Geschichte und Kultur

Nicht ganz so noble Nobelpreisträger

Rassisten, Betrüger und Sexisten: Unter den Nobelpreisträgern gibt es so einige Querschläger.

Von Mark Strauss
James Watersons Ruhm für die Entdeckung der DNA-Struktur wurde später von seinen unerhörten Äußerungen zu Rasse und Intelligenz überschattet.

Der Nobelpreis wird seit dem Jahr 1901 vergeben – seither haben weniger als 1.000 Menschen die renommierteste Auszeichnung der Welt erhalten. Einige große Entdeckungen wurden dabei im Laufe der Zeit aus unerklärlichen Gründen völlig übergangen, während manche Preisträger zwar für ihre Leistungen auf einem bestimmten Gebiet ausgezeichnet wurden, aber dafür in so manch anderer Hinsicht völlig untragbar waren.

Einige versäumten es, ihre weiblichen Kollegen angemessen zu würdigen, ohne die ihr eigener Erfolg gar nicht möglich gewesen wäre. Andere nutzten ihren Ruhm, um Junk Science zu propagieren. Wieder andere offenbarten unter dem Deckmantel der Weiterführung ihrer Forschungen ihren Fanatismus.

Der Übersicht halber haben wir diese Tiefpunkte der Geschichte des Nobelpreises in Kategorien eingeteilt.

RASSENTHEORIEN

Als Miterfinder des Transistors brachte William Shockley das Silizium ins Silicon Valley. Leider war er auch ein sturer Rassist.

Ihm wurde 1956 der Physik-Nobelpreis verliehen. In späteren Jahren versuchte er trotz der Tatsache, dass er keinerlei Ausbildung auf den Gebieten der Biologie und Genetik durchlaufen hatte, eben jene Fachrichtungen heranzuziehen, um rassistische Ideen der Rassenhygiene zu rechtfertigen.

Im Speziellen warnte er vor „retrogressiver Evolution“, da er glaubte, die schwarze Bevölkerung würde sich schneller als die weiße vermehren, welche er als intellektuell überlegen betrachtete. Seine vorgeschlagenen „Lösungen“ beinhalteten die Ersetzung des Sozialsystems durch finanzielle Anreize für „genetisch benachteiligte“ Individuen, damit diese sich sterilisieren könnten.

John Bardeen, William Shockley und Walter Brattain teilten sich 1956 den Physik-Nobelpreis für ihre Erfindung des Transistors. In späteren Jahren wurde Shockley von rassistischen Theorien besessen und befürwortete die Sterilisation von „genetisch benachteiligten“ Individuen.

WISSENSCHAFTSVERLEUGNUNG

Kary Mullis, der 1993 den Chemie-Nobelpreis gewann, gefällt sich in seiner Rolle als „Nonkonformist“. In seiner Autobiografie „Dancing Naked in the Mind Field“ preist er die Wirksamkeit der Astrologie an, beschreibt eine mögliche Begegnung mit Aliens (die ihm in Form eines sprechenden, leuchtenden Waschbären erschienen) und erzählt gutgelaunt von seiner mehrfachen Einnahme von LSD (die eventuell den Waschbären erklären könnte).

Fische auf Drogen könnten helfen, Drogensucht zu behandeln
Fische auf Drogen könnten helfen, Drogensucht zu behandeln

Leider findet sich in den Theorien von Mullis auch die wissenschaftliche Verleugnung von AIDS. Er hat seinen Nobelruhm genutzt, um die Theorien des Molekularbiologen Peter Duesberg zu unterstützen. Diese besagen – trotz erdrückender Beweislage zum Gegenteil –, dass der HI-Virus ungefährlich ist und dass AIDS eigentlich durch HIV-Medikamente und gelegentlichen Drogenkonsum verursacht wird.

KRIEGSSCHRECKEN

1918 ging der Chemie-Nobelpreis an Fritz Haber, der eine Möglichkeit entwickelt hatte, aus Stickstoff und Wasserstoff Ammoniak zur Verwendung in Düngemittel zu synthetisieren. Die Entdeckung führte weltweit zur Vergrößerung der Ernteerträge – und Haber wurde als der Mann gefeiert, der „Brot aus Luft“ gemacht hatte.

Aber Haber sollte für eine ganz andere Erfindung berühmt werden: die industrialisierte Massentötung. Während des Ersten Weltkriegs rief er ein Programm für die Entwicklung und waffentechnische Einsetzung von Chlor auf dem Schlachtfeld ins Leben. Am 22. April 1915 beaufsichtigte Haber persönlich den Einsatz von 6.000 Gaszylindern bei Ypern in Belgien. Der Einsatz tötete 1.000 französische und algerische Soldaten in weniger als zehn Minuten.

Fritz Haber gewann 1918 den Chemie-Nobelpreis, da seine Erfindung eines Prozesses zur Herstellung von künstlichem Dünger den weltweiten Hunger bekämpfte. Dennoch sollte er als „Vater der Chemiewaffen“ in die Geschichte eingehen.

UNQUALIFIZIERTESTER GEWINNER

Nils Gustaf Dalén wurde 1912 der Physik-Nobelpreis verliehen, und zwar für seine bahnbrechende Forschung im Bereich der ... Leuchttürme. Seine Erfindung, das Solventil, war ein Solarventil, welches den Gaslichtbetrieb regulierte. Bei Sonnenaufgang schaltete es das Signallicht des Leuchtturms aus und schaltete es bei Einbruch der Nacht wieder ein – oder auch während des Tages, wenn es zu nebelig oder bewölkt war.

Es war zweifelsfrei eine sehr praktische Erfindung, aber nicht gerade ein Beispiel für Forschung, die einen Paradigmenwechsel hervorrief – besonders in einer Zeit, als Max Planck und andere Wissenschaftler gerade unser Verständnis der Physik revolutionierten.

„Das bleibt bis heute der am wenigsten eindrucksvolle Preis in allen Wissenschaftskategorien“, schreibt Burton Feldmann in seinem Buch „The Nobel Prize: A History of Genius, Controversy, and Prestige“. „Das scheint passiert zu sein, weil die Akademie bei ihrer Entscheidung für deutlich beeindruckendere Kandidaten wie Planck festgefahren war.“

Später stellte sich heraus, dass die Akademie ursprünglich einen gemeinsamen Preis an Nikola Tesla und Thomas Edison für ihre Beiträge zur Entwicklung der Elektrizität verleihen wollte. Tesla weigerte sich jedoch, die Ehre mit Edison zu teilen. Einige historische Berichte sagen, dass Tesla über finanzielle Streitigkeiten mit Edison verbittert war, während andere meinen, dass er es als Beleidigung empfand, den Preis mit einem bloßen Erfinder zu teilen.

Und so ging der Preis stattdessen an einen Mann, der eine Möglichkeit gefunden hatte, Leuchttürme effizienter zu gestalten.

SEXISTEN?

Es gibt durchaus einige Nobelpreisgewinner, die in dieser Kategorie Erwähnung finden könnten, zum Beispiel jene, die ihren Kolleginnen die öffentliche Anerkennung verwehrten, die sie für ihre Forschung verdienen (siehe „Verwehrung der Anerkennung“ weiter unten).

Anfang der 2000er gab es auf diesem Gebiet eine Kontroverse, die durch einen Post auf Twitter ausgelöst wurde: Sir Tim Hunt, der 2001 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin gewonnen hat.

Der britische Biochemiker löste 2015 einen Social-Media-Tsunami aus, als er während eines Mittagessens für Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen in Seoul bemerkte: „Lasst mich euch von meinem Ärger mit Mädchen erzählen. Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Man verliebt sich in sie, sie verlieben sich in einen, und wenn man sie kritisiert, weinen sie. Vielleicht sollten wir getrennte Labore für Jungs und Mädchen haben?“ Eine anwesende Universitätslehrerin postete die Bemerkung auf Twitter.

Hunter sagte später, es täte ihm leid und seine Bemerkungen sei „als scherzhafter, ironischer Kommentar beabsichtigt“ gewesen. In den nachfolgenden Wochen tauchten weitere Berichte über das folgenreiche Mittagessen auf, die Hunts Aussagen kontextualisierten und seine Version teils bestätigten.

Völlig unabhängig davon, ob Hunt nun einfach einen unglücklichen Scherz gemacht hat oder nicht, geriert er in diesem Fall zwischen die Fronten einer Debatte, die nach wir vor aktuell ist.

VERWEHRUNG DER ANERKENNUNG

Es gibt eine lange, alles andere als stolze Geschichte von männlichen Nobelpreisgewinnern, denen die Auszeichnung anstelle ihrer Kolleginnen verliehen wurde.

Eines der ungeheuerlichsten Beispiele dafür ist womöglich Joshua Lederberg. Er gewann 1958 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für seine Forschung, die er mit seiner ersten Frau durchgeführt hatte, der Mikrobiologin Esther Lederberg.

Esther Lederberg entdeckte einen Virus, der Bakterien infizierte, und entwickelte mit ihrem Mann eine Möglichkeit, Bakterien zwischen Petrischalen zu übertragen. In ihrem ersten Experiment nutzten sie die Puderquaste aus ihrer Puderdose, um die Bakterien aufzuheben und in eine Laborschale zu übertragen. Auch heute noch nutzen Wissenschaftler eine ähnliche Technik, um Antibiotikaresistenz zu untersuchen.

Trotz all ihrer Beiträge durfte sie sich den Nobelpreis nicht mit ihrem Mann teilen, der sie nur einmal in seiner Rede erwähnte.

SCHLICHTWEG FALSCH

Der dänische Wissenschaftler Johannes Fibiger gewann 1926 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für seine Entdeckung von etwas, das er für einen krebserregenden Parasiten hielt – eine gewagte Idee, die sich als phänomenal falsch herausstellte.

Fibiger untersuchte wilde Ratten mit warzenähnlichen Auswüchsen, die er für eine Art Krebs hielt, der von parasitären Würmern verursacht wurde. Sein Nobelpreis wurde ihm mit der Erklärung überreicht, dass seine Erkenntnisse „der größte Beitrag zur experimentellen Medizin in unserer Generation“ seien.

Nur war das nicht der Fall. Es stimmt zwar, dass manche Infektionen Krebs verursachen können, nur wurde die Krankheit seiner Ratten nicht durch Parasiten verursacht. Es war noch nicht einmal Krebs. Die warzenartigen Ausbeulungen in den Mägen der Ratten wurden durch ein Vitamin-A-Defizit verursacht, welches durch die Parasiten noch verschlimmert wurde.

Warum also der Nobelpreis? „Der Beginn des mikrobiellen Zeitalters war das Ende des 19. Jahrhunderts, und er forschte im frühen 20. Jahrhundert“, sagt die Stanford-Professorin für Epidemiologie Julie Parsonnet. „Die Leute waren richtig begeistert von dieser Möglichkeit, dass alles durch Infektionen verursacht wird.“ Und es hat sicher auch nicht geschadet, dass Fibiger Freunde im Nobelpreiskomitee hatte.

JAMES WATSON

James Watson ist eine Kategorie für sich. Der Mitentdecker der DNA-Helixstruktur ließ keine Gelegenheit für Beleidigungen aller Art aus.

Während einer Vorlesung an der Berkeley Universität deutete er an, dass es biochemische Zusammenhänge zwischen Libido und Hautfarbe gäbe („Deshalb hat man Latin Lovers.“) sowie zwischen Körpergewicht und Ehrgeiz. Er erklärte in einem Interview, „ein gewisser Antisemitismus ist gerechtfertigt“. Er zollte Rosalind Franklin nie Anerkennung, deren Arbeit im Bereich der Röntgenkristallografie seine Entdeckung überhaupt erst möglich gemacht hatte – allerdings war er darauf bedacht, ihr Äußeres und ihren Geschmack in Sachen Kleidung zu kritisieren.

Gerade als es schien, als hätte er alle Grenzen überschritten, erklärte Watson, er sei „von Natur aus pessimistisch, was Zukunftsaussichten für Afrika angeht“, weil „unsere ganze Sozialpolitik auf der Tatsache aufbaut, dass ihre Intelligenz der unseren gleicht – während alle Tests sagen, dass sie das nicht wirklich tut.“

Frustriert versteigerte er seine Nobelpreismedaille 2014 für 4,1 Millionen Dollar. – aus Geldmangel, wie es hieß. Damit ist er der einzige Nobelpreisgewinner, der das je getan hat. Der Käufer gab ihm jedoch später seine Medaille wieder zurück, und das Geld durfte er ebenfalls behalten.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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