Deutsche Friedhöfe: Biotope mit Finanzierungsproblem?

Friedhöfe sind mehr als die letzte Ruhestätte: Einige vom Aussterben bedrohte Arten finden hier einen Lebensraum. Doch Wohnungsmangel und ein Wandel in der Bestattungskultur könnten ein Problem werden für die wertvollen Ökosysteme und ihre Biodiversität.

Friedhöfe sind nicht nur Orte des Gedenkens und der Trauer – sie bieten auch ökologische Nischen für viele Tier- und Pflanzenarten.

Bild Adobe Stock
Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 17. Sept. 2021, 13:57 MESZ

Herbstliches Sonnenlicht, das durch das gelb-orange gefärbte Blätterwerk der zahlreichen Bäume fällt, gedämpftes Vogelgezwitscher, bunte Gießkannen, aufgehängt an einem Gestell wie eine Kunstinstallation. In der Mitte ein altes Backsteingebäude, von dem aus verschiedene Wege zu den Gräbern führen, und ansonsten: Stille. Biegt man von den lauten, hektischen Straßen auf einen der 221 Berliner Friedhöfe ab, ist das Großstadtgetümmel in Sekunden vergessen.

Friedhöfe sind schon lange nicht mehr nur kulturell geprägte Orte des Gedenkens und der Trauer. Sie sind auch kleine Erholungsgebiete und Grünfläche, Anlaufstelle für einen Sonntagsspaziergang und innerstädtisches Ökosystem. Bei so viel Ruhe und Frieden wird jedoch schnell eins vergessen: Auf unseren Friedhöfen ist ordentlich was los.

Lebendige Ruhestätte

Obwohl der Bestattungsort mit Tod und Stillstand assoziiert wird, findet das Leben dort überall seinen Weg. Der Friedhof ist das Zuhause vieler verschiedener und vor allem sehr lebendiger Organismen – und damit ein Ort mit hoher Biodiversität, auch biologische Vielfalt genannt. Ob Eichhörnchen oder Waschbären, Fledermäuse oder Füchse, Spinnen, Bienen oder Käfer, zahlreiche Tierarten finden hier Fressen und genügend Ruhe zum Leben. Gerade im urbanen Raum.

Laut der Max-Planck-Gesellschaft bezeichnet Biodiversität die „Vielfalt aller lebenden Organismen, Lebensräume und Ökosysteme auf dem Land, im Süßwasser, in den Ozeanen sowie in der Luft“. Darunter fällt nicht nur die Artenvielfalt, die auf Friedhöfen eindringlich erforscht werden kann, sondern auch die genetische Vielfalt innerhalb der Arten sowie die Lebensraumvielfalt.

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Ingo Kowarik, Professor am Institut für Ökologie an der Technischen Universität Berlin, hat mit seinem Forschungsteam die Biodiversität auf urbanen Friedhöfen genauer untersucht und dabei Erstaunliches herausgefunden. Gegenstand der Betrachtungen war der Jüdische Friedhof in Weißensee, einer der ältesten in Berlin und der größte Jüdische Friedhof in Europa. Kowarik und sein Team konnten dort 604 verschiedene Tier- und Pflanzenarten finden, darunter einige gefährdete und seltene – dazu sogar zwei Pflanzenarten, die in Berlin erstmalig entdeckt wurden: Erdbeer-Fingerkraut (Potentilla sterilis) und Ufer-Brennnessel (Urtica subinermis). Auch die Laufkäferart Agonum gracilipes war eine Überraschung: sie galt eigentlich als ausgestorben.

„Insbesondere alte Friedhöfe sind wichtige Orte der Natur in der Innenstadt“, erklärt Kowarik. „Hier kommen oft sehr viele unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten vor, da jeder Friedhof anders gestaltet und gepflegt wird und Friedhöfe insgesamt keiner intensiven Erholungsnutzung ausgesetzt sind.“ Dadurch entstehen ökologische Nischen für viele Arten.

Ein Ökosystem mitten in der Stadt

Der Friedhof ist ein besonderer Lebensraum: Durch seine Flächenvielfalt, Ausstattung und diverse Pflege entstehe ein abwechslungsreiches Mosaik aus verschiedenen Biotopen, das wiederum den Ansprüchen der unterschiedlichsten Arten gerecht werden könne, erklärt Marie-Luise Hornbogen, Diplom-Ingenieurin für Stadt- und Regionalplanung, in ihrer Studie zur urbanen Friedhofsentwicklung „Heute Friedhof. Morgen Wohngebiet?“. Zudem sind hier selten Hunde unterwegs, die die Tiere stören könnten.

Doch nicht nur das: Durch die hohe Biodiversität an diesem Standort erbringt der Friedhof Ökosystemdienstleistungen, die – nach dem Naturschutzbund Deutschland – die Grundlage für unser menschliches Leben bilden und damit einen enorm hohen Stellenwert besitzen.

Laut der Biologin Gisela Bertram, die sich im Rahmen einer Vortragsreihe mit der biologischen Vielfalt auf Friedhöfen beschäftigt hat, fallen darunter vor allem regulierende Dienstleistungen wie ein gesundes Klima, das beispielsweise vor Überwärmung der Städte schützt, und die Luftreinigungsfunktion. Außerdem Basisdienstleistungen wie ein reichhaltiges Nahrungsnetz, das ein stabiles Ökosystem fördert, und einen gesunden Boden.

„Die Friedhöfe, die ich kenne, haben große, unversiegelte Flächen, auf denen Feuchtigkeit gespeichert und verdunstet werden kann. Das ist wichtig fürs lokale Kleinklima“, erklärt Bertram. Kowarik spricht in puncto Klima auch die Verdunstungsleistung der Pflanzen an, die – gerade in den stark bebauten Innenstädten – für eine klimatische Balance sorgen würden, welche sogar angrenzenden Stadtquartieren zugutekomme.

Auch die in Hornbogens Studie angesprochene Ausstattung und Bepflanzung – mit Grabsteinen, Grabgehölzen und sehr alten Bäumen – machen den Friedhof als Ökosystem so besonders. Hornbogen kommentiert: „Vor allem im Innenstadtbereich, wo in den letzten Jahren immer mehr Brachflächen bebaut wurden, bilden Friedhöfe Rückzugsgebiete seltener und gefährdeter Pflanzen-, Tier- und Insektenarten.“

Friedhöfe im Wandel – das Aus für das Ökosystem?

Genau diese Bebauungspläne könnten nun zum Problem des Friedhofs werden. Innerhalb der letzten Jahrzehnte hat sich das Bestattungsverhalten aufgrund demografischer, gesellschaftlicher und finanzieller Aspekte spürbar gewandelt: Die Zahl der Bestattungen nahm allgemein ab, die Anzahl der Erdgräber sank deutlich. Sargbestattungen gehen seit Jahren zurück, Dreiviertel der Toten in Deutschland werden eingeäschert. Tendenz weiter steigend.

Der Friedhof hat als Bestattungsort an Attraktivität verloren – viele assoziieren ihn mit Zwang, Enge und christlicher Religiosität. Dagegen fast schon im Trend: Bestattungswälder außerhalb der Städte. Die Folge für innerstädtische Friedhöfe? Zunehmend leerstehende Flächen, die aufgrund der Wohnungsnot in Innenstädten attraktiv für Investoren werden.

Dieser Wandel hat Folgen für die Biodiversität. Kowarik und Bertram betonen zunächst die Vorteile: Die ungenutzten Überhangflächen auf Friedhöfen böten erstmal große Chancen für den Ausbau biologischer Vielfalt – und damit auch für eine Steigerung der Ökosystemdienstleistungen. Aber: Pflegekonzepte müssten her, damit nicht überall auf diesen Flächen Wald entsteht.

„Dadurch würden viele ökologische Nischen entfallen und zum Beispiel Pflanzen und Tiere zurückgehen, die auf sonnige Lebensräume angewiesen sind“, erklärt Kowarik. Das Problem bei der Friedhofspflege sei ein ökonomisches: Die Gemeinden könnten sich diese nicht leisten, da die Einnahmen aus den Bestattungen fehlten. „Daher sind viele Gemeinde auch an einer baulichen Nutzung nicht mehr benötigter Flächen interessiert“, so Kowarik.

Bedeutet das zukünftig also das Aus für innerstädtische Friedhöfe – und damit auch für die Biodiversität an diesem Standort? Nicht unbedingt. Friedhofsentwicklungspläne sind in der Diskussion und befinden sich mancherorts bereits in der Umsetzung. In diesen Plänen wird jeweils festgelegt, wie leerstehende Friedhofsflächen in Zukunft genutzt werden sollen: vom Erhalt der Friedhöfe durch verschiedene Umnutzungsangebote bis hin zu grünen Nachnutzungen wie Parkanlagen, Kleingärten und sogar Sportplätzen – oder aber: besagten Bebauungen.

Friedhof for Future

Am sinnvollsten für die Biodiversität am Standort wäre der zukünftige Erhalt der Friedhofsflächen. Wie Friedhöfe dann aussehen könnten? Hornbogen sammelt in ihrer Studie Ideen: der Friedhof beispielsweise nicht nur als Bestattungs-, sondern auch als Veranstaltungsstätte. Dabei könnten Cafés auf Friedhöfen als Raum der Begegnung dienen, wie es zum Beispiel bereits in Berlin der Fall ist. Neben genügend Platz für Grabflächen könnten auch innovative ökologische Ansätze wie ein Grünes Klassenzimmer für Schulen, eine abgegrenzte Naturschutzfläche oder ein kleines Waldstück zum Tragen kommen, um eine naturnahe Nutzung beizubehalten und die Biodiversität zu fördern.

Bertram erläutert, dass auch die Pflanzenwahl und die Vernetzung der Flächen untereinander für die biologische Vielfalt relevant seien. Sie plädiert für Dauer- statt Saisonbepflanzung, sommergrüne Gehölze und mit Nektar und Pollen gefüllte Blüten als Nahrungs- und Bestäubungsangebot sowie für das Aufheben von Barrieren zwischen den Flächen für Kleintiere wie Laufkäfer. Außerdem solle weniger gemäht werden: mehr Wiesen- statt Rasenflächen – da, wo es möglich ist.

Kowarik fasst zusammen, was Friedhöfe in Zukunft benötigen werden, um Biodiversität optimal zu fördern: Er setzt auf „Konzepte zur zukünftigen Pflege und Entwicklung, die auf die Besonderheiten [des Standorts] abgestimmt sind und soziale und ökologische Ziele verbinden.“ Dies sei allerdings nur mit Geldern des Staates umsetzbar.

Ohne finanzielle Unterstützung wird der Erhalt der Friedhofsflächen – und damit auch der Erhalt der Biodiversität in Innenstädten – zukünftig kaum funktionieren. Der Gedanke an eine mögliche Bebauung liegt vielen Gemeinden mangels finanzieller Mittel daher nahe und besteht auch bei potenziellen Immobilieninvestoren. Mit der Bebauung der Flächen würden Chancen auf eine lebenswerte Zukunft in Innenstädten verspielt: Ohne Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen sähe es für uns sowohl klimatisch als auch gesundheitlich kritisch aus.

„Eine bauliche Nutzung innerstädtischer Friedhöfe wird nicht nennenswert die Wohnungsnot in Städten lösen können. Dazu sind die Flächen zu klein“, gibt Kowarik zu bedenken. „Sie wird aber Grün mit wichtigen sozialen und ökologischen Funktionen genau dort unwiderruflich vernichten, wo es am meisten benötigt wird.“

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