Astrologie: Der Ursprung von Horoskopen

Wenn das alte Jahr endet und das neue beginnt, kommt die große Zeit der Jahreshoroskope. Doch wer hat die Sternzeichen erfunden, die unser Schicksal bestimmen sollen? Ein Blick in die Geschichte von Susanne Hoffmann, Astronomin an der Uni Jena.

Widder, Löwe, Skorpion, Steinbock: Die Astrologie arbeitet mit 12 Sternzeichen aus unterschiedlichen Tierkreisen.

Bild Friedrich-Schiller-Universität und Planetarium Jena
Von Susanne Hoffmann
Veröffentlicht am 27. Dez. 2021, 12:16 MEZ

Ob in Frauenzeitschriften, Klatschmagazinen oder auf Astrologie-Webseiten, Ende Dezember kommt es Jahr für Jahr zuverlässig ins Programm: das große Jahreshoroskop. Die Astronomie steht diesem Treiben skeptisch gegenüber. Wegen der umfangreichen Berechnungen galten Horoskope bis ins 17. Jahrhundert als wissenschaftlich erarbeitet, aber ihre Glaubwürdigkeit ist seit dem Alten Rom umstritten.

Heute sehen wir sie als Aberglaube und lesen sie zur Unterhaltung. Es gibt diverse Studien, die belegen, wie niedrig die Trefferquote der Deutungen ist. Trotzdem sind sie bei vielen Menschen beliebt, eine YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2021 zeigt: sie werden immerhin von der Hälfte der Deutschen gelesen.

Ob man nun an sie glaubt oder nicht, sicher ist, dass Horoskope und Sternzeichen die Menschen schon lange begleiten. Um die Ursprünge also nachvollziehen zu können, muss man sich auf eine kleine Zeitreise begeben.

Wissen kompakt: Sterne
Zahllose Sterne zieren den Nachthimmel. Aber wie entstehen die Himmelskörper, wie unterscheiden sie sich und welche Rolle spielen sie für das Leben auf der Erde?

Die Schreiber in Mesopotamien

Die Geschichte beginnt in Mesopotamien, dem Zweistromland, im Jahr 1250 v. Chr. – einer Region, die sich aufgrund ihrer Lage durch besonders berechenbare Wetterlagen auszeichnet. Es gibt eine Regenzeit und eine Trockenzeit, und auch die Windrichtung lässt sich abhängig von der Jahreszeit vorbestimmen. Da gleichzeitig je nach Jahreszeit bestimmte Sternbilder am Nachthimmel sichtbaren sind, glaubten die Menschen an einen Zusammenhang. Sie schlossen daraus, dass mit Hilfe der Sterne alles berechnet und vorhergesagt werden könnte.

Die mesopotamische Kultur betete alte Naturgottheiten an: unter anderem Mondgötter, Wettergötter, Fruchtbarkeitsgottheiten und einen Sonnengott. Krankheiten und Unwetter wurden als Strafe der Götter gedeutet und auch ein Halo oder Regenbogen am Himmel oder die Farbe und Lage von Steinen am Wegrand wurden als gutes oder schlechtes Zeichen der Götter interpretiert.

Die sogenannten Schreiber in Mesopotamien erstellten nicht nur Kaufverträge und wandten eine äußerst hoch entwickelte Mathematik an – sie betrieben die Deutung göttlicher Zeichen auch hauptberuflich. Sie unterzogen Erde, Wetter und Gestirne intensiven Beobachtungen und versuchten so, Marktpreise vorherzusagen, die Menschen und vielleicht sogar die Götter zu beeinflussen. Da die Sterne überall in Mesopotamien denselben Anblick Bild boten, galten Himmelszeichen nicht für einzelne Menschen, sondern verrieten etwas über das Schicksal des ganzen Landes. Eine Sonnenfinsternis betraf somit den König als ihren Repräsentanten, nicht aber die einfache Bevölkerung.

Um etwas über die persönliche Zukunft zu erfahren, stellte man einem Orakel Fragen, das das Schicksal zum Beispiel in der Leber eines geschlachteten Schafs erkennen konnte. Horoskope, wie wir sie heute kennen, gab es zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, denn dazu bedurfte es eines regelmäßigen Kalenders und natürlich Sternzeichen.

Wissen kompakt: Mesopotamien

Ohne Kalender kein Horoskop

Die taggenaue Bestimmung des Kalenders anhand der wechselnden Mondphasen war in der mesopotamischen Kultur schon lange bekannt. In einem reinen Mondjahr würden die Monate jedoch nach einem unregelmäßigen Muster in verschiedene Jahreszeiten fallen: „Monat 1“ lag also mal im Sommer und mal im Winter, so wie es heute noch im islamischen und jüdischen Kalender der Fall ist. Man führte Schaltmonate ein, um Mondjahr und Jahreszeiten zu synchronisieren. Um aber die Jahreszeiten – und damit den Sonnenstand – präzise zu bestimmen, musste man sich an den Sternen orientieren, deren Sichtbarkeit am Abend, Morgen und um Mitternacht je nach Monat anders war.

Auf dieser Grundlage war es den mesopotamischen Schreibern möglich, den Kalender immerhin auf fünf Tage genau festzulegen. Damit ein Monat jedes Jahr in dieselbe Jahreszeit fiel, musste der taggenauen Mondkalender mit dem auf fünf Tage genauen Sternenkalender kombiniert werden. Hierfür wurde zu verschiedenen Zeitpunkten beobachtet, welche Sterne bei Vollmond sichtbar waren und welche Sterne der Mond in welcher Phase verdeckte. Dieser so genannte „Pfad des Mondes“ bildete die Vorstufe des Tierkreises.

Sechzehn der 71 alten mesopotamischen Sternbilder lagen auf diesem Weg des Mondes. Manche Sternbilder bildeten Gottheiten ab, andere waren Gottheiten zugeordnet. Einige von ihnen, wie Skorpion, Zwillinge und Stier, sind uns bis heute erhalten geblieben. Viele der alten Götter verloren im Laufe der Zeit jedoch ihre Bedeutung, sodass die ihnen zugeordneten Sternbilder umbenannt wurden: Der Weisheitsgott wurde zum Wassermann, der der Lohnarbeit zum Widder und aus der Liebesgöttin wurden die Fische.

Die Benennung Sternzeichen des Tierkreises

Der wachsende Verwaltungsapparat der mesopotamischen Stadt Babylon machte einen schematischen Kalender für die Geldverwalter zu einer Notwendigkeit. Bereits um 1.000 v. Chr. teilten sie das Jahr in zwölf gleiche Abschnitte – die sogenannten Ideal-Monate – ein. Sie bestanden aus dreißig von Sonnenauf- und untergang losgelösten Ideal-Tagen.

Da die echten Monate sich am Mond aber leichter ablesen ließen, übertrugen die Gelehrten die zwölf Ideal-Monate auf die Mondbahn und somit auf einen Gürtel von Sternbildern, die in den einzelnen Abschnitten am Himmel zu sehen waren. Dies war die Geburtsstunde des Tierkreises.

Jedem Sternzeichen im Tierkreis ist auch heute noch ein Zeitraum von ungefähr dreißig Tagen zugeordnet, doch Monate und Sternzeichen stimmen nicht mehr überein. Die modernen Sternzeichen sind also nicht gleichbedeutend mit Sternbildern, sondern den Monaten ähnliche Zeiteinheiten.

 

Jedem Sternzeichen im Tierkreis ist auch heute noch ein Zeitraum von ungefähr dreißig Tagen zugeordnet.

Bild Friedrich-Schiller-Universität und Planetarium Jena

Das Geschäft mit der Zukunft

Auf Himmelsbeobachtungen basierende Vorhersagen über die Zukunft wurden auch nach der Eroberung Mesopotamiens durch Alexander des Großen im 4. Jahrhundert weiterhin praktiziert. Babylonische Schreiber sagten den Tod des Herrschers anhand einer Sonnenfinsternis richtig voraus, was dazu führte, dass die babylonische Astralreligion auch unter seinen Nachfolgern großes Ansehen genoss, obwohl die Griechen an andere Götter glaubten als die Mesopotamier.

In der Antike wurden die reinen Sternzeichen des Tierkreises für die Horoskope – deren Name sich von dem altgriechischen Wort hora für Stunde und skopéin für beobachten ableitet – durch Elemente wie Aszendenten (aufgehende Zeichen) und Horoskophäuser ergänzt. Durch die Vermischung von mesopotamischer Astrologie und der griechischen Unterteilung des Sternhimmels in Doppelstunden, wurde jedem der zwölf Abschnitte über bzw. unter dem Horizont erstmals eine Bedeutung zugeordnet wurde. Die komplexen Ergänzungen ermöglichten jetzt individuellere Deutungsansätze. Bürger gaben gegen Bezahlung die Erstellung von Geburtshoroskopen für ihre Kinder in Auftrag. Die Deutung von Sternzeichen wurde zum Geschäftsmodell.

Um die Zeitenwende entwickelte sich eine eigenständige Form der Tierkreisastrologie, die ausschließlich auf dem Geburtstag basierte. Die sogenannte Kalenderastrologie hatte sich so weit von der mathematischen Astrologie Mesopotamiens entfernt, dass sie auch von Laien und zu Unterhaltungszwecken betrieben werden konnte. Zwischen Sternkunde und Sterndeutung tat sich ein Graben auf.

Von der Wissenschaft zur Unterhaltung

Die Bekanntheit und Beliebtheit von Horoskopen und Sternzeichen, denen inzwischen menschliche Eigenschaften zugeschrieben wurden, nahm innerhalb weniger Jahrhunderte rasant zu. Die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert verstärkte die Entwicklung noch einmal. Obwohl schon damals gutgläubige Menschen oft Betrügern zum Opfer fielen, die ihnen mit ausgedachten Horoskoptexten auf Jahrmärkten das Geld aus der Tasche zogen, blieb die Astrologie für eine Weile noch eine anerkannte Wissenschaft: Der Astronom Johannes Kepler zum Beispiel, der im Jahr 1630 starb, verdiente seinen Lebensunterhalt unter anderem mit dem Erstellen von Geburts- und Jahreshoroskopen unter Berücksichtigung genauerer Planetenberechnungen. Zur Zeit der Aufklärung wuchs aber die Skepsis an den wissenschaftlichen Grundlagen der Sterndeutung, bis sie schließlich ihre Anerkennung als Wissenschaft völlig verlor.

In den Sechzigerjahren erlebten Horoskope eine Renaissance und sind seitdem als Standard in Tageszeitungen oder eben als umfangreiches Jahreshoroskop am Ende des Jahres nicht mehr wegzudenken. Beweise dafür, dass das Tierkreiszeichen, in dem die Sonne zum Zeitpunkt der Geburt eines Menschen steht, wirklich dessen Schicksal bestimmt oder Aussagen darüber zulässt, gibt es nicht. Bewahrheitet sich die Vorhersage eines Horoskops, ist oft der sogenannte Barnum-Effekt im Spiel.

Von den Naturgottheiten Mesopotamiens bis auf die Astrologie-Websites unserer Zeit war es ein langer Weg. Selbst wenn Horoskope nicht die Zukunft vorhersagen können – für Unterhaltung sorgen sie schon seit vielen Jahrtausenden.

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