Pro und Contra: Sollte man Tierversuche verbieten?

Eine internationale Bürgerinitiative fordert die Abschaffung aller Tierversuche. Wissenschaftler halten dagegen, ohne Tierversuche ließen sich keine neuen Medikamente entwickeln. Die Argumente im Überblick

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 6. Sept. 2023, 09:53 MESZ
Eine Maus in einer Petrischale: 75 Prozent aller Versuchstiere in Deutschland sind Mäuse.

75 Prozent aller Versuchstiere in Deutschland sind Mäuse.

Foto von Adobe Stock

Rund zweieinhalb Millionen Tiere haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 2021 in Deutschland in der Forschung eingesetzt – etwa 1,9 Millionen davon bei Tierversuchen. 640.000 wurden getötet, um Gewebe und Organe für wissenschaftliche Zwecke zu entnehmen. Mehr als 90 Prozent der Versuchstiere sind Mäuse, Ratten und Fische.

Die meisten Versuche in Deutschland kommen in der sogenannten Grundlagenforschung zum Einsatz. Auf diese Weise wollen Forschende Lebensvorgänge und Erkrankungen besser verstehen, um dann im nächsten Schritt neue Medikamente und Heilverfahren entwickeln können.

Tatsächlich sind Tierversuche bei der Entwicklung und Zulassung von Arzneimitteln hierzulande gesetzlich vorgeschrieben. Bevor Medikamente oder Impfstoffe in die klinische Phase gehen, müssen sie an Tieren getestet werden. 

Daneben werden Versuchstiere auch in anderen Forschungsfeldern verwendet, etwa um Pflanzenschutzmittel und andere Chemikalien auf ihre Unbedenklichkeit hin zu prüfen. Tierversuche für kosmetische Produkte sind seit Jahren europaweit verboten.

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Tierversuche: Welche Alternativen gibt es?

Tierversuche unterliegen in Deutschland strengen Gesetzesvorgaben Sie dürfen nur durchgeführt werden, wenn sie von den zuständigen Behörden genehmigt worden sind. Dazu müssen die Forschenden den geplanten Versuch wissenschaftlich und ethisch begründen. Eine Grundlage dafür ist das 3R-Prinzip. Es steht für replace, reduce und refine. Zu Deutsch: vermeiden, verringern, verfeinern. Das Ziel: Tierversuche durch Alternativen ersetzen, die Zahl der Versuchstiere begrenzen und das Leid der Tiere auf ein unerlässliches Maß verringern.

Die Bundesregierung will Tierversuche weiter reduzieren. Der aktuelle Bundeshaushalt sieht 5,4 Millionen Euro für die Entwicklung alternativer Methoden vor. Computermodelle, Zellkulturen oder nichtinvasive Bildgebungsverfahren wie Computertomografie, die etwa Bilder vom Gehirn aufnehmen, machen bereits manche Versuche überflüssig. Seit Juni gibt es außerdem eine Bundestierschutzbeauftragte.

Gegnern von Tierversuchen reicht das aber nicht. Eine europaweite Bürgerinitiative beispielsweise fordert die schrittweise Abschaffung aller Tierversuche in der EU. Dazu hat sie mehr als 1,2 Millionen Unterschriften bei der EU-Kommission eingereicht. Eine Kernthese lautet, Tierversuche seien nicht auf den Menschen übertragbar. 

Viele Forschende sind dagegen überzeugt davon, dass sich Tierversuche trotz aller Bemühungen nicht komplett ersetzen lassen. Ohne Tierversuche ließen sich keine neuen Medikamente entwickeln, erklärt etwa die Max-Planck-Gesellschaft. Fakt ist: Tierversuche sind ein kontroverses Thema, das wissenschaftliche, ethische und gesellschaftliche Fragen aufwirft. 

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Pro – drei Argumente für Tierversuche

1. Tierversuche sind unverzichtbar

Befürworter argumentieren: Trotz aller Bemühungen lassen Tierversuche sich nicht komplett ersetzen. Mensch und Säugetiere ähnelten einander sehr. Viele lebenswichtige Organe funktionierten nach denselben Prinzipien. Bei zahlreichen wissenschaftlichen Fragestellungen sei es nicht möglich, das komplexe Zusammenspiel von Organen, Geweben und Zellen durch Zellkulturversuche, Computersimulationen und andere alternative Methoden zu verstehen. 

Für Tests zu Medikamenten gegen Bluthochdruck beispielsweise müsse der Blutkreislauf aktiv sein. Um Krankheiten wie Alzheimer zu heilen, müsse man zuvor verstehen, wie das Gehirn funktioniert. Um neue Impfstoffe zu entwickeln, sei es wichtig, die Wirkungsweise des Immunsystems zu kennen.

2. Kein medizinischer Fortschritt ohne Tierversuche

Ob Antibiotika, Impfstoffe oder Krebstherapien: Tierversuche haben zu bedeutenden medizinischen Durchbrüchen geführt. Nach Auffassung der Befürworter tragen sie bis heute dazu bei, lebensrettende Medikamente und Behandlungsmethoden zu entwickeln und zu testen. Darüber hinaus seien sie unverzichtbar in der Grundlagenforschung.

Viele Krankheiten kommen sowohl bei Menschen als auch bei Tieren vor. Ihre Erforschung führe zu einem besseren Verständnis der Erkrankungen. Das sei die Basis für die Entwicklung neuer Therapien. Die Wissenschaft sei zwar bestrebt, Alternativen zu entwickeln, um Tierversuche zu reduzieren und zu ersetzen, wo dies möglich ist. Ein Tierversuch-Verbot hätte aber massive Auswirkungen auf den medizinischen Fortschritt. 

3. Tierversuche erhöhen die Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt

Mit Tierversuchen soll getestet werden, ob Medikamente sicher sind, bevor sie am Menschen angewendet werden. Dadurch könne man gefährliche Nebenwirkungen frühzeitig erkennen und damit vermeiden. Überdies spielen Tierversuche eine wichtige Rolle bei der Bewertung von Chemikalien anderer Stoffe, die eine Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt darstellen könnten.

Kontra – drei Argumente gegen Tierversuche

1. Tierversuche sind nicht übertragbar

Der Mensch ist keine Maus, sagen Tierversuchsgegner. Sie meinen damit, dass sich Mensch und Tier trotz aller Gemeinsamkeiten in vielerlei Hinsicht voneinander unterscheiden. Tierversuche seien deshalb nicht auf den Menschen übertragbar. Was im Tierversuch funktioniert, müsse nicht auch beim Menschen klappen.

Medizinische „Tiermodelle“ seien oft realitätsfern konstruiert und nicht geeignet, um die komplexen Zusammenhänge bei der Entstehung menschlicher Erkrankungen zu ergründen. Ausschlaggebende Faktoren wie Alter, Geschlecht, Genetik, Ernährung, Stress und Umweltfeinflüsse würden außer Acht gelassen. 

2. Tierversuche behindern den medizinischen Fortschritt

Es gibt zunehmend alternative Methoden, die als Ersatz für Tierversuche dienen können. Gegner von Tierversuchen nennen beispielsweise auf Computersimulationen, menschliches Gewebe aus der Petrischale oder Biochips zur Simulation von Organen (Organ-on-a-Chip). Solche Ansätze seien nicht nur ethisch vertretbarer, sondern auch effizienter.

Tierversuche dagegen seien teuer, die Genehmigungsverfahren komplex. Am Ende würden mehr als 90 Prozent aller an Tieren entwickelten Medikamente keine Zulassung bekommen. Tierversuchsgegner verweisen auf die USA: Dort müssen neue Medikamente seit diesem Jahr nicht mehr zwangsläufig an Tieren getestet werden. All dies zeige, dass Tierversuche den medizinischen Fortschritt nicht voranbrächten, sondern vielmehr behinderten.

3. Tierversuche erzeugen Leid

Viele Menschen halten Tierversuche für unethisch oder zumindest für moralisch fragwürdig. Denn Tierversuche sind oft mit Schmerz, Stress und Leid für die betroffenen Tiere verbunden. Für Gegner ist das nicht gerechtfertigt, insbesondere weil es sehr wohl alternative Methoden gebe, mit denen sich das Tierleid vermeiden lasse. 

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