Die Geschichte der Handschuhe – und warum sie ein Comeback erleben könnten

Mode, Gesundheit oder Schutz vor Verletzungen: Es gibt viele Gründe, Handschuhe zu tragen – und das nicht erst seit Kurzem. Das historische Accessoire begleitet die Menschen schon seit Jahrhunderten.

Veröffentlicht am 24. Nov. 2021, 14:00 MEZ
Auf diesem Foto aus dem Jahr 1947 betrachtet eine Frau eine Auswahl bunter Handschuhe.

Auf diesem Foto aus dem Jahr 1947 betrachtet eine Frau eine Auswahl bunter Handschuhe. Das modische Accessoire war jahrhundertelang ein Statussymbol, der Niedergang des Freizeithandschuhs begann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In Zeiten von COVID-19 könnte ein neues Interesse an Alltagshandschuhen entstehen, die vor dem Kontakt mit Krankheitserregern schützen.

Bild B. Anthony Stewart, Nat Geo Image Collection

Die meisten von uns tragen sie ausschließlich an kalten Wintertagen oder bei der Arbeit: Handschuhe – aus Wolle, Leder oder Kunststoff. Sie halten warm und schützen vor Verletzungen oder Infektionen, doch als Teil der Alltagsgarderobe haben sie inzwischen ausgedient. Heutzutage streift sich kaum noch jemand einen leichten Leder- oder Stoffhandschuh über, bevor er das Haus verlässt.

Deswegen wirkt es etwas aus der Zeit gefallen, dass es sich bei der neuesten Innovation, die der New Yorker Schal- und Handschuhhersteller Echo Design im Jahr 2020 auf den Markt brachte, um einen Handschuh für jeden Tag handelte. „Seit Beginn der Coronapandemie sehe ich ständig Mülleimer voller Wegwerfhandschuhe vor den Supermärkten“, sagt Steven Roberts, CEO und Präsident der Firma, die im Jahr 1923 gegründet wurde. „Ich habe mich gefragt, wie man auf die Ängste der Menschen eingehen kann und ob wir nicht einen leichten, waschbaren Handschuh produzieren könnten.“

Er erteilte einer Fabrik in Asien den Auftrag zur Herstellung dieses Handschuhs, der aus einem Baumwoll-Polyester-Gemisch besteht und bei alltäglichen Aktivitäten nicht stört. Obwohl Steven Roberts immer wieder betont, „dass die Handschuhe keine medizinische Funktion haben und lediglich eine zusätzliche Schutzschicht bieten“, verkaufte Echo innerhalb der letzten drei Monate Tausende Paare.

Dank COVID-19 könnte der Handschuh also wieder in unseren Alltag zurückkehren – dorthin, wo er bis in die Sechzigerjahre hinein über Jahrtausende nicht wegzudenken war. Ob bei Zeremonien am englischen Hofe oder in der Medizin des frühen 20. Jahrhunderts: Handschuhe haben in der Geschichte der Menschheit – oft unbemerkt – eine wichtige Rolle gespielt. Es ist Zeit, diese näher zu beleuchten.

Von Anfang an ein Statussymbol

Höhlenmalereien lassen vermuten, dass schon die Menschen der Eiszeit ihre Hände in einfache – vermutlich gestrickte – Fäustlinge steckten, um sie vor der Kälte schützen. Die ältesten heute noch existierenden Handschuhe wurden irgendwann zwischen 1343 und 1323 v. Chr. angefertigt: Das Paar aus Leinenstoff, das am Handgelenk zusammengebunden werden konnte, wurde im Jahr 1922 im Grab des altägyptischen Königs Tutanchamun gefunden. „Er hat sie wahrscheinlich beim Lenken seines Streitwagens getragen“, sagt Michael Redwood, Leder- und Handschuhexperte und Autor des Buchs Gloves and Glove-Making. „Es hat fast schon Symbolcharakter, dass er sie beim Halten der Zügel trug. Handschuhe hatten für den Adel, kirchliche Würdenträger und in der Rechtsprechung immer eine große Bedeutung – und Tutanchamun füllte all diese Funktionen aus.”

Während mittellose Menschen und Angehörige der Arbeiterklasse in der Antike ihre Fäustlinge selbst strickten, ließen die Reichen ihre Handschuhe aus Stoff oder Leder anfertigen. Trotzdem trug auch die Oberschicht zu dieser Zeit Handschuhe vor allem aus Gründen der Zweckmäßigkeit. In Homers Odyssey streifen Protagonisten Handschuhe über, um sich nicht an Dornen zu stechen.

Im mittelalterlichen Europa erfreuten sich Fingerhandschuhe wachsender Beliebtheit. Ihre Herstellung war im Vergleich zu der einfacher Fäustlinge jedoch viel komplizierter: Sie setzte großes Geschick und das Vorhandensein der richtigen Materialen voraus. Aus diesem Grund wurden Handschuhe in erster Linie zu zwei Zecken angefertigt: Als Teil der Arbeitsbekleidung – aus Metall für den Kampf, aus dickem Leder für den Schmied – oder als modisches Accessoire der Wohlhabenden, das sie zu besonderen Anlässen trugen.

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Bei königlichen Zeremonien spielen Handschuhe eine wichtige Rolle. Dieses Bild zeigt die Krönungshandschuhe aus weißem Leder von Königin Elisabeth II., in die mit goldenem Faden königliche Symbole eingestickt sind.

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Seit Jahrhunderten wird bei der Krönung britischer Herrscher – wie hier bei der von George VI. im Jahr 1937 – ein Ritual durchgeführt, bei dem ein Hofbeamter dem Monarchen den Handschuh der rechten Hand abstreift, um den Krönungsring auf den Ringfinger stecken zu können.

Bild The Glove Collection Trust, Bridgeman Images(Links)(Oben)
Bild The Print Collector, Alamy(Rechts)(Unten)

Seit der Krönung des englischen Königs Edgar im Jahr 973 n. Chr. wird dem Monarchen, der den Thron besteigt, während der Zeremonie von einem Hofbeamten der Handschuh der rechten Hand abgestreift und der Krönungsring auf den Ringfinger gesteckt. Königin Elisabeth I. trug bei ihrer Krönung im Jahr 1559 weiße Wildlederhandschuhe mit silbernen Fransen. Ihnen ähnelte das schneeweiße Paar aus Leder, das Elisabeth II. bei ihrer Thronbesteigung am 2. Juni 1953 trug. Dieses war jedoch etwas kunstvoller genäht und mit einem Monogramm versehen: „ER II.“, mit goldenem Faden gestickt.

Im noch jungen Europa wählte man Handschuhe oft als symbolisches Geschenk, das bei einer Landübernahme oder als Zeichen der Vetternwirtschaft übergeben wurde. Warf ein Ritter seinen Handschuh, so war dies als Herausforderung zum Kampf zu verstehen – eine Tradition, die Jahrhunderte später bei der Aufforderung zum Duell wieder auflebte.

Zu Zeiten von Elisabeth I. zeigte sich in Europa kaum ein Mitglied der gehobenen Gesellschaft ohne Handschuhe in der Öffentlichkeit. Sie waren sowohl Statussymbol als auch modisches Statement. „Ihre komplizierte Anfertigung machte Handschuhe zum Luxusgut“, erklärt Valerie Steele, Modehistorikerin und Museumsdirektorin am Fashion Institute of Technology in New York City. „Auf den Porträts der Wohlhabenden, die Tizian im 16. Jahrhundert malte, tragen diese immer Handschuhe oder halten sie sichtbar in ihren Händen.“ Katholische Priester trugen Handschuhe als Zeichen der Reinheit.

Galerie: Ein Handschuh für jeden Anlass

Laut Valerie Steele war das Tragen von prächtig verzierten Handschuhen an den europäischen Höfen bei Männern und Frauen gleichermaßen beliebt. „Die Handschuhe waren oft parfümiert. Die Menschen erhofften sich, dadurch Krankheiten abzuwehren, die dem damaligen Glauben zufolge im Miasma zirkulierten.“ Die Handschuhe waren mit Kräutern und Gewürzen durchtränkt, die den fauligen Geruch des Leders überdeckten, das mit Tierexkrementen gegerbt wurde. Die französische Königin Caterina de‘ Medici, die ursprünglich aus Italien stammte, brachte die parfümierten Handschuhe im 16. Jahrhundert an den französischen Hof. Ihr wurde nachgesagt, dass sie mithilfe eines solchen die spanische Gräfin Johanna III. vergiftet haben soll. Obwohl dieses Gerücht nie bestätigt wurde, hielt es sich doch über Jahrzehnte und inspirierte Alexandre Dumas zu der Mord-durch-Handschuh-Handlung in seinem Buch Die Königin Margot aus dem Jahr 1845.

Der Bedarf steigt, die Industrie wächst

Im 18. und 19. Jahrhundert wuchs der Wohlstand in Europa und Amerika – und ebenso der Bedarf an Handschuhen. „Wer zeigen wollte, dass er zur Ober- oder Mittelschicht gehörte, trug Handschuhe, um zu vermeiden, dass die Hände von der Sonne gebräunt werden“, erklärt Valerie Steele. „Das war ein Zeichen dafür, dass man es nicht nötig hatte, zu arbeiten.“

Eine wohlhabende Person im 19. Jahrhundert wechselte ihre Handschuhe mehrmals am Tag. Zur Kutschfahrt am Nachmittag trug man ein kürzeres Paar, für festliche Anlässe wählten die Damen lange, geknöpfte Modelle. Die Handschuhe waren aus Seide, Baumwolle oder Leder und oft weiß. „Man besaß mehrere Paare, die immer wieder ersetzt werden mussten“, sagt Steele.

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Diese farbenfrohen Reklamen für Handschuhe aus den Jahren 1950 und 1890 zeigen die anhaltende Popularität des Modeaccessoires.

Rechts: Unten:

Werbung aus dem Jahr 1890.

Bild The Advertising Archives, Bridgeman Images(Links)(Oben)
Bild the Library of Congress(Rechts)(Unten)

„Gleichzeitig waren Frauen immer weniger an ihr Heim gebunden“, erklärt Susan J. Vincent, Kulturhistorikerin an der University of York in England. „Sie hielten sich häufiger in der Öffentlichkeit auf und nahmen an mehr Aktivitäten teil: Gärtnern, Autofahren, Gletscherwanderungen. Das setzte eine bestimmte Art der Kleidung voraus.” Eine komplexe Etikette entwickelte sich: Ein Mann, der seinen Handschuh zum Händeschütteln abnahm, drückte damit sein Vertrauen in sein Gegenüber aus, Frauen hingegen entfernten ihre Handschuhe nur zu den Mahlzeiten.

Der Handschuh war in der breiten Masse angekommen. Ganze Städte und Gemeinden entstanden rund um den Handel mit dem beliebten Produkt – erst in Italien und Spanien, später dann auch in England und Amerika. In England etablierten sich Handschuhmacher-Gilden wie die Worshipful Company of Glovers of London, die 1349 gegründet wurde. In Gloversville im US-Staat New York wurden bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts etwa 90 Prozent aller Handschuhe weltweit hergestellt.

Galerie: Historische Kopfbedeckungen

Die Arbeiter, die die Handschuhe anfertigten – Männer in den Fabriken, Frauen zu Hause – optimierten ihre Fähigkeiten. Sie lernten, die Finger so zu nähen, dass sie eine gute Passform hatten. Dadurch, dass sie das Leder schräg zuschnitten, wurde der Handschuh dehnbar und behielt trotzdem seine Form. Die meisten Hersteller arbeiteten auf Grundlage eines scheinbar unkomplizierten, vierteiligen Schnittmusters, das erstmals im Jahr 1764 in der französischen Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers beschrieben wurde und auch heute noch in vielen Fabriken zu finden ist. „In den letzten Jahrhunderten hat sich bei der Anfertigung von Handschuhen nicht viel geändert“, sagt Michael Redwood. „Heute gibt es elastischere Materialien aber das Schnittmuster ist meisten noch immer dasselbe. Es scheint simpel, aber die Einzelteile so zu verarbeiten, dass der Handschuh auch auf eine Hand passt, ist schwierig.“

Siegeszug in der Medizin

Handwerker tragen schon lange Handschuhe bei der Arbeit: Feuerfeste, lange Modelle in der Schmiede, robuste Lederpaare bei der Gartenarbeit. An den Händen von Ärzten, die Operationen oder Untersuchungen durchführten, kamen sie aber erst im Jahr 1894 zum Einsatz. Auslöser hierfür war eine Liebesgeschichte.

Dieses Foto aus dem Jahr 2018 zeigt Arbeiter in der Provinz Luannan, China, bei der Herstellung medizinischer Handschuhe. In Luannan werden jährlich mehr als 13 Milliarden Handschuhe produziert und in die ganze Welt exportiert.

Bild Yang Shiyao, Xinhua/eyevine/Redux

William Stewart Halstead, der erste leitende Chirurg des John Hopkins Hospital in Baltimore, Maryland, hatte sich in die OP-Schwester Caroline Hampton verliebt. Durch den Kontakt mit Phenol und anderen reizenden Antiseptika in dem Krankenhaus war die Haut an ihren Händen gereizt. Um ihr zu helfen, kontaktierte Halstead die Firma Goodyear Rubber Works und bat sie um die Anfertigung eines Paares Latexhandschuhe. Caroline Hamptons Problem war auf einen Schlag gelöst und auch andere medizinische Fachkräfte begannen damit, Handschuhe zu tragen – auch weil diese die Fingerfertigkeit verbesserten. Halstead und Hampton heirateten schließlich.

Kommt der Handschuh zurück?

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Handschuhe ein Muss. Sowohl für Männer, die herausgefunden hatten, dass sie mit dem richtigen Modell einen besseren Halt am Steuer des neumodischen Automobils hatten als auch für Frauen, die nach wie vor die langen, geknöpften Handschuhe aus dem vergangenen Jahrhundert trugen. Obwohl Handschuhe auch noch während der Spanischen Grippe in den Jahren 1918 und 1919 geläufig waren, wurden sie seltsamerweise nicht als Schutz vor Infektionen angesehen. „Die Menschen dachten, dass die Grippe lediglich durch Husten und Niesen übertragen wird“, sagt Michael Redwood.

In den Zwanzigerjahren war die Pandemie überstanden. Ein neuer Optimismus und ein Gefühl von Freiheit hielten Einzug in die Gesellschaft. Die Damen trugen jetzt knielange Kleider, die Herren legere Freizeitkleidung. „Handschuhe waren zu dieser Zeit kürzer und weniger formell – analog zu den kürzeren Kleidern und Frisuren der Frauen“, sagt Susan J. Vincent. Doch der feine Handschuh war noch immer präsent. Er wurde weiterhin zu gesellschaftlichen Anlässen und im Beruf getragen – und das weit bis in die Sechzigerjahre. „Sekretärinnen trugen sie sogar zum Tippen, was unglaublich kostenintensiv gewesen sein muss, wenn man bedenkt, dass schon ein bisschen Tinte den Handschuh ruinieren konnte“, sagt Michael Redwood.

Der plötzliche Wandel gesellschaftlicher und auch modischer Normen in den späten Sechzigerjahren markierte jedoch das Ende der Idee, dass man in Gesellschaft aus Respekt Handschuhe tragen muss. Das bis dahin so populäre Accessoire wurde in die Wintergarderobe und den Gartenschuppen verbannt. „Ungefähr zur selben Zeit hörten Frauen auch damit auf, Hüte zu tragen“, sagt Valentina Steele. „Man lehnte alle bürgerlichen Konventionen ab. Die Menschen trugen einfach, wonach ihnen der Sinn stand.“

Doch die heutige Zeit der medizinischen Masken und der Handdesinfektion könnte Handschuhen zu einem Comeback verhelfen. „Ich bin überzeugt, dass Menschen mit Modegeschmack keine Lust haben, weiterhin diese hässlichen Latexhandschuhe zu tragen“, sagt Valentina Steele. „Man könnte stattdessen einfach hübsche kleine schwarze Handschuhe herstellen – der Markt dafür ist mit Sicherheit da.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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