Schimpansen-Delikatesse: Das Gehirn wird zuerst gefressen

Die Futterstrategien unserer verwandten Primaten könnten interessante Hinweise auf die menschliche Evolution liefern.

Von Shauna Steigerwald
Veröffentlicht am 12. Mai 2020, 13:32 MESZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ
Ein männlicher Schimpanse frisst einen Roten Stummelaffen im Gombe- Nationalpark in Tansania.

Ein männlicher Schimpanse frisst einen Roten Stummelaffen im Gombe- Nationalpark in Tansania.

Bild Ian C. Gilby

Eine Gruppe von Schimpansen streift durch die Wälder des Gombe- Nationalparks in Tansania, wo Jane Goodall 1960 erstmals damit begann, diese Primaten hautnah zu erforschen. Sie stoßen auf eine Gruppe Roter Stummelaffen.

Die Schimpansen beobachten ihre Beute. Dann beginnt die Jagd. Chaos bricht aus: Affen fallen von den Bäumen, während die Schimpansen unter tosendem Geschrei ihre Beute töten. All das wurde auf Video festgehalten.

Der Anthropologe Ian Gilby von der Arizona State University ist der Leiter einer Studie zu diesem Thema. Er war es, der die Mitglieder der Kasekla-Schimpansengruppe in Gombe gefilmt hat, um mehr über ihr gemeinsames Fressverhalten zu erfahren.

Als er die Videos später analysierte, fiel ihm etwas Merkwürdiges auf: Schimpansen fraßen bei nicht ausgewachsenen Beutetieren – Neugeborene, Jungtiere und Halbwüchsige – zuerst den Kopf. Bei ausgewachsener Beute konnte er kein so konsequentes Muster finden.

Das warf eine bis dato kaum erforschte Frage auf, die auch für die menschliche Evolution von Belang ist: Warum zogen Affen es vor, ein bestimmtes Körperteil zuerst zu essen?

Futter fürs Köpfchen

Gilby vermutet, dass der Nährstoffwert damit zu tun hat.

„Wir sagen gern, dass Fleisch gleich Fleisch ist. Aber wir wissen, dass sich die Nährstoffzusammensetzung unterscheidet“, sagte Gilby, dessen Studie im „International Journal of Primatology“ erschien. „Der gesamte Kadaver ist wertvoll, aber das Gehirn ist besonders wertvoll.“

Gehirn hat einen hohen Fettgehalt und ist eine gute Quelle für langkettige Fettsäuren, die die neurologische Entwicklung unterstützen.

Ein Schimpanse fängt bei einer Jagd einen jungen Roten Stummelaffen.

Bild Ian C. Gilby

Den Schädel eines Jungtiers kann ein Schimpanse relativ leicht aufbeißen. Das Gehirn erwachsener Affen ist allerdings nicht ganz so leicht zugänglich. Und je mehr Zeit sich der Schimpanse für den Versuch nimmt, desto eher riskiert er, seine Beute an einen Konkurrenten zu verlieren.

Wenn Schimpansen ausgewachsene Affen töten, finden sie es deshalb wohl effizienter, mit nährstoffreichen Organen wie der Leber zu beginnen. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, weshalb die Gombe-Schimpansen manchmal zuerst den Torso der ausgewachsenen Affen öffneten.

Galerie: Jane Goodall: Der gute Geist von Gombe

„Das könnte eine der ersten quantitativen Studien darüber sein, wie genau Schimpansen ihre Beute verzehren“, sagte Jill Pruetz. Die Bio-Anthropologin von der Texas State University ist ein National Geographic Explorer und auf Primatenforschung spezialisiert.

Ernährung vs. Kultur

Pruetz hat ein ähnliches Verhalten in Senegal beobachtet, wo sie die Jagd der Schimpansen im Rahmen des Fongoli Savanna Chimpanzee Project erforscht. Auch dort fressen die Primaten zuerst die Köpfe junger Galagos – eine kleine Art von Feuchtnasenaffen.

Forscher sind sich uneins darüber, warum die allesfressenden Affen überhaupt jagen, da Fleisch nicht zu ihren Hauptnahrungsmitteln zählt.

Pruetz hängt der Hypothese an, dass die Schimpansen damit den Bedarf an bestimmten Nährstoffen decken wollen. Allerdings sagt sie auch, dass das allein nicht all die regionalen Unterschiede zwischen den Gruppen erklären kann.

Einsamer Schimpanse ist letzter Überlebender auf Insel
Dieser Schimpanse ist der letzte Überlebende seiner Kolonie an der Elfenbeinküste. Auf "Chimpanzee Island" lebten 20 Schimpansen, aber bis auf Ponso sind alle unter mysteriösen Umständen verstorben oder verschwunden. Die Gruppe wurde von einem medizinischen Versuchslabor 1983 von Liberia aus auf die Insel umgesiedelt. Seit 2015 finanziert die Organisation Les Amis de Ponso das Futter und die Versorgung von Ponso. Jeden Tag bringt Germain Djenemaya Koidja Ponso Futter und Medizin – und dringend benötigte Gesellschaft. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Affenpopulationen in dem Land um 90 Prozent zurückgegangen. Zu den großen Bedrohungen zählen Wilderer und Verlust von Lebensraum. Die Behörden der Elfenbeinküste versuchen zu entscheiden, ob sie Ponso in ein Schutzgebiet bringen oder ihm einen Gefährten auf die Insel bringen sollen.

Manche Schimpansen fressen beispielsweise Eier, während andere das nicht tun. Und wenn die Fongoli- Schimpansen Paviane jagen, geben sie die Köpfe manchmal aus unbekannten Gründen weiter. Die Innereien werfen sie oft einfach weg.

Auch deshalb vermutet Pruetz, dass kulturelle und erlernte Traditionen der einzelnen Schimpansenpopulationen eine Rolle spielen.

Fleisch als Evolutionsmotor?

Die Erforschung der Rolle von Fleisch in der Ernährung von Schimpansen – mit denen wir einen gemeinsamen Vorfahren teilen – könnte auch Licht auf die menschliche Evolution werfen.

Jene Art, aus der die frühen Hominiden hervorgingen, begann laut Gilby irgendwann damit, mehr Fleisch zu essen. Seine Studie deutet darauf hin, dass eine Motivation dafür der Bedarf nach Fett gewesen sein könnte.

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„Eine unserer besten Möglichkeiten, um frühe Hominiden zu verstehen, ist die Nutzung von Schimpansen als Modell“, sagt Pruetz.

„Wenn wir ein möglichst genaues Bild davon haben, wie Schimpansen jagen, ermöglicht uns das, Vorhersagen und Hypothesen darüber aufzustellen, wie sich die frühsten Hominiden verhalten haben können.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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