Tiere

In diesem Naturschutzgebiet leben 660 Bienenarten

Forscher entdeckten eine überraschende Bienenvielfalt im Rahmen der bislang größten Studie über das Grand Staircase-Escalante National Monument.Mittwoch, 19. Dezember 2018

Von Katarina Zimmer
Das Grand Staircase-Escalante National Monument ist die Heimat hunderter Bienenarten, wahrscheinlich aufgrund des vielfältigen Blumenvorkommens. Dieser neue Biodiversitäts-Hotspot ist nun in Gefahr, da die Fläche des Naturschutzgebiets verkleinert wurde.

Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus, als würde es in der trockenen, unwirtlichen Landschaft des Grand Staircase-Escalante National Monument nur so von Leben wimmeln. Dieser hochgelegene, raue Ort im Süden von Utah ist vor allem für seine zerklüfteten Felsen, steilen Schluchten und ausgedehnten, staubtrockenen Wüsten bekannt. Aber Bienenforscherin Olivia Messinger Carril weiß es besser.

Vier Jahre lang haben sie und ein Team von Freiwilligen beinahe jeden Sommertag damit verbracht, eine Fläche von der doppelten Größe des Saarlands Stückchen für Stückchen zu durchkämmen. Sie waren auf der Suche nach Bienen, die das ungeübte Auge nicht entdecken würde. Das Ergebnis: Hier leben wirklich viele Bienen.

Es sind nicht die gewöhnlichen, gelb-schwarz gestreiften Exemplare, die man gemeinhin kennt. Es gab blau schimmernde Mauerbienen, violette Bienen, grüne Bienen und leuchtend rote Bienen. Behaarte und unbehaarte Bienen, „große Brummer, die man schon von weitem hört und winzig, winzig kleine Tiere, von der Größe eines Kommas in dem Buch, das Sie aktuell lesen“, sagt Carril, die als Lehrerin für Naturwissenschaften an der Santa Fe Girls School arbeitet und nebenbei Forschung betreibt.

Alles in allem leben stolze 660 Spezies innerhalb der Grenzen des Naturschutzgebietes. Das ist fast ein Fünftel der in Nordamerika beheimateten Bienenarten. 49 von ihnen waren der Wissenschaft laut der kürzlich publizierten Studie bislang gar nicht bekannt.

Bienen der Gattung Osmia, wie diese blau-grün schimmernde, heißen Mauerbienen, weil sie ihre Nester gerne aus Schlamm bauen.
Diadasia australis gehört zu den wenigen Bienenarten, die schornsteinartige Strukturen auf ihre Nester bauen.
Die Populationen der Bombus morrisoni sind während der vergangenen zehn Jahre um mehr als 80 Prozent zurückgegangen. Diese Hummelart scheint ein Refugium im Grand Staircase-Escalante National Monument gefunden zu haben. Hier scheint sie die am häufigsten vorkommende Bienenart zu sein.
Agapostemon melliventris kommt nur im Westen der USA vor.

Es ist nicht klar, warum dieses abgelegene Fleckchen Erde in Utah für Bienen so attraktiv ist. Wahrscheinlich hängt die Artenvielfalt der Bienen direkt mit der der Wüstenblumen zusammen, die die Insekten bestäuben. Außerdem bietet das Gebiet viele unterschiedliche Habitate: Sandsteinschluchten, öde Landstriche mit Salbeisträuchern, aber auch Espen- und Pinienwälder in höheren Lagen.

Doch das Schicksal des Bienen-Hotspots im Grand Staircase-Escalante könnte ungewiss sein. Nach dem Erlass von Präsident Donald Trump im Jahr 2017 wurde das Naturschutzgebiet im Februar 2018, 22 Jahre nach seiner Gründung, auf die Hälfte seiner ursprünglichen Größe verkleinert. Außerdem erfolgte die Splittung in drei kleinere Gebiete. Das ehemals zusammenhängende Naturschutzgebiet – das Wildtieren wie Pumas und Bären ein natürliches Leben ohne nennenswerten Kontakt mit dem Menschen ermöglichte – ist nun in voneinander getrennte Einheiten aufgeteilt. Die nicht länger geschützten Bereiche könnten schon bald von Bebauung oder Bergbau betroffen sein.

Eine ungewisse Zukunft

Carril und andere Wissenschaftler entschlossen sich daher, eine Folgestudie durchzuführen. In ihr wurde untersucht, welche Bienen von Veränderungen betroffen sein könnten. Sie wurde am 4. Dezember 2018 im Wissenschaftsmagazin PeerJ veröffentlicht. Die gute Nachricht: 87 Prozent der Bienenarten leben in geschützten Gebieten. Damit bleiben jedoch 13 Prozent oder 84 Arten, die in keinem der drei verbleibenden Schutzgebiete mehr zu finden sind. Viele dieser Spezies sind im Westen der USA weit verbreitet; es gibt jedoch einige Arten, von denen man annimmt, dass sie nur hier vorkommen und dass sie für die Wissenschaft von großem Interesse sind.

Was das nun genau bedeutet, ist schwer zu sagen, meint Joe Wilson, ein auf Bienen spezialisierter Ökologe an der Utah State University Toole und Co-Autor beider Studien. Die Pläne für die Region lassen noch alles offen. Der ursprüngliche Verwaltungsplan für das Naturschutzgebiet sah explizit vor, dass es unerschlossen und „in seiner natürlichen Urform“ erhalten bleiben soll.

Das Bureau of Land Management (BLM) hat bislang weder entschieden, wie mit den geschützten Bereichen zu verfahren ist, noch, was mit den jetzt ausgenommenen Gebieten passieren soll. Die Behörde gab vor kurzem Einzelheiten zu der von ihnen angestrebten Zukunft bekannt: Eine, in der „das wenigste Land aufgrund seiner physischen, biologischen und kulturellen Ressourcen geschützt wird“. Laut dem Entwurf des Verwaltungsvorhabens und der Mitteilung zur Auswirkung auf die Umwelt soll es „die kleinstmöglichen Beschränkungen für Energiegewinnung und Bergbau“ geben. Beinahe 3.000 Quadratkilometer ungeschütztes Land könnten für die Förderung von Kohle und anderen Mineralien aufgerissen werden. Auch das Bohren nach Erdöl und –gas wäre möglich. Wilson merkt an, dass in dem Dokument die Bienen kein einziges Mal erwähnt werden, obwohl die Behörde Carrils erste Studie finanziert hat.

Die Auswirkungen könnten immens sein oder auch nur minimal. Wir wissen es einfach nicht“, sagt Wilson. Die Behörde könnte sich dafür entscheiden, die ungeschützten Landstriche so natürlich wie möglich zu belassen, mit wenigen Straßen und kaum Infrastruktur, was die dort lebenden Arten unbeeinträchtigt lassen würde. Das wäre vielleicht sogar der Fall, wenn man die am wenigsten intrusive Form des Bergbaus betreiben würde – zum Beispiel Verfahren, die dem natürlichen Austritt von Gasen ähneln und diese auch nur auf geringem Niveau, spekuliert Wilson. Wenn sie jedoch beschließt, große Teile der natürlichen Lebensräume für wachsenden Tourismus oder zerstörerischen Tagebau zu erschließen, könnten die Bienenpopulationen darunter leiden. Es gibt nicht viel Forschung darüber, wie speziell Bienen von Bergbauaktivitäten beeinträchtigt werden, erklärt er. Allerdings „wird alles, was negativen Einfluss auf die Pflanzen hat, auch zweifellos negativ auf die Bienen wirken und umgekehrt.“

Die meisten Bienen im Grand Staircase bestäuben vermutlich keine Feldfrüchte, was eins der Hauptargumente für ihren Schutz wäre. Dennoch ist der Schutz dieser unglaublichen Artenvielfalt der Schlüssel zum Erhalt des intakten Ökosystems, merkt Daniel Cariveau an. Er ist Ökologe an der University of Minnesota und war an keiner der beiden Studien beteiligt.

Wir wissen nicht, was wir verlieren, bevor wir sie nicht ausführlich studiert haben, fügt er hinzu. „Wir haben all diese wundervollen Spezies, diese Vielzahl an Unterarten, diese evolutionäre Geschichte, die schon seit Millionen von Jahren andauert“, sagt Cariveau. „Können wir als Gesellschaft es verantworten, das alles einfach verschwinden zu lassen?“

Juwelen in der Wüste

Die Wissenschaftler sind sich nicht sicher, warum Bienen ausgerechnet in der Wüste so ausgesprochen gut gedeihen. Einer der Gründe scheint jedoch in der einzigartigen Zusammensetzung der Blumen in der Region zu liegen. Viele Bienen sind hochspezialisiert und bestäuben nur ganz bestimmte Pflanzen. Einige Bienenarten der Gattung Diadasia besuchen beispielsweise nur die Blüten von Kakteen.

Eine große Kolonie von Bienen der Gattung Diadasia haben ihre Nester mitten auf der Schotterpiste gebaut, die durch den östlichen Teil des Grand Staircase-Escalante National Monument führt.

Einer von Carrils Lieblingsplätzen im Grand Staircase ist bis auf ein paar Büsche vollkommenes Ödland. Aber es ist auch eine wahre Schatzkiste für seltene Bienen. Er liegt in der südöstlichen Ecke des ursprünglichen Naturschutzgebiets. Jetzt befindet er sich in dem ungeschützten Streifen, der zwischen der neuen Escalante Canyons-Einheit und der Kaiparowits-Einheit verläuft. Hier fanden die Ökologen einzigartige Populationen von Wüstenbienen-Arten und darüber hinaus zahlreiche sogenannte  „Morphospezies“. Diese sehen zwar anders aus, als bekannte Spezies, unterscheiden sich aber nicht genug von ihnen, um als eigene Art klassifiziert zu werden.

An einer Stelle auf der Schotterpiste, die durch das Gebiet führt, liegen hunderte winziger Bienennester im trockenen Lehm versteckt. Jedes von ihnen hat ein Loch, das mit einer merkwürdig anmutenden, kaminförmigen Röhre nach oben abschließt. Niemand weiß, warum ihre Architekten – Bienen der Gattung Diadasia – ihre Nester auf diese Weise bauen. Eine Theorie besagt, dass die Strukturen das Regenwasser fernhalten. Andere gehen davon aus, dass diese Bauweise verhindert, dass parasitäre Fliegen ihre Eier in die Bienennester ablegen können, meint Carril. Sie hat zusammen mit Wilson ein ganzes Buch über nordamerikanische Bienen geschrieben.

Die Bienen bauen manchmal in weniger als einem Tag ein solches Nest. Dazu graben sie sich mit ihren Mundwerkzeugen durch den hartgebackenen Lehm, um ein Loch auszuheben. Das abgetragene Material formen sie zu einem Schornstein. Die Biene macht sich dann daran, mehrere „Räume“ unter der Erde anzulegen, die sie mit Pollen und Nektar füllt.

Die Gegend übt nicht auf jeden den gleichen Reiz aus, sagt Wilson. „Ich kann verstehen, warum Politiker und Geschäftsleute sich die Region anschauen und sagen: ‚Oh, den Teil brauchen wir nicht. Das sind nur Büsche zwischen den coolen Sachen.‘“ Es bereitet ihm Sorgen, dass Wissenschaftler es durch den möglichen Verlust des Schutzstatus zukünftig viel schwerer haben können, die Bienen in diesem Gebiet zu studieren. Dadurch könnte nicht mehr untersucht werden, wie ihre Populationen sich langfristig unter Veränderungen wie dem Klimawandel entwickeln. Tatsächlich war es auch die wissenschaftliche Bedeutung der Region, die Clinton im Jahr 1996 davon überzeugte, sie zum Naturschutzgebiet zu erklären.

Nicole Croft, Leiterin der gemeinnützigen Organisation Escalante Partners, gibt an, dass sie „noch Hoffnung“ hat, dass die Verkleinerung des Naturschutzgebiets noch rückgängig gemacht werden könnte. Und damit ist sie nicht allein. Das BLM muss noch die Rückmeldungen auswerten, die es von der Bevölkerung zu ihren bislang vorgebrachten Plänen erhalten hat, bevor endgültig entschieden wird. Außerdem fechten zwei Klagen – eine davon von Crofts Organisation und ihren Mitstreitern initiiert – die Rechtmäßigkeit von Trumps Erlass an. Das abschließende Gerichtsurteil dazu steht bislang noch aus.

Im Moment kann Carril über die Zukunft des kleinen Diadasia-Dorfs und der anderen Bienen im Grand Staircase-Escalante nur spekulieren. „Man fragt sich schon... Wenn man nur einen kleinen Teil des Netzwerks von Bestäubern entfernt – welchen Effekt wird das dann auf alles andere haben?“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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