Geschichte und Kultur

Nasca-Linien: Graffiti für die Götter

Seit Jahrzehnten gehen Archäologen der Frage nach, weshalb die Menschen der Nasca-Kultur einst riesige Darstellungen von Tieren und Pflanzen in den Fels ritzten. Jetzt ist ein deutsch-peruanisches Forscherteam der Lösung näher gekommen.

Von Stephen S. Hall

Aus der Luft sehen die in den Erdboden gescharrten Linien der Nasca aus wie verblichene Zeichnungen. Unser Pilot fliegt enge Kurven über der Wüste im Süden Perus, und so kann ich nun mit etwas Mühe eine Reihe schön gestalteter Figuren erkennen.

«Orca!», ruft der peruanische Archäologe Johny Isla über den Lärm des Triebwerks hinweg. Er zeigt hinab auf das Abbild eines Killerwals. «Mono!», sagt er wenig später, als der berühmte Affe von Nasca ins Blickfeld kommt. «Kolibri!» – der winzige Vogel, aber riesengroß.

Die geheimnisvollen Scharrbilder der Nasca wurden Ende der zwanziger Jahre des vergan­genen Jahrhunderts entdeckt, als eine kommer­zielle Flugverbindung zwischen Lima und der südperuanischen Stadt Arequipa in Betrieb ge­nommen wurde. Seither sind sie ein Rätsel für Archäologen, Anthropologen und alle, die von den präkolumbischen Kulturen des amerikani­schen Kontinents fasziniert sind. Genauso lange haben eine Vielzahl von Wissenschaftlern und Amateuren immer wieder neue Deutungen der Linien versucht. Sie wurden mal als Inka-Stra­ßen, mal als Bewässerungssysteme angesehen. Als Bilder, die von primitiven Heißluftballons aus betrachtet worden seien, oder, die abenteu­erlichste Interpretation, als Landebahnen für Außerirdische.

Die Leistungen der frühen Bewohner Perus wurden bekannt, als der Archäologe Max Uhle aus Dresden 1901 im Ica-Tal die Kul­tur der Nasca erforschte. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte die in Dresden gebo­rene Lehrerin Maria Reiche die ersten systema­tischen Begehungen dieser Linien und Figuren, der sogenannten Geoglyphen. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1998 spielte sie eine entscheidende Rolle bei deren Bewahrung. Aber die von ihr bevor­zugte Theorie, dass die Linien Elemente eines astronomischen Kalenders darstellten, ist weit­gehend widerlegt. Seit 1997 gibt es eine intensive peruanisch-deutsche Forschungszusammenarbeit in dem kleinen Ort Palpa. Das Nasca-Palpa-Projekt befasst sich unter der Lei­tung von Markus Reindel vom Deutschen Ar­chäologischen Institut und Johny Isla mit der systematischen und interdisziplinären Erfor­schung der frühen Bevölkerung dieser Region.

Während unser Flugzeug eine weitere Kurve zieht, presst Isla sein breites Gesicht gegen das Fenster. Er ist im Hochland geboren. «Trapez!», ruft er und deutet auf eine riesige geometrische Fläche unter uns. «Plattform!» Er zeigt auf eine kleine Anhäufung von Steinen. Falls Isla und seine Kollegen richtig liegen, bergen diese Strukturen den Schlüssel für das Verständnis der Nasca-Linien. Und deren Geschichte be­ginnt – und endet – mit dem Wasser.

Die Küstenregion im Süden Perus und im Norden Chiles gehört zu den trockensten Gebieten der Erde. Die geschützte Küstenebene, in der sich die Nasca-Kultur entwickelte, wird von zehn Flüssen bewässert, die in den weiter im Osten gelegenen Anden entsprin­gen. Die meisten sind zumindest einen Teil des Jahres ausgetrocknet. Diese zehn zarten grünen Bänder, die von Brauntönen in Tausenden Schattierungen umgeben sind, bildeten einen fruchtbaren Ursprungsort für eine frühe Zivili­sation, vergleichbar mit dem Nildelta oder den Flüssen Mesopotamiens. «Es war der perfekte Platz für menschliche Besiedlung, denn hier gab es Wasser», sagt der Geograph Bernhard Eitel, ein Mitarbeiter des Nasca-Palpa-Projekts. «Aber es war eine Umgebung mit hohem, ja mit sehr hohem Risiko.»

Nach den Erkenntnissen Eitels und seines Kollegen Bertil Mächtle von der Universität Heidelberg unterlag das Mikroklima in der Ge­gend von Nasca in den vergangenen 5000 Jah­ren dramatischen Schwankungen. Wenn sich ein Hochdruckgebiet über dem Zentrum Süd­amerikas – das heute sogenannte bolivianische Hoch – nach Norden verlagert, fällt an den Westhängen der Anden reichlich Niederschlag. Wandert das Hoch nach Süden, fällt weniger Niederschlag, und die Flüsse trocknen aus.

Acht Jahrhunderte lang überdauerte die Nasca-Kultur trotz dieser unsicheren Umwelt­bedingungen. Um 200 v. Chr. hatte sich das Volk der Nasca aus der Kultur der Paracas ent­wickelt und angesiedelt. Die Nasca bauten Nutzpflanzen wie Baumwolle, Bohnen, Wurzel­knollen, die Andenfrucht Lucuma und eine Maissorte mit kurzen Kolben an. Sie waren be­kannt für ihre Töpferwaren mit farbigen Verzie­rungen. Ein berühmtes Keramikbild, die Tello-Platte, zeigt mehrere gehende Nasca, die auf Panflöten spielen und von tanzenden Hunden umringt sind. Es gilt als typische Momentauf­nahme eines friedlichen Volkes, dessen Rituale von Musik, Tanz und religiösen Fußmärschen geprägt waren.

Das geistliche Zentrum der Nasca-Frühzeit war ein sandumwehter Ort namens Cahuachi. Die Stätte, an der in den fünfziger Jahren der Archäologe William Duncan Strong von der Columbia-Universität erste Ausgrabungen machte, ist ein weitläufiger Komplex von 150 Hektar. Er umfasst eine beeindruckende Lehm­pyramide, mehrere große Tempel, Plätze und Plattformen sowie ein komplexes Netzwerk von Verbindungstreppen und -gängen. «Der Fluss Nasca verschwindet 15 Kilometer östlich der Stadt und tritt wie eine Quelle am Eingang nach Cahuachi wieder aus», schreiben die Archäolo­gin Katharina Schreiber von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara und Josué Lancho Rojas, ein Lehrer und Historiker aus der Ge­gend, in ihrem 2003 erschienenen Buch über die Bewässerungssysteme der Nasca. «Eine Wasserquelle an diesem Ort wurde in vorge­schichtlicher Zeit mit großer Wahrscheinlich­keit als göttliches Zeichen gewertet», heißt es weiter. «Cahuachi war ein zeremonielles Zent­rum», sagt Giuseppe Orefici, ein italienischer Archäologe, der viele Jahre die Ausgrabungen leitete. «Die Leute kamen aus den Bergen und von der Küste und brachten Opfer dar.» Ausge­graben wurden unter anderem Dutzende abge­trennter Köpfe, meist mit einem Loch in der Stirn, durch das ein geflochtenes Seil führte. Möglicherweise wurde damit der Schädel um die Hüfte gebunden.

In anderen von den Nasca bewohnten Regionen siedelten die Menschen, den Niederschlägen folgend, mal weiter östlich in den Flusstälern, mal weiter westlich. Die Forscher des peruanisch-deutschen Archäologieprojekts haben das Gebiet von der Pazifikküste bis zu den Anden in einer Höhe von beinahe 4600 Metern untersucht. Fast überall fanden sie Hin­weise auf Nasca-Siedlungen – «wie Perlen an den Hängen der Täler aufgereiht», sagt Reindel. «Und in der Nähe jeder Siedlung fanden wir Geoglyphen.»

Die ausgedörrten Wüsten und Berghänge boten sich den Nasca als eine Art Leinwand an. Sie mussten nur eine Schicht der dunkleren Steine an der Oberfläche abtragen und den darunterliegenden helleren Sand freilegen, um Markierungen zu schaffen, die in dem trocke­nen Klima Jahrhunderte überdauerten. Archäo­logen sind der Ansicht, dass sowohl die Anlage als auch die Instandhaltung der Linien Gemein­schaftsaufgaben waren; «wie beim Bau einer Kathedrale», sagt Reindel. In den staubtrocke­nen südlicheren Tälern haben die damaligen Ingenieure der Nasca möglicherweise einen praktischeren Weg gefunden, um mit der Was­serknappheit umzugehen. Ein ausgeklügeltes System horizontal verlaufender Brunnen wurde in die Hänge der Andenausläufer hineingetrie­ben, bis man den schräg abfallenden Grund­wasserspiegel erreichte. So wurden die Siedlun­gen mit dem Wasser versorgt, das es tief in der Erde gab. Bis heute kennt man diese Bewässe­rungssysteme der südlichen Täler als puquios.

Die Anlage der puquios zeigt ein ausgepräg­tes Bewusstsein für den Umgang mit dem knap­pen Wasser. Durch die unterirdischen Wasser­läufe wurde die Verdunstung gering gehalten. Die Bauern pflanzten ihre Sämlinge in Löcher im Erdboden, anstatt ihn umzupflügen – damit blieb die Struktur des Untergrunds intakt. Bei einem Besuch an einer Nasca-Stätte namens La Muña weist mich Isla auf Schichten pflanzlichen Materials in den Mauern von Gebäuden und Terrassen an einem steinigen Berghang hin. «Die Nasca», sagt er, «recycelten ihren Abfall als Baumaterial. Es war eine Gesellschaft, die sehr klug mit ihren Ressourcen umging. Davon hing für sie alles ab.»

Heute denken die meisten Leute bei Nasca vor allem an die Linien. Zwar haben die Nasca besonders viele Geoglyphen angelegt, aber sie waren damit nicht die Ersten. An der Flanke eines Hügels, der eine Hochebene südlich von Palpa begrenzt, finden sich drei stilisierte menschliche Figuren mit Glotzaugen und selt­samen Haarsträhnen, die mindestens 2400 Jah­re alt sind. Ihre Entstehung liegt also weiter zurück als nach fast allen Darstellungen die An­fänge der Zivilisation der Nasca. Reindels For­scherkollegen rechnen mindestens 75 Geoglyphen-Gruppen in der Gegend von Palpa der älteren Paracas-Kultur zu. Diese Paracas-Geo­glyphen bestehen häufig aus stilisierten Men­schendarstellungen und ähneln auffällig noch älteren Felsgravuren, den sogenannten Petro­glyphen. Bei einem Fußmarsch zu einer mut­maßlichen Paracas-Stätte hoch oben am Bett des Rio Palpa stieß Isla auf die Petroglyphe ei­nes Affen – ein überraschender Vorläufer des berühmten Nasca-Scharrbildes, das er mir vom Flugzeug aus in der Pampa gezeigt hatte.

Diese neuen Funde führen zu einer wichtigen Erkenntnis über die Nasca-Linien: Sie entstan­den nicht einmalig, an einem bestimmten Ort und für einen einzigen Zweck. Viele überlagern frühere Bodenbilder, die teilweise verwischt oder überschrieben wurden – was ihre Deutung erschwert. Die Archäologin Helaine Silverman verglich sie mit dem Zeichenwirrwarr auf der Wandtafel am Ende eines geschäftigen Schulta­ges. Die verbreitete Annahme, man könne sie nur aus der Luft sehen, ist ein moderner My­thos. Die ersten Geoglyphen der Paracas-Ära entstanden an Berghängen, wo man sie aus der Ebene der Pampa anschauen konnte.

(NG, Heft 01 / 2011, Seite(n) 118)

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