Alaskas blaue Bären blicken in eine ungewisse Zukunft

Die geheimnisvollen Gletscherbären sind ebenso schön wie selten. Aber ihr ohnehin kleiner Lebensraum droht sich für immer zu verändern.

Monday, July 27, 2020,
Von Grant Currin
Ein Gletscherbär ruht 2018 am Fuße eines Baumes im Tongass National Forest in Alaska.

Ein Gletscherbär ruht 2018 am Fuße eines Baumes im Tongass National Forest in Alaska.

Bild Lance Nesbitt

Tania Lewis ist eine der weltweit führenden Expertinnen für Gletscherbären – aber selbst sie hat diese geheimnisvollen Tiere nur wenige Male gesehen. Als Wildtierbiologin im Glacier-Bay-Nationalpark in Alaska untersucht Lewis den kleinen, scheuen Bestand im Park. Genetisch zählen die Tiere zu den Amerikanischen Schwarzbären, aber ihr Fell weist eine besondere Färbung auf, die von überwiegend schwarz mit silbrigen Spitzen bis hin zu gänzlich bläulich-grauem Fell reicht.

„Dass sie diese seltene Farbe haben [...] die nirgendwo sonst auf der Erde zu finden ist – dahinter steckt eine Geschichte“, sagt Lewis.

Mit ihren jüngsten Forschungen haben Lewis und ihre Kollegen neue Anhaltspunkte dafür geliefert, warum Gletscherbären so ungewöhnlich sind. Ihre Arbeit hat auch mögliche Herausforderungen aufgezeigt, denen die Bären in Zukunft begegnen könnten, da die Temperaturen aufgrund des globalen Klimawandels steigen.

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Das Team identifizierte zehn Schwarzbärenpopulationen im und um den Nationalpark. In vier davon sind Gletscherbären vorhanden. Diese Gletscherbären sind allerdings durch weite Fjorde, gletscherbedeckte Berge und karge Eisfelder voneinander getrennt. Die Yakutak-Gletscherbären zum Beispiel leben um die 100 Kilometer von ihren nächsten Gletscherbären-Nachbarn in Glacier Bay West entfernt.

„Einige Bären überqueren dieses Eisfeld, andere schwimmen über diesen Fjord“, sagt Lewis. Aber im Allgemeinen erschaffen diese Terrainmerkmale „praktisch Inseln, in denen sich die Populationen getrennt voneinander entwickeln und genetische Unterschiede ausprägen“. Die seltsam gefärbten Bären leben ausschließlich im Südosten Alaskas und in einem angrenzen kleinen Bereich der kanadischen Provinz British Columbia.

Was Lewis jedoch am meisten überrascht hat, ist der Mangel an Gletscherbären in den am wenigsten zerklüfteten Bereichen der Region, zum Beispiel auf der Chilkat-Halbinsel. Dort scheinen bislang weder blaue Bären zu leben noch hindurchzuwandern.

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„Gerade das Gebiet, in dem es keine Gletscherbären gibt, hat die wenigsten Hindernisse für ihre Ausbreitung. Die Berge sind nicht so hoch und die Gletscher sind nicht so ausgedehnt“, sagt Lewis. Ihre Studie wurde kürzlich in der Fachzeitschrift „Ecology and Evolution“ veröffentlicht. „Es ist wirklich interessant, dass es dort keine Gletscherbären gibt.“

Ein Grund dafür könnte ihrer Meinung nach sein, dass die Gletscherbären Regionen mit viel Eis bevorzugen. Das verheißt nichts Gutes, da Alaskas Gletscher genau in jenem globalen Bereich liegen, der sich weltweit am schnellsten erwärmt.

Bären in Blau und Silber

Westliche Wissenschaftler beschrieben Gletscherbären erstmals 1895. Einer von Lewis' Vorgängern gehörte zu den ersten, die schriftlich dokumentierten, wo sie innerhalb des Nationalparks zu leben schienen. Nachdem Lewis 1998 für den Park zu arbeiten begann, erbte sie die Karte, auf der Haftnotizen die gesichteten Gletscherbären in und um den Park herum markieren – und es gab nur wenige davon.

Obwohl Gletscherbären wegen ihres charakteristischen Fells bei Jägern beliebt sind, machten sie der Studie zufolge nur 0,4 Prozent der Schwarzbären aus, die zwischen 1990 und 2018 legal im Südosten Alaskas geschossen wurden. Es liegen keine anderen Populationsschätzungen vor.

Anfang der 2000er Jahre durchsuchten einige Gletscherbären in Juneau, am südlichen Ende ihres Verbreitungsgebietes, vermehrt Mülltonnen. Daraufhin beschlossen Lewis und andere, eine Studie über diese Tiere durchzuführen, über die so wenig bekannt war.

Im Laufe von zwölf Jahren sammelten die Forscher in einem Gebiet von 110.000 Quadratkilometern in und um den Nationalpark Hunderte von Haaren und Gewebeproben von Schwarzbären. Einige davon stammten von geschossenen Bären. Sie notierten sich die Farbe des Bären und wo er gefunden wurde. Dann analysierten sie die DNA und verwendeten statistische Methoden, um herauszufinden, wie die Bären untereinander verwandt waren. Auf diese Weise konnten sie die zehn isolierten Populationen identifizieren.

Die mangelnde Durchmischung der Populationen könnte ein Grund für die geringe Anzahl der Bären sein, sagt Dave Garshelis. Er ist ein Wildtierforscher des Minnesota Department of Natural Resources und Co-Vorsitzender der Bären-Spezialistengruppe der Species Survival Commission der Weltnaturschutzunion.

Gleichzeitig hat diese Isolation von anderen, normalfarbigen Schwarzbärenpopulationen auch die ungewöhnliche Farbe des Gletscherbären erhalten, sagt Garshelis.

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Das liegt daran, dass diese sogenannten Farbmorphe wahrscheinlich durch ein rezessives Gen (oder mehrere) entstehen. Durch die Kreuzung mit Schwarzbären, die dieses Gen nicht tragen, würde die ungewöhnliche Farbe bald verschwinden.

Ähnliche genetische Mutationen stecken auch hinter anderen Farbmorphen, beispielsweise die Zimtbären im westlichen Nordamerika und die weißen „Geisterbären“ bzw. Kermodebären im Küstengebiet von British Columbia. All diese Morphe gehören zu derselben Art, dem Amerikanischen Schwarzbären (Ursus americanus).

Ist das Fell ein Farbvorteil im Eis?

Niemand kann genau sagen, warum Gletscherbären nur auf so begrenzten geografischem Raum leben oder warum das Gen für diese silbrig-blaue Farbe in diesen Populationen überlebt hat.

Dass Gletschergebiete ihr bevorzugter Lebensraum zu sein scheinen, deutet jedoch darauf hin, dass sie in eisbedeckten Gebieten bessere Überlebenschancen haben könnten, so Lewis. Womöglich dient ihr silbrig-blaues Fell als Tarnung, um sie vor anderen Raubtieren wie Braunbären und Wölfen oder auch dem Menschen zu schützen. Das weiße Fell der Kermodebären hilft ihnen beispielsweise bei der Jagd auf Lachse, weil die Fische die hellen Beutegreifer tagsüber nicht so leicht sehen können.

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Aber nur, weil ein Merkmal fortbesteht, bedeutet das nicht zwingend, dass es einen Vorteil bietet, warnt Garshelis, der an der Studie nicht beteiligt war. „Ich lehne die Idee nicht ab, weil ich auch keine bessere habe. Aber [Tarnung] ist oft die erste Idee, die den Leuten kommt.“

Die Gletscherbären könnten auch das Ergebnis einer Gendrift sein. Bei diesem Prozess tritt ein Merkmal in einer Population auf und breitet sich aus, ohne einen Vorteil zu bieten, erklärt er.

Lebensraum im Wandel

Für Garshelis steht außer Frage, dass die Gletscher die Entwicklung der Schwarzbären beeinflusst haben.

In der Mitte des Pleistozäns (vor etwa 2.5 Millionen bis vor 11.700 Jahren) entstand eine dicke Eisdecke, welche die Bären im westlichen Nordamerika von den Bären auf dem restlichen Kontinent trennte, sagt er. Dadurch schlugen die beiden Populationen leicht unterschiedliche evolutionäre Bahnen ein. Gletscherbären entwickelten sich in einer vom Eis geprägten Landschaft: Noch vor 18.000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, bedeckten Gletscher fast den gesamten Südosten Alaskas.

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Doch wenn durch den Klimawandel jene Gletscher schmelzen, die die Tiere voneinander trennen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Bären wieder vermischen, sagt Garshelis. Dadurch könnten die rezessiven Farbgene der Bären verdrängt werden. Gut möglich also, dass der Gletscherbär ebenso wie die Gletscher Alaskas bald ein Relikt der Vergangenheit sein werden.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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