QAnon: Wie eine gefährliche Verschwörungserzählung in Deutschland Fuß fassen konnte

Die Verschwörungstheorie ist von der Realität so weit entfernt, dass ihr Erfolg in Deutschland zu den politischen Überraschungen des ohnehin turbulenten Jahres 2020 gehört.

Tuesday, September 29, 2020,
Von Felix Huesmann
QAnon Anhänger auf der Anti-Corona-Demonstration in Berlin am 29.8.2020.

QAnon Anhänger auf der Anti-Corona-Demonstration in Berlin am 29.8.2020.

Bild Shutterstock/Jaz_Online

Zu Hunderten stehen sie dicht gedrängt vor dem Brandenburger Tor, ganz so als gäbe es keine Corona-Pandemie. Masken trägt hier niemand, dafür tragen viele die schwarz-weiß-roten Fahnen des Deutschen Kaiserreichs und Flaggen der USA und Russlands. Eine Frau hält ein Wahlkampf-Banner des US-Präsidenten Donald Trump vor ihren Körper, „Keep America Great“ steht darauf. Neben ihr klammert sich eine weitere Demonstrantin an ein Pappschild, auf das ein großes „Q“ aufgemalt ist. Der Buchstabe ist an diesem Tag immer wieder zu sehen, auf T-Shirts, Plakaten und Transparenten.

Es ist der 29. August, fast 40.000 Menschen protestieren in Berlin gegen die Corona-Schutzmaßnahmen der Bundesregierung. Vielen davon geht es jedoch um weit mehr als Maskenpflicht und wirtschaftliche Einschränkungen. Viele der Demonstranten, die sich schon am Vormittag vor dem Brandenburger Tor und der Botschaft der USA versammelt haben, sind Anhänger einer Verschwörungserzählung, die so weit losgelöst von der Realität ist, dass ihr Erfolg in Deutschland zu den politischen Überraschungen des Jahres 2020 gehört.

QAnon: Aus den Tiefen des Internets

Sie glauben an die Geschichte von QAnon, die Beobachter in den USA wie in Deutschland in Sorge versetzt – die Sorge vor Radikalisierung, Demokratiefeindschaft und Gewalt. Dabei fing die Geschichte vor drei Jahren ganz unscheinbar an. „QAnon begann mit einigen anonymen Posts auf dem Imageboard 4chan“, erklärt der US-amerikanische Autor und Verschwörungstheorie-Experte Mike Rothschild. 4chan, das ist eine der dunklen Ecken des Internets. Neben japanischen Anime-Bildern verbreiten anonyme Nutzer dort rassistischen und antisemitischen Hass, schon mehrfach war die Seite der Ausgangspunkt rechtsextremer Troll-Aktionen.

Im Oktober 2017 behauptete dort jemand, nicht nur die Verhaftung der demokratischen Politikerin Hillary Clinton stehe unmittelbar bevor, sondern gar eine „massenhafte Säuberung der Feinde von Präsident Trump“, wie Rothschild erklärt. Nichts davon wurde wahr – und damit hätte die Geschichte zu Ende sein können.

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Doch die Posts erhielten immer mehr Aufmerksamkeit. Ihr bis heute unbekannter Autor nennt sich „Q“ – eine Anspielung auf die „Q Clearance“, eine Freigabestufe für Geheiminformationen, die auch die nukleare Sicherheit der USA umfassen. Weil auf 4chan alle Poster nur „Anonymous“ heißen, nannte sich die Gefolgschaft des anonymen Autoren fortan QAnon. „Q“, so besagt es die Legende, sei ein hochrangiger Militär oder ein Geheimdienstler. Es folgten seitdem mehr als 4000 weitere Botschaften. Anstelle der so konkreten wie falschen Vorhersagen vom Anfang enthalten sie nun vor allem kryptische Anspielungen und  zeichnen das Bild einer düsteren Welt.

Soldaten im Kampf gegen das Böse

„Q-Gläubige sehen sich selbst als Soldaten im Krieg zwischen Gut und Böse“, erklärt Mike Rothschild. „Q“ biete ihnen die Möglichkeit, in diesem Kampf zu helfen: dadurch, dass sie versuchen, die rätselhaften Posts zu dechiffrieren, selber Videos und Memes erstellen und die Verschwörungserzählung weiterverbreiten. „Die meisten anderen Verschwörungstheorien gehen einfach davon aus, dass schlimme Dinge passieren, und bieten dem Gläubigen keine Möglichkeit, selbst eine Rolle zu spielen“, sagt Rothschild. QAnon sei da anders: Eine Verschwörungserzählung zum Mitmachen.

Diese Gläubigen wähnen sich in einem Kampf ums Ganze, um die Freiheit, das Leben. Dafür sind manche auch bereit, zur Waffe zu greifen: In den USA gab es bereits mehrere Gewalttaten und sogar Morde durch QAnon-Anhänger. Im März 2019 erschoss ein 24-Jähriger in New York einen Mafiaboss, weil er ihn für einen Agenten des „Tiefen Staates“ hielt. Vor Gericht erschien er mit einem aufgekritzelten „Q“ auf der Hand. Zwei Monate später bezeichnete das FBI Verschwörungserzählungen wie QAnon in einem internen Bericht als mögliches Terrorrisiko. Der Popularität von QAnon hat das jedoch keinen Abbruch getan.

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QAnon boomt auch in Deutschland

Seit dem Beginn der Corona-Krise gewinnt die Verschwörungserzählung auch in Deutschland immer mehr neue Anhänger – Beobachtern zufolge die weltweit meisten außerhalb der USA. Sie treffen sich auf Corona-Demonstrationen, wie im August in Berlin. Die meisten ihrer Aktivitäten finden jedoch im Internet statt. Auf Facebook und Youtube vernetzen sie sich, und in der Messenger-App Telegram. Einer der größten Kanäle der deutschsprachigen Szene hatte dort im März etwa 20.000 Abonnenten. Nun, im September, sind es bereits über 123.000.

Was ist in den vergangenen Monaten passiert – und warum ist ausgerechnet eine Verschwörungserzählung, in der ein amerikanischer Präsident die Hauptrolle spielt, in Deutschland so erfolgreich? Die Psychologin und Autorin Pia Lamberty, die sich auf die Erforschung von Verschwörungsglauben spezialisiert hat, sieht den Erfolg unter anderem in der Wandlungsfähigkeit von QAnon begründet. Die Erzählung könne sich an alle aktuellen Ereignisse anpassen. Dadurch, dass die Erzählung von ihren Anhängern aus den anonymen Posts selbst zusammengesetzt wird, entfalte sie eine besonders starke Wirkung. Der Autor und Kolumnist Sascha Lobo habe das mal auf den „Ikea-Effekt“ zurückgeführt, sagt Lamberty. „Das ist ein Effekt, der in der Psychologie erforscht wird und der bewirkt, dass Dinge, die man selber baut, einem selbst wertvoller und wichtiger erscheinen. Darauf setzt Ikea bei Möbeln, aber das funktioniert tatsächlich auch bei QAnon.“

Vor allem die Corona-Pandemie hat QAnon in den vergangenen Monaten noch zusätzlich in die Hände gespielt. In Krisenzeiten boomen Verschwörungserzählungen. Als im 14. Jahrhundert die Pest in Europa wütete und Millionen Menschen tötete, wurden bald Juden beschuldigt, die Brunnen zu vergiften. Der Mythos entfachte nicht nur Pogrome, die ganze jüdische Gemeinden auslöschten, er befeuert noch bis heute antisemitischen Hass.

Auch über die Corona-Pandemie existiert eine Vielzahl an Verschwörungserzählungen. Dass das Virus eine Biowaffe sei, um die Weltbevölkerung zu dezimieren, behaupten manche Verschwörungsgläubige. Andere sind fest davon überzeugt, es gebe das neuartige Coronavirus überhaupt nicht, und die Symptome würden durch die Radiowellen des neuen Mobilfunkstandards 5G ausgelöst. Viele glauben zwar an die Existenz des Virus, halten es jedoch für ungefährlich und einen bloßen Vorwand, um viel Geld mit Impfstoffen zu verdienen.

Nicht nur auf Corona-Demos und in obskuren Kreisen im Internet glauben Menschen an Verschwörungserzählungen. 38 Prozent der Deutschen haben laut einer Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung eine mehr oder weniger ausgeprägte Verschwörungsmentalität – neigen also dazu, an Verschwörungen zu glauben und die Welt durch diese Brille wahrzunehmen. Ein Drittel glaubt der Studie zufolge, Politiker seien nur Marionetten dahinterstehender Mächte. Und jeder vierte Deutsche geht demnach davon aus, dass Politiker und Medien unter einer Decke stecken. Erhoben wurden diese Werte noch vor der Corona-Pandemie.

Das „Covid Snapshot Monitoring” der Universität Erfurt, des Robert-Koch-Instituts und weiterer Institutionen erhebt während der Corona-Krise regelmäßig die Einstellung der deutschen Bevölkerung zur Pandemie. Ein Viertel der Befragten dieser Untersuchung glaubt, Corona sei entweder ein Schwindel – oder absichtlich menschengemacht, um die Bevölkerung zu reduzieren. Zehn Prozent glaubten sogar beides, obwohl es sich widerspricht.

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Der Glaube an Verschwörungserzählungen gibt vielen Menschen in einer unüberschaubaren Krisensituation Halt, gibt dem beängstigenden Geschehen einen subjektiven Sinn. Und er ermöglicht es Menschen, sich besonders zu fühlen: Schließlich halten sie sich für „aufgewacht“, während die Mehrheit der Bevölkerung noch „schläft“.

Die Angst um Kinder treibt Menschen zu QAnon

Dass unter der schieren Vielzahl existierender Verschwörungserzählungen ausgerechnet QAnon in Deutschland so erfolgreich ist, hängt auch mit einem bekannten Fürsprecher zusammen: Im April 2020 sorgte der Sänger und Verschwörungsideologe Xavier Naidoo mit einem Video für Aufsehen. Weinend und sichtlich um Worte ringend erzählt er darin, dass „in diesen Momenten in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit“ würden. Auch diese Befreiungserzählung ist Teil der QAnon-Mythologie. Von den angeblich befreiten Kindern war seitdem nichts zu hören. Doch Naidoo outete sich immer weiter als „Q“-Gläubiger, veröffentlichte zahlreiche Videos und gab mehreren Influencern der rechtsextremen deutschen Verschwörungsszene Interviews.

Vor allem die Erzählungen über entführte und missbrauchte Kinder würden in Deutschland auf offene Ohren stoßen, erklärt Pia Lamberty. Nicht nur wegen realen und bewiesenen Missbrauchsfällen, von denen es in jüngster Vergangenheit mehrere gab. „In Deutschland gab es schon vor einigen Jahren Berichte über angebliche Ritualmorde im großen Stil, die vertuscht würden“, sagt sie. Mehrere Menschen hätten behauptet, solche Rituale selbst miterlebt zu haben, „sie konnten dafür aber keine Belege vorbringen, die Polizei konnte das nie nachweisen.“ Trotzdem gab es in den 2000er Jahren eine ganze Reihe an Medienberichten und Dokumentationen über angeblich Kinder mordende satanistische Zirkel in Deutschland. „Es blieb immer ein Raunen und eine gewisse Unsicherheit“, erklärt die Psychologin Lamberty. Auf diese unbelegten aber weit verbreiteten Behauptungen würden die QAnon-Erzählungen nun aufbauen.

Eine Menschentraube schwenkt Reichsbürgerflaggen vor dem Reichstag. Zu den von sogenannten Reichsbürgern vertretenen Ideologien gehören oft die Ablehnung der Demokratie, Ideologieelemente des Monarchismus, Rechtsextremismus, Geschichtsrevisionismus und teilweise Antisemitismus oder die Leugnung des Holocausts.

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Auf einmal feiern Reichsbürger den US-Präsidenten

Und dann sind da noch die Reichsbürger. Jene Szene, der laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz rund 19.000 Menschen in Deutschland angehören. Sie glauben, Deutschland sei kein souveräner Staat, sondern noch immer von den Alliierten besetzt. Auch die Demonstranten, die am 29. August in Berlin zuerst vor der US-Botschaft und später vor der russischen stehen, schwarz-weiß-rote Fahnen schwenken und schließlich die Polizei angreifen, sind Reichsbürger.

„Die Reichsbürgerszene zeigt einen ähnlich starken Realitätsverlust und eine ähnliche Faktenresistenz wie QAnon“, sagt Miro Dittrich von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt. Dittrich beobachtet Rechtsextreme und Verschwörungsideologen im Internet. „Außerdem passen mehrere Erzählungen von QAnon mit denen der Reichsbürger sehr gut zusammen“, erklärt er. Die Erzählung vom „Tiefen Staat“ auf der einen Seite und jene von der illegitimen Regierung einer angeblich gar nicht existenten Bundesrepublik auf der anderen.

Lange haben weite Teile der deutschen Rechtsextremen in den USA vor allem ihren Feind gesehen. Den Reichsbürgern gelten sie als „Besatzer“, die das deutsche Volk unterjochen. Doch dann kam Trump. Auch viele Reichsbürger sehen in dem amerikanischen Präsidenten einen potenziellen Heilsbringer. Er müsse nur einen „Friedensvertrag“ für Deutschland unterschreiben, dann seien „Besatzung“ und Bundesrepublik Geschichte, und dann erstehe das Kaiserreich wieder auf – so lässt sich ihr Glaube zusammenfassen. Einen solchen „Friedensvertrag“ fordern am 29. August auch die Demonstranten vor den Botschaften in Berlin.

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Angst vor einer brutalen Eskalation

Miro Dittrich verbringt viel Zeit mit der Beobachtung dieser Szene in der Messenger-App Telegram. QAnon und Reichsbürger seien dort mittlerweile kaum noch zu unterscheiden, sagt er. Der Rechtsextremismusexperte sieht darin Grund zu Sorge: „Über die Reichsbürgerbewegung wissen wir, dass sie teilweise bewaffnet und gewaltbereit ist. Es gab bereits einen Mord aus dieser Community.“ 2016 erschoss ein Reichsbürger in Bayern einen Polizisten. Dittrich befürchtet, dass auch QAnon-Anhänger in Deutschland zu Gewalttaten schreiten könnten. In den anonymen Botschaften von „Q“ heißt es immer wieder: „Trust the Plan“ – „Vertraue dem Plan“. Gemeint ist damit der angebliche Plan Donald Trumps zur Befreiung der Welt von den bösen Mächten. Am Ende dieser Erzählung steht ein großer Knall – die Verhaftung und häufig auch die Erschießung der vermeintlichen „Volksfeinde“. Diese brutale Erlösung, sagt Dittrich, sei jedoch eine Imagination. Was passiert, wenn die Gläubigen bemerken, dass ihr Messias sie nicht rettet?

„Gerade die Wahlen in den USA werden sehr entscheidend sein“, sagt Miro Dittrich. „Sollte Trump nicht wiedergewählt werden, kann aus dem „Trust the Plan“ schnell ein „Be the Plan“ werden, und die Leute nehmen den Kampf selbst in die Hand.“

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