Sollte Biokraftstoff verboten werden?

Umweltorganisationen halten Biosprit für ökologischen Blödsinn. Einigen Branchenverbänden gilt er als unverzichtbar für den Klimaschutz. Wie nachhaltig ist es angesichts der Ernährungskrise, Kraftstoff aus Lebensmittelpflanzen in den Tank zu kippen?

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 13. Juli 2022, 10:42 MESZ
Günstiger als Normalbenzin: Der Biokraftstoff E10 setzt sich aus Superbenzin und bis zu zehn Prozent Ethanol ...

Günstiger als Normalbenzin: Der Biokraftstoff E10 setzt sich aus Superbenzin und bis zu zehn Prozent Ethanol zusammen.

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Das Ende von Benzin und Diesel rückt näher. Ab 2035 sollen Neuwagen emissionsfrei sein. Darauf haben sich die EU-Mitgliedsstaaten geeinigt. Im Klartext heißt das: Sie dürfen dann keine Verbrennungsmotoren mehr haben. Ein Etappensieg für den Klimaschutz? Tatsächlich sind fast 20 Prozent des CO2-Ausstoßes in Deutschland auf den Straßenverkehr zurückzuführen.

Um den Verkehr klimafreundlicher zu machen, müssen Kraftstoffe seit 2007 in Deutschland zum Teil aus pflanzlichen Stoffen bestehen. Dazu werden beispielsweise Zuckerrüben oder Getreide zu Ethanol verarbeitet und dem Benzin beigemischt. Aus Pflanzenölen, etwa aus Raps, werden chemische Zusätze gewonnen, die im Diesel landen.

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Laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) kam der Rohstoff für die deutschen Biokraftstoffe im Jahr 2020 zu 47 Prozent aus Europa und zu 42 Prozent aus Asien. 72,5 Prozent davon waren Biomasse (vor allem Palmöl, Raps und Mais), der Rest des Biokraftstoffs wurde aus Abfall und Reststoffen produziert.

Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen statt aus klimaschädlichem Erdöl: Das soll den Ausstoß von Treibhausgasen reduzieren. Dem BLE zufolge zeichnen sich Biokraftstoffe gegenüber fossilen Kraftstoffen durch weitaus geringere Emissionen aus.

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Wie umweltfreundlich ist Biosprit?

Insgesamt ist der Biospritanteil aber gering. Aktuell beträgt die Beimischungspflicht beim Diesel mindestens 4,4 Prozent, bei Super- und Normalbenzin sind es zwei Prozent. Auf diese Weise konnten 2020 im deutschen Verkehrssektor rund 13,2 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Zum Vergleich: Ein Tempolimit von 100 km/h würde die Treibhausgas-Emissionen nach Berechnungen des Umweltbundesamts um 5,4 Millionen Tonnen mindern. Die gesamten Treibhausgas-Emissionen des Verkehrs lagen 2020 bei 146 Millionen Tonnen CO2.

Sind Biokraftstoffe das richtige Mittel im Kampf gegen den Klimawandel? Die kritischen Stimmen mehren sich. Denn der Anbau von Energiepflanzen führt oft zu Monokulturen, mit teils verheerenden Folgen für die Umwelt. Und er kann auch dem Klima schaden, wenn dafür Wald gerodet oder Moore trockengelegt werden. Deshalb fördert die Bundesregierung ab 2023 keine Biokraftstoffe mehr aus Palmöl.

Ein weiterer Kritikpunkt: Biosprit konkurriert mit der Nahrungsmittelproduktion. Angesichts der verschärften Lebensmittelsituation will Bundesumweltministerin Steffi Lemke Biokraftstoffe bis 2030 abschaffen. „Nahrung gehört auf den Teller, nicht in den Tank“, sagt die Grünen-Politikerin auch vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs.

Biodiesel wird unter anderem aus Raps hergestellt.

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Umweltschützer fordern Biosprit-Ausstieg bis 2025

Umweltverbänden geht das nicht schnell genug. Sie kritisieren, Biosprit sei umweltpolitischer Unsinn. „Biokraftstoffe aus Nahrungs- und Futtermitteln haben keine Zukunft“, sagt Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger. In Zeiten steigender Lebensmittelpreise sei es zynisch, Raps oder Getreide in den Autos zu verbrennen. Der Nabu fordert einen vollständigen Ausstieg bereits bis 2025.

Eine aktuelle Studie des ifeu-Instituts im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe liefert ein weiteres Argument: Demnach macht der hohe Flächenverbrauch beim Anbau den Klimavorteil von Biokraftstoffen wieder zunichte. Würde sich auf den Anbauflächen eine natürliche Vegetation (zum Beispiel Wald) entwickeln, könne fast doppelt so viel CO2 aus der Atmosphäre gebunden werden, wie aktuell über Biosprit einspart werde.

Branchenverbände sehen Klimaziele in Gefahr

Der Deutsche Bauernverband hält Biosprit dagegen für unverzichtbar für den Klimaschutz. „Überstürzte Kürzungen bei Biokraftstoffen gefährden die Einhaltung von Klimazielen im Verkehrssektor“, sagt Verbandschef Bernhard Krüsken. Biokraftstoffe hätten derzeit einen Anteil von über 98 Prozent an den erneuerbaren Energien im Straßenverkehr. Ein kurz- und mittelfristiger Ersatz sei mit Blick auf den Klimaschutz aus heutiger Sicht nicht möglich. Ein Ende der heimischen Produktion führe unweigerlich zu einer stärkeren Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.

Auch der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) hält die Pläne des Bundesumweltministeriums für falsch. „Biokraftstoffe sind die einzige in größerem Umfang vorhandene Alternative zu fossilen Kraftstoffen“, sagt VDB-Geschäftsführer Elmar Baumann. Bei den derzeit hohen Agrarpreisen sei die Herstellung von Biodiesel längst von den Produzenten zurückgefahren worden. Für Ethanol werde zumeist Getreide verwendet, das nicht nahrungsmitteltauglich ist.

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