Spuren einstiger Gesellschaft in „unberührtem“ Nebelwald entdeckt

Tief im grünen Quijos-Tal Ecuadors zeugt ein kleiner See von der tragischen Geschichte der einstigen Talbewohner.Mittwoch, 25. Juli 2018

In den 1850ern begab sich ein Team aus Botanikern in den Nebelwald des Quijos-Tals im Osten Ecuadors. Die Wissenschaftler schlugen sich durch Vegetation, die so dicht war, dass sie kaum vorankamen. Dies – so glaubten sie – war das Herz des unberührten Waldes; ein Ort, den nie ein Mensch zuvor betreten hatte.

Allerdings lagen sie damit völlig falsch. Die indigenen Bewohner des Quijos-Tals hatten in der Region komplexe landwirtschaftliche Siedlungen errichtet, die mit der Ankunft der spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert aber größtenteils verschwanden. In ihrer Abwesenheit eroberte sich die Vegetation das erschlossene Land zurück. Dieser Prozess des gesellschaftlichen Zusammenbruchs und der Rückwuchs des Waldes wurden in einer neuen Studie beschrieben, die in „Nature Ecology and Evolution“ erschien.

ZWISCHEN AMAZONAS UND ANDEN

Das Quijos-Tal befindet sich in einem der artenreichsten Nebelwälder der Welt, genau an einer präkolumbianischen Handelsroute. Diese verband die fruchtbaren Tiefländer des Amazonas mit den hohen Anden. Jahrhunderte vor der Ankunft der Spanier lebten dort Tausende von Menschen und bauten auf dem kargen Boden des Tals Mais, Kürbisse, Bohnen und sogar Passionsfrüchte an.

Die Forscher entdeckten einen kleinen See in dem Tal und bohrten in den Schlick an seinem Grund. Sie entnahmen eine Probe des Sediments, das sich dort im Laufe der letzten 1000 Jahre abgelagert hatte – und fanden Belege für eine menschliche Besiedlung, die bis zum ältesten Teil der Probe zurückreicht.

In den ältesten Schichten fanden sie winzige Spuren von Pollen, die vom Wind aus dem Tal und den umliegenden Wäldern in den See geweht worden waren. Die Pollen gehörten zu Mais und anderen Pflanzen, die nur auf offenen und luftigen Feldern wachsen. Daraus schlossen die Forscher, dass Menschen am Boden des Tals Nahrungspflanzen anbauten. Außerdem fanden sie zahlreiche Stückchen Holzkohle, was vermuten lässt, dass die Menschen in der Nähe Feuer entzündet hatten.

Als die Spanier in den 1540ern nach Amerika kamen, hatte das für die einheimischen Quijos verheerende Konsequenzen. Viele wurden von den Eroberern ermordet, während andere zu brutaler Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Es kam zum Aufstand, aber bis zum Jahr 1578 waren die meisten von ihnen getötet oder vertrieben wurden. Die Spanier zogen sich schließlich aus dem Tal zurück.

„Während dieser Periode ereignete sich womöglich eine der schlimmsten Tragödien der Menschheitsgeschichte“, sagt Nick Loughlin, der Hauptautor der Studie. Millionen Ureinwohner starben nach der Ankunft der europäischen Kolonisten. Die neuen Aufzeichnungen fangen den exakten Moment ein, in dem eine blühende Kultur verschwand.

Die Sedimente aus dem See zeigen sowohl den Konflikt als auch die unheimliche Ruhe, die danach herrschte. Zum Höhepunkt der Kämpfe ist der Schlick von großen Kohlerückständen gezeichnet. Nachdem das Tal verlassen wurde, verändern sich die Pollenspuren rapide und dramatisch.

„Infolgedessen lag das Land brach“, erklärt Mark Bush, ein Ökologe am Florida Institute of Technology, der an der Studie nicht beteiligt war. „Wenn man aufhört, das Land zu bewirtschaften, drängt der Wald wieder hinein.“ Zuerst wächst Gras über die verlassene Agrarfläche. Dann kehrt der Wald zurück.

DIE RÜCKKEHR DES WALDES

Im Laufe der folgenden 130 Jahre verschwand jede Spur der einstigen menschlichen Besiedlung und der Nebelwald wuchs in die Höhe. Im Sediment tauchen Pollen verschiedener Bäume auf – zunächst die solcher Arten, die schnell wachsen, dann jene, die langsam und langfristig wachsen –, bis der Wald das Tal vollständig überwuchert hatte.

Erst im frühen 19. Jahrhundert kehrten Menschen dorthin zurück. Die Sedimente zeigten Loughlin und seinen Kollegen ganz genau, wann sie auftauchten und wie sie die Landschaft veränderten. Das Mosaik der Bäume verschob sich minimal und große Tiere wurden im Tal geweidet.

Als der nächste Schwung an europäischen Forschern das Tal in den 1850ern und 1860ern betrat, fanden sie nur Wald vor, der so dicht war, dass sie ihn für unberührt hielten. Aber was sie sahen, hatte sich Loughlin zufolge schon von einem völlig unberührten Zustand entfernt.

„Man kann verstehen, wie die Forscher den Eindruck eines unberührten Waldes erhielten“, sagt Andrea Cuéllar, eine Anthropologin an der University of Lethbridge im kanadischen Alberta. Sie erforscht die landwirtschaftliche und kulturelle Geschichte der Quijos, war an der aktuellen Studie aber nicht beteiligt. „Diese Gebiete sind unglaublich üppig, und wenn man das sieht, denkt man: Wenn das kein echter Wald ist, was dann?“

Estanislao Pazmiño, ebenfalls ein Anthropologe der University of Lethbridge, stimmt zu, dass die neuen Belege aus den Seesedimenten von der Regenerationsfähigkeit dieser Wälder zeugen. Allerdings bezweifelt er, dass sich das Tal heutzutage ebenso erholen würde. Mittlerweile ist der Boden nährstoffarm und wird durch das grasende Vieh belastet. Der umliegende Wald ist alles andere als unberührt. „Die Technologie, die von den präkolumbianischen Ureinwohnern genutzt wurde, war deutlich weniger schädlich als die, die wir heute nutzen“, sagt er.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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