Pink: Von der ältesten Farbe der Welt zu Barbies Traumhaus

Die Bedeutung von Farben wie Rosa und Magenta hat sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder verändert – teilweise signifikant. Über die lange Historie der Pinktöne.

Von Erin Blakemore
Veröffentlicht am 28. Juli 2023, 13:57 MESZ
Pinkes Pigment

Pink betört die Menschen seit Jahrtausenden und noch immer wird nach neuen Nuancen des Farbtons gesucht. Der britische Künstler Stuart Semple hat darum dieses extrem rosafarbene Pigment kreiert.

Foto von Rebecca Hale, Nat Geo Image Collection

Ist Pink möglicherweise die älteste Farbe der Welt? Eine Studie aus dem Jahr 2018, die von dem Fund knallpinker Pigmente in 1,1 Milliarde Jahre alten Felsen berichtet, legt dies nahe. Die Farbtupfen haben die Fossilien Milliarden winziger Cyanobakterien hinterlassen, die einst die Ozeane dominierten. 

Doch auch an anderer Stelle taucht Pink auf: Von dem Gefieder von Flamingos bis hin zu den rosafarbenen Sandstränden der Bermudas greift die Natur immer wieder gern auf zarte Rosa- oder grelle Pinktöne zurück.

Kulturell ist diese Farbpalette jedoch nicht unbelastet. Im Laufe der Menschheitsgeschichte hatte Pink die verschiedensten Bedeutungen und stand oder steht unter anderem für die Kolonialisierung, Schönheit, Macht, Geschlechtsidentität – und Barbie.

Dank des gleichnamigen Films, der im Juli 2023 in den Kinos angelaufen ist, ist Pink wieder allgegenwärtig. Anlass genug, die Geschichte dieser besonderen Farbe genauer zu betrachten.

Pink – uralte Farbe der Schönheit

Schon den Menschen der Frühzeit reichte es nicht, Pink nur in der Natur zu bewundern – sie wollten sich auch in der Farbe kleiden. So trugen beispielsweise Jäger in den Anden des heutigen Perus schon vor rund 9.000 Jahren Lederbekleidung, die sie mit rotem Ocker rosa eingefärbt hatten.

Befindet sich in diesem Fläschchen das älteste Pigment der Welt? Im Jahr 2018 fand ein Forschungsteam der Australian National University leuchtend rosa Pigmente – sogenannte Porphyrine – in 1,1 Milliarden Jahre altem Gestein.

Foto von The Australian National University

Die Menschen nutzten die Pigmente außerdem, um die Wände ihrer Höhlen zu verzieren – und im Alten Ägypten auch ihre Gesichter. Mit Ocker rot gefärbte Lippen und Wangen waren ein Zeichen für Liebe, Sexualität und Schönheit. Nicht nur am Nil, sondern auch in anderen Teilen der Welt, wo neben Ocker auch zerdrückte Erdbeeren oder Roter Amaranth genutzt wurden, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Pink in Kosmetik und Kolonialismus

Die Herkunft des Wortes pink ist nicht bekannt, wann es erstmals verwendet wurde, jedoch schon: im 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war die Farbe untrennbar mit dem Kolonialismus verbunden. Rote Pigmente waren für die Herstellung von Kosmetika so gefragt, dass die Europäer in allen Teilen der Welt nach Abbaumöglichkeiten suchten.

Eine dieser Quellen war eine Pflanze namens Pernambucoholz, die in Brasilien wächst und aus deren rotem Saft sich die begehrten Pigmente herstellen lassen. Im Zuge der Kolonialisierung ließen europäische Händler versklavte Arbeiter so viele Gewächse fällen, dass die Pflanze in Brasilien fast ausgerottet wurde und noch heute stark vom Aussterben bedroht ist.

Ein Exemplar der Libellenart Orthemis discolor, fotografiert im peruanischen Amazon Rescue Centro.

Foto von Joël Sartore, National Geographic Photo Ark

Um Lippen und Wangen erröten zu lassen, nutzten Kunden aber auch andere Pigmente. Zum Beispiel Karmin, das aus der Cochenilleschildlaus gewonnen wird, die zu jener Zeit in Mittel- und Südamerika mit ähnlicher Gier geerntet wurde wie Pernambucoholz.

Und noch ein anderer Zusammenhang bestand zwischen dem Kolonialismus und der Farbe Pink: Auf Karten wurde sie traditionell genutzt, um das Territorium des British Empires auszuweisen. Da dieses zu jener Zeit in rasantem Tempo wuchs, war Pink bald die Farbe, die die Weltkarten dominierte.

Modetrend der herrschenden Klasse

Mit der Zeit wurden rote Pigmente immer erschwinglicher und waren so geläufig, dass sich die europäische Aristokratie des 18. Jahrhunderts voll und ganz ihrer Leidenschaft für Pink hingeben konnte. Laut dem Kunsthistoriker Michel Pastoureau strebten die gehobenen Schichten in Europa „nach Pastell- und Halbtönen, um sich durch diese neuen innovativen Farbtöne von der Mittelklasse abzuheben, die vor allem Zugang zu starken, leuchtenden Farben hatte.“

In den Vierziger- und Fünfzigerjahren des 18. Jahrhunderts war Pink die Lieblingsfarbe von Madame de Pompadour, der Mätresse des französischen Königs Ludwig XV. Alle Gemälde, die sie zeigten, alle Objekte, die Künstler für ihre zahlreichen Residenzen herstellten, und sogar ihre Kutschen waren in dem Farbton gehalten. Das sorgte dafür, dass bald ganz Europa verrückt nach Pink war.

Ikone ihrer Zeit: Madame de Pompadours Liebe zur Farbe Pink beeinflusste die Modetrends des 18. Jahrhunderts.

Foto von Peter Barritt, Alamy Stock Photo

Mitte des 19. Jahrhunderts kamen synthetische Färbemittel auf – und mit ihnen ein rosavioletter Farbton namens Mauve. In den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts war knalliges Pink der letzte Schrei. Die avantgardistische Modedesignerin Elsa Schiaparelli machte „shocking pink“ zu ihrem Markenzeichen und trug so dazu bei, dass die Farbe ihren festen Platz in der Damenmodewelt einnahm.

Im Jahr 1939 schrieb ein Hofberichterstatter des Daily Telegraph, die Farbe Pink sei so beliebt, dass sie sowohl bei der Ausstattung von Brautjungfern als auch bei Debütantinnen nicht mehr wegzudenken sei. „Der Rosa-Wahn ist so weit verbreitet“, heißt es in dem Artikel, „dass einige Frauen dagegen rebellieren.“

Pink ist für Mädchen … oder für Jungs?

Etwa zur selben Zeit startete Pink einen Siegeszug in einem anderen Bereich: der Babybekleidung. Etwa seit dem Ersten Weltkrieg wurde Müttern in Benimmbüchern und Modekolumnen ans Herz gelegt, ihre Kinder in geschlechtsspezifischen Farben zu kleiden.  

Doch welche Farbe sollte für welches Geschlecht stehen? Eine Umfrage, die genau dies klären sollte und im Jahr 1927 in TIME erschien, zeichnete das Bild einer gespaltenen Nation: Kaufhäuser wie Filene’s und Marshall Field’s empfahlen Pink für Jungen, Macy’s, Bullock’s und andere für Mädchen.

In den Sechzigerjahren hatten sich Rosatöne als Mädchenfarbe durchgesetzt. Kleine Jungen trugen Pastellblau. Der Wunsch, Babymädchen und -jungen durch die Farbe ihrer Kleidung voneinander zu unterscheiden, wurde unter anderem durch die Bestrebungen im Zweiten Weltkrieg geprägt, die traditionellen Geschlechterrollen in amerikanischen Haushalten zu stärken.

In dem Film Moulin Rouge aus dem Jahr 1952 trägt die Schauspielerin Zsa Zsa Gabor ein Kleid der avantgardistischen Modedesignerin Elsa Schiaparelli. Mit dem Farbton „shocking pink“, der zu ihrem Markenzeichen wurde, trug Schiaparelli dazu bei, dass Pink aus der Modewelt nicht mehr wegzudenken war.

Foto von Archive Photos, Getty Images

Vor allem profitierte aber der Einzelhandel. „Je individueller Babykleidung wurde – und das Geschlecht ist eines der naheliegendsten Unterscheidungsmerkmale – desto schwerer wurde es Eltern gemacht, den jüngeren Kindern abgelegte Kleidung ihrer älteren Geschwister anzuziehen“, schreibt die Historikerin Jo B. Paoletti. „Je mehr Kinder, desto mehr neue Kleidung musste gekauft werden.“ Bald fand man in den Geschäften ganze pinkfarbene Gänge für die kleinen Kundinnen, in denen von Kleidungsstücken bis zu Spielzeug alles in Rosa gehalten war.

Symbolfarbe der Verfolgung

Im Dritten Reich war Pink die Farbe, mit der homosexuelle Männer in Konzentrations- und Vernichtungslagern markiert wurden. Während des Kalten Kriegs und der Roten Angst nannte man in den USA Menschen, die verdächtigt wurden, mit Kommunisten zu sympathisieren, „Pinkos“.

Die Frauenbefreiungsbewegung distanzierte sich von der Farbe, die inzwischen nahezu untrennbar mit Weiblichkeit und Sexualität in Verbindung stand – etwa, wenn Marilyn Monroe in dem Musical Blondinen bevorzugt in einem pinkfarbenen Kleid, umgeben von tanzenden Männern in Smokings, eine Treppe hinunterschwebt.

Für Feminismusgegnerinnen war Pink hingegen die Farbe der Wahl. Die Autorin Helen B. Andelin, Gründerin des Fascinating Womanhood Movements, kleidete sich bevorzugt von Kopf bis Fuß in Pink, wenn sie in den Sechziger- und Siebzigerjahren Vorträge darüber hielt, dass Frauen den Feminismus ablehnen und sich stattdessen ihrem Leben als Hausfrauen hingeben sollten.

Wem gehört die Farbe Pink?

Bis heute wird die Farbe Pink mit Weiblichkeit verbunden – doch seit einigen Jahrzehnten versuchen Gruppen, die früher mit der Farbe gebrandmarkt wurden, sie sich zu eigen zu machen.

Die LGBTQ-Community hat sie beispielsweise als Symbol für ihre Bewegung und Gerechtigkeit reklamiert. Im Jahr 1987 nutzte der Interessenverband AIDS Coalition to Unleash Power (ACT UP) im Rahmen seiner „Silence = Death“-Kampagne ein Dreieck in Kaugummirosa, um auf HIV und AIDS aufmerksam zu machen und das Stigma der Krankheit aufzulösen.

Auch die feministische Bewegung hat Pink für sich entdeckt und nutzt es auf ironische Weise in allen Schattierungen – von Hellrosa bis Fuchsia – in ihrem Kampf gegen Geschlechterstereotypen. Nachdem abfällige Bemerkungen bekannt wurden, die Donald Trump über weibliche Genitalien gemacht hatte, demonstrierten im Jahr 2017 tausende Protestierende mit sogenannten Pussy Hats – pinkfarbenen Wollmützen – gegen seine Amtseinführung.

Heute ist Pink das, was man daraus macht – und seine Beliebtheit nimmt weiter zu. Im Jahr 2016 erklärte das weltbekannte Farbenunternehmen Pantone den Farbton Millenial Pink – ein pudriges Pink – zu seiner Farbe des Jahres.

Willkommen in der pinkfarbenen Welt von Barbie! Im Zentrum Berlins kann man in einer einzigartigen, lebensgroßen und interaktiven Installation herausfinden, wie es sich anfühlt, in Barbies Traumhaus zu leben.

Foto von Gerd Ludwig, Nat Geo Image Collection

Im Jahr 2023 leistet der Barbie-Film der Regisseurin Greta Gerwig mit seiner quietschpinken „Barbiecore“-Ästehtik dem Hype erneuten Vorschub – und Fans möchten offenbar am liebsten vollständig in die rosarote Welt eintauchen. Zwischen Mai 2022 und Mai 2023 nahm das Suchvolumen nach „Barbiecore aesthetic room“ auf der Plattform Pinterest um über tausend Prozent zu.

Es ist schwer zu sagen, welche Spielart von Pink uns als nächstes in ihren Bann ziehen wird. In Anbetracht der schillernden Geschichte dieses Farbtons zwischen Weiß und Rot, ist aber wohl davon auszugehen, dass die nächste pinke Welle nicht lange auf sich warten lassen wird.

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