Narwale und Einhörner verbindet eine lukrative Geschichte

Zwei Tiere, ein Horn: Die Stoßzähne der Narwale erzielten im Mittelalter extrem hohe Preise - weil man sie als das magische Horn des Einhorns verkaufte.

Published 18. Jan. 2021, 12:09 MEZ
Narwalzähne wurden im Mittelalter als das Horn des Einhorns verkauft.

Der Glaube an Einhörner erlebte im Mittelalter einen ersten Höhepunkt. "Wikinger" exportierten die Stoßzähne der Narwale nach Europa und erzielten phantastische Preise.

Bild Annie Spratt/ unsplash.com

Einhörner sind bekannt wie bunte Hunde. In Filmen, Büchern oder als kitschige Kuscheltiere sind die Fabelwesen Teil der (Pop-)Kultur geworden. Ihre Merkmale ähneln sich über Landesgrenzen hinweg: Als wunderschöne, sanftmütige Pferde verkörpern sie heute das Reine und Edelmütige dieser Erde. Ausgestattet mit magischen Fähigkeiten und einem einzelnen, gewundenen Horn auf der Stirn, verzaubern sie Groß und Klein.

Ganz im Gegensatz zu der Popularität des Einhorns, schwimmt der Narwal noch weitestgehend unbeachtet von Kindern und deren Erwachsenen als reales Meereslebewesen durch den Arktischen Ozean. Sein äußeres Erscheinungsbild mag Einhorn-Fans nicht annähernd so anmutig vorkommen, wenn auch Narwale das gleiche einzigartige Merkmal wie Einhörner tragen: ein Horn. Wobei das nicht ganz korrekt ist, denn was beim Narwal aussieht wie ein Horn, ist eigentlich ein einzelner Stoßzahn, der sich durch die Oberlippe der Narwal-Männchen schraubt. So ein Narwal-Zahn kann bis zu drei Meter lang und zehn Kilo schwer werden.

Das war es auch schon mit den Gemeinsamkeiten der beiden Geschöpfe. Jedoch braucht es für die Geschichte des Einhorns nicht mehr, denn ihr gemeinsames Merkmal hat viel mehr gemein als man zuerst meinen mag: Es ist sozusagen dasselbe.

Handel mit Narwalzähnen

Im frühen Mittelalter brachten grönländische Händler Narwalzähne nach Europa, wo man sie als Hörner des Einhorns verkaufte. Die Nachfrage nach dem Material „Ainkhürn“ (wörtlich: Ein-Gehörn) war um 1200 n. Chr. groß, die Zähne wurden zeitweilig für das zwanzigfache Gewicht Gold verkauft.

„Nachdem Grönland um 985 n. Chr. besiedelt wurde, begann allmählich der Handel mit Europa. Man hat mit Allem, das es in Grönland gab, gehandelt - und viel gab es nicht. Es fing mit Eisbären an, die ebenfalls sehr wertvoll waren. Im Hochmittelalter, also um 1200 n. Chr., begann man Narwal-Zähne zu importieren, denn die Nachfrage in Europa nach dem vermeintlichen Einhorn-Horn war hoch. Gewiefte Geschäftsleute kommen schnell darauf, dass ein Narwalzahn wie das Horn eines Einhorns aussieht, und es als solches zu verkaufen. Mit den Zähnen wurde schwunghafter Handel betrieben. Der gesamteuropäische Markt war groß und wurde befriedigt“, erklärt Prof Dr. Simek, österreichischer Philologe, Skandinavist und germanistischer Mediävist. „Es gab genug Königshöfe, Fürstenhöfe oder Wunderkammern, die sich ein Horn des Einhorns leisten wollten. Über Zwischenhändler in Island und Norwegen wurde der Handel wahrscheinlich über die Diözese Trondheim abgewickelt, denn Handel war im 13. und 14. Jahrhundert ein kirchliches Monopol. Über den Handel gibt es in Skandinavien leider keine Unterlagen. Doch wenn man die Illustrationen der Handschriften des 12. Jahrhunderts betrachtet, sehen die gedrehten Hörner der dargestellten Einhörner aus wie Narwalzähne - und diese optischen Gemeinsamkeiten sind kein Zufall.“

Hohe Nachfrage wegen Wunderwirkung

Die hohe Nachfrage begründeten sich zum einen in den magischen Kräften, die dem Horn des Einhorns zugeschrieben wurden: Geriebenes Ein-Gehörn wurde als Ingredienzie für alchemistische und medizinische Produkte verwendet und in Apotheken verkauft: In Pulverform als Heilmittel gegen Gift, die Pest, Bisse, Fieber, als Getränk gegen Krämpfe oder Epilepsie und als Aphrodisiakum - weshalb es im übrigen heute noch viele Apotheken gibt, die das Wort „Einhorn“ im Namen tragen.

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Doch den durchschlagendsten Erfolg hatten Trinkgefäße und Tafelaufsätze aus Ainkhürn. Man  nahm an, dass Einhorn in seiner Reinheit hätte eine natürliche Abscheu gegen jede Art von Unreinheiten, weshalb das Horn bei Berührung mit Giften zu schwitzen anfange. Dem Horn wurde deshalb nachgesagt, es könne Gift erkennen und sogar neutralisieren, und damit Herrscher vor Vergiftungen schützen - einer sehr realen Bedrohung im Mittelalter.

Daneben wurden die extrem seltenen Narwalzähne/ Einhorn-Hörner, denen etwas mystisches anhaftete, für die Herstellung von weltlichen Herrscherinsignien und kirchlichen Hoheitszeichen verwendet.

Nicht zuletzt hatte die christliche Einhornallegorie, die das Einhorn als Sinnbild für Jesus Christus deutete, großen Einfluss auf den Mythos und seine Popularität.

Die vielfachen, unter anderem magischen Verwendungsmöglichkeiten trieben den Preis für die Stoßzähne des Narwals in die Höhe. Ein einziger Zahn von circa zehn Kilogramm Gewicht war damals bis zu 200 Kilogramm Gold wert, was heute (sehr einfach gerechnet) ca. 10 Millionen Euro entspräche.

Über mehrere hundert Jahre blieben Preis wie Nachfrage hoch. „Als man nach 1400 n. Chr. die grönländische Kolonie aufgab, fuhren keine Schiffe mehr nach Grönland und der Handel muss eingebrochen sein“, so Prof Dr. Simek. Die fehlenden Nachlieferungen an Material führten dazu, dass bereits vorhandene Utensilien aus Einhorn-Horn abgeraspelt, weiterverarbeitet und schließlich aufgebraucht wurden und nur wenige Stücke bis heute erhalten sind.

Erst Mitte des 17. Jahrhunderts fiel der Preis für das fantastische Horn, nachdem europäische Seefahrer auch die Polarmeere bereisten und öffentlich die Ainkhürner als Stoßzähne der Narwale identifizierten.

Glaube oder Wissen?

Die Symbolkraft des einzigartigen Materials übertraf dabei den wirklichen Glauben an die vorbeugende Wirkung gegen Gift. Laut Dr. Simek wusste man auch im Mittelalter, dass das Einhorn ein Fabeltier war, und sein Horn keine wirkliche Zauberwirkung hatte: „Im Mittelalter gehörte das Einhorn zu den symbolisch, allegorischen Tieren. An diese Dinge glauben ist so eine Sache. Die Kinder glauben heute auch es gibt Einhörner. Im Mittelalter war es genauso, das sieht man in den Handschriften. Es ging vielmehr darum, dass man mit einem Augenzwinkern sagte: Ja, wir haben ein Einhorn-Horn, das ist etwas Wertvolles und Seltenes. Und dann ist man wieder beim Glauben: Man kann verkünden, dass der König einen Einhornbecher hat und daraus trinkt. Damit rentiert es sich nicht, ihn zu vergiften, weil es nicht wirkt. Ein Einhorn-Horn in der Schatzkammer zu haben, erzeugte einen besonderen Ruf, der dem Prestige diente.“

Auch die Listung des Einhorns in den mittelalterlichen Naturenzyklopädien hat laut Dr. Simek nichts mit dem Glauben an ein reales Tier zu tun, sondern will vielmehr sagen, dass es dieses Tier im allgemeinen Wissensspektrum der Gesellschaft gab: „In illustrierten Schulbüchern von 1820 sind noch Einhörner abgebildet. Der Hintergedanke dabei ist, dass man die Wesen als Kulturgut kennen und wissen muss, wie sie aussehen. Genauso ist es in den Enzyklopädien des Mittelalters nicht ganz ernst gemeint.“

Einhorn-Hype im Mittelalter

Im Mittelalter erlebte die Popularität der Einhörner den ersten Höhepunkt in der europäischen Geschichte. Der Vorstellung vom Einhorn ging eine Verkettung von Übernahmen und Übersetzungsfehlern seit der Antike voraus, die sich im Mittelalter als Bild vom reinen Pferd mit magischen Fähigkeiten bündelten.

Alles begann mit den Indiká, Aufzeichnungen über Indien des antiken griechischen Arztes Ktesias von Knidos, der im frühen 4. Jahrhundert v. Chr. unter anderem als Leibarzt am persischen Königshof lebte, jedoch nie in Indien. In der kleinen Schrift sammelte er Informationen über Lebewesen, aber auch Mythen aus und über Indien, die er wohl von anderen Reisenden, Jägern oder Kaufleuten zusammengetragen hatte. So berichtet er von in Indien lebenden, wilden Eseln, so groß wie Pferde und größer, mit weißen Körpern und einem mehrfarbigen, langen Horn auf der Stirn. Er beschreibt die Tiere als schnell und kraftvoll, so dass man sie nicht fangen, sondern nur töten könne. Es ist kein Zufall, dass diese Einhorn-Beschreibung in seinem Buch über Indien auftaucht, denn dort gibt es die „Rsyasrnga“-Legende. Die hinduistische Version der Geschichte erzählt von dem Jungen Rsyasrnga - halb Reh, halb Mensch -, der keusch und isoliert im Wald großgezogen wird. Um das Königreich vor Dürre zu retten, schickt der König Jungfrauen, um ihn aus dem Wald zu locken.

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Ktesias geht auf eine weitere Eigenschaft des indischen Esels mit Stirnhorn ein: die schützende Wirkung des Hornes. Ein Getränk aus dem Pulver des Horns schütze gegen Krämpfe, Epilepsie und Gift. Diese Beschreibung scheint chinesische Ursprünge zu haben und auf das chinesische heilige Tier Chi-lin zurückzugehen: Das Tier trägt Drachenschuppen und ein silbernes langes Horn auf der Stirn, lebt in Einsamkeit und lässt sich schwer fangen. Dass sein Auftauchen ein gutes Omen ist, wird bereits aus dem Jahr 2697 v. Chr. überliefert. Noch heute wird dem Horn des Nashorns in China heilende Kraft nachgesagt.

Über die Indiká von Ktesias gelangte das Motiv von der Jungfrau, die das Einhorn fangen kann, sowie die Geschichte um die schützende Wirkung des Einhorn-Horns vom Orient in den Okzident. Der große griechische Universalgelehrte Aristoteles verfasste im vierten Jahrhundert v. Ch. die zoologische Schrift „Historia animalum“, in der er den einhörnigen Esel aufnimmt.

Als nun die Übersetzer in Alexandria die hebräisch-aramäischen Bibel in altgriechische Alltagssprache übersetzten, tauchte immer wieder das Wort „re’em" auf, das hebräische Wort für nicht domestiziertere Tiere. Die Übersetzer, die das Einhorn aus der berühmten, weit verbreiteten, aristotelischen Tierkunde kannten, übersetzten mit „monókerōs“ - Einhorn.

Doch den größten Einfluss auf den Glauben an und die Vorstellung von Einhörner im Mittelalter hatte das Buch „Physiologus“ (2. oder 3. Jahrhundert n. Chr.), das im Mittelalter neben der Bibel ein weit verbreitetes Buch war, erklärt Dr. Simek. Das antike Naturkundebuch beschreibt in Fabeln die Welt, deutet sie allegorisch auf das christliche Heilsgeschehen hin und stellt christliche Nutzungsanwendungen vor. Hier tauchen die alten orientalischen Vorstellungen wieder auf, die nur im Bezug auf die Wildheit nicht mit denselbigen übereinstimmen. „Im `Physiologus´ kommt das Einhorn vor, weil es bei Aristoteles und Plinius erwähnt wird. Seit dem, über das Mittelalter bis in die Gegenwart, wird das Einhorn als ein kleines Pferd oder Ziegenböcklein dargestellt, mit einem Horn auf der Stirn und nur zähmbar von einer reinen Jungfrau.“ Zusätzlich zu seiner Reinheit, wird das Horn im "Physiologus" mit Zauberkräften belegt: Schlägt das Einhorn mit seinem Horn ein Kreuz in vergiftetes Wasser, verliert das Wasser seine Giftwirkung. „Ganz im Sinne des Buches brauchte man eine christlich-moralische Auslegung. Die einzige reine Jungfrau, die in Frage kam, war Maria. Das Einhorn steht für Christus und damit kommt die ganze Christussymbolik hinein, die dann im Mittelalter präsent war.“

So wurde über die Jahre aus dem Einhorn, dass im frühen Mittelalter, als der Mythos vom Einhorn geboren wurde, als stark, wild und unzähmbar galt, ein Tier von allerhöchstem Stellenwert unter den Fabelwesen. Die Vorstellung vom Einhorn, wie wir es aus Filmen und Büchern heute noch kennen, war geboren und fand seine literarische Untermauerung im "Physiologus" und weiterhin, dank Luthers wörtlicher Übersetzung, bis ins 19. Jahrhundert in der Bibel. Der Mythos von der heilenden Wirkung seines Hornes, gepaart mit der Symbolik der göttlichen Macht, führte damals zu einem unvergleichlichen Hype um das Einhorn und sein magisches Horn. Wenn auch die Einhörner von heute, mit ihren regenbogenfarbenen Schweifen und pinken Hufen optisch wenig mit ihren Urahnen gemein zu haben scheinen, lebt der Mythos doch in ihnen weiter.

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