Vaterliebe? Männlicher Kalmar überrascht mit unerwartetem Verhalten

Wissenschaftler haben bei den Männchen der Großflossen-Riffkalmare ein Verhalten beobachtet, das man sonst nur von monogamen Wirbeltieren kennt: Sie gehen auf Nestsuche.

Veröffentlicht am 24. Sept. 2021, 11:47 MESZ
Großflossen-Riffkalmare in der Lembeh-Straße, einer Meerenge in Indonesien.

Großflossen-Riffkalmare in der Lembeh-Straße, einer Meerenge in Indonesien.

Bild Ryan Rossotto, Nat Geo Image Collection

Kalmare sind nicht dafür bekannt, besonders gute Eltern zu sein. Insbesondere die Männchen drücken sich vor der Verantwortung und verschwinden nach dem Fortpflanzungsakt für gewöhnlich auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen des Meeres. Umso erstaunter waren Wissenschaftler, als sie bei einer bestimmten Spezies dieser Tierordnung so etwas wie väterliche Fürsorge beobachten konnten: einem kleinen, glitzernden Kalmar, der in den Korallenriffen dieser Welt zu Hause ist und den Namen Großflossen-Riffkalmar trägt.

Die Männchen dieser Art kämpfen besonders aggressiv um ihre Weibchen und das Recht, sich fortpflanzen zu dürfen. Die erfolgreichen, dominanten Männchen bleiben nach dem Akt in der Nähe der zukünftigen Mutter, um Paarungsversuche anderer Männchen abzuwehren. Ist das Weibchen zur Eiablage bereit, tut sie dies mehrmals hintereinander in einem Versteck im Korallenriff, das vor der Strömung und Fressfeinden Schutz bietet. Nach dem Laichen bewacht das Männchen Weibchen und Gelege für eine kurze Zeit, bevor es weiterzieht, um sich eine neue Partnerin zu suchen.

So der bisherige Wissensstand. Doch dann machte der Biologe Eduardo Sampaio bei einem Tauchgang im Roten Meer in Ägypten eine seltsame Beobachtung: Ein dominantes Männchen, das sich bereits mit einem Weibchen gepaart hatte und Rivalen mit wedelnden Tentakeln und schwarz-weiß blinkender Haut abwehrte, wich plötzlich kurzzeitig von der Seite des Weibchens, um in einem Korallenversteck zu verschwinden und kurz darauf wieder zu erscheinen.

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„Wir konnten uns nicht erklären, was das Männchen da gemacht hat. So ein Verhalten wurde noch nie zuvor beobachtet“, sagt Eduardo Sampaio. Er ist Doktorand an der Universidade de Lisboa in Portugal und am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell am Bodensee.

Der Vorfall war so besonders, dass er Samantha Cheng, Biodiversitätswissenschaftlerin am American Museum of Natural History in New York, davon berichtete. Sie hatte ein ähnliches Verhalten im Jahr 2013 bei einem männlichen Großflossen-Riffkalmar in Indonesien festgestellt. In der wissenschaftlichen Literatur über Kalmare, Kraken oder anderen Kopffüßer wurde es jedoch mit keinem Wort erwähnt oder erklärt.

In ihrer gemeinsamen Studie, die in der Zeitschrift Ecology erschienen ist, liefern Eduardo Sampaio und Samantha Cheng nun eine detaillierte Beschreibung des unerwarteten Verhaltens des Kalmars und deuten es als eine Form väterlicher Fürsorge – etwas, das bei diesen Tieren noch nie zuvor beobachtet wurde. Die Nestsuche, bei der sich das Männchen nach einem Ort umsieht, der für die Eiablage geeignet ist, kann bei Angehörigen monogamer Tierarten häufig beobachtet werden. Dass Kopffüßer dieser väterlichen Pflicht nachkommen, ist jedoch eine große Seltenheit.

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Zwar verstehen die Wissenschaftler das Phänomen noch nicht ganz, doch ihre Entdeckung hat das Potenzial, das bisherige Wissen über das Paarungsverhalten von Kalmaren auf den Kopf zu stellen. Die Dynamik zwischen männlichen und weiblichen Kalmaren „ist um einiges komplexer, als wir bisher gedacht haben. Es gibt noch so viel zu lernen“, so Eduardo Sampaio.

Aufgepasst! Paarungsverhalten der Kalmare

Die beiden Wissenschaftler verglichen die Videoaufnahmen aus Ägypten mit denen, die Samantha Cheng in Indonesien gemacht hatte. Für sie war die Tatsache, dass an zwei verschiedenen Orten auf der Welt Männchen derselben Spezies dasselbe Verhalten an den Tag legten Beweis dafür, dass die Großflossen-Riffkalmar-Männchen sich bewusst auf Nestsuche begeben. Sie bemerkten außerdem, dass es anderen Männchen in der Zeit, in der das Weibchen unbewacht war, gelang, sich mit ihm zu paaren.

Wenn schon ein kurzer Moment der Unachtsamkeit anderen die Gelegenheit verschaffte, sich mit dem Weibchen des dominanten Männchens zu paaren und damit seine erfolgreiche Fortpflanzung zu gefährden, warum ließ das Männchen seine Partnerin dann aus den Augen? Die Wissenschaftler sind sich sicher, dass der Grund ein äußerst wichtiger sein muss, wenn so viel auf dem Spiel steht.

Was der Kalmar in seinem Versteck in den Korallen tut, kann bisher nur vermutet werden. „Möglicherweise säubert er das Areal und prüft, ob der Untergrund für die Eiablage geeignet ist. Oder er sieht nach, ob der Spalt nicht schon von einem anderen Männchen oder einem Fressfeind bewohnt wird und ob er insgesamt sicher ist“, sagt Eduardo Sampaio. Egal, was genau den Großflossen-Riffkalmar zu diesem Verhalten motiviert, es zeigt in jedem Fall, dass die Männchen dieser Spezies mehr für die Weitergabe ihrer Gene tun, als bisher gedacht.

Die Brutpflege fällt bei den Kalmaren – und generell den Kopffüßern – den Weibchen zu. Bis die befruchteten Eier schlüpfen, ist es ihre Aufgabe, sie sauber zu halten und sie mithilfe ihrer Tentakel und ihrer Atemöffnung mit Wasser zu umspülen, sodass sie gut mit Sauerstoff versorgt sind. Das Männchen hat mit all dem nichts zu tun und bei vielen Kalmararten sterben die Weibchen sogar, nachdem der Nachwuchs geschlüpft ist.

Fernando Ángel Fernández-Àlvarez, Postdoktorand beim Irish Research Council und an der National University of Ireland in Galway, ist Experte für Kopffüßer. Die neuen Erkenntnisse der Studie, an der er nicht mitgearbeitet hat, haben ihn zwar sehr überrascht, er nennt sie aber solide. „So etwas habe ich bisher noch bei keinem Kopffüßer beobachtet“, sagt er. „Normalerweise weichen die dominanten Männchen nicht von der Seite des Weibchens.“

Weltweite Forschung

Für Fernández-Álvarez ist die Studie ein Beleg dafür, dass es sich lohnt, das Paarungsverhalten wild lebender Kopffüßer intensiver zu untersuchen.

„Der größte Teil unseres Wissens über das Verhalten dieser Tiere stammt aus Aquarium-Studien“, sagt er. Möglicherweise sei diese künstliche Umgebung nicht komplex genug, um die Männchen zur Nestsuche zu animieren.

Eduardo Samapaio und Samantha Cheng sind nun auf der Suche nach anderen Forschern, die dieses Verhalten bei männlichen Großflossen-Riffkalmaren an anderen Orten der Welt beobachtet haben.

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„Das Sammeln grundlegender, repräsentativer Beispiele ist die größte Herausforderung bei der Erforschung einer Spezies, deren Habitate so weitläufig sind wie die der Kalmare. Die Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern ist also sinnvoll, weil wir auf diese Weise Zeit und Ressourcen, die für eine weltweite Studie nötig sind, bündeln können“, erklärt Samantha Cheng.

Schon jetzt ist aber klar, dass das Paarungsverhalten der Kalmare – und vermutlich auch das anderer Kopffüßer – unerwartet vielschichtig ist. „Je mehr wir uns mit Kalmaren beschäftigen“, so Eduardo Sampaio, „desto faszinierter sind wir von der Komplexität und den Eigenarten dieser Tiere.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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