Tiere

Das skurrile Leben des Sternmulls

Dreißig Jahre Forschung offenbaren, wie merkwürdig das unterirdisch lebende Tierchen mit der seltsamen Nase ist. Donnerstag, 9 November

Von Erika Engelhaupt

Der Sternmull gehört mit Sicherheit zu den seltsamsten Tieren auf der Welt. Steht man ihm direkt gegenüber, könnte man meinen, sein Gesicht wäre durch einen kleinen Oktopus ersetzt worden.

Für ein Tier, das fast blind ist, ist diese amerikanische Art außerdem erstaunlich flink: Als schnellster Esser im Säugetierreich kann der Sternmull ein Insekt oder einen Wurm innerhalb einer Viertelsekunde finden und verschlingen.

Während sich der plüschige kleine Räuber durch den feuchten Boden gräbt, bewegt er seinen Kopf konstant in der Gegend umher. In seiner dunklen, unterirdischen Welt ist Sehen quasi eine nutzlose Fähigkeit – stattdessen erfühlt er eine Welt, in der es vor Beutetieren wimmelt. Der Maulwurf jagt, indem er seinen Stern so schnell wie möglich über den Boden tanzen lässt. In einer einzigen Sekunde kann er so bis zu zehn oder zwölf Orte berühren.

Der Vorgang scheint zufällig, ist es aber nicht. Mit jeder Berührung senden 100.000 Nervenfasern Informationen in sein Gehirn. Das sind fünfmal so viele Tastsensoren wie in einer menschlichen Hand – alle konzentriert auf eine Nase, die kleiner als eine Fingerspitze ist.

Der Sternmull ist außerdem eines der zwei bekannten Tiere der Welt, die unter Wasser riechen können: er stößt Luftbläschen aus und saugt sie dann wieder in seine Nase ein.

Das sei nur eine Auswahl der erstaunlichen Fakten über den Sternmull, erzählt Ken Catania, ein Neurowissenschaftler an der Vanderbilt Universität.

 „Wenn ich das Wort ‚erstaunlich‘ häufig benutze, dann nur, weil ich wirklich so empfinde“, sagt er. Tatsächlich hat er das Wort zehnmal benutzt, als er die Tiere beschrieben hat.

Am 27. April 2017 hat Catania die Forschungsergebnisse aus drei Jahrzehnten zum jährlichen Experimental Biology-Treffen in Chicago präsentiert. Sein Vortrag war Teil eines Symposiums zu den außergewöhnlichsten Anatomien der Welt.

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Als weltweit führender Sternmull-Experte ist Catania selbst so etwas wie eine Kuriosität.

Die meisten Biologen studieren mehr oder minder eine Handvoll Arten, und manche rümpfen sogar etwas die Nase über jene, die sich ein „Lieblingstier“ aussuchen. Aber Catania plädiert dafür, die Sonderlinge unseres Planeten zu untersuchen – Tiere, deren außergewöhnlich ausgeprägte Fähigkeiten uns etwas darüber verraten, wie der Rest von uns funktioniert.

„Die Evolution hat eine Menge Probleme auf viele unterschiedliche Arten gelöst“, sagt er. „Wir können aus dieser Vielfalt so viel lernen.“

Die Untersuchung der empfindlichen Sternmullnase hat beispielsweise Hinweise darauf gegeben, wie der Tastsinn auf molekularer Ebene funktioniert.

Catania hat entdeckt, dass ein großes, sternförmiges Muster, welches die Form der merkwürdigen Maulwurfnase spiegelt, direkt in die Anatomie des Gehirns eingeprägt ist. Jedes Mal, wenn der Maulwurf seinen Stern auf den Boden drückt, erzeugt er gewissermaßen eine sternförmige Ansicht seiner Umgebung. Diese Einzelansichten fügen sich dann im Gehirn wie Teile eines Puzzles zusammen.

EIN MITTEL GEGEN SCHMERZEN?

„Im Vergleich zu den anderen Sinnen wissen wir über unseren Tastsinn sehr wenig“, sagt die Neurowissenschaftlerin Diana Bautista, die an der Universität von Kalifornien in Berkeley Schmerz und Juckreiz untersucht.

Als Bautista Catania aus heiterem Himmel anrief und eine Zusammenarbeit vorschlug, bestand er darauf, dass sie mit ihm Maulwürfe in Pennsylvania sammeln kam. Im Feuchtgebiet nach Maulwürfen in deren unterirdischen Bauten zu graben, sei harte Arbeit gewesen, erzählt sie.

Der Sternmull ist die einzige der 39 bekannten Maulwurfarten, die in Sümpfen und Mooren lebt. Seine vorzügliche Schnauze hat sich womöglich entwickelt, um in seiner nassen Umgebung haufenweise kleine Beutetiere mit weichen Körpern hinunterzuschlingen.

In ihrer Arbeit mit Catania entdeckte Bautista Moleküle im Stern des Maulwurfs, die ihm dabei halfen, physische Kräfte (die Berührung mit einer Feder oder den Stich einer Nadel) in elektrische Signale umzuwandeln, quasi die Währung des Nervensystems.

Da viele dieser Moleküle auch im Menschen vorkommen, könnten diese Erkenntnisse dabei helfen, neue Behandlungen für Schmerzen zu entwickeln.

NOCH MEHR MAULWURFMYSTERIEN

Es gibt noch viele andere Maulwurfmysterien, die Catania gern entschlüsseln würde – können sie detaillierte Texturen mit einer einzigen Berührung ihres Stern erspüren?

Welche Gene und Moleküle ermöglichten es dem Stern, sich zu entwickeln? Wie ist das Gehirn in der Lage, die Tastsignale, die von der Nase kommen, so sehr zu verstärken? Der Maulwurf hält keinen Winterschlaf, also wie hält er seinen empfindlichen Stern funktional, wenn er in eiskaltes Wasser taucht?

All diese Fragen brauchen einen Wissenschaftler, der sich dem Bizarren und dem Merkwürdigen verschrieben hat – und der keine Angst hat, nass zu werden.

„Mann“, sagt er, „ich mache mich besser wieder an die Arbeit.“

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