Tiere

Beerenfresser & Lauerjäger: Das geheime Leben der Wölfe von Minnesota

In den Wäldern rund um die Großen Seen entwickeln Wölfe ungewöhnliche Jagdstrategien und Speisepläne.Dienstag, 25. Juni 2019

Von Ben Goldfarb

In einem stillen, menschenleeren Feuchtgebiet im Voyageurs-Nationalpark – ein von Waldgebieten und Seen durchzogener Landstrich im Norden der USA an der Grenze zu Kanada – untersucht Tom Gable den Schauplatz eines gewaltsamen Todes.

Der Biologe kriecht über eine Decke aus Torfmoos und betrachtet die Überreste eines nächtlichen Kampfes. Sie sind nicht besonders auffällig, zeugen aber von der Brutalität, die ihren vorausging: blutgetränkte Blätter, Haarbüschel, Knochensplitter. Ein mulchiger Geruch steigt aus einem Häufchen halb verdauter Pflanzenreste empor – die letzte Mahlzeit des Opfers.

Der Tote: ein Kanadischer Biber.

Der Täter: ein 35 Kilogramm schwerer und etwa fünf Jahre alter männlicher Wolf, der Gable als V074 bekannt ist.

„Dieser Wolf hat es auf Biber abgesehen“, sagt Gable, als er gerade einen niedrig hängenden Zweig inspiziert, der bei dem Kampf abgebrochen sein muss. „In diesem Frühling hat er schon mindestens vier Stück getötet.“

Gable, ein Doktorand der University of Minnesota, verfolgt V074 schon seit Monaten. Er hat den Wolf im letzten Herbst gefangen und mit einem Satellitenhalsband ausgestattet. Das Gerät gibt dem Forscher Bescheid, wann immer das Tier länger als 20 Minuten an einem Ort verbringt – oft ein Anzeichen dafür, dass er Wolf Beute gemacht hat.

Mit Hilfe der GPS-Daten aus V074s Halsband und den zerstreuten Biberresten rekonstruiert Gable den Angriff. Es scheint, als hätte sich der Wolf in dem Feuchtgebiet auf die Lauer gelegt und gewartet. Als in der Nacht ein Biber vorbeikam, um seinen Damm zu überprüfen, sprang der Wolf hervor, überwältigte den Biber und verzehrte den Kadaver in einem Fichtenhain.

Wer sich Canis lupus bei der Jagd vorstellt, denkt vermutlich eher an ein Rudel, das einen prächtigen Hirsch durch den Yellowstone-Nationalpark treibt – und weniger als einen einzelnen Wolf, der in einem Sumpf einem Nagetier auflauert. Im Laufe der letzten sieben Jahre hat eine Forschungsinitiative namens Voyageurs Wolf Project allerdings offenbart, dass die Wölfe der Region einen überraschend vielfältigen Speiseplan haben.

Gable und seine Kollegen haben nachgewiesen, dass die Wölfe dort Schwäne, Otter und Fische fressen – sogar Heidelbeeren. Darüber hinaus bedienen sie sich einer ganzen Reihe von Jagdstrategien, die weit über das bloße Hetzen der Beute hinausgehen. Einige davon deuten auf ein hoch entwickeltes Bewusstsein und womöglich sogar auf eine Kultur hin.

„Wir haben gesehen, dass Wölfe deutlich flexibler sind, als es den meisten Menschen klar war“, so Gable. „Dadurch verstehen wir nun viel besser, wie sie sich über die ganze nördliche Hemisphäre ausbreiten konnten.“

Einsame Wölfe

Wölfe zählen zu den am besten erforschten Tieren der Welt. Aber in den borealen Nadelwäldern Nordamerikas und Europas sind die Bestände und ihr Verhalten noch weitgehend unerforscht. Insbesondere im Sommer ist die Vegetation dort so dicht, dass die Tiere selbst mit Funkhalsbändern schwer zu verfolgen oder aus der Luft zu beobachten sind.

Im letzten Jahrzehnt war es den Forschern jedoch immer öfter möglich, die Tiere dank fortschrittlicher Satellitenhalsbänder aus dem Weltraum zu beobachten.

Seit 2010 haben Biologen des Voyageurs Wolf Project 74 Wölfe aus verschiedenen Rudeln gefangen und mit einem Halsband versehen. Sie untersuchten Tausende GPS-Punkte, an denen ihre Forschungssubjekte sich länger aufhielten. Durch die Analyse von Kotproben und einer genauen Untersuchung der Orte, an denen die Wölfe ihre Beute erlegt haben, können Wissenschaftler herausfinden, was – und wie – die Tiere jagen.

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Im Voyageurs-Ökosystem leben etwa 30 bis 50 Wölfe, die aktuell noch unter Schutz stehen.

„Das Ökosystem in und um den Voyageurs-Nationalpark ist einer der wenigen Orte in den USA, an denen die Wölfe nie ausgerottet wurden“, erzählt Steve Windels, ein Biologe des National Park Service der USA, dem das Projekt untersteht. „Damit ist es ein idealer Ort, um zu ergründen, wie sich seine Bestandteile gemeinsam entwickelt haben.“

Wie sich herausstellte, gestaltet sich der Speiseplan der Wölfe in der Region äußerst flexibel und erinnert schon fast an den eines Bären.

Im Winter bilden die Wölfe Rudel und jagen ausgewachsene Weißwedelhirsche mit koordinierten Strategien. Im Frühling, wenn sich die Rudel auflösen, gehen die Tiere größtenteils allein ihres Weges und machen Jagd auf kleinere Beute.

„Diese Tiere sind als soziale Jäger bekannt, aber sie sind auch einzelgängerische Raubtiere“, sagt Gable. „Sie verbringen ihr halbes Leben allein.“

Wenn die Wölfe heranwachsen und eigenständiger werden, ändert sich auch ihr Speiseplan. Wenn junge Biber im Mai ihr sicheres Zuhause verlassen, fallen die Wölfe über die unerfahrenen Jungtiere her. Im Juni führt ihre feine Nase sie zu den Grasverstecken der Kitze.

(Der „berühmteste Wolf der Welt“ und sein tragischer Tod.)

Auch wenn der Juli und der August für viele Tiere eine Zeit des Überflusses sind, sind diese Monate für die Wölfe eine Zeit des Mangels: Die Biber sind erwachsen geworden und haben sich in ihren eigenen Dämmen verschanzt, die Kitze sind zu schnell geworden, um sie zu fangen. Beute ist rar – und die Wölfe werden zu Allesfressern.

2015 folgte Gable einem Rudel auf einen Bergkamm, wo er Exkremente voller Heidelbeeren fand. Zunächst dachte er, es wären die Hinterlassenschaften eines Schwarzbären. Tatsächlich aber hatten die Wölfe, Nordamerikas bekannteste Raubtiere, eine Vorliebe für Früchte entwickelt.

Prozent ihres Nahrungsbedarfs über diese Beeren decken. „Sie schnappen sich den ganzen Stamm und zerren ihn samt Blättern raus“, sagt Gable. „Einige Kämme sind völlig leergefressen.“

Abwechslungsreiche Ernährung

Im späteren Verlauf der Saison greifen die Wölfe sogar auf eine noch ausgefallenere Nahrungsquelle zurück.

In Minnesota dürfen Jäger Schwarzbären „ködern“ und nutzen dafür gern Nüsse, Samen und Süßigkeiten. Jenseits der Grenzen des Parks machen sich aber die Wölfe über das Junk Food her: Im Rahmen einer 2018 veröffentlichten Studie fand Gable heraus, dass ein Rudel bis zu 12 Prozent seines Nahrungsbedarf im Frühherbst über Bärenköder deckte. Außerdem fraßen die Wölfe die Bäreneingeweide, die von den Jägern zurückgelassen wurden, und erlegten mitunter auch angeschossene Bären.

Aber die Wölfe finden auch ohne menschliche Beihilfe alternative Beute in der Natur.

Im April 2017 folgte Gable einem einjährigen Wolfsrüden an einen Fluss, an dessen Ufer er die glitzernden Schuppen und Überreste diverser Hechte fand. In jenem Frühling verbrachten zwei Wölfe fast 50 Prozent ihrer Zeit damit, Jagd auf die flussaufwärts wandernden Fische zu machen. Es war das erste Mal, dass Wissenschaftler Wölfe bei der Jagd auf Süßwasserfische beobachtet hatten.

Die Lektion daraus: Selbst nach Jahrzehnten der Forschung überraschen uns Wölfe noch mit ihrem Einfallsreichtum.

„Sobald man denkt, dass man irgendwas verstanden hat, passiert etwas Neues“, sagt Gable. „Je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher wird uns, wie wenig wir wissen.“

Hinterhalt

Natürlich wissen Biologen schon seit Langem, dass Wölfe so ziemlich alles fressen, was sie fangen können – darunter auch Biber. Eine Studie aus dem kanadischen Alberta zeigte, dass die Nager im Sommer fast 30 Prozent der wölfischen Beute ausmachen.

Trotz ihres unstillbaren Hungers scheinen die Voyageurs-Wölfe die Biberpopulation des Parks nicht zu gefährden. Andernorts ist das nicht zwingend so: Zwischen 2010 und 2018 stieg die Zahl der Biberkolonien im Isle Royale National Park in Michigan um ein Fünffaches, erzählt Sarah Hoy, eine Wildtierökologin der Michigan Technological University. Dieser Bestandszuwachs fiel zeitlich mit dem Schrumpfen der Wolfspopulation des Parks zusammen.

Für Hoy ist die Voyageurs-Forschung nicht nur deshalb so spannend, weil sie die Ernährungsgewohnheiten der Wölfe dokumentiert, sondern insbesondere aufgrund der Einblicke in die Jagdstrategien, die sie gewährt.

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„Wir wissen, dass die Wölfe in unserem System Biber jagen. Aber wir wussten nicht, ob sie das einfach nur dann tun, wenn sich die Gelegenheit ergibt“, sagt sie. „Die Arbeit in Voyageurs hat sehr schön gezeigt, dass sie sich tatsächlich gezielt auf die Lauer legen.“

Seit 2015 haben die Voyageurs-Biologen mehr als 400 Schauplätze identifiziert, an denen Wölfe Biber auflauerten. Allesamt waren Orte entlang von Biberrouten, auf denen die Nager auf Nahrungssuche zwischen Teich und Wald hin und her wandern. Die Wölfe lauern ihren bevorzugt entgegen der Windrichtung und fern der Teiche auf, damit die Biber die Gefahr nicht schon vorher wittern oder ins Wasser entkommen.

Eine derartige Planung lässt vermuten, dass Wölfe von „höher entwickelten, mentalen Fähigkeiten in Kombination mit Erfahrungen von früheren Begegnungen“ Gebrauch machen, wie Gable in einer Studie schreibt. Mit anderen Worten: Sie lernen und planen voraus.

Raubtiere mit Kultur?

Für den Ökologen Joseph Bump der University of Minnesota, der Gable bei seiner Doktorarbeit berät, deutet das auf die hoch entwickelte Kognition von Wölfen hin, vielleicht sogar auf etwas wie eine Kultur – ein Verhalten, das durch soziales Lernen vermittelt wird und den Mitgliedern einer Gruppe gemein ist.

Werden Wölfe im Laufe ihres Lebens besser darin, Bibern aufzulauern? Verfeinern sie ihre Taktiken durch Jahre der Übung? Vermitteln ältere Wölfe den Jungtieren ihr Wissen, sodass es von Generation zu Generation weitergegeben wird?

„Womöglich entwickeln Wölfe gewisse Expertisen auf eine Art und Weise, die uns noch gar nicht bewusst ist“, sagt Bump. „Indem wir ihre Ernährungsgewohnheiten beobachten, können wir ein paar wirklich große Fragen über die Kulturen von Fleischfressern stellen.“

Wahrscheinlich ist die Biberjagd aber eher eine erlernte Fähigkeit und keine angeborene, denn nicht alle Wölfe stellen sich gleichermaßen geschickt dabei an: Einige Wölfe ergattern nur einen einzigen Biber pro Saison. Andere sind deutlich erfolgreicher: Ein Männchen im Voyageurs-Nationalpark erlegte allein 2016 stattliche 28 Biber.

„Ich denke nicht, dass sich das einfach nur auf Opportunismus zurückführen lässt“, sagt Gable. „Es gibt Wölfe, die wissen, wie man Biber jagt, und Wölfe, die wissen das nicht.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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