Homo naledi: Die ältesten Bestattungen der Menschheit?

Es ist eine steile These, die heiß diskutiert wird: Die ausgestorbene Menschenart Homo naledi soll mindestens 100.000 Jahre vor Neandertaler und Homo sapiens ihre Toten bestattet haben – trotz kleinem Gehirn. Welche Indizien dafür sprechen.

Von Kristin Romey
Veröffentlicht am 21. Juni 2023, 09:03 MESZ
Künstlerische Darstellung einer Homo naledi-Gruppe, die einen ihrer Toten in die Rising-Star-Höhle trägt.

Künstlerische Darstellung einer Homo naledi-Gruppe, die einen ihrer Toten in die Rising-Star-Höhle trägt. Neue Beweise dafür, dass diese kleinwüchsigen Hominine bewusst Bestattungen praktiziert haben könnten, rücken derzeit gültige Annahmen zur menschlichen Evolution in ein neues Licht.

Foto von Illustration by JON FOSTER, Nat Geo Image Collection

Bisher ging man davon aus, dass Neandertaler und Homo sapiens die ersten Menschenarten waren, die ihre Verstorbenen bestatteten. In einer Höhle in Südafrika wurden allerdings Hinweise darauf gefunden, dass eine ältere menschliche Spezies dies auch schon tat. Sollte sich die Annahme bestätigen, wären diese Indizien für Bestattungspraktiken 100.000 Jahre älter als alle bisher bekannten – und damit die ältesten bisher.

Das ist die Aussage mehrerer Studien, die jetzt auf bioRxiv veröffentlicht wurden, einer Plattform für wissenschaftliche Vorab-Publikationen. Der Paläoanthropologe Lee Berger stellte die Erkenntnisse außerdem auf einer Konferenz an der Stony Brook University in New York vor.

Acht Jahre zuvor hatte Berger erstmals über die Entdeckung von Spuren einer bis dahin unbekannten prähistorischen Menschenspezies in der Rising-Star-Höhle nordwestlich von Johannesburg berichtet. Ihr Name: Homo naledi. Die Hominine waren nicht nur von kleiner Statur, auch ihre Gehirne waren mit etwa einem Drittel der Größe des Gehirns eines ausgewachsenen Homo sapiens sehr klein. Darüber hinaus wiesen sie eine bemerkenswerte Mischung aus primitiven und modernen anatomischen Merkmalen auf.

Die fossilen Überreste wurden in einem schwer erreichbaren Teil des Höhlensystems entdeckt und auf ein Alter von 241.000 bis 335.000 Jahren datiert. Die Entwicklung moderner Menschen stand in Afrika zu dieser Zeit noch ganz am Anfang.

Das zusammengesetzte Skelett eines Homo naledi, umgeben von einigen der Hunderten anderen Knochenfragmente, die in der Höhle gefunden wurden. Vom Säugling bis zum Greis haben die Forschenden über 18 Individuen identifiziert.

Foto von Robert Clark, Nat Geo Image Collection

Als sie die Entdeckung von Homo naledi im Jahr 2015 verkündeten, brachten Berger und sein Forschungsteam bereits die Möglichkeit ins Spiel, dass die Spezies bewusst Bestattungen durchgeführt haben könnte. Es war die plausibelste Erklärung für die Sammlung von mehr als 1.800 Knochenfragmenten, die in der abgelegenen Kammer tief unter der Erde gefunden wurden. Der einzige Zugang zu dem Höhlenraum ist ein langer, nur knapp 20 Zentimeter breiter und fast vertikal abfallender Schacht, den die Forschenden „die Rutsche“ getauft haben.

Die Lage und Unversehrtheit mancher Skelette legen nahe, dass die Toten nicht einfach die Rutsche herunter geworfen, sondern in die Kammer getragen und dort behutsam auf dem Boden abgelegt wurden.

Viele Experten standen jedoch der Annahme, dass Hominine mit derart kleinen Gehirnen solch ein modernes menschliches Verhalten an den Tag legen könnten, skeptisch gegenüber. Sie gingen davon aus, dass die sterblichen Überreste vom Wasser in die Kammer gespült oder von Raubtieren dorthin verschleppt worden sein mussten. Doch die Knochen weisen keine Bissspuren auf und durch eine Analyse des Umfelds und der Sedimente der Höhle konnte das Eindringen von Wasser ausgeschlossen werden.

Eine weitere mögliche Erklärung, die ins Feld geführt wurde: Moderne Menschen, die mindestens über einen Zeitraum von 50.000 Jahren zeitgleich mit Homo naledi in Südafrika lebten, hätten die Toten in die Kammer gebracht – entweder über die Rutsche oder einen anderen Zugang, der inzwischen verschüttet ist. Doch das Forschungsteam konnte in der Rising-Star-Höhle weder Spuren moderner Menschen noch einen zweiten Eingang zur Kammer finden.

Im Jahr 2017 kehrte das Forschungsteam in das Höhlensystem zurück und machte eine Reihe von Entdeckungen, die noch nicht alle veröffentlicht wurden. Bekannt ist unter anderem, dass in einer Grube eine Reihe von Knochen gefunden wurden, die Homo naledi zugeordnet werden können. Die Grube ist flach und eindeutig nicht natürlichen Ursprungs. Dafür, dass sie gezielt ausgehoben wurde, spricht etwa, dass die Zusammensetzung des Füllmaterials sich von den umliegenden Sedimenten unterscheidet.

Ein weiterer Knochenfund wurde in ganzen Blöcken ausgegraben, mit Gips stabilisiert und CT-Scans unterzogen. Dabei identifizierten die Forschenden die Überreste von mindestens drei Individuen, darunter ein älterer Jugendlicher. Seine Überreste – darunter 30 Zähne in der richtigen Reihenfolge, zwei Reihen von Teilrippen, ein rechter Fuß, ein Knöchel und Knochen der unteren Gliedmaßen – sind bemerkenswert gut erhalten. In der Nähe seiner rechten Hand befindet sich ein Stein, von dem das Team annimmt, dass es sich um ein Steinartefakt oder Werkzeug handeln könnte. Einige Experten schließen diese Möglichkeit jedoch vehement aus.

Bestattungsverhalten macht Menschen besonders

Laut André Gonçalves vom Center for the Evolutionary Origins of Human Behavior an der Universität von Kyoto, Japan, ist die wichtigste Frage bei der Diskussion über bewusstes Bestattungsverhalten, wie mit dem Verstorbenen umgegangen wird. Schimpansen und Elefanten wachen beispielsweise über den Körper eines toten Artgenossen und berühren ihn in der Erwartung, er würde dadurch wieder zum Leben erweckt werden.

Eine bewusste Bestattung setzt jedoch bewusste soziale Verhaltensweisen voraus – ausgeführt von Lebewesen, die komplexe Zusammenhänge verstehen, sich losgelöst von der umgebenden Natur betrachten und die Bedeutung des Verstorbenen erkennen können. Die bisher frühesten bekannten Belege für ein Bestattungsverhalten auf dieser Grundlage bei einer menschlichen Spezies stammen aus einer Zeit, zu der Homo naledi seit mindestens 100.000 Jahren ausgestorben war.

Mitglieder des Forschungsteams klettern die enge Rutsche hinab, die in die abgelegene Kammer führt, in der mehr als 1.800 Fragmente fossiler Knochen gefunden wurden. Für diesen Job braucht man einen schlanken Körperbau und starke Nerven.

Foto von Robert Clark, Nat Geo Image Collection

„Dass wir unsere Toten bestatten, macht uns Menschen unter den Primaten zu einer Besonderheit“, sagt Gonçalves. „Es scheint keine andere Primatenspezies zu geben, die das tut.“

Experten außerhalb des Forschungsteams, die die Studien für National Geographic geprüft haben, äußerten eine Reihe von Bedenken bezüglich der bewussten Bestattung. Einige hielten weiterhin an der Wasser-Theorie fest und waren überzeugt, die Knochen seien in natürliche Vertiefungen im Boden gespült und dort im Laufe der Zeit von Sedimenten überdeckt worden.

Studienautor John Hawks, Anthropologe und Mitglied des Rising-Star-Forschungsteams, hält dagegen. „Der stärkste Beweis, den wir haben, ist, dass die Bestattungen die bestehenden Schichten der Höhle unterbrechen.“

Auch bezüglich des Zustands der Knochen gibt es kritische Stimmen. Die meisten von ihnen wurden in der Kammer verstreut und ohne anatomischen Zusammenhang gefunden. „Dieser Umstand lässt sich in den meisten Fällen nicht mit dem natürlichen Prozess der Verwesung erklären“, sagt Paläoanthropologin María Martinón-Torres, die die bisher ältesten bekannten menschlichen Bestattungen in Afrika untersucht hat.

Die neuesten Entdeckungen haben zumindest die Meinung des Anthropologen Chris Stringer vom Natural History Museum in London ein wenig geändert. „Ich war einer von denen, die der Idee, dass eine Spezies mit einem so kleinen Gehirn wie Homo naledi sich tief in das Innere einer Höhle begibt, um dort Verstorbene beizusetzen, skeptisch gegenübergestanden“, sagt er. „Doch ich muss zugeben, dass die vorliegenden Erkenntnisse meine Sicht auf die Dinge soweit geändert haben, dass ich inzwischen die Wahrscheinlichkeit in Betracht ziehe.“

Gonçalves nennt die Entdeckung vielversprechend, will aber noch abwarten, bevor er sich fest dazu positioniert. Die Idee, dass Homo naledi menschliche Verhaltensmuster an den Tag gelegt haben könnte, überrascht ihn nicht – schließlich waren die kleinen Hominine vom modernen Menschen sowohl räumlich als auch zeitlich nicht so weit entfernt. „Von Schimpansen und Bonobos trennen uns evolutionär sechs Millionen Jahre“, sagt er. „300.000 Jahre sind da nichts.“

Marina Elliott und Ashley Kruger graben auf engstem Raum fossile Überreste in einer der Höhlenkammern aus. Aus den 60 Bewerber*innen für die ursprüngliche Expedition im Jahr 2014 wurden sechs Frauen ausgewählt.

Foto von Elliot Ross, Nat Geo Image Collection

Lee Berger, Leiter der Rising-Star-Expedition, zwängt sich durch einen engen Schacht, der auch „Superman's Crawl“ genannt wird. „Ich musste 55 Pfund abnehmen, damit ich da durchpasse“, sagt er.

Foto von Robert Clark, Nat Geo Image Collection

Felsenkunst: Zeichen der kognitiven Entwicklung

Die zweite Studie beschreibt eine neue Entdeckung: abstrakte Formen und Muster, die in die Höhlenwände in der Nähe der angenommenen Bestattungsstätte geritzt sind. Es scheint so, als wären die dafür genutzten Oberflächen zunächst mit einer Substanz behandelt und poliert worden. Einige der Bilder wurden ausradiert und überschrieben, was darauf schließen lässt, dass die Zeichnungen über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden sind.

Der Dolomitkalkstein, aus dem die Wände des Höhlensystems bestehen, macht eine Datierung sehr schwer. Experten betonen darum, dass es „eine Herausforderung sein wird, festzustellen, ob die Felsenkunst aus derselben Zeit stammt, wie die ein paar Meter entfernt gefundenen möglichen Hinweise auf eine Bestattungsstätte von Homo naledi.“

Der Archäologe Curtis Marean weist darauf hin, dass eines der Muster – eine bestimmte Art von Kreuzschraffierung – in ähnlicher Form auch an Fundorten von Homo sapiens festgestellt wurde.

Weitere Untersuchungen werden nötig sein, um alle Felszeichnungen zu analysieren und zu identifizieren, doch das Forschungsteam betont trotzdem den Stellenwert, den sie – egal, ob gemalt, geritzt oder geschnitzt – bezüglich des kognitiven Fortschritts in der Evolution des Menschen haben.                             

Im Jahr 2022 wurden an den Höhlenwänden eine Reihe von Gravuren und Radierungen mit geometrischen Figuren wie Quadraten, Leitern, Dreiecken und Kreuzen entdeckt. Ob sie mit den nahegelegenen Gräbern in Verbindung stehen, muss noch geklärt werden.

Foto von Berger et al., 2023b

Dieses Foto, das mit einem Polarisationsfilter aufgenommen wurde, zeigt schwache Spuren früherer Gravuren, die ausradiert und überschrieben wurden. Die Markierungen könnten ein weiterer Beweis dafür sein, dass Homo naledi viel weiter entwickelt war als bisher angenommen.

Foto von Berger et al., 2023.

In einer dritten Studie haben Berger und sein Team die Daten aus Felszeichnungen und Grab zusammengefasst und damit eine lange gültige Annahme in Frage gestellt: Dass erst große Gehirne komplexes Verhalten wie das Feuermachen, Herstellen von Werkzeugen und Erschaffen von Symbolen möglich gemacht haben.

Fossile Funde haben gezeigt, dass im Laufe von zwei Millionen Jahren die Gehirne von Homininen im Verhältnis zur Körpergröße stetig gewachsen sind – bis das bisherige Maximum mit Homo sapiens erreicht war. Die Hirnschale eines ausgewachsenen modernen Mannes hat ein Volumen von ungefähr 1.500 Kubikzentimetern, bei Homo naledi lag dieser Wert unter 600.

Wenn die ausgestorbene Menschenart mit einem so kleinen Gehirn tatsächlich zu fortschrittlichem Verhalten wie Bestattungsritualen und einer damit verbundenen Symbolik fähig war, würde das laut dem Forschungsteam bedeuten, dass die Größe des Gehirns keine so entscheidende Rolle in Bezug auf die kognitive Leistung spielt wie bisher angenommen.

Viele wichtige Schritte in der menschlichen Evolution wie die Herstellung bestimmter Steinwerkzeuge, das Feuermachen und die Expansion von Afrika nach Asien ist den Forschenden zufolge bereits für Hominine mit kleinem Gehirn belegt. Auch eine andere frühere Spezies mit kleinem Gehirn, Homo floresiensis, konnte nachweislich Feuer machen und verfügte über Werkzeuge. Die Forschenden schließen daraus, dass die Gehirnstruktur möglicherweise ein wichtigerer Faktor ist, als die Größe des Gehirns.

Eine künstlerische Rekonstruktion des Homo naledi auf der Grundlage von Schädelresten aus der Rising-Star-Höhle. Die Mischung aus primitiven und modernen anatomischen Merkmalen ist klar zu erkennen.

Foto von Mark Thiessen, Nat Geo Image Collection

Die Hirnschale dieses rekonstruierten männlichen Schädels von Homo naledi hat ein Volumen von nur 560 Kubikzentimetern – weniger als die Hälfte des Fassungsvermögens des modernen menschlichen Schädels dahinter.

Foto von Photo illustration by STEFAN FICHTEL, Nat Geo Image Collection

Zwar werden Hinweise auf das Feuermachen in der Rising-Star-Höhle in den Studien nicht explizit erwähnt, Berger sagt jedoch, das Forschungsteam hätte einige Indizien für kontrolliertes Feuer in dem Höhlensystem gefunden – unter anderem in Form von Rückständen Dutzender Feuerstellen. „Es wimmelt nur so von Spuren von Ruß, Feuer und verbrannten Knochen. Sie sind überall“, sagt er. Mithilfe der Radiokarbonmethode soll demnächst eine Datierung dieser Funde stattfinden.

Frühen Homininen gerecht werden

Dass das Forschungsteam seine gewagten Thesen öffentlich gemacht hat, bevor sie einer Peer-Review unterzogen wurden, mag einige Paläoanthropologen frustrieren. Berger steht jedoch zu dieser Entscheidung. Schlussendlich soll die Studie in der Zeitschrift eLife erscheinen – ergänzt durch Prüfungsberichte und einen Artikel, der den Peer-Review-Prozess transparent begleitet.

„Wir werden es den Lesern ermöglichen, den Austausch zwischen Forschungsteam, Prüfern und Redakteuren uneingeschränkt zu verfolgen“, sagt Berger. Die Studienautoren können dann selbst entscheiden, ob sie die ursprüngliche Studie bestehen lassen oder sie durch Kommentare der Prüfer oder anderer Wissenschaftler ergänzen wollen. „Wir möchten den Lesern Gelegenheit geben, den Prüfungsprozess nachzuvollziehen und zu beobachten, wie eine Peer-Review abläuft.“

Experten, die sich die Arbeiten des Teams bereits angesehen haben, stimmen zu, dass die Paläoanthropologie am Beginn eines neuen Zeitalters steht. Es entstehe ein immer größeres Bewusstsein dafür, dass auch andere menschliche Spezies zu Verhalten in der Lage waren, das bisher als einzigartig für den modernen Menschen angesehen wurde.

In diesem Zuge rechnet man nun mit weiteren Entdeckungen, die neue Einblicke in das Leben von Homo naledi und seine Verwandtschaftsbeziehung zu Homo sapiens – falls diese bestehen sollte – liefern. „Wenn diese Spezies an das Leben in Höhlen angepasst war – und das legen die Funde in der Rising-Star-Höhle nahe –, ist davon auszugehen, dass es noch viele weitere solcher Stätten in Südafrika gibt“, sagt Stringer.

„Es ist Zeit für eine globale Diskussion“, sagt Berger. „Wie gehen wir jetzt vor? Wie machen wir weiter? Wir haben diesen kulturellen Raum einer nicht-[modern]menschlichen Spezies entdeckt, die nicht auf derselben Stufe stand wie unsere eigene Art. Wie wollen wir damit umgehen? Ich bin gespannt auf die Meinungen dazu.“

Die Anthropologin Marina Elliott macht eine Pause am Eingang der Rising-Star-Höhle, die ihre Geheimnisse erst allmählich preisgibt. „Bisher haben wir buchstäblich nur an der Oberfläche gekratzt“, sagt sie.

Foto von Robert Clark, Nat Geo Image Collection

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht

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