Tiere

Der Weiße Hai

Der Weiße Hai ist stärker vom Aussterben bedroht als bisher angenommen. Meeresbiologen zählten nur 532 Tiere vor der Küste Südafrikas - vermutet hatten sie dort doppelt so viele. NATIONAL GEOGRAPHIC war bereits im Jahr 2000 in der südafrikanischen Gansbaa

Von Peter Benchley
Bilder Von National Geographic

Der Weiße Hai ist stärker vom Aussterben bedroht als bisher angenommen. Meeresbiologen zählten nur 532 Tiere vor der Küste Südafrikas - vermutet hatten sie dort doppelt so viele. NATIONAL GEOGRAPHIC war bereits im Jahr 2000 in der südafrikanischen Gansbaai unterwegs und berichtete schon damals von der dramatischen Situation des großen Räubers. Auch heute hat diese Reportage von Peter Benchley - Autor des Romans "Der Weiße Hai" sowie Co-Drehbuchautor des berühmten, gleichnamigen Filmes - nur wenig von ihrer Aktualität verloren.

«Haai op die aas.» Worte, wie beiläufig hingeworfen, ein paar Brocken unverständliches Afrikaans eben. Doch plötzlich wirkt die Crew angespannt. Die Gespräche verstummen.

Die Kameraleute greifen zur Ausrüstung. Der Tontechniker startet das Band. Wir, ein gutes Dutzend Leute, zusammengedrängt auf zwei winzigen miteinander vertäuten Booten acht Kilometer vor der zerklüfteten Küste von Gansbaai (Südafrika), erstarren und spähen aufs Wasser. Andre Hartman zeigt achtern auf einen Punkt wenige Meter hinter den Außenbordmotoren. «Haai op die aas», sagt er nochmals. Diesmal ist klar, was er meint: «Hai am Köder.» Eine stahlgraue Rückenflosse durchschneidet das spiegelglatte Meer. Mindestens zwei Meter dahinter schlägt das halbmondförmige Blatt einer Schwanzflosse hin und her und treibt den lebenden Torpedo auf uns zu.

Langsam und gleichmäßig zieht Andre eine Leine ein, deren Ende ganz um den Schädel und die Eingeweide eines Köderhais geknotet ist. Er sieht aus wie ein Grauhai. Der große Hai folgt. Was für einer, fragt niemand. Alles – von der Größe, Farbe und der Form bis hin zur kalten Präzision seines Angriffs – weist klar auf eines: Es ist ein Weißer Hai. Im Sonnenlicht, das sich im milchig blaugrünen Wasser bricht, sehe ich seinen grauen, leicht braun gescheckten Körper.

Andre zieht den Köder an Bord, lässt ihn in eine Box fallen und kniet sich dann schnell auf das zwischen den beiden Außenbordmotoren angebrachte Holzquadrat. Sich mit der Linken abstützend, taucht er, gerade als die spitz zulaufende Schnauze und der große, kegelförmige Kopf den ersten Motor erreichen, die rechte Hand ins Wasser. Seine Hand fasst nach der Schnauze, um sie vom Motorschaft wegzudrehen, und sie bewegt sich mit in die Höhe, als der Schädel aus dem Wasser aufsteigt.

Da ist es, das wohl berüchtigste Maul in der Natur: mit den dreieckigen Dolchzacken im hochgereckten Oberkiefer und den Fangzähnen, spitz wie Nadeln, im herunterklappenden Unterkiefer. Sie gaben dem Tier vor mehr als hundert Jahren seinen wissenschaftlichen Namen: Carcharodon carcharias -– der mit den „gezackten Zähnen“.

Andre wölbt die Hand um die Schnauze, als wolle er sie streicheln. Als er den Arm ausstreckt, legt der Hai seinen riesigen Kopf zurück und ragt noch weiter aus dem Wasser hervor. Reglos verharrt er, aufrecht in der Schwebe, so als stünde er in einer geheimnisvollen Verbindung mit Andre. Stille. Keiner sagt etwas. Das einzige Geräusch kommt aus der klickenden Kamera von David Doubilet, die Bild für Bild einfängt, wie ein Mensch das Monster hypnotisiert.

Der Augenblick scheint endlos. Tatsächlich dauert die Szene nicht länger als zwei oder vielleicht auch fünf Sekunden, bis Andre die Hand zurückzieht. Einen weiteren Herzschlag lang schwebt der Hai in der Luft. Dann sinkt er, halb gleitend, halb hintenüberfallend, leicht und elegant ins Wasser zurück. Sein massiger weißer Bauch leuchtet kurz auf, dann scheint er wie ohnmächtig wieder in die Dämmernis abzutauchen.

Wir starren einander nur an. Bis Andre grinsend meint: «Beim ersten Mal war’s reiner Zufall. Ich wollte einen Hai vom Motor wegscheuchen. Haie werden von den elektrischen Signalen der Motoren angezogen und beißen schon mal hinein, um festzustellen, ob es etwas Genießbares ist. So sondieren sie ihre Beute, brechen sich dabei manchmal auch ein paar Zähne aus.» Andre, ein früherer Fischer und Champion an der Harpune, ist seit Jahren mit Weißen Haien vertraut. «Jedenfalls landete meine Hand auf seiner Nase, und er schien in der Luft innezuhalten», fährt er fort. «Erst als ich sie wieder wegzog, schnappte und schnappte er, als wolle er zu fassen kriegen, was ihn da hypnotisiert hatte.»

David und ich blicken einander an. Die Reaktion des Hais erinnert uns stark an ein Phänomen, das Wissenschaftler als „tonische Immobilität“ (Muskellähmung) bezeichnen. Wir hatten schon von anderen, kleineren Haien gehört, die in eine Bewegungsstarre verfielen, wenn man sie auf den Rücken legte. Ob Andres Hand einen ähnlichen Effekt ausgelöst hat, eventuell durch Unterbrechung der Übertragung sensorischer Reize, die das Gehirn des Hais aktivieren? Oder hat er womöglich dessen Sinnesorgane überreizt? Vielleicht aber hat es den Hai auch nur verwirrt, dass seine Zähne etwas nicht zu fassen bekamen, was ihm so nah vorkam.

Sicher ist, dass weder David noch ich jemals von einem solchen Verhalten zwischen einem Menschen und dem gefürchtetsten aller Meereslebewesen gehört, geschweige denn so etwas gesehen haben. Doch inzwischen haben wir uns an Ungewöhnliches zu gewöhnen begonnen. Wo auch immer zwischen dem südlichen Ozean vor Australien und der Südostspitze Afrikas wir in den letzten sechs Monaten dem Weißen Hai begegnet sind, schien dieser prachtvolle Räuber darauf aus, das herkömmliche Wissen über ihn Lügen zu strafen.

Je mehr wir erfuhren, desto deutlicher wurde uns, wie wenig man im Grunde über ihn weiß. Die Kenntnisse haben sich seit Erscheinen des Romans „Der Weiße Hai“ im Jahr 1974 zwar beträchtlich erweitert. Aber noch heute kann niemand – weder Wissenschaftler, Fischer noch Taucher – mit Gewissheit so elementare Fragen beantworten wie diese: Wie groß kann er werden, wie alt? Wie häufig kommt er vor? Wann und wo paaren sich Haie? Wie viele Junge werden ausgetragen? Wo lebt er überhaupt? Vor allem aber: Was bringt den einen Hai dazu, einen Menschen anzugreifen, zu töten und aufzufressen, während ein anderer in sein nicht minder wahllos angegriffenes Opfer zwar hineinbeißt, es aber wieder ausspuckt?

Durch das in den vergangenen 25 Jahren angesammelte Wissen über den Weißen Hai bin ich mittlerweile der Überzeugung, dass ich mein Buch heute unmöglich so schreiben könnte – jedenfalls nicht mit gutem Gewissen. Damals galt er gemeinhin als Menschenfresser. Heute wissen wir, dass so gut wie jeder Angriff auf einen Menschen ein Versehen ist: Er verwechselt ihn mit seiner gewohnten Beute. Damals dachte man, wenn ein Weißer Hai einmal Blut gerochen habe, verfalle er unweigerlich in einen tödlichen Fressrausch. Heute wissen wir, dass fast drei Viertel aller menschlichen Bissopfer überleben. Vielleicht deshalb, weil der Hai erkennt, dass er sich geirrt hat, und daher kein zweites Mal zubeißt.

Damals glaubte man, Weiße Haie würden Boote angreifen. Heute wissen wir, dass ihr Wahrnehmungssystem Bewegungen, Geräusche und elektrische Felder im Wasser ausmacht, die durch Metall und Motoren erzeugt werden, und dass sie sich nur nähern, um dies genauer zu untersuchen. Natürlich kann eine solche Inspektion durch ein 1300 Kilo schweres Tier Verwüstungen anrichten. Und niemand fand etwas dabei, den Hai zu dämonisieren. Das hatte der Mensch seit jeher getan, und Haie schien es in unendlicher Anzahl zu geben.

Heute wissen wir, dass diese erlesenen Geschöpfe der Evolution – von der Natur äußerst wirkungsvoll für das Töten ausgestattet – nicht nur keine Bösewichte sind, sondern vielmehr selber Opfer. Ihnen droht, wenn auch noch nicht das Aussterben, so doch eine ernsthafte, eventuell sogar katastrophale Dezimierung.

Wissenschaftler schätzen, dass die Bestände einiger Haiarten weltweit um 80 Prozent zurückgegangen sind. Obwohl für den Weißen Hai keine exakten Zahlen bekannt sind, besteht gleichwohl weitgehende Einigkeit darüber, dass er sich nicht ausreichend vermehrt, um die Population aufrechtzuerhalten. Bekannt ist, dass der Weiße Hai aufgrund seiner niedrigen Fortpflanzungsquote und nicht zuletzt wegen des Kontakts mit dem Menschen immer seltener wird. Und dass er trotz seiner Eleganz, Stärke und offenkundigen Bedrohlichkeit erstaunlich verletzbar ist.

Wie verletzbar, das entdeckte ich eines Tages im kleinen südaustralischen Badeort Glenelg, der Heimat von Rodney Fox, dem Experten mit der weltweit wohl größten Haierfahrung. Rodney wurde 1963 von einem Hai angegriffen, als er in der Nähe einer Plattform für Schwimmer, von der ein Köder herabbaumelte, mit der Harpune schnorchelte. Der Hai biss zu, zog sich zurück und biss abermals zu. «Ich schaute runter», sagte Rodney, als er mir die Geschichte vor Jahren erzählte, «und sah den gewaltigen Rachen durch eine Wolke aus meinem Blut zu mir aufragen. Es war klar, ich steckte in Schwierigkeiten.» Und was für Schwierigkeiten! Nur eine Verkettung unerhört glücklicher Umstände – zum Beispiel, dass Rodneys Neoprenanzug die inneren Verletzungen nicht aufklaffen ließ – rettete ihn. Er lag wochenlang im Krankenhaus, wo er mit 462 Stichen zusammengeflickt wurde. Es vergingen Monate, bis er genesen war.

Dennoch gewann Rodney ein weiteres Mal die südaustralischen Mannschaftsmeisterschaften im Harpunieren. Seither widmet er sein Leben der Erforschung und dem Schutz des Weißen Hais. Er hegt keinerlei Groll gegen das Tier, das ihn so übel zugerichtet hat. Jedem Taucher, der sich im Wasser einem Weißen Hai gegenübersieht, rät er: «Mach ihm klar, dass du ihn gesehen hast. Weiße Haie greifen aus dem Hinterhalt an. Wissen sie, dass sie dich nicht mehr überraschen können, dann verschwenden sie wahrscheinlich nicht mehr viel Energie auf dich. Beweg dich langsam zu anderen Tauchern hin oder zum Boot.»

Rodney, der für David und mich nach Weißen Haien Ausschau hielt, hatte gehört, dass das South Australian Research and Development Institute (SARDI) ein riesengroßes totes Weibchen erworben hatte. Noch bevor man es zu wissenschaftlichen Zwecken sezierte, sollte es – ganz im Sinne der südaustralischen Bemühungen um den Schutz von Haien – der Öffentlichkeit vorgeführt werden. Offiziell wird der Weiße Hai zwar nicht als weltweit bedrohte Art eingestuft, aber vor Südafrika, Namibia, Australien, den Malediven sowie Teilen der Vereinigten Staaten wird er dennoch geschützt.

Am Tag der Präsentation standen an die 12000 Menschen Schlange, um den Leichnam dieses Tiers sehen, riechen und berühren zu können. Das robuste, ausgewachsene Weibchen war beeindruckend: etwa fünf Meter lang, 1300 Kilo schwer, mit fünf Zentimeter langen Zähnen und dunklen, undurchdringlichen Augen. Ein Kind nach dem anderen, ein Erwachsener nach dem anderen berührte es – nicht nur mit den Fingerspitzen, sondern mit der ganzen Hand. Es war, als wollten die Menschen mit diesem gigantischen Geschöpf in Verbindung treten. Angst hatten sie nicht. Fast alle waren ehrfürchtig ergriffen.

Noch Jahre nach dem „Weißen Hai“ wurde ich gefragt, wie ich mir die Wirkung des Films in der Öffentlichkeit erklärte. Ich hatte auch nur die naheliegende Antwort parat: Der Mensch fürchtete sich seit jeher vor Haien, vor der Meerestiefe, vor dem Unbekannten – und genau diesen Nerv hat die Geschichte getroffen.

Doch vor einigen Jahren stieß ich auf diese Sätze des Soziobiologen E. O. Wilson aus Harvard: «Wir haben nicht nur Angst vor Raubtieren», schrieb er, «wir sind fixiert auf sie, neigen zu Geschichten, zum Fabulieren und zu endlosem Gerede über sie. Denn Faszination erzeugt Gefasstsein, und dieses Gefasstsein erzeugt Überlebensfähigkeit. In einem zutiefst stammesgeschichtlichen Sinne lieben wir unsere Monster.»

Hier wurden also diese Männer, Frauen und Kinder von etwas zusammengeführt, das man zweifellos eine Art Liebe zu dem Monster nennen konnte. Alle wollten wissen, wodurch der Hai getötet worden war. Und vor allem die Kinder rätselten, warum denn jemand so ein Tier umbringen sollte. Die Antwort war erschütternd banal. «Eine Langleine», antwortete John Keesing, seinerzeit leitender Wissenschaftler am SARDI. «Ein Fischer hatte eine solche Schleppangel mit den vielen Haken am Band ausgeworfen, um Schnappfische zu fangen, und auf die ist der Hai zufällig gestoßen. Als er sich vom Haken zu befreien versuchte, hatte er sich immer mehr verheddert, bis er sich nicht mehr bewegen konnte und ertrunken ist.» Wie viele andere Haiarten auch muss sich der Weiße Hai ständig bewegen, um sauerstoffhaltiges Wasser über seine Kiemen strömen zu lassen.

Schleppangeln gehören zu den heimtückischsten Fallen im Meer, weil sie wahllos töten, alte und junge Tiere, ob schwanger oder nicht, ob gefährdet oder nicht. Im offenen Meer werden sie auf einer Länge von bis zu 130 Kilometern ausgelegt, mit Tausenden von Haken. Im Gegensatz zu anderen Fischern hatte sich der Fänger dieses Hais an das Gesetz gehalten, die zuständigen Behörden benachrichtigt und das tote Tier sogar an Land gebracht. Dafür wollte er den Kiefer haben. Doch das haben die Behörden abgelehnt. «Den konnten wir ihm nicht geben», erklärte John. «Ein Kiefer dieser Größe bringt auf dem freien Markt bis zu 20.000 Mark. Hätte er ihn behalten dürfen, wären womöglich bald jede Menge Weiße Haie „aus Versehen“ getötet worden.»

Also wurde der anderthalb Tonnen schwere Kadaver mitsamt Kiefer in die Mazerationsanlage von Bolivar nördlich von Adelaide transportiert, um ihn dort unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu untersuchen. Der Fang war ein seltener Glücksfall für die Wissenschaftler. Man weiß nicht zuletzt deshalb so wenig über den Weißen Hai, weil er allein schon wegen seiner enormen Masse so schwer zu erforschen ist. Ein lebendes Exemplar aus der Nähe und im Detail zu untersuchen ist aus verständlichen Gründen so gut wie unmöglich.

Aus Tasmanien war Barry Bruce, einer der führenden Haiexperten Australiens, eingeflogen, um die Sektion des Tiers zu leiten. Mit einem Messer, mit dem man einen Ochsen hätte vierteilen können, schlitzte er fein säuberlich den Bauch des Biests auf.

«Über ein paar Dinge sind wir uns beim Weißen Hai sicher», sagte er. «So zum Beispiel darüber, dass er wie alle Makrelenhaie eine erhöhte Körpertemperatur hat. Zur Familie der Lamnidae gehören unter anderem auch der Kurzflossen- und der Langflossenmako. Seine Körpertemperatur kann zehn bis 15 Grad Celsius über der des jeweiligen Wassers liegen, und das macht ihn in kaltem Gewässer zu einem sehr effizienten Räuber. Wir wissen auch, dass er sich vor allem in Küstennähe aufhält. Er kommt also mit Menschen zusammen – und zieht da-bei mitunter den Kürzeren. Er wagt sich aber auch in tiefe Gewässer. Weiße Haie wurden schon vor Hawaii, im Korallenmeer, in der Karibik und im Atlantik gesichtet. Über ihre Wanderungsrouten indes wissen wir noch recht wenig.»

Meiner Erfahrung nach findet man ihn am ehesten dort, wo er nicht vermutet wird. So erging es mir einmal vor den Bahamas, wo ich eine Begegnung mit einem Drei-Meter-Exemplar hatte, obwohl man dort noch nie etwas von Weißen Haien gehört hatte. Der Hai war mindestens so erschrocken über meinen Anblick wie ich über ihn. Er machte eine Vollbremsung mit beiden Brustflossen, entleerte seinen Darm und sah zu, dass er davonkam.

Ich fragte Barry, ob es verlässliche Schätzungen über die Gesamtpopulation der Weißen Haie gebe. Seine Antwort war ein entschiedenes Nein. «Wir wissen nicht mal, wie viele es vor Australien gibt. Viele allerdings nicht.» – «Etwa 100?», fragte ich. «Mehr? Weniger?» Er ließ sich nicht festlegen. «Niemand weiß es.» Rodney mischte sich ein. «Ich kenne Leute, die behaupten, hier in Südaustralien fielen jedes Jahr 40 bis 45 Weiße Haie Schleppangeln, Netzen und der illegalen Fischerei zum Opfer. Ohne Zweifel gibt es immer noch Menschen, die wegen der Kiefer Jagd auf die Haie machen, oder weil sie dies für einen Sport halten. Aber um solche Verluste auszugleichen, müsste die Population aus ein paar Tausend bestehen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass es vor der Südküste Australiens so viele Weiße Haie gibt.»

Noch bis vor kurzem hatten Haie keine Lobby. Einen öffentlichen Aufruf „Rettet die Haie“ -– wie dies bei Walen und Delphinen der Fall war – gab es nicht. Ein Hinderungsgrund ist natürlich, dass sie nicht so anrührend wirken wie diese anderen großen Meeresbewohner. Sie umhegen ihre Jungen nicht und scheinen auch nicht miteinander zu „reden“, sie appellieren also nur schwer an menschliche Gefühle. Außerdem ist es einfach schwieriger, Haie zu beobachten und zu zählen, da sie – anders als Wale und Delphine, die Säugetiere sind – nicht regel-mäßig zum Luftholen auftauchen.

Ferner haben Weiße Haie – wenn auch nur selten – nachweislich Menschen getötet: laut International Shark Attack File 74-mal in den vergangenen hundert Jahren. Doch neuerdings achten immer mehr Leute den Hai für das, was er ist: schön, graziös, effizient und vor allem ein wesentliches Glied in der maritimen Nahrungskette. Dieser Sinneswandel ist weitgehend dem Fernsehen und der Fülle an Filmen zu verdanken, die neben den Glanzseiten des Hais auch die Gefahren thematisieren, die ihm durch Schleppangeln, Netze und durch das finning drohen. Bei dieser abscheulichen Praxis werden den Tieren bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten, um sie auf asiatischen Märkten zu verkaufen. Dann werden die Tiere einfach wieder ins Wasser geworfen, wo sie verenden.

Allmählich beginnen Regierungen und die Menschen zu begreifen, dass ein lebender Hai wertvoller ist als ein toter. Mag Letzterer einem Fischer auch 20, 40 oder gar 100 Mark bringen, ein lebender Hai kann einer Gemeinde viel mehr Geld bescheren: fliegen doch Taucher um die halbe Welt, um einen Weißen Hai zu Gesicht zu bekommen.

Ein gewisses Verdienst an diesem Sinneswandel rechne ich – unbescheidenerweise – auch mir an. Denn ungeachtet des Vorwurfs, „Der Weiße Hai“ habe der Öffentlichkeit ein Zerrbild dieses Tiers präsentiert, hat der Film auch ein nie da gewesenes Interesse, ja im Lauf der Zeit sogar Sympathie für den Hai geweckt. Ich bekomme noch heute mehr als tausend Briefe pro Jahr von jungen Leuten, die noch gar nicht geboren waren, als der Film entstand. Und alle wollen sie mehr über Haie im Allgemeinen und Weiße Haie im Besonderen wissen.

Weiße Haie gehören zur Spitzengarnitur unter den Meeresräubern. Als größte Raubfische der Welt haben sie kaum natürliche Feinde. Dort, wo die Natur im Lot ist, gibt es auch nicht viele von ihnen. Ihre Zahl wächst und schrumpft je nach Nahrungsangebot. Sie vermehren sich erst spät und bringen relativ wenig Nachwuchs zur Welt. Auch hierzu liegen keine genauen Erkenntnisse vor, doch scheint die Zahl von durchschnittlich sieben bis acht Jungen gesichert. Bei der Geburt sind sie einen bis anderthalb Meter lang, wiegen 20 bis 30 Kilo und sind voll und ganz für das Leben gerüstet. Dennoch überstehen viele das erste Jahr nicht, weil sie von anderen, auch von Weißen Haien gefressen werden.

Unter den vielen ungeklärten Fragen zum Weißen Hai sorgt keine für solche Kontroversen wie seine Größe. Von Neuschottland bis Südaustralien, von Kapstadt bis Cape Cod behaupten Fischer, schon sieben, neun, ja sogar elf Meter langen Exemplaren begegnet zu sein. Meist wird angeführt, das Biest sei «länger als das Boot» gewesen. Doch der größte Weiße Hai, der jemals gefangen wurde – ausgerechnet mit einem Lasso – war genau 5,94 Meter lang. Und der schwerste, der je an einer Angel hing, wog 1208 Kilo.

Der britische Biologe Ian Fergusson, Vorsitzender des Shark Trust, ärgerte sich im vergangenen Frühjahr «über den halsstarrigen Unwillen einiger Unbelehrbarer in den Medien, Fakten anzuerkennen»; zudem wollten sie nicht akzeptieren, «dass ein fünf Meter langer und an die 2000 Kilo schwerer Weißer Hai groß ist, sehr groß, und keiner weiteren Übertreibung bedarf, um auch den kritischsten Betrachter zu beeindrucken, wenn er ihn aus der Nähe zu sehen bekommt.»

Ich kann bezeugen, dass unter Wasser schon ein vier Meter langer Weißer Hai, der mit dem klaren Selbstbewusstsein der Unbesiegbarkeit auf einen zukommt, einer Lokomotive gleicht, die nichts Gutes verheißt.

Als der Bauch des Hais geöffnet war, strahlte Barry. «Schauen Sie sich die Leber an», rief er aus: «Wiegt garantiert mehr als 200 Kilo.» Die Leber ist ein immenser Energiespeicher und regelt, wie Rodney es einmal beschrieben hat, das Fressverhalten des Tiers: «Wenn ein Hai eine ganze Robbe oder einen Seelöwen verspeist hat, braucht er bis zu einen Monat lang nichts mehr. Der Geruch eines Fischköders oder von Blut im Wasser löst jedoch einen Fressimpuls aus, und er entscheidet sich vielleicht doch, seinen Energietank aufzufüllen.»

Barry entnahm einige Teile aus der knorpeligen Wirbelsäule. Wie alle Haie hat auch der Weiße keine richtigen Knochen. Barry säuberte einen und hielt ihn hoch. «Sehen Sie die Ringe? Das sind Wachstumsringe, anhand deren wir das Alter des Hais bestimmen können – wie bei den Jahresringen eines Baums. Welche man beim Weißen Hai zählen muss, um das Lebensalter zu bestimmen, wissen wir noch nicht genau. Wir nehmen zum Beispiel an, dass die Weibchen mit zwölf bis 14 Jahren gebärfähig sind.»

Um an das Herz zu gelangen, musste Barry regelrecht in die Körperhöhle hineinkriechen. Durch Poren auf der Schnauze sickerte etwas Gallertartiges heraus. «Das sind die berühmten Ampullen», sagte er, die Lorenzinischen Ampullen, benannt nach jenem italienischen Wissenschaftler, der sie in den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts erstmals beschrieb. Die mit Gallert gefüllten Kanäle fangen die bioelektrischen Impulse im Wasser auf und gehören zu den wichtigsten Sinnesorganen des Hais.

Von unserem Weißen Hai waren jetzt nur noch stinkendes Fleisch und blutige Eingeweide übrig. Sein Kopf aber war unversehrt und gemahnte mit unversöhnlich starrenden Augen an das, was er einmal gewesen war.

Noch standen mir die Fotos eines jungen Mannes vor Augen, der nahe Adelaide von einem Weißen Hai getötet worden war. Er hatte in einer kleinen Bucht der Neptune Islands unweit der Küste mit einem Freund nach Meeresmuscheln geschnorchelt. Mit einem einzigen Biss hatte ihm der Hai Arterien in Bein und Arm durchtrennt, und der junge Mann war verblutet. «Fressen wollte er ihn offenbar nicht», hatte der Mann, der mir die Aufnahmen zeigte, gemeint. «Er hat reingebissen, hat gekostet und dann losgelassen, als er merkte, dass dies nicht sein übliches Futter war.»

Der Vorfall spricht für die Hypothese von A. Peter Klimley. Der Haiexperte am Bodega Marine Laboratory im kalifornischen Bodega Bay behauptet, Weiße Haie seien in der Lage, in der Mikrosekunde eines ersten Bisses den Energiegehalt ihrer Beute zu ermessen. Wird dieser als zu gering erachtet, um den Energieaufwand eines vollen Angriffs zu rechtfertigen, lässt er von seinem Opfer ab. Sieht es jedoch nach einer fettreichen Beute aus – etwa im Fall einer Robbe oder eines Seelöwen –, dann setzt er den Angriff fort. Zuerst fügt er dem Opfer einen tödlichen Biss zu, dann wartet er, bis es verblutet ist, und frisst es in aller Ruhe auf.«Wenn Haie etwas zu sich nehmen, das sie energetisch schlecht verwerten können», meint Klimley, «setzt sie das für einige Tage lahm. Fett liefert doppelt so viel Energie wie Muskeln.» Rodney war davon vollauf überzeugt. «Mich hat der Hai auch ausgespuckt, nicht wahr? Ich war ihm wohl zu mager.»

Laut International Shark Attack File hat die Zahl der Angriffe von Weißen Haien in den letzten Jahrzehnten weltweit stetig zugenommen. Das ist zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass es immer mehr Taucher, Surfer oder Badende gibt. Die tödlichen Angriffe dagegen sind zurückgegangen. Vor 40 Jahren starben noch mehr als die Hälfte aller Opfer von Haiattacken, heute überleben mindestens vier von fünf. Viele Leben konnten dadurch gerettet werden, dass sich Kommunikationsmöglichkeiten und die Notfallmedizin verbessert haben. Rund 400 Haiarten verzeichnet die Wissenschaft derzeit; die genaue Zahl schwankt, da immer noch neue hinzukommen. Doch von diesen bisher bekannten Arten greifen lediglich vier mit gewisser Häufigkeit Menschen an: Stier-, Tiger- und Weißspitzenhaie sowie die Weißen Haie.

Dennoch wird ein Schwimmer eher vom Blitz getroffen als von einem Hai gefressen. Weltweit sterben Jahr für Jahr erheblich mehr Menschen an Bienenstichen, Schlangenbissen, einem Sturz von der Leiter oder durch Ertrinken in der Badewanne als infolge eines Haiangriffs – was der Horrorvorstellung, von einem riesigen Fisch aufgefressen zu werden, zwar nichts von ihrem Grauen nimmt, dem Freizeitschwimmer aber vielleicht doch eine gewisse Beruhigung sein sollte.

In den Jahren von 1876 bis 1999 wurden in Australien 52 Angriffe von Weißen Haien registriert, 27 davon waren tödlich. Und seit 1900 hat es im Mittelmeer 23 verlässlich dokumentierte Begegnungen mit Weißen Haien gegeben. In einem dieser Fälle wurden im Jahr 1909 im Innern eines viereinhalb Meter langen Weibchens vor der Küste von Augusta auf Sizilien die Überreste von zwei Erwachsenen und einem Kind gefunden. Kurioserweise ist man bei der Entwicklung von Haiabwehrmitteln in den letzten 50 Jahren kaum vorangekommen. Man hat Farbstoffe, Chemikalien und Luftblasen ausprobiert. Als neueste Errungenschaft wird Strom benutzt. Bis auf den heutigen Tag hat sich aber nichts als wirklich tauglich erwiesen, einen hungrigen Weißen Hai von einer entschlossenen Attacke abzubringen.

Zurück nach Südafrika. Im Winter sammeln sich dort Weiße Haie in großer Zahl in manchen Buchten zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und Danger Point. «Die warme Agulhasströmung streift vom Indischen Ozean her die afrikanische Ostküste», erklärt Andre, «und trifft im Süden auf die kalte Benguelaströmung, die die Westküste hinauffließt. Um False Bay, Gansbaai und Kleinbaai, wo sich die Strömungen mischen, ist eine gemäßigte Zone, wo sich die Haie im Winter versammeln. Das scheint ihnen zu behagen.»

Hoch willkommen ist ihnen auch der Überfluss an Jährlingen südafrikanischer Pelzrobben, die die Felseninseln in den Buchten bevölkern – ein für Haie reich gedeckter Tisch. Von Kapstadt aus geht es zur False Bay. Hier bieten Robert Lawrence und Chris Fallows interessierten Laien und Forschern für umgerechnet etwa 200 Mark die Möglichkeit, ein paar Kilometer vor der Küste von Bord eines kleinen Boots oder aus einem noch kleineren Tauchkäfig heraus Weiße Haie zu beobachten.

Bei Tagesanbruch legen wir in zwei voll besetzten Booten ab. Nach nur 30 Minuten nähern wir uns Seal Island – schon von weitem haben wir es riechen können. Ungefähr 84000 Pelzrobben haben sich hier niedergelassen, jeder Zentimeter der kahlen Felseninsel ist besetzt. Überall räkeln sie sich, bellen, zanken und lassen sich schwerfällig ins Wasser plumpsen, wo sie sich in geschmeidige und anmutige Geschöpfe verwandeln. Wir ziehen eine Robbe aus Plastik hinter unserem Boot her. Sie hat eine Videokamera im Bauch, die nach unten gerichtet ist. Wir stellen uns auf langes Warten ein. Es wird sicher Stunden dauern, bis...

Da bricht es aus dem Wasser hervor: Ein gigantischer Körper, unten weiß, oben im Licht der Morgensonne metallisch blaugrau schimmernd, katapultiert sich durch die Oberfläche, die Robbenattrappe zwischen den Zähnen. Der Hai macht eine volle Drehung in der Luft, schlägt mit gewaltigem Klatschen auf das Wasser und ist wieder verschwunden. Bevor irgendjemand etwas sagen kann, wiederholt sich das Schauspiel: ein Heranschnellen aus dem Dunkel, eine Explosion an der Wasseroberfläche, ein artistischer Salto, dann das Aufklatschen. «Was für eine Gewalt!», stößt Rodney hervor. «Wir wissen ja, dass sie von unten angreifen. Wir wissen, dass sie Robben fressen. Aber diese Gewalt!» Keiner von uns hatte je einen Hai so aus dem Wasser herausschnellen sehen.

«Passiert das oft?», frage ich Robert. «Jeden Tag», sagt er. «Früh und spät, morgens und abends, wenn die Robben die Insel verlassen, um zu fressen, und wenn sie zurückkommen.» Ein weiterer Hai schießt empor. Diesmal ist die Robbe in seinem Maul keine Attrappe.

Niemand weiß, warum die Weißen Haie hier bei ihrer Jagd aus dem Wasser springen, während jene, die Rodney seit 35 Jahren in Australien beobachtet, dies nicht tun. Ich kann mich auch nicht erinnern, je von anderen Populationen Weißer Haie gehört zu haben, die mit solcher Wucht und Regelmäßigkeit aus dem Wasser springen. Rocky Strong, ein junger Doktorand, der – als Stipendiat der National Geographic Society – das Verhalten Weißer Haie studiert und sich uns vor Tagen angeschlossen hat, bestätigt dies. Er stuft das Verhalten als potenziell besorgniserregend ein. «Jeder erfolglose Sprung aus dem Wasser bedeutet eine enorme Energieverschwendung. Es wäre durchaus denkbar, dass sich die Jungs selber auslaugen, wenn viel auf dem Wasser umherschwimmt und sie nichts als Schatten jagen.»

Zwei Stunden die Küste hinauf, in Gansbaai, sind Haibeobachtung und Käfigtauchen bereits zum bedeutenden touristischen Angebot geworden. Wie in der False Bay gibt es hier auf Geyser Island eine große Robbenkolonie, mit einem „Gefahrengürtel“ drum herum, der inzwischen den Namen Shark Alley trägt. Hier springen die Haie aber kaum jemals aus dem Wasser, was offenbar damit zu tun hat, dass es etwas flacher ist. Stattdessen scheinen sie auszuschwärmen.

Früher seien die meisten der jetzigen Unternehmer Fischer oder Muscheltaucher gewesen, erzählt J. P. Botha, der Mitbesitzer des Veranstalters Marine Dynamics, den wir für unseren Trip angeheuert haben. «Es ist doch überall das Gleiche. Die Fangquoten gehen weltweit zurück. Der Tourismus rund um den Weißen Hai bringt mehr als der Fischfang.»

Der Ökotourismus erfüllt eine ähnlich wichtige Funktion wie die Forschung. In wachsendem Maße sind es Naturliebhaber und Veranstalter von Haiexkursionen, Führer und Tauchlehrer, die mit ihren Beobachtungen dazu beitragen, das Wissen über den Weißen Hai zu mehren. Bis vor kurzem etwa dachten Wissenschaftler, dass die Narben, die so gut wie jeder ausgewachsene Hai trägt, entweder von sich wehrenden Beutetieren herrührten oder von Liebesbissen erhoffter Geschlechtspartner.

Augenzeugenberichte belegen nun, dass es aggressives Verhalten und spektakuläre Drohgebärden zwischen Haien gibt, die wohl regelrechte Kämpfe mit möglicherweise tödlichem Ausgang ersetzen.

So präzisiert sich unser Bild von den großartigen Räubern. Den Weißen Hai gibt es praktisch unverändert seit Jahrmillionen. Er ist genauso hoch entwickelt und seiner Umgebung angepasst wie alles andere Leben auf diesem Planeten. Würde er ausgerechnet vom Menschen ausgelöscht, wäre das eine ökologische Tragödie – und moralisch der blanke Hohn.

(NG, Heft 4 / 2000)

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