Differenzierter Blick auf das Insektensterben: Es gibt Hoffnung

Insekten sind vielen lästig – aber für den Planeten sind sie unersetzbar. Auch wenn für etliche Arten die Prognose düster ist, kann jeder etwas tun, um zu helfen.

Veröffentlicht am 13. Jan. 2021, 12:58 MEZ
Feldforschungsstation in Ecuador

An dieser Feldforschungsstation in Ecuador lockt ein beleuchtetes Stofftuch nachtaktive Insekten an.

Bild David Liittschwager, National Geographic

Jedes Jahr sinkt die Zahl der Insekten, die über einige Teile des Planeten fliegen, krabbeln oder sich durchs Erdreich wühlen, um ein oder zwei Prozentpunkte. Das bedeutet, dass Gebiete mit starkem Rückgang in zwei Jahrzehnten bis zu einem Drittel ihrer Insekten verlieren könnten.

Das ist die schlechte Nachricht, die Wissenschaftler in „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) veröffentlichten. Dutzende von Insektenexperten trugen zu einer Reihe von Berichten darüber bei, wie es den Insekten der Welt geht.

Die gute Nachricht – so gut sie unter den Umständen eben sein kann – ist, dass nicht alle Insektenbestände so schnell schrumpfen. Einige wachsen sogar. Und was am wichtigsten ist: Den Forschern zufolge besteht noch die Hoffnung, die vielfältigste und zahlenmäßig stärkste Tiergruppe unseres Planeten zu erhalten.

Insekten wie aus einer anderen Welt
Eine Fangschrecke schlägt blitzschnell aus dem Hinterhalt zu – das Opfer hat keine Chance. Szenen aus „World’s Deadliest Killers“.

Die Insektenwelt, die auf bis zu 10 Millionen Arten geschätzt wird, leidet unter mehr als einem Problem. Die Bedrohungen reichen von Abholzung, Klimawandel und invasiven Arten über industrialisierte Landwirtschaft bis hin zu Lichtverschmutzung.

„Tod durch tausend Schnitte“, nennt es David Wagner, ein Entomologe der University of Connecticut, der an dem neuen Bericht mitgewirkt hat.

Robuste Insektenpopulationen sind aus einer Vielzahl von Gründen lebenswichtig, von ihrem Beitrag zur weltweiten Nahrungsversorgung bis zu den Blumen im Garten, die sie bestäuben. Obwohl die meisten von uns es vorziehen würden, vielen der kleinsten Lebewesen des Planeten nicht zu begegnen, kann ihre Rolle in unserem Leben gar nicht überschätzt werden. Dementsprechend könne man auch die Notwendigkeit, die Rettung von Insekten zu einer Priorität zu machen, nicht überschätzen, sagen die Wissenschaftler.

„Wie alles in der Natur sind auch Insekten im Rückgang begriffen“, sagt Matthew Forister, ein Insektenökologe an der University of Nevada in Reno, der ebenfalls zu dem Bericht beigetragen hat. „Aber klar ist, dass Insekten die Möglichkeit haben, sich wieder zu erholen. Es sieht düster aus, aber es ist noch nicht zu spät.“

Grund zur Besorgnis

Berichte über das weltweite Insektensterben sind nicht neu. In den letzten Jahren hat eine wachsende Zahl von Studien und Nachrichtenberichten die Aufmerksamkeit auf das Problem gelenkt, und zwar mit ganz unterschiedlichen Begriffen: Auf der einen Seite gab es Erklärungen zum „Insekten-Armageddon“, auf der anderen Seite Berichte, die eine bevorstehende Apokalypse für die Sechsbeiner infrage stellten.

Wagner sagt, dass er und andere Forschende, die an dem neuen Bericht mitgewirkt haben, ein etwas anderes Ziel verfolgen: Sie wollen Daten jenseits solcher bedrohlichen Superlative sammeln, indem sie so viel Forschung wie möglich über den aktuellen globalen Status der Insekten analysieren.

„Das ist eine viel bedächtigere, vorsichtigere und kritischere Einschätzung“ im Vergleich zu einigen der früheren Berichte, die extreme Verluste in bestimmten Regionen hervorheben und auf den gesamten Globus extrapolierten.

Ein Schmetterling der Art Pontia protodice findet Nahrung in einer Eisenkrautpflanze.

Bild Rolf Nussbaumer, Nature Picture Library

Schwinden die Insektenbestände in alarmierendem Tempo? Ja, sagt er. Ist das Ganze komplexer als ein drohender globaler Kollaps? Ebenfalls ja.

Für ein Beispiel verweist Forister, der Schmetterlinge im Westen der USA studiert, auf zwei Arten, die sehr unterschiedliche Situationen repräsentieren.

Der Edelfalter Agraulis vanillae, der normalerweise in den südlichen Teilen der USA, in Mexiko und Mittelamerika vorkommt, gedeiht mittlerweile auch in Kalifornien prächtig. Der Grund: Menschen kultivieren dort seinen Wirt, die Passionsblume – eine beliebte Zierpflanze.

Im Gegensatz dazu war der Weißling Euchloe ausonides, der invasive Senfpflanzen zur Eiablage benötigt, weit verbreitet, bis seine Population zusammenbrach. Wahrscheinlich wurde er ein Opfer von Klimawandel, Lebensraumverlust und Pestiziden.

Galerie: Frühe Makroaufnahmen von Insekten & Spinnen

Foristers Studie konzentriert sich speziell darauf, wie sich der Klimawandel auf Schmetterlinge auswirkt. Viele Arten haben mit Waldbränden, Dürre und extremen Wetterereignissen zu kämpfen. Während frühere Theorien davon ausgingen, dass Schmetterlinge in Gebirgsregionen einfach die Berghänge hinauf- oder hinunterwandern, um von den besseren Bedingungen zu profitieren, scheint das nun doch nicht der Fall zu sein, zumindest nicht für alle Arten.

Andere Arten, darunter der berühmte Monarchfalter, schnitten in den Sommern 2011 bis 2015 besser ab als erwartet, als wärmere Bedingungen ihnen mehr Zeit gaben, um sich fortzupflanzen. Dennoch hat das den anhaltenden Rückgang des Monarchfalterbestands im Westen nicht aufgehalten.

Wie können wir Insekten helfen?

Trotz der verheerenden Statistiken gibt es Forister und Wagner zufolge Grund zur Hoffnung.

Deutschland hat 2019 mit seinem „Aktionsprogramm Insektenschutz“ zusätzliche 100 Millionen Euro pro Jahr für den Schutz, die Beobachtung und die Erforschung von Insekten zugesagt. Costa Rica befürwortete, dass internationale Organisationen im Laufe eines Jahrzehnts 100 Millionen Dollar in die Inventarisierung und Sequenzierung der DNA „jedes mehrzelligen Lebewesens im Land“ investieren. Das sei besonders wichtig für die unzähligen unbekannten tropischen Insekten, schreibt Wagner im einleitenden Essay des Berichts.

Auch Bürgerwissenschaftler tragen dazu bei, die Wissensbasis zu erweitern. Eine App namens iNaturalist ermöglicht es Nutzern, Bilder zur Identifizierung und Kategorisierung von Insekten hochzuladen. Sie entwickelt sich zunehmend zu einer der größten Quellen für Insektenbeobachtungsdaten.

 

Lösungen für übergreifende Probleme wie den Klimawandel erfordern Gesetze und neue Richtlinien. Aber auch der Einzelne kann etwas für die Insekten in seinem Hinterhof, seiner Nachbarschaft und seiner Gemeinde tun, sagen Wagner und Forister.

Eine Möglichkeit wäre, den Einsatz von Pestiziden und Herbiziden auf Rasenflächen einzuschränken. Noch besser wäre es, wenn ein Teil des Rasens in eine natürliche Fläche umgewandelt würde. Der Lebensraum für Insekten könnte in den USA um mehr als anderthalb Millionen Hektar vergrößert werden, wenn jedes Haus, jede Schule und jeder Park 10 Prozent seines Rasens umwandeln würde, schreibt der Entomologe Akito Y. Kawahara von der University of Florida in Gainesville im PNAS-Bericht. Der Anbau heimischer Pflanzen kann ebenso hilfreich sein wie die Reduzierung der Außenbeleuchtung, die nächtliche Insekten anzieht und oft tötet.

Noch einfacher ist es, im Herbst Stöcke und Zweige liegen zu lassen und in Gärten etwas nackte Erde für Bienennester freizuhalten, sagt Lusha Tronstad. Die Zoologin für wirbellose Tiere arbeitet an der Wyoming Natural Diversity Database und erforscht den Rückgang der Hummelart Bombus occidentalis. Sie selbst war nicht an dem Bericht beteiligt. Jenseits von Rasenflächen sollte man Blätter zudem nicht mehr vor dem Winter zusammenharken – dort überwintern viele Insekten.

Monarchfalter: Vom Ei zum Schmetterling

„Die Menschen können einfach etwas fauler sein – das kommt den Insekten zugute“, sagt sie.

Tronstad weist auch darauf hin, dass sich das Schicksal einer Art schnell zum Guten oder Schlechten wenden kann. Der Gesamtbestand der erwähnten Hummelart B. occidentalis ist in nur zwei Jahrzehnten um 93 Prozent zurückgegangen.

Der vom Aussterben bedrohte Bläuling Plebejus melissa samuelis, der von dem Schriftsteller und Entomologen Vladimir Nabokov benannt wurde, hat laut Wagner hingegen gut auf die Maßnahmen zu seinem Erhalt reagiert. Der kleine Schmetterling hat in seinem sandigen Lebensraum von den Ufern der Großen Seen bis nach Neuengland lange unter diversen Faktoren gelitten: vom Waldbrandmanagement bis zum Ausbau von Wohngebieten und Gewerbegebieten. Geholfen haben ihm Maßnahmen zur Pflanzung und Pflege von Lupinen, die die erwachsenen Tiere und Larven benötigen, sowie andere Projekte zur Aufwertung seines Lebensraums.

Können kleine, individuelle Veränderungen wie die Einschränkung des Pestizideinsatzes auf dem Gartenrasen die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels verhindern? Nein, sagt Forister. Aber sie werden einen Unterschied für die lokale Insektenpopulation machen – und diese Unterschiede summieren sich.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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