Feuer im Feuchtgebiet: Erste Hilfe für die Tiere im Pantanal

Die Zerstörung des größten tropischen Feuchtgebiets der Erde gefährdet nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch lebenswichtige Ressourcen für Wildtiere und Menschen.

Bilder Von EDSON VANDEIRA
Veröffentlicht am 6. Okt. 2020, 14:54 MESZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ
Eine Jaguarmutter und ihr Junges sitzen inmitten der verkohlten Vegetation des Encontro das Águas State Park. ...

Eine Jaguarmutter und ihr Junges sitzen inmitten der verkohlten Vegetation des Encontro das Águas State Park. Sie sind Überlebende eines großen Flächenbrandes, der 20 Prozent der Feuchtgebiete des Landes zerstört hat.

Bild Edson Vandeira

São Paulo, Brasilien. Die Pfoten des Jaguars waren wund und rosa, als Freiwillige ihn am Ufer des Flusses fanden, seinem Ziel auf der verzweifelten Suche nach Wasser.

Seit Januar haben ausgedehnte Waldbrände – die wahrscheinlich von Bauern für die Landrodung gelegt wurden – fast 20 Prozent vom Lebensraum des jungen Männchens im brasilianischen Pantanal verbrannt, dem größten tropischen Feuchtgebiet der Welt. Das 230.000 Quadratkilometer große Pantanal, das sich über Brasilien, Bolivien und Paraguay erstreckt, weist die weltweit höchste Dichte an Säugetierarten auf. Während der Amazonas-Regenwald, der 30-mal so groß ist wie das Pantanal, häufig mit Waldbränden Schlagzeilen macht, sind solche Ereignisse in dem Feuchtgebiet eher selten. Aber in diesem Jahr sieht das anders aus: Die größten Feuer im Pantanal sind viermal größer als die ausgedehntesten Brände im Amazonas, wie NASA-Satellitenaufnahmen zeigen.

Galerie: Fotostrecke: Kaliforniens apokalyptischer Alltag

Um ihre einzigartige Artenvielfalt zu bewahren, haben sich Teams von Freiwilligen in der ganzen Region verteilt, Hunderte von Tieren gerettet und Nahrung und Wasser für die Überlebenden bereitgestellt.

Im September entdeckten Freiwillige, die mit dem Boot unterwegs waren, den verletzten Jaguar. Er lag an einem Flussufer im Staatspark Encontro das Águas, in dem eine der größten Populationen der Art lebt.

Das Team betäubte das Tier und brachte es nach Porto Jofre, einem Knotenpunkt für die vielen gemeinnützigen Organisationen, freiwilligen Feuerwehrleute und Regierungsorganisationen, die die Brände bekämpfen und den Wildtieren helfen. Der Jaguar wurde auf dem Luftweg in eine Klinik gebracht. Obwohl er nun in einem Rehabilitationszentrum genesen kann, ist es noch zu früh, um zu sagen, ob er je in die Wildnis zurückkehren wird.

„Wenn der Jaguar – ein Tier an der Spitze der Nahrungskette, das schwimmt, auf Bäume klettert und rennt – so leidet, stellen Sie sich mal vor, wie es für hilflosere Tiere ist“, sagt Carla Sássi. Die Tierärztin und Feuerwehrfrau ist die Koordinatorin der Disasters Rescue Group for Animals, einer der lokalen gemeinnützigen Organisationen, die die Dschungelkatze gerettet haben.

Die ehrenamtlichen Tierärzte Antônio Carlos Csermak Jr. und Amanda Yumi überwachen einen Flachlandtapir mit Verbrennungen. Das Tier wurde aus dem Piquiri-Fluss in der Nähe von Porto Jofre in Brasilien gerettet und zur Behandlung in eine Tierklinik gebracht.

Bild Edson Vandeira

Eine Schlange, die bei dem Brand starb, liegt neben einer Straße im nördlichen Pantanal.

Bild Edson Vandeira

Für viele Reptilien (im Bild ein toter Kaiman) sind Waldbrände besonders problematisch, da sie auf Wasser angewiesen sind.

Bild Edson Vandeira

Sássi und ihre Kollegen haben 72 Futter- und Wasserstellen entlang der 145 Kilometer langen Transpantaneira-Autobahn eingerichtet, einer Hauptverkehrsstraße durch das Pantanal. Die Situation ist so kritisch, dass einige Tiere – wie Affen und Tapire – jeden Tag auf die Retter warten, wenn sie zurückkehren, um die Vorräte aufzufüllen.

Viele andere Tiere wie beispielsweise Nasenbären –Verwandte des Waschbären – laufen dehydriert und erschöpft am Straßenrand entlang. Reptilien wie Kaimane, die auf Wasser angewiesen sind, leiden am meisten, wenn ihr Lebensraum brennt.

Amazonastiere entdecken ihr Spiegelbild
Im Rahmen eines Workshops für Wildtierfotografie wurde ein Spiegel im Amazonas-Regenwald aufgestellt.

Besonders beunruhigend sei laut Sássi die Situation jener Arten, die schon vor den Bränden im Rückgang befindlich waren. Die Weltnaturschutzunion stuft den Jaguar als potenziell gefährdet ein. Im Pantanal leben zwischen 4.000 und 7.000 Exemplare der insgesamt etwa 170.000 Tiere in ganz Mittel- und Südamerika. Der Flachlandtapir und der Große Ameisenbär gelten beide als gefährdet.

Abgesehen von den Todesopfern werden die Brände nach Ansicht von Experten auch langfristige ökologische Auswirkungen haben. Die Lebensräume vieler Tierarten werden zerstört, was wahrscheinlich zu einem erbitterten Wettbewerb zwischen den Tieren um die verbleibenden Wasserquellen führen wird. Das Pantanal liefert Nahrung, Wasser und Hochwasserschutz für Wildtiere und menschliche Gemeinschaften – wertvolle Dienste, die auf Jahrzehnte beeinträchtigt werden könnten.

Brände wüten entlang der Transpantaneira, einer Autobahn, die durch das Pantanal führt.

Bild Edson Vandeira

Die Tierärztin Carla Sássi kümmert sich um einen Nasenbären, dessen Pfoten schwer verbrannt waren. Das Tier starb später.

Bild Edson Vandeira

Lebensgrundlage für Tier und Mensch

Vor den Bränden war das Pantanal, das hauptsächlich in den brasilianischen Bundesstaaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul liegt, gut erhalten: 83 Prozent der ursprünglichen Vegetationsdecke waren intakt.

Seine Feuchtgebiete wirken wie ein großer Schwamm, der von Oktober bis März das Hochwasser in den oberen Flussbecken zurückhält. So entsteht ein natürlicher Hochwasserschutz für Menschen und Tiere, die flussabwärts leben. Erst von April bis September fließen die Wassermassen langsam ab. Dieser Wasserzufluss aus dem Herbst und Winter hält die Region noch lange nach den Sommerregenfällen feucht und schafft eine Lebensgrundlage für die mehr als 4.700 Pflanzen- und Tierarten wie Anakondas, Tukane, Ameisenbären, Aras und Wasserschweine.

Im Rahmen seines Wasserkreislaufs wechselt der Wasserstand im Pantanal alle sieben bis zehn Jahre zwischen hohen und niedrigen Überschwemmungen. Der Zyklus befindet sich derzeit in einem natürlichen Rückgang, der wahrscheinlich noch vier bis sechs Jahre dauern wird. Aber in den letzten zwei Jahren hat dieses Biom – ein großes Ökosystem – noch weniger Niederschläge als erwartet erhalten.

Eine Gruppe von Hyazinth-Aras sitzt auf einem Baum, der in den Flammen im brasilianischen Pantanal verbrannt ist.

Bild Edson Vandeira

Ein Teil des Problems hat seinen Ursprung in den benachbarten Biomen. Viele der 1.200 Flüsse und Bäche, aus denen das Pantanal besteht, haben ihren Ursprung im Cerrado, einer tropischen Savanne im Osten und Süden. Dort toben ebenfalls Brände. Im Norden schrumpft der Amazonas aufgrund der Abholzung immer weiter. Die Flora des Regenwaldes gibt über Verdunstung Feuchtigkeit in die Luft ab, die für einen Teil der Regenfälle im Pantanal verantwortlich ist. Wenn die Bäume verschwinden, verschwindet auch diese Wasserquelle.

Zu diesen Faktoren kommt noch die größte Dürre des Pantanals seit fünf Jahrzehnten: Die Niederschlagsmenge zwischen Oktober 2019 und März 2020 lag um 40 Prozent unter dem Sechs-Monats-Durchschnitt.

“Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass wir mal Wasser ins Pantanal bringen müssten.
”

Carla Sássi, Disasters Rescue Group for Animals

Wenn die Dürre und die Waldbrände anhalten, könnte das Pantanal seinen jährlichen Überschwemmungszyklus verlieren und mit der Zeit zu einem weiteren Caatinga werden – ein Biom im Nordosten Brasiliens, wo sich die Arten an das knappe Wasser angepasst haben.

„Es hängt im Wesentlichen von Wasser ab, das von außen kommt. Wenn also dieses Wasser nicht mehr ankommt, könnte sich die Landschaft des Pantanals verändern“, sagt Felipe Dias, Geschäftsführer des gemeinnützigen SOS Pantanal Institute.

Das könnte auch katastrophal für die mehr als 2,2 Millionen Menschen sein, die im brasilianischen Pantanal leben. Viele von ihnen sind nicht nur von den natürlichen Ressourcen abhängig, um sich zu ernähren, sondern auch vom Ökotourismus.

Wie lassen sich Waldbrände verhindern?

Solche Bedenken sind der Grund dafür, warum sich Naturschützer wie Dias dafür einsetzen, dass sich solche Waldbrände nicht wiederholen. Der Schlüssel zu dieser Strategie sei die Schaffung eines nationalen Warnsystems für Waldbrände sowie Investitionen in die Ausbildung und Ausrüstung der lokalen freiwilligen Feuerwehrleute, sagt er.

Solche Maßnahmen würden auch einen besseren Schutz für den Jaguar bedeuten, sagt Fernando Tortato, Jaguarforscher im Pantanal für die gemeinnützige Großkatzenorganisation Panthera.

Ein Team von freiwilligen Tierärzten fängt einen verletzten Jaguar bei den Waldbränden in der Nähe von Porto Jofre, Brasilien.

Bild Edson Vandeira

„Das Pantanal ist eines der Schlüsselgebiete für den Erhalt des Jaguars“, sagt Tortato. Sein Bestand galt vor den Bränden als relativ gut vernetzt. Die Zahl der Katzen ist vor allem aufgrund der Fragmentierung ihres Lebensraums und des Eindringens des Menschen zurückgegangen. Beides führte zu Konflikten mit Menschen und zur Gefährdung durch Wilderer.

Wenn Waldbrände zur Normalität werden, ist es für Naturschützer wichtig zu verstehen, wie Jaguare sich an verbrannten Lebensraum anpassen. Zu diesem Zweck plant Tortato die Überwachung eines Tieres, das während der diesjährigen Brände oberflächliche Verbrennungen erlitten hat. Es wird voraussichtlich mit einem GPS-Halsband ausgestattet wieder in die Wildnis entlassen werden.

Im Moment konzentrieren sich die Retter noch darauf, jenen Tieren zu helfen, die sofortige Hilfe benötigen. Sássi und ihre Rettungsgruppe haben zudem Kamerafallen aufgestellt, um die Tiere zu beobachten, die an die Futter- und Wasserstellen kommen. Außerdem versorgen sie die verwundeten Patienten weiterhin.

Dass sie einmal in einem Feuchtgebiet Tiere wegen Verbrennungen und Dehydrierung behandeln würde, hätte sie nie erwartet, fügt sie hinzu.

„Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass wir mal Wasser ins Pantanal bringen müssten.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Brasilien

Erklärt: Der Amazonas produziert nicht 20 % unseres Sauerstoffs

Es gibt viele gute Gründe, sich um den Zustand und die Zukunft des Regenwaldes zu sorgen. Unsere Atemluft gehört aber nicht dazu.

Mord im Amazonas: Der Sturm auf die Ressourcen beginnt

Menschenrechtsaktivisten und Umweltschützer versuchen, dem Ansturm illegaler Goldgräber und Holzfäller standzuhalten.
Wei­ter­le­sen