das sie nach England zurückbrachte.

Dawson hofft, die Ausgrabungen in anderen Teilen von Hatteras wiederaufzunehmen und nach weiteren Lagern Überlebender zu suchen. Währenddessen beabsichtigt auch Lucckettis Team, die Jagd nach den Menschen der verlorenen Kolonie fortzusetzen „Es gibt nicht genug Daten, aber sie sollten weitersuchen“, sagt Ewen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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