Ökosystem-Katastrophe in Flüssen und Seen

Essen, Trinken, Hygiene: Wir sind auf Wasser angewiesen, aber Flüsse und Seen sind stärker geschädigt als jedes andere Ökosystem der Welt. Allein 2020 starben 16 Fischarten aus. Ist noch Zeit für eine Trendwende?

Veröffentlicht am 3. März 2021, 11:29 MEZ
Ein Kajakfahrer auf dem Colorado River, Utah, USA.

Ein Kajakfahrer auf dem Colorado River, Utah, USA.

Bild Ben Horton, Nat Geo Image Collection

Als in den USA der Grand-Canyon-Nationalpark vor einem Jahrhundert etabliert wurde, war der Colorado River, der durch ihn hindurchfließt, eher ein Nebenschauplatz. In den folgenden Jahrzehnten bemühten sich die Staaten, für die Landwirtschaft und die Trinkwasserversorgung jeden Tropfen Wasser aus dem Colorado herauszuquetschen. Sie errichteten eine Kaskade riesiger Dämme entlang des Flusses.

Einheimische Fische wie Saugkarpfen und Strahlenflosser, von denen einige Arten nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen, wurden durch invasive Welse und Barsche ersetzt, die für Angler attraktiver waren. Mit der Zeit wurde der mächtige Fluss, der einst eine der ikonischsten Landschaften Amerikas geformt hatte, auf ein Rinnsal reduziert, das nicht mehr in der Lage war, seine Bestimmung zu erfüllen: das Meer zu erreichen.

Was mit dem Colorado geschah, ist ein eindrucksvolles Beispiel für den Niedergang eines Flusses – aber es ist bei Weitem kein Einzelfall. Auf der ganzen Welt sind Flüsse, Seen und Feuchtgebiete zunehmend ähnlichen Problemen durch schlecht geplante Dämme, Verschmutzung, Lebensraumverlust, Sandabbau, Klimawandel und die Einführung invasiver Arten ausgesetzt.

Der Kampf der Mapuche für ihren heiligen Fluss
Nat Geo Explorer Jens Benohr befuhr den San Pedro in Chile mit dem Kajak und filmte die nur selten erkundete Gegend.

Das Ergebnis ist düster, wie ein Bericht von 16 Naturschutzorganisationen darlegt: Die Süßwasser-Ökosysteme sind die am stärksten degradierten der Welt und die Fischpopulationen sind an den Rand gedrängt worden. Es gibt mehr Arten von Süßwasserfischen – 18.075 an der Zahl – als Fischarten in den Ozeanen. Die Populationen von Süßwasserwirbeltieren sind seit 1970 um 86 Prozent zurückgegangen, doppelt so schnell wie in terrestrischen oder marinen Ökosystemen. Fast ein Drittel der Süßwasserfischarten ist jetzt vom Aussterben bedroht.

Trotzdem wird dieser Krise weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt als anderen Umweltproblemen wie der Abholzung von Wäldern oder der Plastikverschmutzung. Und das, obwohl die Menschheit auf Süßwassersysteme für Trinkwasser, Nahrung und Sanitärsysteme angewiesen ist. Der Schutz von Flüssen wurde lange Zeit als Teil des Landschutzes betrachtet: Schütze das Land und du schützt den Fluss, der durch das Land fließt, so die Überlegung. Überwältigende Beweise sprechen jedoch dafür, dass ein solcher Ansatz im Allgemeinen nicht funktioniert.

Galerie: Die letzten Riesen unserer Flüsse und Seen verschwinden

Doch nun gibt es Anzeichen für einen Wandel. Fragen des Süßwasserschutzes werden auf der Agenda des Naturschutzes zunehmend prominenter platziert. Während immer neue Studien den traurigen Zustand der Gewässer aufzeigen, werden die ökologischen und ökonomischen Vorteile der Erhaltung gesunder Flüsse immer deutlicher, sagen die Wissenschaftler – ebenso wie die Lösungen. Sie warnen jedoch, dass die Dinge schnell gehen müssen, wenn wir jene Ökosysteme retten wollen, die für das Überleben von Tieren und Menschen entscheidend sind.

„Das Schicksal der Menschheit ist eng mit der Gesundheit der Süßwasser-Ökosysteme verflochten“, sagt Kathy Hughes, eine Süßwasser-Spezialistin des World Wildlife Fund in Großbritannien und Hauptautorin des neuen Berichts. „Die Süßwasser-Biodiversität ist unser Frühwarnsystem. Wenn Süßwasser-Ökosysteme keine blühende Biodiversität mehr unterstützen können, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass auch die Menschheit nicht von ihnen profitiert.“

2021: Das Jahr der Flüsse und Seen?

Historisch gesehen wurden Schutzgebiete für terrestrische Ökosysteme und deren Arten konzipiert, wobei die darin befindlichen Süßwasserlebensräume, wenn überhaupt, nur wenig berücksichtigt wurden. Das liegt zum Teil an der Komplexität von Flüssen: Sie können in geschützte oder verwaltete Gebiete hinein und wieder hinaus fließen, durch verschiedene Landschaften und oft auch durch mehrere Länder.

„Es ist viel einfacher, eine Linie um ein Stück Land oder Meer zu ziehen, als das für einen Fluss zu tun“, sagt John Zablocki, ein Experte für Biodiversität bei der Nature Conservancy. Er führt ein internationales Netzwerk von Süßwasserwissenschaftlern an, die neue Denkansätze für den Schutz von Flüssen entwickeln.

Er weist darauf hin, dass Flüsse, die durch geschützte Landgebiete fließen, oft nicht vor den Auswirkungen flussaufwärts geschützt sind. Das verdeutlichte eine Studie, die 2020 in „Conservation Letters“ veröffentlicht wurde: Sie zeigte, dass sich 1.249 große Staudämme innerhalb von Schutzgebieten befinden. Mehr als 500 weitere Dämme innerhalb von Schutzgebieten sind weltweit geplant oder im Bau.

„Wir müssen von der Denkweise wegkommen, zuerst das Land zu priorisieren und dann die Flüsse“, sagt Zablocki. Seine Organisation arbeitet mit mehreren Gemeinden im Westbalkanland Montenegro zusammen, wo die Regierung kürzlich den Unterlauf des artenreichen Flusses Zeta als Naturpark ausgewiesen hat.

Eine andere Bewegung konzentriert sich auf den rechtlichen Schutz von Flüssen. Im Jahr 2017 war Neuseeland das erste Land, das einem Fluss die gleichen Rechte wie einem Menschen zugestand, was bedeutet, dass er vor Gericht wie ein Lebewesen behandelt wird. Seitdem hat Bangladesch das Gleiche für alle seine Flüsse getan. Währenddessen hat die Stadt Toledo im US-Bundesstaat Ohio den Lake Erie Bill of Rights zum Schutz der Ufer des Sees verabschiedet. Sie ist damit eine von mehreren Städten in den USA, die Gesetze zur Anerkennung der Rechte der Natur verabschiedet hat.

„Wir brauchen einen mehrstufigen Ansatz, um die Flüsse gesund zu halten und ungehindert fließen zu lassen“, sagt Michele Thieme, die leitende Wissenschaftlerin für Süßwasser beim WWF in den USA. „Es wird nicht die eine Lösung für alle Probleme geben.“

In Slowenien ist alles im Fluss

Süßwasserforscher hoffen, dass 2021 endlich das Jahr des Flusses werden könnte. Einige einflussreiche Naturschutzorganisationen, die sich bisher nicht mit Süßwasserfragen befasst haben, zeigen ein stärkeres Interesse an dem Thema. Zu ihnen gehört auch die Campaign for Nature, die von der Schweizer Wyss-Stiftung finanziert und von der National Geographic Society unterstützt wird. Die eine Milliarde Dollar schwere Initiative will bis 2030 30 Prozent des Planeten in einem natürlichen Zustand erhalten.

Die Kampagne zielt speziell auf Land und Ozeane ab und erwähnt Flüsse nicht konkret. Aber das könnte sich bald ändern, meint der Direktor der Kampagne, Brian O'Donnell. „All die Berichte, die die Krise der Süßwasser-Biodiversität beschreiben, haben uns wachgerüttelt und deutlich gemacht, dass die explizite Einbeziehung von Süßwassergebieten in Zukunft Teil der Gleichung sein muss“, sagt O'Donnell.

„Unvorstellbarer Verlust“ in den Ökosystemen

Obwohl Süßwasser weniger als ein Prozent des fließenden Wassers der Erde ausmacht, leben darin zehn Prozent aller bekannten Arten, darunter ein Drittel aller Wirbeltiere.

Zu den ungewöhnlicheren Süßwasserarten gehören Afrikas Nilhechte, die über elektrische Signale kommunizieren, und die Spritzsalmler des Amazonas, die ihre Eier an Land ablegen. Süßwassersysteme sind auch die Heimat von etwa 270 Schildkrötenarten, mehr als 1.300 Krebsarten und etwa 5.700 Libellenarten.

Ein Süßwasserstechrochen der Art Potamotrygon henlei im Shark Reef Aquarium. Diese Rochen leben in den schlammigen Böden der brasilianischen Flüsse.

Bild Joel Sartore, National Geographic Photo Ark

Ein vom Aussterben bedrohter Mekong-Riesenwels.

Bild Joel Sartore, National Geographic Photo Ark

Laut Naturschützern sind mindestens 80 Süßwasserfischarten ausgestorben, seit die ersten Zählungen durchgeführt wurden, 16 davon allein im Jahr 2020. Die tatsächliche Zahl der verschwundenen Arten ist jedoch mit Sicherheit viel höher, da die Bedrohung für Fische wächst und viele Arten schlecht überwacht werden.

Am schockierendsten ist vielleicht der Verlust der „Megafische“ – also besonders große Arten, die zur Megafauna gehören. Ihre Populationen sind seit 1970 um 94 Prozent zurückgegangen, einschließlich vieler vom Aussterben bedrohter Störarten.

In dem Bericht werden auch aktuelle Studien zitiert, die zeigen, dass nur noch ein Drittel der großen Flüsse auf der Welt ungehindert fließt. Das heißt, dass sie nicht durch künstliche Dämme gestaut oder anderweitig unterbrochen wurden. Zudem sind die Feuchtgebiete seit 1900 weltweit um fast 70 Prozent zurückgegangen und dreimal so schnell geschrumpft wie die Wälder.

„Dieser fast unvorstellbare Verlust hat sich größtenteils innerhalb unserer Lebenszeit ereignet“, sagt Hughes.

Eine Studie, die im Februar 2021 in „Science“ veröffentlicht wurde, untermauert den Trend: Sie zeigt, dass Flüsse, in denen die Fischpopulationen von ernsthaften Schäden durch menschliche Aktivitäten verschont geblieben sind, nur noch 14 Prozent der weltweiten Flusseinzugsgebiete ausmachen. Westeuropa und Nordamerika sind am stärksten von den Schäden betroffen.

Der Hauptautor dieser Studie ist Guohuan Su von der Universität Toulouse in Frankreich. Er weist darauf hin, dass fast alle Menschen in Flusseinzugsgebieten leben, da die gesamte Landmasse der Erde – mit Ausnahme einiger Wüsten, in denen es nie regnet, und der Pole – Teil von Flusseinzugsgebieten ist. „Man könnte sagen, wir leben in den Armen der Flüsse, und wir schneiden sie ab“, sagt er.

Viele Naturschützer behaupten, dass politische und wirtschaftliche Motive routinemäßig mehr Gewicht haben als Belange der Biodiversität, wenn es um Entscheidungen über Flüsse geht. „Sehr selten wird der volle Wert von Ökosystemen bei der Planung von Staudämmen berücksichtigt“, sagt Ian Harrison. Der Süßwasserspezialist von Conservation International hat an dem im März veröffentlichten Bericht mitgewirkt.

Dabei zeige die Forschung zunehmend, dass die Berücksichtigung der Fischbestände und der ökologischen Gesundheit der Flüsse ein gutes Geschäft ist, sagt Denielle Perry, eine Wasserressourcen-Geografin an der Northern Arizona University in Flagstaff. „Der Schutz von Flüssen ist eine kostengünstige Investition mit einer hohen Rendite, besonders wenn man die Ökosystemleistungen bedenkt, die sie kostenlos erbringen.“

Artensterben der Megafische

Auch der Fischerei im Süßwasser wird weniger Aufmerksamkeit geschenkt als der Meeresfischerei. Ein Grund dafür könnte sein, dass sie sich auf einkommensschwache Länder konzentriert, die vielleicht nicht als wichtig angesehen werden, weil sie nicht viel Fisch exportieren. Auf nur 16 Länder, vor allem in Asien und Afrika, entfallen 80 Prozent der weltweit gemeldeten Süßwasser-Wildfänge von 12 Millionen Tonnen pro Jahr. Und diese Summe wird wahrscheinlich noch weit unterschätzt, da viele Fänge von Subsistenzfischern in Ländern vom Kongo bis Kambodscha nicht dokumentiert sind.

Für mindestens 200 Millionen Menschen auf der Welt sind Süßwasserfische die wichtigste Quelle für tierisches Eiweiß, heißt es in dem Bericht.

Diese Fische könnten auch ein Imageproblem haben. Während große, charismatische Tiere an Land und in den Ozeanen die Ressourcen für den Naturschutz binden, erhalten nur wenige Süßwasserfische die gleiche Aufmerksamkeit.

„Wir können sehen und schätzen, wie sich ein Gorilla um sein Junges kümmert oder Meeresschildkröten am Strand ihre Eier ablegen. Aber uns fehlt so eine Verbindung zu den Süßwasserfischen, die oft in trüben Flüssen außer Sichtweite leben“, sagt Zeb Hogan. Der Fischbiologe an der Universität von Nevada in Reno ist ein National Geographic Explorer.

Galerie: Bilder vom dreckigsten Fluss der Welt

Hogan leitet ein von USAID gefördertes Forschungsprojekt namens „Wonders of the Mekong“ und arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Mekong-Region in Südostasien. Er hat miterlebt, wie einige der größten Süßwasserfische der Welt fast verschwanden, darunter der Mekong-Riesenwels und die Riesenbarbe. Ebenso beobachtete er die kontinuierliche Verschlechterung des Flusses, der im Hochland von Tibet entspringt und durch sechs Länder fließt, bevor er in das Südchinesische Meer mündet.

In den letzten Jahren scheint sich der Rückgang beschleunigt zu haben. Der Wasserstand des Mekong ist auf einen historischen Tiefstand gesunken und bedroht die Fische und den Lebensunterhalt vieler der 60 Millionen Menschen, die entlang des Flusses leben. Beobachtern zufolge wurde die Situation zu einem großen Teil durch chinesische Dämme verursacht, die im oberen Wassereinzugsgebiet gebaut wurden. Mitunter halten sie das Wasser zurück, das für die Fische wichtig ist, um ihren Lebenszyklus flussabwärts zu vollenden. Auch Dürre ist ein Problem, das durch den Klimawandel noch verschärft wird.

Diese Entwicklungen haben zumindest einige Entscheidungsträger gezwungen, ihre Baupläne zu überdenken. Kambodscha zum Beispiel kündigte Ende 2020 ein zehnjähriges Moratorium für den Bau neuer Dämme am Hauptteil des Mekong an.

Das Fazit der Süßwasser-Wissenschaftler ist klar: Die UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt, die für Herbst 2021 im chinesischen Kunming geplant ist, muss ein neues globales Biodiversitätsabkommen hervorbringen. Und dieses Mal muss es dem Schutz und der Wiederherstellung der Flüsse, Seen und Feuchtgebiete der Welt genauso viel Aufmerksamkeit schenken wie den Wäldern und Ozeanen.

„Jetzt ist der Zeitpunkt der Entscheidung“, sagt Harrison von Conservation International. „Wenn wir nicht die richtigen Investitionen für unsere Süßwasser-Ökosysteme tätigen, wird es zu spät sein. Dann wäre das Schiff abgefahren und wir werden nicht mehr umkehren können.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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