Sprachbarriere: Papageien aus Zuchtprogramm entwickeln neuen Dialekt

Um die Puerto-Rico-Amazone vor dem Aussterben zu retten, züchtete man die Tiere in Gefangenschaft. Das hatte allerdings Einfluss auf ihre Kommunikation.

Wednesday, September 23, 2020,
Von Erica Tennenhouse
Puerto-Rico-Amazone

Eine vor Kurzem ausgewilderte Puerto-Rico-Amazone frisst Früchte. Dank Zuchtprogrammen gibt es heute wieder um die 600 dieser Papageien.

Bild Tanya Martinez

Heute hallen die Rufe und das Gepfeife der Papageien durch den Regenwald von Puerto Rico. Aber vor ein paar Jahrzehnten waren diese Geräusche fast verschwunden.

Die Abholzung hatte bei den Papageien des Landes ihren Tribut gefordert. Vor der europäischen Kolonialisierung im 16. Jahrhundert betrug ihr Bestand schätzungsweise eine Million. In den 1970ern waren dann nur noch 13 Puerto-Rico-Amazonen in freier Wildbahn übrig. Sie lebten in einem der einzigen noch verbliebenen Waldgebiete der Insel, dem El Yunque.

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In einem letzten verzweifelten Versuch, die Art vor dem Aussterben zu bewahren, begannen Naturschützer, die Papageien in Gefangenschaft zu züchten. Es war ein Risiko, das sich bezahlt machte: Obwohl die schwatzhaften smaragdgrünen Vögel immer noch als vom Aussterben bedroht gelten, gibt es heute wieder mehr als 600 Exemplare.

Nun könnte es eine neue Bedrohung für ihr Überleben geben, sagen die Artenschützer: Die Papageien in menschlicher Obhut haben einen völlig neuen Dialekt entwickelt. So ein Phänomen wurde bei anderen in Gefangenschaft lebenden Vogelpopulationen bisher noch nicht beobachtet, sagt die Studienleiterin Tanya Martínez. Sie ist eine Naturschutzbiologin des Puerto Rican Parrot Recovery Project von der nationalen Abteilung für natürliche und Umweltressourcen.

Etwa 2013 bemerkte Martínez, damals Masterstudentin an der Universität von Puerto Rico, dass die Puerto-Rico-Amazonen nicht alle gleich klingen. „Wenn man in den Wald von El Yunque gehen würde, um mit dem wilden Bestand zu arbeiten, würde das fast wie eine andere Spezies klingen“, sagt Martínez. Ihr Artikel zu dem Thema erschien im Fachmagazin „Animal Behaviour“.

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Neugierig lauschte sie allen vier Papageienpopulationen, die es noch gab: zwei wilde und zwei in Gefangenschaft. Die Rufe der Tiere nahm sie auf, und was sie hörte, bestätigte ihren Verdacht: Die Lautäußerungen unterschieden sich zwischen den Populationen.

Die potenzielle Sprachbarriere gibt Anlass zur Sorge, sagt Timothy Wright. Der Biologe an der New Mexico State University war an der Forschung nicht beteiligt. Für eine erfolgreiche Wiederansiedelung sind die Papageien sich auf die Kommunikation mit ihren Artgenossen angewiesen – insbesondere um die Beziehungen in den einzelnen Gemeinschaften zu stärken, sagt er.

„Wenn sie Artgenossen nicht signalisieren können, dass sie zu ihrer Gruppe gehören, entgehen ihnen vielleicht die Vorteile dieser Gruppenzugehörigkeit“, so Wright. Dazu zählen zum Beispiel der Aufenthalt in der Gruppe zum Schutz vor Raubtieren oder die gemeinsame Nahrungssuche.

Der Bestand wächst wieder

Der U.S. Fish and Wildlife Service etablierte 1973 den ersten Schwarm in Gefangenschaft geborener Puerto-Rico-Amazonen unweit des abgelegenen Territoriums der wild lebenden Papageien von El Yunque.

Ein Puerto-Rico-Amazonenpärchen mit Funkhalsbändern lugt aus seiner Nisthöhle. Die Halsbänder helfen den Wissenschaftlern dabei, den Aufenthaltsort der Vögel im Auge zu behalten.

Bild Tanya Martinez

Da die Wildpopulation so zusammengeschrumpft war, wurden die Wissenschaftler kreativ: Sie brachten eng verwandte Blaukronenamazonen – die in ihren Heimatländern Haiti und Dominikanische Republik relativ zahlreich waren – nach Puerto Rico und ließen sie als Ersatzeltern bei der Aufzucht von Puerto-Rico-Amazonenküken helfen.

Das Programm war ein Erfolg. 2006 gab es bereits wieder vier Populationen von Puerto-Rico-Amazonen: ein in Gefangenschaft lebender Schwarm in El Yunque, je ein wiederangesiedelter und ein in Gefangenschaft lebender Schwarm im Rio Abajo State Forest und die verbliebene wilde Population in El Yunque.

Nachdem sie die Laute aller vier Populationen aufgenommen hatte, wandelte Martínez mehr als 800 Stunden Vogelaufnahmen in visuelle Darstellungen um, sogenannte Spektrogramme. Sie und ihr Betreuer David Logue, der mittlerweile an der University of Lethbridge in Kanada arbeitet, gruppierten die Rufe nach ihrer Ähnlichkeit.

Sie konzentrierten sich auf die beiden häufigsten Rufe, das caw und das chi, die die Mitglieder des Schwarms austauschen, um miteinander in Kontakt zu bleiben. Die Untersuchung ergab, dass in Gefangenschaft gehaltene Papageien die caw- und chi-Rufe mit mindestens zwei verschiedenen Silben produzierten. Die wilden Amazonen im El Yunque klangen hingegen völlig anders und produzierten im Wesentlichen eine einzige Silbe, die sie wiederholten.

Die in menschlicher Obhut lebenden Vögel waren von klein auf den Rufen der Blaukronenamazonen ausgesetzt und gleichzeitig von den Erwachsenen ihrer eigenen Art getrennt. Das habe wahrscheinlich die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sie neue Lautäußerungen entwickeln, sagt Martínez.

Galerie: Regenbogenpracht: Die Federkleider der Vögel

Doch damit waren die stimmlichen Veränderungen noch nicht abgeschlossen. Die Studie ergab auch, dass sich jedes Mal, wenn die Naturschützer die Vögel in neue Gruppen aufteilten, winzige Neuerungen in ihre Rufe einschlichen. Die in Gefangenschaft lebende Rio-Abajo-Gruppe begann, sich von ihrem in Gefangenschaft lebenden Elternschwarm in El Yunque zu unterscheiden. Und nachdem die in Gefangenschaft lebenden Rio-Abajo-Vögel im Rio Abajo Stae Forest ausgewildert worden waren, änderten sich die Rufe erneut.

Wie sich herausstellte, hatte Martínez ihre Forschung gerade noch rechtzeitig abgeschlossen. Im Jahr 2017 – kurz nachdem sie ihre Aufnahmen beendet hatte – brach eine Tragödie über den Wald von El Yunque herein: Der Hurrikan Maria tötete den gesamten Bestand von etwa 50 wilden Papageien.

Drei Eier einer Puerto-Rico-Amazone in einer Baumhöhle.

Bild Tanya Martinez

„Das war die letzte Zuflucht der wilden [Puerto-Rico-] Amazonen“, sagt sie. „Wäre dieser Wald nicht gewesen, wäre diese Art ausgestorben.“ Zumindest konnte sie in Gefangenschaft erhalten werden. Die neuen Schwärme werden in jenem Wald wiederangesiedelt, aus dem vor fast 50 Jahren ihre Vorfahren entnommen wurden.

Sprachnachhilfe für Papageien

Veränderungen in der Vokalisierung können das Verhalten von Papageien beeinflussen, sagt Wright, der Costa Ricas Gelbnackenamazonen erforscht. Als er versuchsweise mehrere Papageien in eine Population mit einem ihnen unbekannten Dialekt einbrachte, erlernten die jüngeren Vögel schnell die neue Sprache. Die älteren Vögel machten keine solchen Anstalten, sagt er: „Die Erwachsenen schienen den neuen Dialekt nicht lernen zu wollen. Sie blieben nur in Gesellschaft von Vögeln mit demselben Dialekt.“

Zwar haben einige Puerto-Rico-Amazonen einen neuen Dialekt erlernt, nachdem sie in eine andere Population eingebracht wurden, allerdings hätten nicht alle Vögel ein Händchen dafür, bemerkt Thomas White. Die Wildbiologe arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit dem Puerto Rican Parrot Recovery Program des U.S. Fish and Wildlife Service zusammen.

„Das ist wie bei Menschen, die eine Fremdsprache lernen – manche können das viel schneller und leichter als andere“, sagt White.

Vogelstimmen-Rätsel: Wer singt denn da?

Um den in Gefangenschaft lebenden Vögeln zu helfen, die Laute ihrer wilden Artgenossen zu erlernen, nutzt das Wiederansiedelungsprogramm ausgewilderte Papageien als Lehrer.

Vögel, die in El Yunque ausgewildert werden sollen, verbringen zunächst eine gewisse Zeit in einem Gehege, wo sie ihre zukünftigen Artgenossen beobachten, ihnen zuhören und von ihnen lernen können. Die Naturschützer haben auch aufgehört, Blaukronenamazonen als Ersatzeltern zu verwenden, da es nun wieder genügend Puerto-Rico-Amazonen gibt, die ihre eigenen Küken aufziehen können.

Anfang 2020 entließ das Team 30 Papageien aus menschlicher Obhut in den Wald von El Yunque, um die während des Hurrikans gestorbene Population zu ersetzen. Ihre Dialekte, obwohl nicht ganz dieselben, werden den Wald nun wieder mit einem Vielklang von Papageienrufen erfüllen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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