Früher war alles besser? Die guten & schlechten Seiten der Nostalgie

Einst galt sie als Nervenkrankheit, die durch Kuhglocken ausgelöst wurde, heute wird sie im Marketing hoch geschätzt: die Nostalgie und ihre bewegte Geschichte.

Thursday, July 23, 2020,
Von Nicole Johnson
Druck aus dem Jahr 1778

Ein Druck aus dem Jahr 1778 zeigt vier Schweizer Söldner beim Ausruhen. Solche Söldner waren eines der frühesten Subjekte in Berichten über die Nostalgie als Erkrankung.

Bild Swiss National Museum

Eine „sehnsuchtsvolle Hinwendung zu vergangenen Gegenständen oder Praktiken“: So lautet die heutige Definition des Wortes Nostalgie. Das mag ganz nett klingen, aber die Geschichte des Phänomens ist weit weniger angenehm – und deutlich komplexer. Einst galt Nostalgie als Krankheit, die mit sonderbaren und teils schmerzhaften Methoden behandelt wurde. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte die Wissenschaft ihre Ansichten über Nostalgie. In den letzten Jahrzehnten haben Studien sowohl ihre guten als auch ihre negativen psychologischen Auswirkungen aufgezeigt.

Die Kuhglocken-Psychose

Es gab ab dem 16. Jahrhundert verschiedene Versuche, das spezifische Gefühl von Sehnsucht und Herzschmerz zu beschreiben. Dazu zählte auch eine medizinische Diagnose, die gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges in Mitteleuropa (1618-1648) gestellt wurde und das Phänomen als el mal de corazon bezeichnete, was übersetzt so viel wie „das Übel des Herzens“ bedeutet. Doch es war der Schweizer Medizinstudent Johannes Hofer, der in seiner Dissertation von 1688 den Begriff „Nostalgie“ prägte, indem er zwei griechische Wörter kombinierte: nostos („Heimkehr“) und algos („Schmerz“).

Hofer untersuchte die Auswirkungen der Nostalgie auf Schweizer Söldner und kam zu dem Schluss, dass es sich um eine Hirnerkrankung dämonischen Ursprungs handelte. Er beschrieb die Symptome der Nostalgie, darunter eine zwanghafte Sehnsucht nach der Heimat, Appetitlosigkeit, Herzrasen, Schlaflosigkeit und Angstzustände. Er glaubte, dass die Söldner von ihrer zurückgelassenen Heimat geradezu besessen waren, was es Tiergeistern ermöglichte, in ihre Gehirne einzudringen und dort Schaden anzurichten. Schweizer Militärärzte vermuteten später, dass die Nostalgie stattdessen durch das unablässige Scheppern der Kuhglocken in den Alpen verursacht wurde, welches die Gehirnzellen und das Trommelfell der Soldaten schädigte und so die gefährlichen Symptome hervorrief.

Galerie: Vintage-Fotos des „glücklichsten Ortes der Welt“

Die Nostalgie wurde für den Rest des 17. und 18. Jahrhunderts als neurologisches Leiden betrachtet. Zwischendurch glaubten einige Ärzte, das ein „pathologischer Knochen“ im Körper die Ursache der Nostalgie sei, obwohl er natürlich nie gefunden wurde. Erst im 19. Jahrhundert ging die medizinische Wissenschaft dazu über, Nostalgie als eine Erkrankung der Psyche zu kategorisieren.

Zu jener Zeit betrachtete die medizinische Gemeinschaft das Phänomen als psychopathologische Störung, quasi eine Form von Depression und Melancholie. Als im 19. und 20. Jahrhundert zahllose Einwanderer in die Vereinigten Staaten strömten, bezeichneten die dortigen Ärzte die Nostalgie als „Einwandererpsychose“: Die Menschen aus der Ferne sehnten sich nach ihrer alten Heimat, während sie versuchten, sich in einem neuen, fremden Land ein Leben aufzubauen.

Im Laufe der Jahrhunderte reichten die Behandlungsformen der Nostalgie von töricht bis tödlich. Die Patienten mussten Blutegel, Magenspülungen, Aderlass, Opium, „warme hypnotische Emulsionen“, Mobbing und Drohungen ertragen – teils sogar Körperverletzungen bis hin zum Tod. 1733 drohte ein russischer General jedem Untergebenen, der in die Fänge nostalgischer Sehnsüchte geriet, damit, lebendig begraben zu werden. Als er sein Versprechen einlöste, legten seine Soldaten angeblich ihre Sehnsucht nach der Vergangenheit ab und konzentrierten sich auf die allzu reale Gegenwart auf dem Schlachtfeld.

Gute und schlechte Nostalgie

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich der Blick auf das Phänomen. Marketing- und Werbeforscher begannen damit, die Macht der Nostalgie zu dokumentieren, welche die Präferenzen für Konsumprodukte steuert, erklärt Clay Routledge, ein Psychologieprofessor der North Dakota State University.

„Auch die empirische Forschung war für diesen Wandel sehr wichtig, da die frühere Betrachtung der Nostalgie als Krankheit auf theoretischen Spekulationen und unwissenschaftlichen Beobachtungen beruhte“, sagt Routledge.

1995 nahm sich die Psychologieprofessorin Krystine Batcho vom Le Moyne College im Bundesstaat New York der Thematik an. Sie entwickelte das Nostalgia Inventory. Die Umfrage mit mehr als 200 Teilnehmern sollte erfassen, wie oft und wie stark Menschen sich nostalgisch fühlen. Die Ergebnisse trugen dazu bei, die Voraussetzungen für eine wissenschaftlich fundiertere Forschung zu schaffen. Bald darauf begann sich der psychologische Nutzen des Phänomens abzuzeichnen.

Eine Reihe von 2013 veröffentlichten Studien kam zu dem Ergebnis, dass „Nostalgie der Bedeutungslosigkeit entgegenwirkt, die Individuen erleben, wenn sie sich langweilen“. Und ein 2018 veröffentlichter Überblick über die wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema kam zu dem Schluss, dass Nostalgie wie eine Art Puffer gegen existenzielle Bedrohungen wirkt. Nostalgie sei eine Quelle der Hoffnung und Inspiration, so Routledge.

„Die Nostalgie mobilisiert uns für die Zukunft“, sagt er. „Sie verstärkt unseren Wunsch, wichtige Lebensziele zu verfolgen, und unsere Zuversicht, dass wir sie erreichen können.“

Während Nostalgie mehrere psychologische Vorteile bietet, hat das zwanghafte Festhalten an der Vergangenheit potenzielle Nachteile. Das konnte eine Studie aufzeigen, die 2012 im European Journal of Social Psychology veröffentlicht wurde: Die Forscher fanden heraus, dass Menschen mit „einem starken Hang zur Besorgnis“, die nostalgischen Stimuli ausgesetzt waren, im Vergleich zur Kontrollgruppe „verstärkte Symptome von Angst und Depression“ aufwiesen.

Galerie: Schule vor 100 Jahren

Batcho hält es für unwahrscheinlich, dass Nostalgie Depressionen oder Angstzustände verursacht. Aber „eine Person, die klinisch depressiv oder von einer Angststörung betroffen ist, könnte sich eher in der Nostalgie ‚verlieren‘ und in nostalgischen Träumen gefangen sein“, sagt sie.

Die Vergangenheit bleibt unerreichbar

Entscheidend dafür, ob Nostalgie sich positiv oder negativ auswirkt, ist die Art der erlebten Nostalgie.

Psychologen unterscheiden heute zwischen zwei Arten von Nostalgie. Eine davon ist die persönliche Nostalgie, bei der sich ein Individuum an Einzelheiten aus seiner eigenen Vergangenheit erinnert. Oft wird das ausgelöst durch Veränderungen im Leben und besondere Ereignisse wie Abschlussfeiern und Hochzeiten. Im Gegensatz dazu ist historische Nostalgie an die Wertschätzung von Aspekten einer Epoche gebunden, die sich vor der Geburt einer Person ereignete. Sie spiegelt eine Unzufriedenheit mit Aspekten der Gegenwart wider.

„Persönliche Nostalgie wird eher mit psychologischen Vorteilen assoziiert, zum Beispiel dem Entgegenwirken von Einsamkeit, der Förderung von Zugehörigkeitsgefühlen und gesunden Bewältigungsstrategien“, erklärt Batcho. Auf die historische Nostalgie trifft das nicht zu.

Auch die verstorbene Literaturwissenschaftlerin und Professorin Svetlana Boym definierte in ihrem Buch „The Future of Nostalgia“ zwei Arten von Nostalgie: die restaurative und die reflektierende. Der Unterschied liegt darin, wie bei diesen beiden Arten von Nostalgie die Vergangenheit rezipiert wird, erklärt Hal McDonald, ein Professor für Sprachen und Literatur an der Mars Hill University in North Carolina.

„Die restaurative Nostalgie blickt sehnsüchtig – sogar eifersüchtig – auf die Vergangenheit zurück und möchte sie in der Gegenwart neu erschaffen oder wieder erleben“, sagt McDonald. Die restaurative Nostalgie birgt daher die Gefahr, sich in der Vergangenheit zu verfangen und sich auf eine Art und Weise nach ihr zu sehnen, die selbstzerstörerisch und potenziell schädlich ist. „Reflektierende Nostalgie hingegen genießt die Vergangenheit in dem vollen Wissen, dass sie tatsächlich Vergangenheit ist und nie wieder erlebt werden kann.“

Dank so viel empirischer Forschung über Nostalgie finden Wissenschaftler und das Gesundheitswesen heute zunehmend Wege, sie bei medizinischen Behandlungen zu nutzen. Die Reminiszenztherapie basiert auf dem bewussten Erinnern an Erlebtes. Dabei kommen Fotos und Musik zum Einsatz, um Menschen mit Alzheimer und anderen kognitiven und neurodegenerativen Krankheiten zu helfen. Im Jahr 2018 eröffneten die George G. Glenner Alzheimer's Family Centers in Kalifornien eine ganz besondere Einrichtung: den Town Square in Chula Vista. Dabei handelt es sich um eine Nachbildung einer Stadt aus den 1950ern, in der Remineszenztherapien durchgeführt werden, um das Gedächtnis von Demenzpatienten zu stärken.

Galerie: 21 berührende Fotos von Großeltern und ihren Enkeln

Nostalgie in der Pandemie

Aber auch im Alltag kann Nostalgie jedem dabei helfen, mit schwierigen Situationen besser zurechtzukommen. Eine kürzlich durchgeführte Studie untersuchte die Auswirkungen von COVID-19 auf die Wahl der Unterhaltungsangebote. Mehr als die Hälfte der Verbraucher gab an, Trost in Fernsehprogrammen und Musik aus ihrer Jugend zu suchen.

„Ich glaube, viele wenden sich der Nostalgie zu, auch wenn sie es nicht bewusst wahrnehmen. Sie dient als stabilisierende Kraft und als Möglichkeit, jene Dinge im Gedächtnis zu behalten, die ihnen am meisten am Herzen liegen“, sagt Routledge.

Für Krystine Batcho ist das Wiederaufleben der Nostalgie während COVID-19 eine natürliche Reaktion: „Im Allgemeinen finden Menschen in Zeiten von Verlust, Angst, Isolation oder Unsicherheit Trost in der Nostalgie.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

Wissenschaft

Empathische Ratten könnten bei Erforschung von Psychopathie helfen

Bei Menschen und Nagetieren wird empathisches Verhalten durch ähnliche Strukturen im Gehirn gesteuert.

Färben menschliche Persönlichkeiten auf Hunde ab?

Ein Wissenschaftler wollte herausfinden, ob sich Hund und Halter oft charakterlich ähneln.
Wei­ter­le­sen