Bergbau vor 11.000 Jahren: Abstieg ins Dunkel für heiligen Ocker

In einer gefluteten Höhle auf Yucatán entdeckten Taucher eine verlassene Mine: Sie bietet einen ungewöhnlichen Einblick in das Leben der frühen Amerikaner.

Monday, July 13, 2020,
Von Maya Wei-Haas

Im Frühjahr 2017 zwängten sich zwei Taucher mit den Flossen voran durch einen engen Durchgang in einer gefluteten Höhle unter der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Sie waren bereits etwa einen Kilometer durch das Höhlensystem geschwommen, vorbei an Felsnadeln, die aus der Decke und dem Boden ragten. Schließlich erreichten sie einen Spalt, der nur etwa 70 Zentimeter breit war.

„Das war das Portal in eine ganz andere Welt“, erinnert sich einer der Taucher, Sam Meacham, der Direktor des Quintana Roo Aquifer System Research Center (CINDAQ).

In der Kammer, die jenseits des winzigen Durchgangs lag, war eine uralte Szenerie in atemberaubendem Detail erhalten geblieben: eine 11.000 Jahre alte Abbaustätte für rote Ockerpigmente, komplett mit Werkzeugen und Feuergruben. Die Mine, die in einer neuen Studie in „Science Advances“ beschrieben wurde, gehört zu den wenigen archäologischen Stätten, die offenbaren, wo und wie die Menschen früher die leuchtenden Pigmente gewannen. Ocker wurde auf der ganzen Welt für eine Vielzahl von Zwecken verwendet, darunter Begräbnisrituale, Höhlenmalerei und sogar Sonnenschutz.

„Ich habe viel Zeit damit verbracht, mir auszumalen, auf welch unterschiedliche Weise Menschen in der Vergangenheit mineralische Pigmente gesammelt haben“, sagt Studienautorin Brandi MacDonald, eine Archäologin an der University of Missouri und Expertin für Ockerpigmente. „Aber das in einem so interessanten Erhaltungszustand sehen zu können, das hat mich richtig umgehauen.“

Galerie: Cenoten - Die heiligen Höhlen der Maya

Die Entdeckung gewährt auch einen seltenen Einblick in das Leben von einigen der ersten Bewohner Amerikas, die Tausende von Jahren vor der Entstehung des Maya-Reichs auf Yucatán lebten. Eine der frühesten Bewohnerinnen war eine junge Archäologin namens Naia, die wahrscheinlich vor etwa 13.000 Jahren in einer anderen Höhle in der Nähe der neu entdeckten Mine zu Tode stürzte. Mindestens neun weitere lang verstorbene Individuen wurden in dem verworrenen Höhlensystem unterhalb von Quintana Roo identifiziert. Ihre Überreste blieben im dunklen Wasser Tausende von Jahren lang erhalten, nachdem die Höhlen vor etwa 8.000 Jahren vom ansteigenden Meer überflutet worden waren

Aber die Wissenschaftler debattieren immer noch darüber, was die Menschen so tief in dieser dunklen Unterwelt taten. Begruben sie ihre Toten? Suchten sie nach Quellen für Trinkwasser?

„Warum zum Teufel sind die da runtergegangen?“, fragt sich auch Roberto Junco, der Direktor des Büros für Unterwasserarchäologie am Nationalen Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH), der Regulierungsbehörde für Archäologie in Mexiko. „Jetzt haben wir wirklich starke Belege dafür, dass zumindest einer der Gründe der Ockerabbau war.“

Frühe Bergleute: Für den Ocker ins Dunkel

Die Entdeckung der Mine begann mit einem Zufallsfund: Studenten eines Höhlenvermessungskurses unter der Leitung des CINDAQ-Höhlentauchers Fred Devos entdeckten im Sagitario-Höhlensystem einen zuvor unbemerkten Tunnel. Devos und Meacham kehrten bald darauf zurück, um die Höhle zu erkunden. Nach einer langen Strecke und dem Passieren der engen Spalte staunten die Taucher nicht schlecht über das, was sie sahen.

Die Stätte ist praktisch eine Zeitkapsel, die einen Blick auf das Leben vergangener Menschen gewährt: Gruben durchziehen den Boden der Kammer, zerbrochene Speläotheme – Stalagmiten oder Stalaktiten – liegen verstreut in der Gegend und wurden wohl als provisorische Hämmer verwendet. Von den Feuern, die einst die Höhle erhellten, blieben verbranntes Gestein und Holzkohle zurück, und sorgsam aufgeschichtete Steinhügel, so genannte cairns, markierten den Weg der Bergmänner.

„Fred und ich haben sofort angefangen, auf all diese Dinge zu zeigen“, sagt Meacham. „Die sind nicht natürlich. Es gibt keine Möglichkeit, wie das hätte entstehen können – außer durch Menschenhand.“

Exklusiv: In der Höhle des Jaguargottes der Maya
Die Balamku-Höhle wurde erstmals 1966 nahe Chichén Itzá von Victor Segovia Pinto entdeckt. Aus unbekannten Gründen versiegelte er die Höhle und alle Aufzeichnungen zu ihrer Entdeckung verschwanden. Der National Geographic Explorer Guillermo de Anda und sein Team haben dort nun einen unberührten archäologischen Schatz entdeckt.

Devos wandte sich an Eduard Reinhardt, einen Geoarchäologen an der McMaster University, um über die Stätte zu fachsimpeln. Reinhardt war anfangs skeptisch, machte sich im folgenden Jahr aber auf den Weg nach Mexiko, um in den Höhlenabschnitt mit den Artefakten zu tauchen, der später La Mina („die Mine“) getauft wurde. „Die Stätte ist phänomenal“, sagt Reinhard.

Aber der Ockerabbau beschränkte sich nicht nur auf diese Höhle.

Bei früheren Tauchgängen, erzählt Meacham, „sind uns seltsame, deplazierte Objekte aufgefallen", darunter zu Haufen gestapelte Felsen und auf dem Höhlenboden angeordnete Speläotheme. Aber da viele Menschen in den Höhlen von Yucatán tauchten, habe es immer Zweifel gegeben, ob diese Dinge aus grauer Vorzeit oder aus der Neuzeit stammten, sagt Reinhardt.

Mit einem solch unberührten Beispiel einer alten Ockermine konnte das Team aber nun bestätigen, dass in mindestens zwei weiteren mutmaßlichen Stätten in Unterwasserhöhlen – etwa 30 Kilometer südlich von La Mina in Quintana Roo – wahrscheinlich ebenfalls Bergbau betrieben wurde. Die drei Minen waren laut Radiokarbondatierungen vor 10.000 bis 12.000 Jahren in Betrieb.

„Das war keine einmalige Sache“, sagt Reinhardt. „Es gab ein aktives Programm zur Suche und zum Abbau von Ocker. Es wird zweifellos noch weitere solche Stätten geben.“

Bunte Pigmente für Alltag und Ritus

In Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern und Tauchern begannen die Forscher, die alten Bergbauaktivitäten innerhalb der gefundenen Stätten zu dokumentieren. Bei 100 Tauchgängen mit insgesamt mehr als 600 Stunden unter Wasser sammelte das Team Proben und nahm Videos sowie Zehntausende von Fotos auf, um ein dreidimensionales Modell der Stätte La Mina zu erstellen. Die Analyse zeichnet ein lebhaftes Bild von etwa 2.000 Jahren gut vorbereiteter Expeditionen in den Untergrund durch Generationen von Menschen, die sich in der Höhlenlandschaft auskannten.

Die in den Minen gefundene Holzkohle stammt von harzreichen Hölzern und wurde wahrscheinlich aufgrund ihrer hellen und langen Brenndauer ausgewählt, so die Analyse des Studienautors Barry Rock von der University of New Hampshire. Ebenso scheint die Stätte den Denkprozess der alten Bergleute beim Materialabbau bewahrt zu haben, bemerkt Reinhardt: Die Bergleute folgten den Mineraladern, bis der Ocker versiegte. Dann wandten sie sich seitwärts, um eine weitere Grube zu graben. „Sie verstanden [...] einige grundlegende geologische Prinzipien, die erst Mitte des 16. Jahrhunderts wirklich formalisiert wurden“, sagt er.

Die Pigmente selbst waren ebenfalls von sehr hoher Qualität, fügt MacDonald hinzu. Sie wiesen nur wenige Verunreinigungen und eine sehr feine Körnung auf. Das bedeutet, dass sie ihre lebhaften Farbtöne problemlos auf alles übertrugen, mit dem sie in Kontakt kamen. „Das färbt ab wie verrückt“, sagt sie.

Doch was genau taten die Menschen mit dieser Fülle an Pigmenten? Ocker ist ein eisenhaltiges Material, das Menschen auf der ganzen Welt seit Hunderttausenden von Jahren nutzen. Die Pigmente wurden vor etwa 100.000 Jahren in Südafrika verwendet, um in Seeohren-Schalen einen farbigen Schlamm anzumischen. Sie zieren die Umrisse von Händen, die vor etwa 30.000 Jahren im französischen Chauvet an Höhlenwände gedrückt wurden. Sie bedecken eine Frau, die vor etwa 19.000 Jahren in einer Höhle in Nordspanien begraben wurde.

Ocker hatte aber auch einen praktischen Nutzen. Er kann als Schutz vor Insekten oder Sonneneinstrahlung wirken. Womöglich diente er als Grundlage für Klebstoffe beim Werkzeugbau. Einige indigene Afrikaner und Australier verwenden diese leuchtenden Pigmente auch heute noch für rituelle und praktische Zwecke.

Wofür ihn die Menschen verwendeten, die den Ocker in den Höhlen von Yucatán abgebaut haben, bleibt jedoch unklar. „Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir es einfach nicht“, sagt MacDonald.

Die „dunkle Zone“ als magischer Ort

Einige Wissenschaftler sehen auch in den Minen selbst einen Hinweis, der auf eine rituelle oder spirituelle Bedeutung hindeuten könnte. Die Abbaustätten befinden sich tief in unterirdischen Systemen, weit entfernt vom Tageslicht, sagt Holley Moyes von der University of California in Merced. Sie ist auf die rituelle Nutzung von Maya-Höhlen spezialisiert, war aber kein Teil des Projekts. In fast allen Fällen, die sich in der Frühgeschichte der Menschheit finden, sei die Nutzung dieser sogenannten „dunklen Zone“ auf rituelle Zwecke beschränkt, sagt sie.

„Höhlen erschaffen alles mögliche Gute und Böse. Sie sind wahrscheinlich das heiligste natürliche Landschaftsmerkmal“, sagt Moyes. Höhlen gelten als Eingänge in die Unterwelt und als Quellen heiligen Wassers. Sie sind besonders spirituelle Orte für die Maya, die ihre Städte in Yucatán erst Tausende von Jahren errichteten, nachdem die Mine verlassen worden war. Ocker war auch für die Maya und andere mesoamerikanische Kulturen wie die Azteken heilig und spielte eine wichtige Rolle in Kunst und Ritualen. „Es hat etwas mit dieser roten Farbe zu tun“, sagt sie.

Galerie: Kulturgeschichte: Schreckenswesen aus den Albträumen unserer Vorfahren

Solche frühzeitlichen Handlungsweisen zu begreifen, sei teils auch deshalb schwierig, weil es in der Moderne eine Trennung zwischen dem Spirituellen und dem Praktischen gibt, sagt James Brady. Der Experte für Höhlenarchäologie an der California State University in Los Angeles war kein Teil des Studienteams. Für viele Menschen heute ist „Religion mal eine Stunde am Sonntagmorgen“, sagt er. Aber das war vor Tausenden von Jahren wahrscheinlich nicht der Fall. „Es könnte sehr bedeutsam sein, dass [der Ocker] von einem heiligen Ort stammte“, sagt er, „und dass es einer Reise in die Höhle bedurfte, nur um ihn zu holen.“

Unabhängig von der Absicht, die hinter dem Abbau steckt, sind die Forscher von dem Fund begeistert. Der erstaunlich gut erhaltene Zustand der Stätte bietet ein bislang beispielloses Fenster in die Aktivitäten der frühen Bewohner Amerikas.

„Wir hier in Mexiko freuen uns sehr, an diesem Projekt arbeiten zu können“ sagt Junco vom INAH. „Das ist wirklich einer dieser Momente, die alles verändern.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Unterwasserforschung

Wei­ter­le­sen